„Cedar ’n’ Roscoe run“

Bis mein Herz in Brü­che geht. Von Nor­bert Gst­rein
Norbert Gstrein

Foto: Hei­ke Hus­la­ge-Koch

Che­yenne, Wyo­ming, 26. Okto­ber
Im Plains Hotel in Che­yenne, Wyo­ming, bin ich die­ses Mal nur für eine Nacht. Das Auto habe ich wie im ver­gan­ge­nen Dezem­ber in der Park­ga­ra­ge drei Blocks wei­ter abge­stellt, auf der obers­ten Platt­form, von der man einen Blick über die Dächer der Stadt und weit in die Prä­rie hat. Bei mei­ner Ankunft damals, schon gegen Mit­ter­nacht, war in dem wie aus­ge­stor­be­nen Gebäu­de ein Wagen mit brül­len­dem Motor und quiet­schen­den Rei­fen die engen Haar­na­del-Kur­ven hin­un­ter­ge­rast, als wür­de aus­ge­rech­net hier eine Tat­ort-Fol­ge mit allen Kli­schees gedreht, und nur der erwar­te­te Schuss­wech­sel blieb aus. Dies­mal wur­de auf dem High­way von Den­ver her­auf nach einem sil­ber­blau­en Dodge gefahn­det, alle paar Kilo­me­ter die Leucht­schrift HIT AND RUN in der Dun­kel­heit und die Auf­for­de­rung, die Augen offen zu hal­ten. So war jeder ein poten­zi­el­ler High­way Tro­o­per, und als Besit­zer eines sil­ber­blau­en Dodge war man gut bera­ten, an den Stra­ßen­rand zu fah­ren, die Warn­blink­an­la­ge ein­zu­schal­ten, mit erho­be­nen Armen aus­zu­stei­gen und sich am bes­ten flach auf den Boden zu legen.

In der Lob­by des Hotels kommt müh­sam eine Hal­lo­ween-Par­ty in Gang, und als ich mir spä­ter die Bei­ne ver­tre­te, ste­hen immer noch an jeder zwei­ten Stra­ßen­ecke die über­manns­ho­hen, mit unter­schied­li­chen Moti­ven ver­zier­ten Cow­boy­stie­fel, auf die mich im letz­ten Jahr die Frau an der Rezep­ti­on als eine der Haupt­at­trak­tio­nen der Stadt auf­merk­sam gemacht hat­te. Ich hat­te gedacht, sie stün­den dort her­um, wie eine Zeit lang in allen mög­li­chen Schwei­zer Städ­ten bunt bemal­te Plas­tik­kü­he her­um­ge­stan­den waren, und wür­den irgend­wann wie­der ver­schwin­den, aber jetzt sah es doch eher nach etwas Per­ma­nen­tem und sehr ernst Gemein­tem aus.

Als Besit­zer eines sil­ber­blau­en
Dodge war man gut bera­ten,
an den Stra­ßen­rand zu fah­ren,
die Warn­blink­an­la­ge ein­zu­schal­ten, mit erho­be­nen Armen aus­zu­stei­gen
und sich am bes­ten flach auf den
Boden zu legen.

Vor nicht ein­mal zwölf Mona­ten war ich im Schnee­trei­ben bis an den Stadt­rand gegan­gen, buch­stäb­lich ohne einer Men­schen­see­le zu begeg­nen, an dem ver­las­se­nen Rodeo-Sta­di­on ent­lang, mit dem zwar offe­nen, aber wie lan­ge nicht besuch­ten Wes­tern-Muse­um, und je wei­ter ich aus dem Zen­trum hin­aus­ge­ra­ten war und je mehr ich mich dem Gelän­de der Air Force Base da drau­ßen genä­hert hat­te, umso häu­fi­ger war ich an den Wohn­häu­sern von Mili­tärs oder jeden­falls mit ihnen Sym­pa­thi­sie­ren­den vor­bei­ge­kom­men, win­zi­gen Häu­sern mit ent­spre­chen­den Insi­gni­en und zum Teil rie­si­gen, dop­pelt so groß wir­ken­den Wohn­wa­gen davor. Was hat­te ich auf einer Auto­tür gele­sen? AIR FORCE STRIKES GLOBAL COMMAND. Ich woll­te mich dem Gelän­de so weit annä­hern, bis ich zurück­ge­wie­sen wür­de, und mir anse­hen und anhö­ren, wie eine sol­che Zurück­wei­sung aus­sah, wenn ich ent­we­der naiv oder ober­schlau frag­te oder bei­des zusam­men, und schei­ter­te dann nicht weit davon ent­fernt aus­ge­rech­net an einem Golf­platz mit rich­ti­ger Coun­try-Club-Anmu­tung, der so abge­zäunt war, dass mir ein Wei­ter­kom­men ver­un­mög­licht wur­de. Dazu hat­te ich die Brü­cke eines Auto­bahn­zu­brin­gers außer­halb der Leit­plan­ken auf einem schma­len Gras­strei­fen über­que­ren müs­sen und war von den vor­bei­fah­ren­den Autos an- und aus­ge­hupt wor­den. Über­all steck­ten gel­be und rote Fähn­chen mit der Auf­schrift DANGER BURIED ELECTRICITY im Gras, aber es sah nicht so aus, als wür­de ich über ein Minen­feld tap­sen. In Geh­wei­te gab es eine Art Nah­erho­lungs­ge­biet, einen klei­nen See, und dort, auf dem nicht asphal­tier­ten Park­platz, stan­den in gro­ßem Abstand von­ein­an­der dicht am Ufer zwei Gelän­de­wa­gen mit lau­fen­dem Motor im anhal­ten­den Grau­peln. Im einen saß ein Mann, im ande­ren eine Frau, und bei­de blick­ten auf die Auto­bahn auf der ande­ren Sei­te hin­über, hat­ten ihr Tele­fon ans Ohr geklemmt und schie­nen weni­ger zu spre­chen, als über lan­ge Peri­oden zuzu­hö­ren oder ein­fach in der Hal­tung erstarrt zu sein, weil ihr Gegen­über womög­lich brüsk auf­ge­legt hat­te.

