„Max Mell, wie immer der gehässigste“

Der öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Max Mell war ein kul­tur­po­li­ti­sches Phä­no­men eige­ner Art. Ob Mon­ar­chie oder Repu­blik, Stän­de­staat oder Natio­nal­so­zia­lis­mus – von offi­zi­el­ler Sei­te wur­de sein Werk stets hoch geschätzt. Von Eve­ly­ne Polt-Heinzl
Max Mell © Bildarchiv Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur

Max Mell: „Dürf­ti­ge Per­sön­lich­keit jesui­ti­scher Cou­leur.“
Foto: Doku­men­ta­ti­ons­stel­le f. neue­re öst. Lite­ra­tur

In die Lite­ra­tur­ge­schich­ten über die öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur nach 1945 haben sich eine gan­ze Rei­he von Autorin­nen und Autoren ein­ge­schrie­ben, deren dama­li­ge Pro­mi­nenz uns heu­te in Erstau­nen ver­setzt. Was sie gera­de aktu­ell inter­es­sant macht, ist oft nicht ihr Werk, son­dern die Beden­ken­lo­sig­keit, mit der sie sich als Reprä­sen­ta­ti­ons­fi­gu­ren wech­seln­der poli­ti­scher Regime zu insze­nie­ren ver­stan­den, völ­lig unbe­rührt von deren Ideo­lo­gie und huma­ni­tä­rer wie demo­kra­tie­po­li­ti­scher Per­for­mance.

Ein gutes Bei­spiel dafür ist Max Mell. Gebo­ren am 10. Novem­ber 1882 in Marburg/Maribor, kam er 1886 mit sei­ner Fami­lie nach Wien. Sei­ne ers­te Publi­ka­ti­on war 1904 der Band Latei­ni­sche Erzäh­lun­gen mit Geschich­ten aus dem anti­ken Rom. 1905 schloss er sein Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Kunst­ge­schich­te ab, noch im sel­ben Jahr, am 9. Juni, besuch­te er zum ers­ten Mal Arthur Schnitz­ler und brach­te ihm als Gast­ge­schenk des­sen Erzäh­lung Der blin­de Gero­ni­mo und sein Bru­der in Blin­den­schrift mit – Mells Vater war Direk­tor des Wie­ner Blin­den­er­zie­hungs­in­sti­tuts. Am 28. Sep­tem­ber ver­zeich­net Schnitz­ler einen wei­te­ren Besuch in sei­nem Tage­buch, und er fin­det Mell „sym­pa­thisch“. Bis 1914 wird Mell dem älte­ren Kol­le­gen noch eine Rei­he von Besu­chen abstat­ten und ihm immer wie­der Manu­skrip­te zur Begut­ach­tung über­ge­ben. Schnitz­ler beschei­nigt ihm Talent (13. Okto­ber 1906), fin­det ihn „begabt“ (8. Novem­ber 1909), nennt Mells Bar­ba­ra Nade­rers Vieh­stand eine „sehr gute Novel­le“ (2. Mai 1914) und schätzt sein Revo­lu­ti­ons-Dra­ma Der Bar­bier von Ber­riac aus dem Jahr 1907 (27. März 1920).



Dann kam der Ers­te Welt­krieg, und da schie­den sich die Geis­ter je nach ihrer krie­ge­ri­schen Begeis­te­rung. Schnitz­ler war einer der weni­gen, die in die öffent­li­che Eupho­rie nicht ein­stimm­ten, ganz anders etwa als Hugo von Hof­manns­thal. Der brach­te von 1915 bis 1917 im Insel Ver­lag 26 Bän­de der mar­tia­lisch-patrio­ti­schen „Öster­rei­chi­schen Biblio­thek“ her­aus, unter Mit­ar­beit von Max Mell, der auch selbst die Bän­de Num­mer 2 und 14: Hel­den­ta­ten der Deutsch­meis­ter 1697–1914 bzw. Die öster­rei­chi­schen Lan­de im Gedicht bei­steu­er­te.

