Präauer streamt: Toddlers and Tiaras

Eine Kolum­ne von Tere­sa Prä­au­er
Präauer streamt – Toddlers and Tiaras

Tren­ding on Twit­ter: Maken­zie vor und nach ihrer „Beau­ty Rou­ti­ne“.

Die sechs­jäh­ri­ge Maken­zie sitzt fri­siert und im Glit­zer­kleid auf ihrem Bett, quält ihre Kat­ze und leert sich die drit­te Por­ti­on Brau­se­pul­ver aus einem rot-weiß-gestreif­ten „Pixy Stick“ in den Mund. Je nach­dem, wie ihre Lau­ne spä­ter ist, sagt ihre ambi­tio­nier­te Mut­ter Jua­na, wird sie die „Beau­ty Rou­ti­ne“ auf der Büh­ne gut per­for­men oder eben ver­mas­seln.

Maken­zie, Eden, Bren­na, Kylee, Tar­a­lyn, Honey Boo Boo: das sind die Namen der klei­nen ame­ri­ka­ni­schen Mäd­chen, deren Kind­heit dar­in besteht, sich auf „Beau­ty Pageants“, Schön­heits­wett­be­wer­be, auf­wän­dig vor­zu­be­rei­ten und dar­an teil­zu­neh­men. Gefilmt wie­der­um fürs Rea­li­ty-TV, genau­er gesagt für die Serie Todd­lers & Tia­ras. Maken­zie ist „Tren­ding on Twit­ter“, das heißt, unter den vie­len Mäd­chen, die bereits im Säug­lings­al­ter mit den Wett­be­wer­ben begin­nen, ist sie eine, die zum Star gewor­den ist. „Why can I just be mys­elf?“ ist denn auch einer von Maken­zi­es Sät­zen, die im Inter­net als Clip wie eine Art „Meme“ kur­sie­ren. Wie­so kann ich nicht ich selbst sein? Gesagt als Vier­jäh­ri­ge, heu­te nach­zu­se­hen in einer Zusam­men­stel­lung ihrer „Best One Liners“ auf You­Tube.

Die Kame­ra ver­folgt mit, wie die Mäd­chen sich vor­be­rei­ten auf den Tag des Wett­be­werbs. Man sieht ihre Fami­li­en, ihre Kat­zen, ihre Häu­ser, die pink ein­ge­rich­te­ten Kin­der­zim­mer, den Schrank mit den Krön­chen. Es ist immer das­sel­be. Pro Sen­dung wer­den drei Mäd­chen vor­ge­stellt: Sie wer­den daheim inter­viewt, die Mut­ter kommt zu Wort, sel­ten der Vater. Dann geht es hin­aus zum Shop­pen von Klei­dern und Schu­hen im Wert von meh­re­ren tau­send Dol­lars, zum Pro­ben der „Rou­ti­ne“ mit einer Trai­ne­rin oder einer Drag­queen, die sel­ber ein­mal irgend­et­was gewon­nen hat in Mis­sou­ri oder Dela­ware. Dann zum Fri­seur und zum „Spray Tan“, wo die Mäd­chen, Kör­per und Gesicht, mit Air­brush­pis­to­le bron­ze­far­ben ein­ge­sprüht wer­den. Auf­kle­ben der Wim­pern, Haa­re fär­ben, spä­ter die „Den­tal Flip­pers“ über die Zäh­ne und Zahn­lü­cken zie­hen: eine weiß blin­ken­de, per­fekt geord­ne­te Zahn­rei­he. Dazwi­schen viel Gekrei­sche, Ener­gy­drinks, Zucker und Bon­bons.

Die „Beau­ty Rou­ti­ne“ auf der Büh­ne ist ein immer glei­cher Ablauf des Auf­tritts des jewei­li­gen Mäd­chens: Ankün­di­gung, Applaus, Musik wird ein­ge­spielt, das Mäd­chen zeigt eine Schritt­fol­ge, posiert, lässt sich von allen Sei­ten begut­ach­ten. Sit­zen Kleid und Fri­sur, zeigt sie „Per­so­na­li­ty“, ein schö­nes Gesicht? Immer das Glei­che: Das Mäd­chen legt sei­ne Hän­de seit­lich an die Wan­gen und hält den Kopf schief. Dann den aus­ge­streck­ten Zei­ge­fin­ger an den Mund, ein Küss­chen wird dar­auf gesetzt und mit dem Fin­ger zurück ins Publi­kum gewor­fen. So oft ein­ge­übt und doch so, hm, unge­lenk manch­mal, ver­scho­ben, eine Ges­te ohne Inhalt viel­leicht.