Buf­fa­lo, Wyo­ming, 27. Okto­ber
Auf dem High­way Rich­tung Nor­den, zwi­schen Che­yenne und Buf­fa­lo, die wie­der­hol­ten Wind­war­nun­gen und die mich elek­tri­sie­ren­de Ankün­di­gung von Schnee für Jack­son am Mon­tag, weil ich im ver­gan­ge­nen Jahr unter ande­rem nach Jack­son gefah­ren war, um dort Schnee zu sehen, und kei­nen Schnee gese­hen hat­te. Jeder­zeit kön­nen jetzt irgend­wo am Stra­ßen­rand die Warn­lich­ter ange­hen und die Schran­ken fal­len. Wie man alle paar Kilo­me­ter auf Schil­dern lesen kann, trägt ein Stück des High­ways auch den Namen „Wyo­ming Veterans Memo­ri­al High­way“, was in mir fins­te­re Bil­der her­vor­ruft von einem glä­ser­nen Schnee­witt­chen-Lei­chen­wa­gen mit einem flag­gen­dra­pier­ten Sarg dar­in und kilo­me­ter­weit Spa­lier ste­hen­den Leu­ten, dem letz­ten Auf­ge­bot auf dem lan­gen Weg von Afgha­ni­stan zurück in das Nest, aus dem ein Leben­der Mona­te zuvor auf­ge­bro­chen ist, um jetzt als Toter zurück­zu­keh­ren, ein Pro­dukt der Kriegs­in­dus­trie, die wie ande­re Indus­trien bil­lig im Aus­land fer­ti­gen lässt. Die Prä­rie schmut­zig gelb, der Him­mel fast weiß, mit einem mil­chi­gen Blau­ton, und plötz­lich alles grau in grau und die Radio­stim­me wie lan­ge vor der Zeit der selbst­ver­ständ­li­chen Ver­net­zung und der dau­ern­den Erreich­bar­keit, gera­de­so, als hät­te sie noch ein­mal die Funk­ti­on, die paar See­len, die irgend­wo am Ende der da und dort abge­hen­den Wege leben, über die wei­ten Ent­fer­nun­gen zusam­men­zu­hal­ten und ihnen die Gewiss­heit zu ver­schaf­fen, dass es außer ihnen noch jeman­den gibt und dass sich nicht alle ande­ren in Sicher­heit gebracht haben und in wirt­li­che­re Land­stri­che ver­zo­gen sind. Aus­ge­rech­net hier dann die Wer­bung eines Bezahl­ver­lags, die den wahr­schein­lich zu Hun­der­ten auf dem fla­chen Land zwi­schen den Kühen unver­dros­sen vor sich hin schrei­ben­den zukünf­ti­gen Schrift­stel­lern ein Sur­vi­val Kit anbie­tet, mehr­mals eine Num­mer nennt und mit einer Dring­lich­keit die Auf­for­de­rung CALL NOW fol­gen lässt, als gin­ge es um Leben und Tod.

In Buf­fa­lo sind im ein­set­zen­den Schnee­trei­ben auf einem Wie­sen­stück in der Orts­mit­te die Dorf­kin­der ver­sam­melt und unter den Bli­cken ihrer Müt­ter damit beschäf­tigt, Hal­lo­ween-Gesich­ter in rie­si­ge Kür­bis­se zu schnei­den und sich im Seil­zie­hen zu mes­sen. Die paar Män­ner, die man auf der Stra­ße sieht, tra­gen fast alle Tarn­an­zü­ge und signal­oran­ge­far­be­ne Schild­kap­pen. Wäh­rend ich mei­nen Blick nicht von den ganz mit sich beschäf­tig­ten Kin­dern lösen kann, fährt ein sil­ber­far­be­ner Pick-up mit einer wild bel­len­den Rot­te von Jagd­hun­den auf der Lade­flä­che kaum schnel­ler als im Schritt­tem­po die Main Street ent­lang und kommt gleich dar­auf noch ein­mal zurück, und die Hun­de sind jetzt außer sich und bal­gen sich auf engs­tem Raum wie ein Rudel Schlit­ten­hun­de, die sich in ihren Sei­len ver­fan­gen haben und sich mit jeder Bewe­gung nur noch unauf­lös­ba­rer inein­an­der ver­stri­cken. Dem Wie­sen­stück gegen­über gibt es ein Sport­ge­schäft, in dem man alles kau­fen kann, was einem das Über­le­ben im Frei­en sichert, Out­door-Klei­dung, Angel­ru­ten, Ski­er, Zel­te, und hin­ter der lan­gen Ver­kaufs­the­ke hat man eine Aus­wahl von Geweh­ren, die für eine gan­ze Kom­pa­nie rei­chen wür­de.

Sher­i­dan, Wyo­ming, 28. Okto­ber
Es gibt nichts zu tun an einem Sonn­tag in Sher­i­dan, Wyo­ming, jeden­falls nicht in die­ser Jah­res­zeit, und die Main Street und die paar ande­ren Stra­ßen, die man schnell abge­gan­gen ist, ver­lie­ren sich im Regen. In einer Aus­la­ge Möbel mit india­ni­schen Ver­zie­run­gen, unter ande­rem meh­re­ren Haken­kreu­zen und einem erklä­ren­den Schild dane­ben, dass es sich dabei um ein Sym­bol der Urein­woh­ner hand­le, genannt WHIRLING LOG, sei­ne Bedeu­tung WELL BEING, und dass es auf 4.500 bis 3.500 vor Chris­ti Geburt zurück­zu­da­tie­ren sei.

Das Schlacht­feld am Litt­le Big­horn liegt mit dem Auto eine Drei­vier­tel­stun­de ent­fernt. Dort haben sich am 25. und 26. Juni 1876 in einem letz­ten ver­geb­li­chen Auf­bäu­men meh­re­re tau­send India­ner einer Abord­nung von Sol­da­ten ent­ge­gen­ge­stellt und einen letz­ten ver­geb­li­chen Sieg errun­gen, der ihre end­gül­ti­ge Nie­der­la­ge nur beschleu­nig­te. Mehr als 260 Sol­da­ten kamen an die­sen bei­den Tagen ums Leben, und das trug dazu bei, dass sich die Regie­rung in Washing­ton ent­schloss, die Sache ein für alle Mal zu klä­ren. Das Schlacht­feld zieht sich über meh­re­re Kilo­me­ter einen Kamm in der Prä­rie ent­lang, und wenn man dort umher­geht, mit Bli­cken weit in die Fer­ne, kommt man kaum umhin zu den­ken, dass der 25. und 26. Juni 1876 schö­ne Tage gewe­sen sein müs­sen, Som­mer­ta­ge mit einer mil­den Bri­se, an denen man ganz etwas ande­res hät­te tun kön­nen, als sich gegen­sei­tig die Schä­del ein­zu­schla­gen, viel­leicht einen Ein­spän­ner neh­men und mit einem Mäd­chen und einer Fla­sche Whis­ky her­aus­fah­ren, im Gras sit­zen und in die gel­be Wei­te schau­en.