Schrift­stel­ler drit­ten Ran­ges

„Mell hoch­ach­tungs­voll frech. Je näher an Hugo – um so feind­se­li­ger hämi­scher die Stim­mung gegen mich“, notiert Schnitz­ler 1918 über die Reak­tio­nen auf die Auf­füh­rung sei­nes Pro­fes­sor Bern­har­di. „Max Mell, wie immer der gehäs­sigs­te“, lau­tet die Notiz über die Kri­ti­ken zu Der Ruf des Lebens am 5. Mai 1919, und über jene zu Der grü­ne Kaka­du: „Respekt­los natür­lich vor allem die Laus­bu­ben […] Max Mell u. dergl.“ (16. März 1920). Am 5. Mai 1919 sucht Schnitz­ler nach einer Erklä­rung für Mells Feind­se­lig­keit und klam­mert dabei die gesell­schafts­po­li­ti­schen Dimen­sio­nen aus: „Ein Schrift­stel­ler drit­ten Ran­ges, ins­be­sond­re, bei techn. Qua­li­tä­ten dürf­ti­ge Per­sön­lich­keit jesui­ti­scher Cou­leur;– noch kein nen­nens­wert­her Erfolg;– frü­her mei­ne Nähe, zum min­des­ten mei­ne Zustim­mung suchend; und von mir fal­len gelas­sen;– und Tra­bant Hugos – kei­ner kann sich mir gegen­über mit Sym­pa­thie, ja nur objek­tiv behaup­ten, der von ihm influ­en­zirt wird.–“

Was das Aus­blei­ben eines „nen­nens­wert­hen“ Erfolgs betrifft, kam um 1920 die Pha­se des image­mä­ßi­gen Umschwungs. Mells Auf­stieg begann mit dem Sta­tio­nen­dra­ma Das Wie­ner Krip­perl von 1919, das gleich­sam den Weg wies. Er wur­de der Autor des soge­nann­ten Mys­te­ri­en­spiels, das der all­ge­mei­nen Gott­lo­sig­keit, dem repu­bli­ka­ni­schen ‚Cha­os‘ und der erstark­ten Arbei­ter­be­we­gung eine Mix­tur aus nai­ver Gläu­big­keit, bäu­er­li­cher Urtüm­lich­keit und katho­li­scher Welt­ord­nung als Erlö­sungs­vi­si­on ent­ge­gen­setzt. Und der Bedarf an Numi­no­sem war nach den unhei­li­gen Zei­ten des Ers­ten Welt­kriegs offen­bar enorm. Tat­säch­lich woll­te Max Rein­hardt Mells Hal­lei­ner Weih­nachts­spiel schon 1919 in der Salz­bur­ger Fran­zis­ka­ner­kir­che auf­füh­ren, 1925 war Mells Apos­tel­spiel über die Bekeh­rung zwei­er Ver­bre­cher durch ein unschul­di­ges Kind als Gast­spiel bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len zu sehen. Schier end­los aber ist dann die Lis­te der Mell-Insze­nie­run­gen bei den diver­sen Fest­ver­an­stal­tun­gen im Aus­tro­fa­schis­mus, vom Katho­li­ken­tag 1933 bis zum „Gro­ßen Bun­des­ap­pell der Vater­län­di­schen Front 1936“.