Im Publi­kum sit­zen Müt­ter, Groß­müt­ter, ein paar Väter. Die meis­ten sind über­di­men­sio­niert, nicht nur im Ver­gleich mit ihrem klei­nen „Mini-Me“, und sie arbei­ten oft hart, um sich die teu­ren Klei­der für ihre Kin­der zu leis­ten und sie in rie­si­gen Autos von Wett­be­werb zu Wett­be­werb zu chauf­fie­ren. Unten ste­hend tan­zen sie vor und mit, was ihre Töch­ter oben auf der Büh­ne tan­zen sol­len: „Kyleeeee!“

Meis­tens gibt es danach eine Pau­se, in der die Mäd­chen wei­nen, weil sie etwas falsch gemacht haben oder weil das Make-up in den Augen brennt, weil sie müde sind, über- oder unter­zu­ckert, weil etwas geris­sen ist oder abge­bro­chen, weil ein ande­res Mäd­chen schö­ner ist oder eine Übung bun­ter als die eige­ne. Mut­ter, Visa­gis­tin, Trai­ne­rin küm­mern sich dar­um. „Du warst groß­ar­tig, ganz, ganz groß­ar­tig, Eden.“

Dann beginnt der nächs­te Durch­gang, meis­tens ist die­ser the­men­spe­zi­fisch: „Lol­li­pops and Gum­drops“ oder „Win­ter Beau­ties“ oder „A Glit­zy Life of Me“ oder „Around the World“. All die­se Wör­ter! Neu­es Kos­tüm, neue Rou­ti­ne. „Schieb dei­nen Wagen vor dir her wie eine Obdach­lo­se in New York“, hat bei­spiels­wei­se Trai­ner „Uncle DJ“ der klei­nen Hai­ley gera­ten, und sie hat es wirk­lich so gemacht, wie sie es daheim im Gar­ten geübt haben: näm­lich einen mit Can­dies gefüll­ten Ein­kaufs­wa­gen über die Büh­ne gescho­ben wie ein klei­nes schwar­zes Mäd­chen, das einen Mann spielt, der eine Diva spielt im Pai­let­ten­fum­mel.

Und dann das bit­te­re oder süße Ende. Alle Mäd­chen müs­sen auf die Büh­ne, es wer­den Prin­zes­sin­nen- und Köni­gin­nen­ti­tel ver­ge­ben, ein­zel­ne müs­sen war­ten: „She pul­led for a hig­her title“. Die Prin­zes­sin­nen und Köni­gin­nen wei­nen ent­täuscht, alle wol­len „Ulti­ma­te Grand Supre­me“ wer­den und das rosa­ro­te Plas­tik­spiel­zeug­haus gewin­nen und die größ­te Plas­tik­kro­ne, so hoch, dass sie bis zur Schul­ter der Mut­ter hin­auf­reicht.

Dann ein Foto zur Erin­ne­rung. Das Plas­tik­kind mit fal­schen Zäh­nen, gespray­tem Teint und rosa Lip­pen wirft sich in Pose, den Kopf schief­ge­legt, ein Lächeln. Danach sehr viel Blur im Pho­to­shop, Kon­tras­te erhö­hen, Far­ben hin­auf­schrau­ben, Glanz­ef­fekt auf Augen und Zäh­ne set­zen. Alles läuft immer exakt genau so ab, Fol­ge für Fol­ge, Staf­fel für Staf­fel.