Es gibt einen Sou­ve­nir­shop, in dem die Nach­kom­men der Nach­kom­men der Nach­kom­men … und es gibt eine Tank­stel­le mit einem Tank­wart, der mich mit sei­nen hän­gen­den Augen­li­dern an mei­nen Cou­sin Uli erin­nert, der beim India­ner­spie­len in unse­rer Kind­heit mit sei­ner Pfer­de­de­cke über den Schul­tern ein­mal einen unver­gess­lich majes­tä­ti­schen Ein­druck bei mir hin­ter­las­sen hat. Der Tank­wart bedient mich mit einem tief melan­cho­li­schen Blick, und als ich am nächs­ten Tag noch ein­mal bei ihm tan­ke, obwohl der Tank noch fast voll ist, sieht er mich an, als wüss­te er genau, dass ich nur sei­net­we­gen ein zwei­tes Mal vor­bei­ge­kom­men bin, und ich kann nicht ent­schei­den, ob ihn das mit Ver­ach­tung oder einer wohl­wol­len­den Iro­nie erfüllt.

Ich sit­ze in einer Bar in Sher­i­dan,
als ich immer noch an die­se klei­ne Grup­pe der Geschla­ge­nen den­ke,
wäh­rend um den Tre­sen das Gela­ge
von ein paar Ein­hei­mi­schen beginnt, nicht anders, als ich es von zu Hau­se
in den Ber­gen ken­ne.

Nicht weit von der Tank­stel­le, neben einem Gestell für eine Leucht­schrift, die ein Casi­no bewirbt, steht eine win­zi­ge Holz­kir­che, und als ich sie betre­te, fin­det gera­de eine Mes­se statt. Alle wen­den sich nach mir um, und der Pas­tor, der mir freund­lich zunickt, wäh­rend er in einer mir nicht nur unver­ständ­li­chen, son­dern nicht ein­mal erkenn­ba­ren Spra­che spricht, steht hin­ter einem Altar­tisch und vor einer über der hin­te­ren Wand auf­ge­spann­ten, israe­li­schen Fah­ne. Sie haben alle india­ni­sche Gesichts­zü­ge und gehen am Ende alle auf ein halb ver­fal­le­nes Wohn­haus ganz in der Nähe zu, von dem ich beim Her­kom­men gedacht habe, dass sicher schon längst kein Mensch mehr dar­in lebt.

Ich sit­ze in einer Bar in Sher­i­dan, als ich immer noch an die­se klei­ne Grup­pe der Geschla­ge­nen den­ke, wäh­rend um den Tre­sen das Gela­ge von ein paar Ein­hei­mi­schen beginnt, nicht anders, als ich es von zu Hau­se in den Ber­gen ken­ne. Bier und Shots in atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit, eine jun­ge Frau, die auf die The­ke klet­tert und tanzt, Blüm­chen­kleid, Cow­boy­stie­fel und nack­te Waden trotz der Null­grad-Käl­te drau­ßen, aus der Juke­box „I don’t care, I love it, I don’t care, I love it, I don’t care, I love it“, und dann nur mehr „I love it, I love it, I love it, I love it, I love it …“, und ein röcheln­der Kampf­hund, der alle paar Minu­ten daher­ge­wat­schelt kommt, sich neben mir an einem Hocker auf­rich­tet, sei­ne Pfo­te wie zum Gruß hebt und dar­auf war­tet, dass der Bar­kee­per, ein Hun­dert­zwan­zig­ki­lo­mann in einem Mus­kel­shirt mit der Auf­schrift NATIVE, ihn abklatscht, ein mar­tia­li­sches High Five unter gan­zen Ker­len.

Boze­man, Mon­ta­na, 29. und 30. Okto­ber
Der Hagel­sturm kommt wie aus dem Nichts in der ein­bre­chen­den Dun­kel­heit in Boze­man, Mon­ta­na, und in Sekun­den­schnel­le ist rund­um alles weiß. Ich bin von mei­nem etwas außer­halb gele­ge­nen Hotel in die Stadt gefah­ren, und auf der Rück­fahrt über­rascht mich der Wet­ter­ein­bruch, vor mir ein rie­si­ger, wei­ßer Vor­hang, der aus dem Him­mel hängt und sich in weit aus­schwin­gen­den Wel­len zu bewe­gen scheint.

Der nächs­te Mor­gen ist klar, als ich in die Prä­rie hin­aus­fah­re, um dort das Auto irgend­wo ste­hen­zu­las­sen und ein paar Stun­den ganz nach Belie­ben in irgend­ei­ne Rich­tung zu gehen. Bald hin­ter der Stadt­gren­ze das Schild BELGRADE AMSTERDAM ONE MILE gibt mir gro­ßes Zutrau­en, dass ich mich in einer poe­ti­schen Welt befin­de, in der ich mich nicht ver­ir­ren kann, und als ich spä­ter auch noch auf ein ande­res Schild mit der Auf­schrift ONE MILE ROAD TWO MILES sto­ße, weiß ich, dass alles sei­ne Rich­tig­keit hat. Am Ende lan­de ich doch in dem aus­ge­schil­der­ten Buf­fa­lo Jump Sta­te Park und stei­ge vom Park­platz zu der Fels­klip­pe und dem Pla­teau­vor­sprung hin­auf, über den die India­ner noch vor zwei­hun­dert Jah­ren gan­ze Büf­fel­her­den in den Tod getrie­ben hat­ten.

Einen Elch­bul­len in die Knie zu
kämp­fen ist indes­sen angeb­lich noch nie­man­dem gelun­gen, aber bei dem Ver­such sind bis­lang immer­hin zwei Män­ner ums Leben gekom­men,
auch eine Art Fair­ness.