Deutsch­na­tio­na­ler Kon­sens

Bereits 1920 war Mells Erzäh­lung Hans Hoch­ge­dacht und sein Weib erschie­nen. Sie lie­fert ein gutes Zeit­bild, auch für den brei­ten Kon­sens deutsch­na­tio­na­len Gedan­ken­gu­tes, und sie zeigt, dass sich Mell nicht erst „Anfang der 1930er Jah­re zuse­hends dem deutsch­na­tio­na­len bzw. völk. Lager“ zuge­wandt hat, wie es im Kil­ly Lite­ra­tur­le­xi­kon heißt und sinn­ge­mäß ähn­lich im Wiki­pe­dia-Ein­trag. In der Eröff­nungs­sze­ne fei­ern natio­na­le Bur­schen­schaf­ter am Bahn­hof in Mürz­zu­schlag und der Bau­er Hans Hoch­ge­dacht singt eif­rig mit. Als ihn dar­auf­hin der Pfar­rer auf­sucht, erwar­tet er eine Zurecht­wei­sung, doch der Pfar­rer steht den Deutsch­na­tio­na­len durch­aus mit Wohl­wol­len gegen­über, es geht ihm um etwas ganz ande­res. Der bären­star­ke Geist­li­che, über des­sen reich­lich akti­ves Sexu­al­le­ben das gan­ze Dorf Bescheid weiß, und der trotz­dem tobt, wenn ordi­nä­re Lie­der gesun­gen wer­den, aber eben nicht, wenn es ‚natio­na­le‘ sind, will Hans Hoch­ge­dachts Frau Liesl zur Gelieb­ten und erpresst ihn mit dem kirch­li­chen Was­ser­recht auf den Hof-Brun­nen. Hans will, dass sei­ne Frau dem Pfar­rer will­fäh­rig ist, doch die wehrt sich lan­ge gegen die­sen pro­sti­tu­ti­ven Scha­cher der bei­den Her­ren. Als sie nach­gibt und zum Pfar­rer geht, hat er die Lust ver­lo­ren und wirft ihr das Papier über das Was­ser­recht im Wort­sinn nach. Liesl ver­lässt zunächst ihren Mann, am Ende fin­den die bei­den aber wie­der zusam­men; ein schlech­tes Gewis­sen hat nicht Hans und nicht der Pfar­rer, son­dern Liesl, die irgend­wie als eigent­lich dubio­se Figur der Geschich­te gezeich­net ist. Die ver­lo­ge­ne Moral die­ser Novel­le könn­te der Hin­ter­grund für Schnitz­lers Empö­rung über die Kri­tik zur Urauf­füh­rung von Casa­no­va oder die Schwes­tern von Spa gewe­sen sein: „Der frechs­te und ver­lo­gens­te (ganz wie erwar­tet) Max Mell“ (27. März 1920).

Mys­te­ri­en­spie­le

Was sich im Rück­blick nur mehr schwer nach­voll­zie­hen lässt, ist die all­ge­mei­ne Begeis­te­rung für Mells heu­te kaum mehr kon­su­mier­ba­re Mys­te­ri­en­spie­le. Raoul Auern­hei­mer nann­te in der Neu­en Frei­en Pres­se vom 1. Juli 1928 Mells Nach­fol­ge Chris­ti-Spiel einen der bei­den Höhe­punk­te der Burg­thea­ter-Sai­son. Schon die Pre­mie­re die­ses „dra­ma­ti­schen Altar­bilds“ aus der Zeit der Bau­ern­auf­stän­de hat­te er am 22. Jän­ner 1928 aus­führ­lich gewür­digt, auch wenn er die anti­se­mi­ti­schen Spit­zen sehr wohl regis­trier­te. Das tat auch Alfred Pol­gar in der Welt­büh­ne vom 31. Janu­ar 1928 – „Fräu­lein Wil­ke als hoch­pro­zen­ti­ge Jüdin, bei deren Anblick das Kreuz eigent­lich einen Haken machen müß­te“, –, beschei­nigt aber dem Stück, das „sei­nem Dich­ter ver­dien­te Ehren“ brach­te, eine star­ke Wir­kung. „Dicht­kunst reins­ten – ja moder­nen Geis­tes“, fand Soma Mor­gen­stern in der Frank­fur­ter Zei­tung vom 14. März 1928. Schnitz­ler war bei der Gene­ral­pro­be im Burg­thea­ter und urteil­te dif­fe­ren­zier­ter: „Begabt und mir wider­wär­tig. […] Welch ein trau­ri­ger Gott wird von die­ser Art Legen­den­dich­tung auf­ge­stellt … Ein böser Troll, der pro­birt und ‚prüft‘ – und fol­tert und nach Lau­ne wal­tet (sie nen­nens ‚Gna­de‘) – und zum Schluss ‚zau­bert‘ er (wie Jupi­ter don­nert oder ein Thea­ter­ar­bei­ter ans Becken schlägt – es ist kei­ne Kunst für sie) – und alles ist wie­der in Ord­nung.–“ (20. Janu­ar 1928)

Tief­gläu­bi­ger Mora­list

Dass Mell, der sich mit sei­nen Mys­te­ri­en­spie­len das Image eines fein­sin­ni­gen, tief­gläu­bi­gen Mora­lis­ten erschrie­ben hat­te, nach dem ‚Anschluss‘ Öster­reichs 1938 mit sei­nem Bei­trag zum Bekennt­nis­buch öster­rei­chi­scher Dich­ter mehr leis­te­te als blo­ße Anpas­sung, scho­ckier­te vie­le sei­ner eins­ti­gen Bewun­de­rer. „Gewal­ti­ger Mann, wie kön­nen wir dir dan­ken? / Wenn wir von nun an eins sind ohne Wan­ken“, dich­tet er in sei­nem Hym­nus auf Hit­ler mit dem Titel Am Tage der Abstim­mung – 10. April 1938.

