Sänger und Geiger

„Zu Recht ver­ges­sen“ – Teil III. Anton Wild­gans war der meist­ge­fei­er­te Dich­ter der Ers­ten Repu­blik. Heu­te erin­nert nichts mehr an ihn. Außer einem Lite­ra­tur­preis der Öster­rei­chi­schen Indus­trie. Von Klaus Kast­ber­ger
Anton Wildgans

Anton Wild­gans: Der letz­te Mohi­ka­ner des sechs­fa­chen Dak­tylus. (Foto: „Wie­ner Bil­der“, 1932)

Der 50. Geburts­tag von Anton Wild­gans war ein gro­ßes Fest. Mehr als eine Woche lang dau­er­ten die Fei­er­lich­kei­ten. Ehren­be­zeu­gun­gen fan­den unter ande­rem im öster­rei­chi­schen PEN-Club und in der öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek statt, getra­gen von hono­ri­gen Dich­ter-Ver­ei­ni­gun­gen des In- und Aus­lan­des wie dem Wie­ner Goe­the-Ver­ein, der Wei­ma­rer Goe­the-Gesell­schaft oder der öster­rei­chi­schen Grill­par­zer-Gesell­schaft.

Fest­vor­stel­lun­gen von Wild­gans-Stü­cken wur­den in Wien und in Graz auf gro­ßen Büh­nen gege­ben. In Möd­ling benann­te man einen Weg nach dem Dich­ter. Fried­rich Schrey­vo­gel, der nur drei Jah­re spä­ter zum ille­ga­len NSDAP-Mit­glied wur­de, into­nier­te bei einer die­ser Fei­ern die „Rede über Öster­reich“ – einen Vor­trag, den Wild­gans anläss­lich des Zehn-Jah­res-Jubi­lä­ums der Ers­ten Repu­blik geschrie­ben hat, um ihn vor dem schwe­di­schen Königs­haus zu hal­ten. Einer sei­ner erfolg­reichs­ten und wirk­mäch­tigs­ten Tex­te.

Schon drei Tage vor Wild­gans’ Geburts­tag (am 17.4.1931) trom­mel­te der Jour­na­lis­ten- und Schrift­stel­ler­ver­ein „Con­cor­dia“ zu einem wahr­haft staats­tra­gen­den Ban­kett alles zusam­men, was im dama­li­gen Öster­reich in Poli­tik und Kul­tur Amt und Wür­de hat­te. Con­cor­dia-Prä­si­dent Leo­pold Lip­schütz eröff­ne­te den Rei­gen der Gra­tu­lan­ten. Er rühm­te an Wild­gans den „zärt­li­chen Lyri­ker“ gleich­wohl wie den „kraft­vol­len Epi­ker“. Auch der „zupa­cken­de Dra­ma­ti­ker“ kam in sei­nen Wor­ten nicht zu kurz.

Man kön­ne Lite­ra­tur nicht geo­gra­fisch ver­or­ten, so Lip­schütz. Wenn man aber bei Tirol mit Recht zuerst an Karl Schön­herr den­ke und bei Ober­ös­ter­reich an Stif­ter, so sei es nur bil­lig, im Fall von Nie­der­ös­ter­reich Anton Wild­gans an die Spit­ze zu stel­len. Nie­mand habe den Zau­ber eines Früh­lings­mor­gens im Wie­ner­wald, den schwer­mü­ti­gen Reiz eines Herbst­nach­mit­tags in den Donau­au­en oder die Magie einer Mond­nacht in der Liech­ten­stein­klamm so poe­tisch in Jam­ben und Tro­chä­en gefasst wie er. Der lite­ra­ri­sche Akti­ons­ra­di­us von Wild­gans rei­che aber noch wei­ter. Bis hin an die Nord­see und an den Rhein. Über­all hin, wo deut­sche Geis­tes­kul­tur herrscht.

Der zwei­te Red­ner, Vize­kanz­ler Johann Scho­ber, der als Wie­ner Poli­zei­prä­si­dent für die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung der Juli­re­vol­te 1927 ver­ant­wort­lich war, denkt bei Wild­gans nicht so sehr an Nie­der­ös­ter­reich, son­dern an das Flair der Haupt­stadt. In sei­ner Dich­tung, so Scho­ber, leuch­te­ten die son­ni­gen Plät­ze Wiens auf und die ver­träum­ten Ecken der Vor­stadt. Ein star­kes sozia­les Füh­len prä­ge die­se Dich­tung, so wie dies eben stets den „ech­ten Men­schen“ cha­rak­te­ri­siert. Abschlie­ßend wünscht Scho­ber Wild­gans noch ein star­kes wei­te­res Jahr­zehnt. Nicht allein in sei­ner Dich­tung, son­dern auch als Burg­thea­ter­di­rek­tor. Eine Funk­ti­on, die Wild­gans zu die­sem Zeit­punkt nach einer ers­ten Amts­zeit 1921/22 nun bereits zum zwei­ten Mal inne­hat­te.