Ich bin in die­ser Jah­res­zeit der ein­zi­ge Besu­cher, und als ich oben anlan­ge, höre ich zuerst aus der Fer­ne und dann näher Schüs­se. Zu sehen ist nichts, zu sehen ist nie­mand, aber sie schei­nen aus allen Him­mels­rich­tun­gen zu kom­men, und einen Augen­blick über­le­ge ich, ob es nicht klug gewe­sen wäre, wenn ich mir in dem Sport- und Waf­fen­ge­schäft in Buf­fa­lo wenn schon kein Gewehr, so doch wenigs­tens eine die­ser signal­oran­ge­far­be­nen Schild­kap­pen gekauft hät­te. Das wür­de gewähr­leis­ten, dass mich nicht ein über­eif­ri­ger Spin­ner für Wild hielt oder dass er zumin­dest nicht mit der Aus­re­de durch­kom­men wür­de, er hät­te mich dafür gehal­ten. Der lächer­li­che Impuls dann, vor mir selbst so zu tun, als wür­de ich beschos­sen, und als wäre es nicht nur vor mir selbst, son­dern als hät­te ich ein applau­die­ren­des Publi­kum unter dem wei­ten Him­mel. Bei jedem neu­er­li­chen Kra­chen muss ich mich zurück­hal­ten, nicht mit einem Hecht­sprung Deckung zu suchen, bis ich am Ende in lau­tes Lachen aus­bre­che.

Am sel­ben Abend fällt mir in der Piz­ze­ria, zu der ich mich von mei­nem Hotel aus über ein Gewirr von Stra­ßen und halb­lee­ren Park­plät­zen durch­ge­schla­gen habe, ein Out­door-Maga­zin in die Hän­de, in dem in einem lan­gen und sich kun­dig geben­den Arti­kel dis­ku­tiert wird, bis zu wel­cher Distanz es noch ethisch sei, auf Wild­tie­re zu schie­ßen: „At what distance does taking a shot at an ani­mal beco­me une­thi­cal?“ Es wer­den unter­schied­li­che Waf­fen abge­han­delt, unter­schied­li­che Muni­ti­on, die Bal­lis­tik, der Ein­fluss des Win­des, und wenn ich es rich­tig ver­ste­he, geht es bei der soge­nann­ten KILL RATE um den Pro­zent­satz der sofort töd­li­chen Schüs­se. Auf wel­chen Wert soll man sich eini­gen, auf 70, 80 oder 90 Pro­zent? Wo beginnt die Tier­quä­le­rei? Und wie ver­hält es sich mit einem Genick­schuss aus aller­nächs­ter Nähe? Im sel­ben Heft ein Arti­kel über die Aus­rot­tung oder Bei­na­he-Aus­rot­tung der Büf­fel fast gleich­zei­tig mit der Bei­na­he-Aus­rot­tung der India­ner, im sel­ben Heft auch ein ande­rer Arti­kel über einen Nah­kampf­sport, bei dem man den Wild­tie­ren unbe­waff­net ent­ge­gen­tritt, weder Gewehr, noch Pfeil und Bogen, noch Mes­ser oder Speer. Man schleicht sich an das Tier an und ringt es mit sei­nen Hän­den nie­der, nimmt es in den Schwitz­kas­ten und zwingt es zur Auf­ga­be, lässt es sodann wie­der frei. Die Wör­ter, die die­ses Trei­ben recht­fer­ti­gen sol­len, sind „Nach­hal­tig­keit“ und „Fair­ness“. Die Fra­ge, wozu und war­um, ist wahr­schein­lich noch schwe­rer zu beant­wor­ten, als wenn man das Tier getö­tet hät­te, aber die stellt natür­lich nie­mand, und so sehen sich die Rehe und Hir­sche in den Rocky Moun­ta­ins immer häu­fi­ger die­sem neu­en Feind gegen­über, der es ach so gut mit ihnen meint. Einen Elch­bul­len in die Knie zu kämp­fen ist indes­sen angeb­lich noch nie­man­dem gelun­gen, aber bei dem Ver­such sind bis­lang immer­hin zwei Män­ner ums Leben gekom­men, auch eine Art Fair­ness.

But­te, Mon­ta­na, 31. Okto­ber
Schnee­trei­ben, den gan­zen Tag, in But­te, Mon­ta­na, einer Berg­ar­bei­ter­stadt, die bes­se­re Tage gese­hen hat, wie man so sagt, aber es sind auch jetzt gute Tage. Die Stra­ßen zum his­to­ri­schen Zen­trum stei­gen ziem­lich steil an, und auf dem Hügel an ihren obe­ren Enden ragen die auf­ge­las­se­nen För­der­tür­me zwi­schen den letz­ten Häu­sern ins Ver­schwom­me­ne. Es gibt eine Pla­ti­num, eine Dia­mond, eine Mer­cu­ry, eine Gale­na, eine Gra­ni­te, eine Quartz, eine Cop­per und eine Cale­do­nia Street, und sie kreu­zen sich mit dem übli­chen Broad­way, der Main Street, der Park Street. Gro­ße SUVs und Stra­ßen­kreu­zer wie in der hun­derts­ten Doku­men­ta­ti­on über Kuba crui­sen im Schritt­tem­po an einem vor­bei, und als hät­ten sie es so abge­spro­chen, taucht der eine immer erst auf, wenn der ande­re ver­schwun­den ist, Stra­ßen­kreu­zer auch in Hin­ter­hö­fen, auf­ge­bockt oder mit plat­ten Rei­fen, ein­ge­schla­ge­nen Schei­ben, und über­all in den win­zi­gen Vor­gär­ten Hun­de, bel­len­de Hun­de, für die ich wahr­schein­lich seit Unzei­ten der ers­te Frem­de bin.

Immer­hin: Wim Wen­ders was here,
und auch ich bin das gan­ze Jahr
nicht so glück­lich gewe­sen wie unter
der hei­ßen Dusche in mei­nem Hotel
in But­te, Mon­ta­na.