Hubert Lanzinger: „Der Bannerträger“ (1934/36)

„Gewal­ti­ger Mann, wie kön­nen wir dir dan­ken?“ (Max Mell, 1938)
Illus­tra­ti­on: Hubert Lanz­in­ger: „Der Ban­ner­trä­ger“ (1934/36)

Das war frei­lich nicht eigent­lich eine Kehrt­wen­de, son­dern hat­te sich durch­aus abge­zeich­net. Mell war 1936 Prä­si­dent des neu gegrün­de­ten „Bun­des deut­scher Schrift­stel­ler Öster­reichs“ gewor­den, der die Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten unter den Lite­ra­ten vor­be­rei­te­te und 1938 eben das Bekennt­nis­buch her­aus­gab. Der Lohn blieb nicht aus: Mell konn­te in der NS-Zeit unge­stört publi­zie­ren, wur­de gespielt und aus­ge­zeich­net: 1940 mit dem Grill­par­zer-Preis, 1941 mit dem Ehren­ring der Stadt Wien.

Nach 1945 switch­te Mell völ­lig unbe­scha­det zurück in sein im Aus­tro­fa­schis­mus erwor­be­nes katho­lisch-treu­her­zi­ges Image und füg­te sich damit naht­los in den Grund­kon­sens der kul­tur­po­li­ti­schen Restau­ra­ti­on ein. Die katho­li­sche Zeit­schrift Der Turm hat­te schon Anfang 1946 kei­ne Beden­ken, den ‚Anschluss‘-Hymniker Mell zum The­ma Was ist öster­rei­chisch? zu befra­gen. Scharf reagier­te Otto Basil in Heft 10/1946 des Plan auf die­se Chuz­pe. „Herr Mell, der vor acht Jah­ren und spä­ter in allen brau­nen Tin­ten des ‚Anschlus­ses‘ schil­ler­te und sich heu­te auf sein ange­stamm­tes (soi­gnier­tes) Schwarz zurück­zie­hen möch­te, das schon ein­mal die Lei­chen­trä­ger der Repu­blik klei­de­te, ist ohne Zwei­fel der beru­fe­ne Anwalt für alles Öster­rei­chi­sche“, schrieb Basil und zitier­te aus Mells 1939 erschie­ne­nem Bänd­chen Stim­me Öster­reichs, in dem er „die Zusam­men­ge­hö­rig­keit des öster­rei­chi­schen Stam­mes mit den andern deut­schen Stäm­men“ beschwo­ren hat­te, und dafür, so Basil, wer­de er nun im glei­chen Heft des Turm „von einem ahnungs­lo­sen Emi­gran­ten [Felix Braun] lyrisch ange­stru­delt“.

Final reha­bi­li­tiert wur­de Mell vom Wie­ner Burg­thea­ter. Im Jän­ner 1951 insze­nier­te Adolf Rott, von 1954 bis 1959 dann Direk­tor der Burg, Teil zwei von Mells Nibe­lun­gen-Pro­jekt Kriem­hilds Rache. Teil eins, Der Nibe­lun­gen Not, war 1944 eben­falls am Burg­thea­ter urauf­ge­führt wor­den. In der Werk­aus­ga­be von 1962 hei­ßen die bei­den Stü­cke dann auch unge­niert Der Nibe­lun­gen Not I und II. Publi­zis­ti­sche Pro­tes­te gegen die­se auf­füh­rungs­prak­ti­sche Tra­di­ti­ons­li­nie kamen nur von Medi­en im Umfeld der sowje­ti­schen Besat­zungs­macht. Unse­re lie­be Not – und kein Ende über­ti­tel­te das Tage­buch am 20. Janu­ar 1951 einen kri­ti­schen Kom­men­tar von Eli­sa­beth Freund­lich; Völ­ki­scher Vor­stoß im Burg­thea­ter schrieb die Volks­stim­me am 9. Janu­ar 1951. Im Pro­gramm­heft fin­det sich eine Hom­mage auf das Stück und sei­nen Ver­fas­ser, geschrie­ben von Oskar Mau­rus Fon­ta­na, der schon 1944 Teil eins der „Dra­ma­ti­sie­rung unse­res Natio­nal­epos“ in der Ober­do­nau-Zei­tung Tages-Post begeis­tert bespro­chen hat­te und nach 1945, unbe­scha­det die­ser Tätig­keit als Thea­ter­kri­ti­ker im Diens­te des NS-Kul­tur­be­triebs, sei­ne Kar­rie­re fort­set­zen konn­te.