Die Wün­sche Scho­bers haben sich nicht erfüllt. In Wahr­heit bas­tel­te näm­lich, noch wäh­rend Wild­gans gefei­ert wur­de, der Gene­ral­inten­dant der öster­rei­chi­schen Bun­des­thea­ter, Franz Schnei­der­han, bereits im Hin­ter­grund an sei­ner Demon­ta­ge. Das Buch eines wirk­li­chen Wild­gans-Afi­ci­o­na­dos, des Gym­na­si­al­di­rek­tors i. R. Franz Had­ri­ga, beschreibt den Vor­gang im Detail. Unter Ver­wen­dung von Deck­na­men lud Schnei­der­han die Nach­fol­ge­kan­di­da­ten zu sich. Schon im Okto­ber 1931 muss­te Wild­gans als Burg­thea­ter­di­rek­tor abtre­ten. Am 3.5.1932 schließ­lich ver­starb er, zeit­le­bens krank, in sei­nem Hei­mat­ort Möd­ling. Dra­ma Burg­thea­ter Direk­ti­on nennt Had­ri­ga sei­ne bio­gra­fi­sche Stu­die, die das ein­zi­ge Buch ist, das in den letz­ten Jahr­zehn­ten über­haupt zu Wild­gans erschien. Sein Unter­ti­tel setzt einen wei­te­ren Gemein­platz: „Vom Schei­tern des Idea­lis­ten Anton Wild­gans“.

Der füh­ren­de Staats­dich­ter

Karl Kraus mel­de­te gegen eine solch simp­le Sicht noch zu Leb­zei­ten des Dich­ters vehe­men­ten Wider­spruch an. Nie­mals, so Kraus in der Fackel, hät­te sich jemand wie Wild­gans sol­che Fei­er­lich­kei­ten bie­ten las­sen dür­fen: „Wie kann er, der bei allem Vater­lands­ge­fühl doch intel­li­gent genug ist, den in Jahr­zehn­ten der Fackel ent­larv­ten Kram zu erken­nen, und sau­ber genug, ihn abzu­leh­nen, die­se Exzes­se einer Hyper­tro­phie über sich erge­hen las­sen, die gera­de in sei­nem Fal­le anschau­lich macht, wie ein zwei­fel­haf­ter Betrieb der geis­ti­gen und mora­li­schen Wer­tung heu­te in Quan­ti­tä­ten schef­felt. Kann der Öster­rei­cher Wild­gans wirk­lich als Fünf­zig­jäh­ri­ger den wochen­lan­gen Schall der Sal­ven hin­neh­men, von denen das gan­ze Leben eines Grill­par­zers unbe­rührt geblie­ben ist, als des­sen Erben er sich fühlt und den er gewiß für kei­nen Taferl­klas­si­ker hält?“

Die Inte­gri­tät des Dich­ters ist ange­grif­fen, wie aber schaut es mit sei­nem Werk aus? Wild­gans war, und die Fei­er­lich­kei­ten zu sei­nem 50. Geburts­tag befes­tig­ten die­se Rol­le gera­de noch so lan­ge, bis das gan­ze Brim­bo­ri­um der Ers­ten Repu­blik in einem ein­zi­gen Begeis­te­rungs­schrei für den Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­sank, der füh­ren­de Staats­dich­ter jener Zeit. Mit Gedicht­bän­den wie Sonet­te an Ead (1913) und Stü­cken wie Armut (1914) hat­te er gro­ßen Publi­kums­er­folg. So wie ihn stell­te man sich damals nur all­zu ger­ne den wah­ren Dich­ter vor. Als einen, der trotz aller zeit­ge­nös­si­schen Unüber­sicht­lich­keit den mehr oder weni­ger ver­zwei­fel­ten Ver­such wag­te, mit anti­quier­ten For­men die Pro­ble­me der Zeit noch ein­mal auf einen gemein­sa­men lite­ra­ri­schen Nen­ner zu brin­gen.