Es fällt mir nichts Bes­se­res ein, als das gan­ze Geviert abzu­ge­hen, jede Stra­ße von ihrem Anfang bis zu ihrem abseh­ba­ren Ende, und dann auch alle quer dazu ver­lau­fen­den Stra­ßen. Ver­las­se­ne Häu­ser hier und dort, zwei Pfand­leih­häu­ser, die Gold und Waf­fen in Zah­lung neh­men, das berühm­te Fin­len Hotel über­heizt, wo im Foy­er Vor­be­rei­tun­gen für eine Hal­lo­ween-Par­ty getrof­fen wer­den, eine Buch­hand­lung mit zwei älte­ren Buch­händ­le­rin­nen, die mich so nach­drück­lich zum Blei­ben auf­for­dern, dass ich mir sofort ein Blei­ben für immer aus­ma­le, als ich durch­nässt bei ihnen ein­tre­te – und schließ­lich gehe ich zu der rie­si­gen Bau­gru­be vor, in der bis in die frü­hen Acht­zi­ger­jah­re Kup­fer abge­baut wor­den ist. Das Gelän­de ist weit­räu­mig abge­sperrt, und man kommt nur durch einen schma­len Tun­nel auf eine Besu­cher­platt­form und steht dann vor die­sem geflu­te­ten Loch, einer grün­li­chen, schwe­fel­sau­ren Brü­he, aus der gif­ti­ge Dämp­fe auf­stei­gen. Die Län­ge soll mehr als ein­ein­halb Kilo­me­ter betra­gen, die Brei­te fast einen Kilo­me­ter, aber ich kann im Dunst und mit den Flo­cken in der Luft kein Ufer erken­nen und wür­de mich nicht wun­dern, wenn die Aus­deh­nung noch viel grö­ßer wäre. Vor zwan­zig Jah­ren soll ein Schwarm Schnee­gän­se in dich­tem Schnee­fall die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren haben und auf dem Was­ser gelan­det sein, und nur ein paar Tage spä­ter, fest­ge­hal­ten durch schlech­te Sicht und noch mehr Schnee, waren meh­re­re hun­dert von ihnen tot.

Nicht weit ent­fernt ist eine klei­ne­re Gru­be noch in Betrieb, und von der vor­bei­füh­ren­den Stra­ße aus sehe ich hoch über mir rie­si­ge Last­wa­gen auf einem Kamm hin- und her­fah­ren, im auf­zie­hen­den Nebel wie frei schwe­bend in der Luft, nur ihr Lärm ist so nah, dass ich mich unwill­kür­lich umwen­de. Auf dem Rück­weg zum Hotel dann nicht nur kei­ne Men­schen­see­le auf der Stra­ße, was nor­mal wäre, son­dern auch die Autos, als wür­den sie ohne Fah­rer und ohne Mit­fah­rer nur die Rea­li­tät einer leben­di­gen Stadt simu­lie­ren, und spä­ter am Abend im Kino in der Shop­ping Mall bin ich in einem Audi­to­ri­um mit annä­hernd drei­hun­dert Sitz­plät­zen der ein­zi­ge Besu­cher. Immer noch in der euro­päi­schen Zeit lebend, ver­schla­fe ich den Film fast zur Gän­ze, First Man über Neil Arm­strong und die ers­te Mond­lan­dung, und als ich gegen Mit­ter­nacht durch einen Hin­ter­aus­gang ins Freie gespuckt wer­de, muss ich um den gan­zen Gebäu­de­kom­plex her­um, um mei­nen Weg zu fin­den, und über­que­re hekt­ar­gro­ße Park­plät­ze, auf denen nur ganz ver­ein­zelt Autos ste­hen. Es schneit immer noch, und in die­sem Augen­blick hät­te ich nicht ein­mal auf dem Mond wei­ter weg von allen Men­schen sein kön­nen, und viel­leicht bin ich zudem über­haupt der letz­te Besu­cher die­ser rie­si­gen Shop­ping Mall gewe­sen. Denn am Mor­gen dar­auf lese ich in der loka­len Zei­tung, dass dort nach etli­chen Geschäfts­schlie­ßun­gen in jüngs­ter Zeit soeben wie­der ein Geschäft geschlos­sen hat, und ich kann mir vor­stel­len, wie dem­nächst die Bag­ger und Bull­do­zer anrol­len, den gan­zen Krem­pel zusam­men­schie­ben und in der stin­ken­den Bau­gru­be ver­sen­ken.

Auf der Toi­let­te der High School, auch das steht in der Zei­tung, ist ein Zet­tel gefun­den wor­den mit der Ankün­di­gung eines „Mass Shoo­tings“. Natür­lich kann man auch etwas kunst­re­li­gi­ös Pit­to­res­kes in all dem sehen, immer­hin: Wim Wen­ders was here, und auch ich bin das gan­ze Jahr nicht so glück­lich gewe­sen wie unter der hei­ßen Dusche in mei­nem Hotel in But­te, Mon­ta­na, als ich mich nach den vie­len Stun­den drau­ßen lan­ge nicht habe ent­schei­den kön­nen, ob der Schmerz in mei­nen erfro­re­nen Fin­gern noch Schmerz war oder schon Wohl­be­ha­gen, und am liebs­ten für immer in die­sem Zwi­schen­zu­stand ver­blie­ben wäre.

Mis­sou­la, Mon­ta­na, 1. Novem­ber
Wie sehr ich dei­nen Namen lie­be, Mis­sou­la! Dau­er­re­gen. Es soll eine Soft­ball-Mann­schaft hier gege­ben haben oder immer noch geben, die „The Mon­ta­na Review of Books“ gehei­ßen hat oder heißt, weil einer ihrer Spie­ler Schrift­stel­ler war. Wenn es stimmt, ist das eine schö­ne Abwei­chung ins Phan­tas­ti­sche, denn die Foot­ball-Mann­schaft der Uni­ver­si­tät nennt sich, wohl deut­lich näher an der Rea­li­tät, „Mon­ta­na Grizz­lies“. Die berühm­tes­te Buch­hand­lung der Stadt heißt „Fact and Fic­tion“, es gibt ein über die Regi­on hin­aus bekann­tes Crea­ti­ve-Wri­ting-Pro­gramm, und nach allem, was man in ein paar Stun­den wahr­neh­men kann, ist hier noch eine der letz­ten Enkla­ven, in denen man die ewig sinn­stif­ten­de Ver­bin­dung von Lite­ra­tur und Alko­hol fei­ert, Bil­der von grim­mig aus­se­hen­den Lyri­kern mit zer­schla­ge­nen Boxer­ge­sich­tern und über­haupt har­ter Scha­le, wei­chem Kern, Was­ser­lö­cher, die damit wer­ben, dass sich dort die oder die Berühmt­heit den Kopf schwind­lig getrun­ken hat. „Stay warm“, sagt die Frau an der Hotel­re­zep­ti­on, „stay warm“ die Buch­händ­le­rin und „stay warm“ auch die Ver­käu­fe­rin im Cof­fee Shop, als ich in den Regen hin­aus­tre­te, ein Zufall wohl, aber ich bil­de mir gern ein, dass sich das hier, gar nicht so weit von der kana­di­schen Gren­ze, als all­täg­li­cher Gruß durch­ge­setzt hat, viel­leicht zuerst nur im Win­ter, dann aber auch im Som­mer, „stay warm“, will sagen „stay ali­ve“.