Max Mell aber erhielt noch im sel­ben Jahr – 1951 – den Peter-Roseg­ger-Lite­ra­tur­preis des Lan­des Stei­er­mark. 1954 sah das offi­zi­el­le Öster­reich kein Pro­blem mehr dar­in, NS-belas­te­te Autoren auch mit der höchs­ten Aus­zeich­nung zu wür­di­gen, und Mell erhielt den Öster­rei­chi­schen Staats­preis. In der Fol­ge wird er eine zen­tra­le Figur des mit größt­mög­li­cher per­so­nel­ler Kon­ti­nui­tät restau­rier­ten offi­zi­el­len Kul­tur­be­triebs. Zur Lage der Kunst nennt er sei­ne Anspra­che bei der grün­den­den Fest­ver­samm­lung des öster­rei­chi­schen Kunst­se­nats im Dezem­ber 1954, und er ist der Fest­red­ner bei offi­zi­el­len Fei­er­stun­den im Burg­thea­ter, sei es zum 150. Todes­tag Schil­lers 1955 oder zum 100. Geburts­tag von Josef Kainz 1958. Zu run­den Geburts­ta­gen wer­den ihm selbst Fei­ern aus­ge­rich­tet, bei denen alte Weg­ge­fähr­ten der NS-Zeit wie Heinz Kin­der­mann ihrer­seits eif­rig Reden hal­ten.

Ehren­grab garan­tiert

Eine beson­de­re Form staats­po­li­ti­scher Kano­ni­sie­rung ereilt Mell 1967: Zum öster­rei­chi­schen Natio­nal­fei­er­tag, der in die­sem Jahr erst zum drit­ten Mal began­gen wur­de, ließ Unter­richts­mi­nis­ter Theo­dor Piffl-Perče­vić Mells 1962 im Aman­dus Ver­lag erschie­ne­ne Werk­aus­ga­be in vier Bän­den an alle All­ge­mein­bil­den­den Höhe­ren Schu­len und Musisch-Päd­ago­gi­schen Real­gym­na­si­en ver­schen­ken. Bei Mells Tod am 12. Dezem­ber 1971 war ein Ehren­grab am Zen­tral­fried­hof garan­tiert.

Die an ‚klas­si­schen‘ Mus­tern ori­en­tier­te For­men­spra­che, die Mell wie vie­le Erfolgs­au­toren und ‑autorin­nen der Zeit mit mehr oder weni­ger Geschick pfleg­te, war den Zeit­ge­nos­sen ein hohes Gut. Die müh­sam sau­ber gehal­te­ne Ober­flä­che der Nach­kriegs­ord­nung war ver­letz­lich und beson­ders anfäl­lig für Ver­stö­ße gegen die Sprach­re­ge­lun­gen, mit denen man die Schrün­de der His­to­rie not­dürf­tig gekit­tet hat­te. Das mach­te die Arbeit am Sprach­ma­te­ri­al so pro­vo­kant. Wer – wie die Autoren der ‚Wie­ner Grup­pe‘ – dar­an kratz­te, kratz­te an mehr als an der Spra­che. Wer sich an gel­ten­den Sprach- oder Benimm­re­geln ver­griff, dem war nichts hei­lig, also alles zuzu­trau­en. Und wer die tota­le Ent­mensch­li­chung erlebt – oder auch prak­ti­ziert – hat, traut schließ­lich jedem alles zu.