Vom Stil her war es ein sehr gemä­ßig­ter Expres­sio­nis­mus mit einer klei­nen Pri­se sozia­ler Wirk­lich­keit. Die­ses selt­sa­me Gemisch ging gut, so lan­ge das wahr­ge­nom­me­ne Elend die gute alte lite­ra­ri­sche Form nicht voll­ends spreng­te. In homöo­pa­thi­schen Dosen schmug­gelt Wild­gans das sozia­le Pro­blem in sei­ne Ver­se. Dem Dienst­bot’ und der Hure gilt neben erfreu­li­che­ren Din­gen wie der Liech­ten­stein­klamm par­ti­el­le Auf­merk­sam­keit. Aber die Offen­heit, mit der Wild­gans dar­über spricht, fin­det ihre Gren­zen umge­hend in dem Schlüs­sel­loch, durch das er dabei schaut. Das ist typisch für lite­ra­ri­sches Spie­ßer­tum. Auch die Wen­dung gegen den Spie­ßer gehört ihm wesent­lich an.

Spä­ter dann, als Wild­gans bereits jener Dich­ter war, als der er heu­te zu Recht ver­ges­sen ist, folg­ten meh­re­re wei­te­re Gedicht­bän­de (dar­un­ter im Jahr 1915 der patrio­tisch-krie­ge­ri­sche Band Öster­rei­chi­sche Gedich­te als Band 12 in Hugo von Hof­mannst­hals „Öster­rei­chi­scher Biblio­thek“) sowie eini­ge wei­te­re Stü­cke. Spä­ter kam noch der Pro­sa­band Musik der Kind­heit. Ein Hei­mat­buch aus Wien (1928) und das epi­sche Gedicht Kir­bisch oder der Gen­darm, die Schan­de und das Glück (1927) hin­zu. In letz­te­res hat Wild­gans alles hin­ein­ge­legt, was er lite­ra­risch hat­te. In mühe­vol­ler und jah­re­lan­ger Arbeit ent­stand ein Epos in Hexa­me­tern. Eine Form, die gro­ße anti­ke Vor­bil­der hat, die die deutsch­spra­chi­ge Dich­tung aber nicht unbe­dingt gebraucht hät­te. Wild­gans war ein letz­ter Mohi­ka­ner des sechs­fa­chen Dak­tylus. Ein Autor, der im Bestre­ben, sie zu fas­sen, voll­kom­men aus der Zeit fiel. Für Kir­bisch, so ver­si­chern sei­ne Bewun­de­rer, hat er gar sei­ne Gesund­heit geop­fert.

Im Gegen­satz zum brei­ten Publi­kum, dem sol­che Mythen gefal­len, hält Karl Kraus von der Dich­tung des Anton Wild­gans rein gar nichts. Dabei hat Kraus aber nicht nur ihn, son­dern auch die ande­ren „Staack­män­ner“ auf der Rech­nung, also jene Autoren, die so wie Wild­gans in dem popu­lä­ren Leip­zi­ger Ver­lag Lud­wig Staack­mann publi­zier­ten. Vor einer sol­chen Lite­ra­tur muss es ja „die Sau des Teu­fels grau­sen“, schreibt er 1914 in der Fackel. Die lyri­schen Ergüs­se von Anton Wild­gans, die in der Pres­se als Meis­ter­ge­dich­te gefei­ert wur­den, bezeich­net er schlicht­weg als „gro­ßen Dreck“.

Auch Robert Musil konn­te sich für die Dich­tung von Wild­gans nicht erwär­men. In der Rol­le des Thea­ter­kri­ti­kers sitzt Musil am 9.5.1922 in der Erst­auf­füh­rung des Stü­ckes Kain im Wie­ner Burg­thea­ter. Dabei ist ihm so lang­wei­lig, dass er sich in sei­ner Kri­tik Gedan­ken weni­ger zum Stück als viel­mehr zum Wesen die­ses Dich­ters macht.

Emo­tio­na­les Kanz­lei­deutsch

Gera­de an den Höhe­punk­ten ihrer Emo­tio­nen, so Musil, las­se Wild­gans sei­ne Figu­ren in einem gedrech­sel­ten Kanz­lei­deutsch spre­chen. Ganz so, als ob die ewi­gen Wahr­hei­ten, die sie von sich geben, ihnen von außen wie ein schlecht­sit­zen­der