Ich habe mich zu Hau­se damit
lächer­lich gemacht, dass ich gesagt habe, ich wür­de am liebs­ten
rei­ten ler­nen, um wenigs­tens
ein­mal auf einem Pferd in die
Prä­rie hin­aus­zu­tra­ben.

Der anhal­ten­de Regen treibt mich auch in das Art Muse­um, und dort steue­re ich direkt auf ein Bild zu, ein Foto, und kann schon nach ein paar Augen­bli­cken die Emp­fin­dung nicht mehr zurück­hal­ten, ich hät­te die gan­ze Rei­se nur wegen die­ses Bil­des unter­nom­men. Dar­auf läuft ein Mäd­chen, wahr­schein­lich drei­zehn- oder vier­zehn­jäh­rig, mit sei­nem Hund vor der offe­nen Prä­rie, nur das Relikt eines Zau­nes, dahin­ter gel­bes Gras, ein grau­er Him­mel, die Andeu­tung einer Berg­ket­te am Hori­zont, eine Land­schaft, wie sie nicht typi­scher für wei­te Tei­le von Wyo­ming und Mon­ta­na sein könn­te. Es ist ein kräf­ti­ges, fast unauf­halt­sa­mes Lau­fen, das dunk­le Haar des Mäd­chens weht in einem lan­gen Schweif hin­ter ihm her, und noch bevor ich mich in der Bro­schü­re zur Aus­stel­lung ver­ge­wis­sert habe, ahne ich, sie ist Nati­ve Ame­ri­can. Viel­leicht des­halb die­se Aus­strah­lung, die­se Stär­ke, die­se Ein­sam­keit, die­se Frei­heit, die­se Gewiss­heit womög­lich, über eige­nes Land zu lau­fen, wie weit auch immer sie lie­fe und wer auch immer sich ein­bil­de­te, es gehö­re ihm. Auf ihrem T‑Shirt kann man, von der Sei­te gese­hen, zwei Buch­sta­ben erken­nen, ein C und ein A, die ich in mei­nem Kopf zu CANADA ergän­ze.

Ich habe mich zu Hau­se damit lächer­lich gemacht, dass ich gesagt habe, ich wür­de am liebs­ten rei­ten ler­nen, um wenigs­tens ein­mal auf einem Pferd in die Prä­rie hin­aus­zu­tra­ben, bevor es zu spät ist, ein müder Wunsch, nur halb ernst gemeint, aber halb eben doch, ein Alt­her­ren­wunsch, den sich jeder Luxus-Rent­ner aus dem Ruhr­ge­biet auf einer Tou­ris­ten­ranch erfül­len kann, wenn er ein paar Tau­sen­der übrig hat, aber jetzt wür­de es mir schon genü­gen, in das Bild hin­ein­zu­stei­gen und neben dem Mäd­chen und dem Hund her­zu­lau­fen, bis mein Herz in Brü­che geht. Ich blei­be dann sicher eine hal­be Stun­de davor ste­hen und wen­de mei­nen Blick nicht von ihm ab. Sein Titel ist „Cedar n’ Roscoe run“, der Foto­graf heißt Ste­phen Hunt, und sein ande­rer Name lau­tet Fly­ing Eagle.

Auf dem Weg nach Ellen­sburg, Washing­ton, 2. Novem­ber
Außer­halb von Spo­ka­ne, Washing­ton, die Ber­ge end­lich hin­ter mir und wie­der in der offe­nen Prä­rie und der Pazi­fik nicht mehr weit, im Radio: „You shoot me down, but I won’t fall, I am tita­ni­um.“ Ich dre­he die Laut­stär­ke hoch, um das Lied zu hören, las­se auf bei­den Sei­ten die Fens­ter her­un­ter, schaue in den Rück­spie­gel und dann die gan­ze Län­ge den schnur­ge­ra­den High­way nach vorn und drü­cke aufs Gas. Die Beschrän­kung an der Stel­le ist 70 Mei­len, und als ich 120 oder sogar 125 Mei­len erreicht habe, hüpft der klei­ne Wagen wie ein jun­ges Foh­len, das end­lich los­ge­las­sen wird.

Sie lau­ern hin­ter Brü­cken­pfei­lern und in Sen­ken, und ich habe auf der Fahrt mehr­fach gese­hen, wie sich ein High­way Tro­o­per in Bewe­gung gesetzt hat, zuerst lang­sam, wie unab­sicht­lich, und plötz­lich die­ses Weih­nachts­baum­ge­fla­cker, rot und blau und grün und gelb, und die Sire­ne. Drei Minu­ten, viel­leicht vier, solan­ge das Lied dau­ert, küm­me­re ich mich um kei­ne Beden­ken und schie­ße so dahin. Lächer­lich, ja. Und noch lächer­li­cher, weil ich es womög­lich nur tue, um es danach wahr­heits­ge­mäß fest­hal­ten zu kön­nen. Und am lächer­lichs­ten, weil ich es unter Umstän­den gar nicht getan habe und erfin­de als ewi­ge Halb­star­ken­ge­schich­te und Reve­renz an mei­ne wil­de Jugend in den Ber­gen.