Todd­lers & Tia­ras ist eine der bru­tals­ten, kit­schigs­ten und hem­mungs­los-kon­sum­geils­ten Fern­seh­pro­duk­tio­nen, die mir bekannt sind. In sei­ner Grenz­wer­tig­keit inter­es­siert es mich, es kotzt mich an oder es fas­zi­niert mich als Teil die­ser Bil­der­welt, in der wir uns bewe­gen kön­nen. Ich mei­ne, Todd­lers & Tia­ras ist da irgend­wo am äußers­ten Rand ange­sie­delt, sehr an der Gren­ze, knapp vorm Kip­pen … Oder sehr mit­ten­drin? Sehr Donald Trump in der Insze­nie­rung, in der Far­big­keit, die­se gan­ze Ästhe­tik von Kör­per und Fri­sur?! Wenn man die Zustim­mung der Wäh­ler­schaft als Kri­te­ri­um wer­tet: Ja, hier ist sie, die Mit­te, gor­ge­ous, awe­so­me!

2008 bis 2013 lief Todd­lers & Tia­ras auf dem ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­sen­der TLC als Rea­li­ty-For­mat, über­setz­bar, um der Alli­te­ra­ti­on treu zu blei­ben, in etwa als „Klein­kin­der und Krön­chen“. Pro­du­ziert wur­de die Serie, die über sechs Staf­feln lief und wei­ter­hin auf You­Tube zu sehen ist, von der Pro­duk­ti­ons­fir­ma Authen­tic Enter­tain­ment, mitt­ler­wei­le ein Teil von Ende­mol, dem angeb­lich zweit­größ­ten Fern­seh­pro­du­zen­ten der Welt, bekannt und groß gewor­den durch Big Brot­her, das seit dem Jahr 2000 im deutsch­spra­chi­gen Raum auf­ge­zeich­net und aus­ge­strahlt wird.

Ande­rer Sen­der, ande­re Sen­dung: „Die ist so fake“, hat eine Teil­neh­me­rin der aktu­el­len Staf­fel von Germany’s Next Top­mo­del auf Pro7 über eine zwei­te gesagt, „so fake“. Oder: „Du bist doch nur ein Prot­ago­nist“, lau­te­te einer der hef­ti­ge­ren Vor­wür­fe inner­halb der letz­ten Staf­fel des Dschun­gel­camps auf RTL. „Fake sein“ in einem For­mat, das den Mit­wir­ken­den doch Authen­ti­zi­tät in die Rea­li­täts­fik­ti­on hin­ein­scrip­tet!

Der Geschichts­wis­sen­schaf­ter Achim Sau­pe, der im Leib­niz-For­schungs­ver­bund zu „His­to­ri­scher Authen­ti­zi­tät“ arbei­tet, bie­tet in einem Arti­kel auf docupedia.de einen Über­blick über die Geschich­te des Authen­ti­zi­täts­be­griffs und beob­ach­tet aktu­ell wie­der eine Kon­junk­tur des­sel­ben. Über­trag­bar ist die­se Dia­gno­se womög­lich auch auf zeit­ge­nös­si­sche For­men der Pro­duk­ti­on von Bel­le­tris­tik und deren Rezep­ti­on. „Sie haben sicher so eine Mutter/Trainerin/Dragqueen/Katze gehabt wie in Ihrem Buch“, guckt einen das Lese­pu­bli­kum mit gla­si­gen Augen sehn­suchts­voll an. Na, klar. Und es hat auch, wenn wir schon, ver­dammt noch­mal, von Erfah­rung und Erleb­nis spre­chen wol­len, zu Kind­heit und zum eige­nen Kind-gewe­sen-Sein offen­bar kei­nen ande­ren Zugang mehr als den süß-ver­kleb­ten, nach­träg­lich im Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gramm gebl­ur­ten. Blur: das ist das, was David Hamil­ton frü­her, noch ana­log, mit dem Fett auf sei­ner Kame­ra­lin­se gemacht hat. An ande­rer Stel­le gibt es zu lesen: Ein Kind von Tho­mas Bern­hard, Kin­der­ge­schich­te von Peter Hand­ke, Das gro­ße Heft von Ágo­ta Kris­tóf, Jakob schläft von Klaus Merz, Wir Tie­re von Jus­tin Tor­res und so wei­ter.

Why can I just be mys­elf? Die­se Kolum­ne ist dem Seri­en­schau­en und Vide­os-Kli­cken im Inter­net gewid­met.

 

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Tere­sa Prä­au­er, Autorin und bil­den­de Künst­le­rin, lässt die Wett­be­wer­be hin­ter sich.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2016 (29. Juni 2016)

Online seit: 21. Janu­ar 2018

Online seit: 21. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 21. Jan. 2018