Das alles kann man mitt­ler­wei­le natür­lich mit eini­ger Gelas­sen­heit sehen. Eine Wie­der­be­le­bung von Mells Werk ist schwer vor­stell­bar – so schien es zumin­dest bis vor Kur­zem. Andre­as Möl­zers Pos­til­le Zur Zeit ließ es sich im Dezem­ber 2001 in einem mit „Hel­ge Mor­gen­grau­en“ gezeich­ne­ten Arti­kel jedoch nicht neh­men, den „Ver­kün­der des Unzer­stör­ba­ren“ zu sei­nem 30. Todes­tag zu wür­di­gen als einen „jener Dich­ter, die vom links­las­ti­gen Lite­ra­tur­es­tab­lish­ment tot­ge­schwie­gen wer­den, weil sie sich den tra­di­tio­nel­len euro­päi­schen Huma­ni­täts­idea­len ver­pflich­tet fühl­ten und mit dem lin­ken Zeit(un)geist nichts auf dem [!] Hut hat­ten.“

Trotz­dem, man soll die Toten ruhen las­sen, und sei es in einem unver­dien­ten Ehren­grab. Das Pro­blem ist nur: Die (Literatur-)Geschichte kann nicht ein­fach umge­schrie­ben wer­den. Die Akteu­re der auto­ri­tä­ren Regime des Aus­tro­fa­schis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus haben sich mit ihrer Ehrungs- und För­der­po­li­tik tief und nach­hal­tig in die Anna­len ein­ge­schrie­ben. Und die kul­tur­po­li­ti­sche Domi­nanz der Täter oder doch sehr akti­ven Mit­läu­fer des NS-Regimes wie Max Mell ergab zugleich ein effek­ti­ves Netz­werk der Exklu­si­on. Zum Bei­spiel all jener Autorin­nen und Autoren, die von eben jenem Regime ver­folgt, ver­trie­ben oder ermor­det wor­den waren.

Uner­wünsch­te Kon­kur­renz

„Kul­tur­äm­ter des Staa­tes und der Gemein­de haben wei­ter­hin den Gro­ßen der Nazi­li­te­ra­tur bis zu deren Tod Bei­stand geleis­tet und für die Ermor­de­ten […] kein Inter­es­se gezeigt“, schrieb Oskar Jan Tausch­in­ski 1992 über sei­ne jah­re­lan­gen und meist ver­geb­li­chen Ver­su­che, das Werk Alma Johan­na Koe­nigs zu plat­zie­ren, die am 1. Juni 1942 im KZ Maly Tros­ti­nec ermor­det wor­den war. Das hat­te nicht nur ideo­lo­gi­sche Grün­de, son­dern, abge­se­hen von Fra­gen uner­wünsch­ter Kon­kur­renz, zum Bei­spiel um För­der­mit­tel, oft auch per­sön­li­che. Mell etwa konn­te kaum ein Inter­es­se dar­an haben, Koe­nigs Werk zu för­dern. In ihrem Roman Der jugend­li­che Gott, an dem sie noch in den Tagen unmit­tel­bar vor ihrer Depor­ta­ti­on gear­bei­tet hat, setzt sie ihm in der Figur des fein­sin­ni­gen Sene­ca, der für Ruhm und Geld Neros Unrechts­re­gime bereit­wil­lig zur Legi­ti­mi­tät ver­hilft, ein unrühm­li­ches Denk­mal.

 

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Eve­ly­ne Polt-Heinzl, gebo­ren 1960, ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, Kri­ti­ke­rin und Kura­to­rin. 2017 erhielt sie den Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur­kri­tik. Zu ihren wich­tigs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen zäh­len Ich hör’ dich schrei­ben. Eine lite­ra­ri­sche Geschich­te der Schreib­ge­rä­te (Son­der­zahl, 2007) und Ein­stür­zen­de Finanz­wel­ten. Markt, Gesell­schaft und Lite­ra­tur (Son­der­zahl, 2009).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2018 – 12. Okto­ber 2018

Online seit: 17. Mai 2019

Online seit: 17. Mai 2019

Zuletzt geän­dert: 31. Mai 2019