Wenn ich ange­hal­ten wür­de, stel­le ich mir vor, wür­de ich dem Offi­cer ent­ge­gen­sin­gen: „Fire away! Fire away!“, und er wür­de sich davon bezwin­gen las­sen, sei­ne schon gezo­ge­ne Waf­fe wie­der ein­ste­cken, sich neben mich stel­len und mit­sin­gen, und das wäre der Beginn eines blöd­sin­ni­gen Musi­cals, in dem am Ende Dut­zen­de von Wagen am Stra­ßen­rand geparkt ste­hen und die Fah­rer Arm in Arm davor auf­ge­reiht sind und ihren Pro­test zu guter Letzt nicht mehr an einen Men­schen rich­ten, weil der sich sofort ein­rei­hen und mit­ma­chen wür­de, son­dern an den Him­mel, wer auch immer sich dort ver­schanzt haben mag: „You shoot me down, but I won’t fall, I am tita­ni­um.“ Eine der schöns­ten Ver­sio­nen des Lie­des singt Chris­ti­na Grim­mie. Sie ist am 10. Juni 2016 nach einem Kon­zert in Orlan­do, Flo­ri­da, von einem angeb­lich geis­tig ver­wirr­ten Täter erschos­sen wor­den.

Ellen­sburg, Washing­ton, 2. Novem­ber
Sie schä­men sich für ihren Prä­si­den­ten, die bei­den Pro­fes­so­rin­nen und der Mann der einen, mit denen ich in einer Wein­bar in Ellen­sburg, Washing­ton, ins Gespräch kom­me und die mich schließ­lich zu sich nach Hau­se ein­la­den. Es gibt das bes­se­re Ame­ri­ka, es gibt das gute Ame­ri­ka, und es gibt ein Ame­ri­ka, von dem wir im Guten wie im Schlech­ten so wenig ver­ste­hen. Der abwe­sen­de Mann der ande­ren ist bei der Air Force, dort zustän­dig für die Besei­ti­gung von nuklea­rem Abfall, den die Ame­ri­ka­ner in Eng­land hin­ter­las­sen haben, und die Quiches, die wir essen, hat er am Tag davor sel­ber zube­rei­tet, „lie­be­voll“ wäre das feh­len­de Wort, das allein schon in die­ser Kom­bi­na­ti­on bei so man­chen unse­rer Beob­ach­ter zu Hau­se die War­nung ERROR! ERROR! ERROR! her­vor­ru­fen wür­de, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, eine libe­ra­le Pro­fes­so­rin und ein nuklea­rer Air-Force-Mann.

Der Mann der ande­ren ist
Haus­mann und hört nicht auf,
von der Klug­heit sei­ner Frau zu
schwär­men, als könn­te er sein Glück nicht fas­sen, sein Leben an der Sei­te einer Pro­fes­so­rin zubrin­gen
zu dür­fen.

Sie, in ihren spä­ten Sech­zi­gern und ein Che-Gue­va­ra-Barett auf dem Kopf, das auf hun­dert Meter gegen den Wind signa­li­siert, wo sie steht, ist in Spa­ni­en und Eng­land auf­ge­wach­sen und spricht von ihrem Vater, der im Zwei­ten Welt­krieg in Frank­reich gekämpft hat, Trä­ger eines Pur­ple Heart ist und spä­ter als Armee­geist­li­cher für die Über­stel­lung von Gefal­le­nen aus Über­see ver­ant­wort­lich war. Ich erfah­re die merk­wür­digs­ten Din­ge von ihr, wie etwa, dass bei Flug­li­ni­en, die damals die Lei­che eines Sol­da­ten im Fracht­raum mit­nah­men, der ganz nor­ma­le Preis für einen Leben­den zu ent­rich­ten war, gera­de so, als säße sie „quietsch­fi­del“ irgend­wo mit­ten unter den ande­ren Pas­sa­gie­ren.

Die Pro­fes­so­rin erzählt, wie ihr Vater auch die Über­stel­lung ihres toten klei­nen Bru­ders von Texas nach Wis­con­sin orga­ni­siert hat und wie sie auf der Fahrt durch fünf Bun­des­staa­ten als zwölf­jäh­ri­ges Mäd­chen neben dem Sarg geses­sen ist, als wäre es nur eine der vie­len Aus­flugs­fahr­ten, die sie so oft unter­nom­men hat­ten. Ihre Augen in die­sem Augen­blick, die Augen einer nicht mehr jun­gen Frau, die Augen eines Mäd­chens, das nie älter gewor­den ist als zwölf.

Der Mann der ande­ren ist Haus­mann und hört nicht auf, von der Klug­heit sei­ner Frau zu schwär­men, als könn­te er sein Glück nicht fas­sen, sein Leben an der Sei­te einer Pro­fes­so­rin zubrin­gen zu dür­fen. Er sagt, dass er eigent­lich nicht lese, aber dass er jetzt damit begon­nen habe, um sie nicht zu ver­lie­ren, schließ­lich habe sie Ansprü­che. Er hat sich eine Lis­te mit den fünf­zig wich­tigs­ten Roma­nen besorgt und will sie sich einen nach dem ande­ren vor­neh­men, um ihr wei­ter­hin auf Augen­hö­he begeg­nen zu kön­nen, und anfan­gen wird er viel­leicht mit Ray­mond Car­ver, der eine Wei­le in der Nähe gelebt hat.

Wir trin­ken kali­for­ni­schen Wein, und als ich auf­bre­che, ist es lan­ge nach Mit­ter­nacht. Vor dem Hotel sind alle Park­plät­ze belegt, und ich muss einen Platz in den Stra­ßen dahin­ter suchen und brau­che am nächs­ten Tag eine hal­be Ewig­keit, um mein Auto wie­der­zu­fin­den. Es steht ver­we­gen auf den Geh­steig geschrammt da, ein Flucht­fahr­zeug, des­sen Fah­rer sich zu Fuß in die Büsche geschla­gen haben muss, und ich könn­te schwö­ren, dass nicht ich es gewe­sen bin, der es so abge­stellt hat.

Seat­tle, Washing­ton, 3. Novem­ber
Auf dem Weg vom Flug­ha­fen, wo ich mein Miet­au­to abge­ge­ben habe, setzt sich in der Bahn Rich­tung Zen­trum eine jun­ge Frau neben mich, holt eine Klad­de her­vor und beginnt augen­blick­lich zu notie­ren: LOCATION NORTH BOUND TRAIN, ca. 2:30 – 3:00. Sie ist höchs­tens zwan­zig, eine Haar­lo­cke fällt ihr immer wie­der über die Augen, sie streicht sie zurück und blickt sich mit ihren dicken Bril­len um. Schnell ist klar, dass sie minu­ti­ös die kleins­te Klei­nig­keit auf­zeich­net, die sie sieht, und die drei Mäd­chen an der Tür, die sich alle an der Hal­te­stan­ge fest­hal­ten und nicht mit­ein­an­der spre­chen, gera­ten eben­so in ihren Fokus wie der Mann schräg gegen­über, der sein Buch zuge­schla­gen, die Augen geschlos­sen hat, oder der ande­re im Roll­stuhl, der zwang­haft in einem fort zen­ti­me­ter­wei­se vor- und wie­der zurück­rollt. Ich schie­le immer unge­nier­ter zu ihr hin­über und lese, was sie fest­hält. Sie schaut aus dem Fens­ter und schreibt: „So many was­te shops around here.“ Dann schreibt sie: „Liam, ele­men­ta­ry school age, holds a cold bevera­ge.“ Dann: „Train is now ente­ring Colum­bia City Sta­ti­on.“ Dann: „I could only tell, what Scott and the woman next to him loo­ked like.“ Dann: „Aaron and Joseph, both.“ Dann: „Scott now talks to Lau­ren. Lau­ren: O‑my-God-remarks“, und ich höre die blond­ge­lock­te, mit­tel­al­te Frau neben dem unschein­ba­ren Bart-und-Bril­len­trä­ger zwei Rei­hen wei­ter im sel­ben Augen­blick aus­ru­fen: „O my God!“ Offen­sicht­lich hat die Schrei­ben­de ange­fan­gen, den in unse­rer Nähe Sit­zen­den Namen zuzu­wei­sen. Sie hebt den Kopf, und in der spie­geln­den Trenn­schei­be direkt vor uns tref­fen sich einen Moment unse­re Bli­cke, wäh­rend ich mein Notiz­buch her­vor­zie­he, um selbst mit dem Auf­schrei­ben zu begin­nen, und mich nicht dar­um küm­me­re, wie sie das auf­nimmt. Ich weiß jetzt, wer Liam ist, ich weiß, wer Scott ist, ich weiß, wer Aaron und Joseph sind, zwei sich auf ver­blüf­fen­de Wei­se ähn­lich sehen­de Stu­den­ten mit schüt­te­rem Haar und Skate­boards unter ihren Armen, und ich weiß, wer Lau­ren ist, aber ich weiß nicht, wer die jun­ge Frau neben mir ist, die die­ses selt­sa­me Pro­to­koll führt. Sie erin­nert mich an mei­nen Lek­tor in Mün­chen, nur ist sie noch wacher, noch jün­ger, noch klü­ger viel­leicht, und mir wird bewusst, dass ich auf den Augen­blick war­te, in dem sie über mich schreibt: „Old guy next to me, sta­ring at my notes. What the fuck does he think! I have no name for him. He doesn’t fit into my novel“, aber den Gefal­len tut sie mir nicht. Sie schlägt ihre rote Flü­gel­map­pe zu, auf der in gro­ßen Filz­stift­buch­sta­ben MISC. PAPER FOLDER steht, und schaut nicht auf, als ich aus­stei­ge, schaut auch nicht auf, als ich auf dem Bahn­steig war­te, bis der Zug wie­der anfährt, um noch einen Blick auf sie zu erlan­gen.

Seat­tle, Washing­ton, 4. Novem­ber
Im Hotel im Auf­zug fragt mich nach dem Früh­stück ein Mann, blau-gel­be Schild­kap­pe auf dem Kopf, blau-gel­bes Sweat­shirt, blau-gel­ber Schal, ob ich auch zu dem Spiel gin­ge, ich weiß von kei­nem Spiel, aber drei Stun­den spä­ter sit­ze ich auf mei­nem Platz, Sec­tion 333, Row MM, Seat 20 im Cen­tu­ry­link Field, und es spie­len

SEATTLE SEAHAWKS
VS.
LOS ANGELES CHARGERS

ein ein­zi­ges Cheer­lea­der-Geflir­re und Geflat­ter, Salut­schüs­se, Flam­men­wer­fer in den grau­en Novem­ber­him­mel, bevor es los­geht

12:57 MOMENT OF SILENCE
12:58 NATIONAL ANTHEM
13:05 KICKOFF

eine wil­de Bal­ge­rei um einen Ball, gro­ße Kin­der, die sich dann wie­der trä­ge wie auf einem ande­ren Pla­ne­ten mit einer ande­ren Schwer­kraft bewe­gen, im Publi­kum ein Gebrüll mit vor­ge­reck­ten Fäus­ten, ein Geschrei, GET LOUD! auf der Anzei­ge­ta­fel, stets von neu­em GET LOUD!, obwohl es schon uner­träg­lich laut ist, GET LOUD!, ein Schlacht­ruf schrill und unaus­halt­bar auf­ge­la­den für unse­re Ohren

SEEEEEEEA – HAWKS!
SEEEEEEEA – HAWKS!
SEEEEEEEA – HAWKS!

und ich ver­su­che ver­geb­lich die Auf­stel­lung zu notie­ren, weil das dann ein Gedicht wäre, nach Peter Hand­kes „Auf­stel­lung des 1. FC Nürn­berg vom 27.1.1968“, erha­sche jedoch nur ein paar Namen

52 ELLERBEE
16 LOCKETT
76 DUANE BROWN
89 BALDWIN
4 DICKSON
3 WILSON
54 WAGNER
28 COLEMAN
18 JARON BROWN
20 PENNY
53 HUNT
93 JACKSON
26 GRIFFIN
24 LUANI
83 MOORE
33 THOMPSON

und hal­te mich mit mei­nen Bli­cken am Shirt einer Frau ein paar Rei­hen vor mir fest, mit dem unsterb­li­chen

16 JOE MONTANA

des­sen gro­ße Zeit längst vor­bei ist und der auch nie für die Seat­tle Sea­hawks gespielt hat, son­dern in sei­nen bes­ten Jah­ren für die San Fran­cis­co 49ers, bei denen es ihm zu Ehren die Num­mer 16 seit­her nicht mehr gibt.

 

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Am 22. Juli erscheint sein neu­er Roman Als ich jung war bei Han­ser.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2018 – 12. Dezem­ber 2018

Online seit: 10. Juni 2019

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Online seit: 10. Juni 2019

Zuletzt geän­dert: 12. Juni 2019