Fragebogen: Wiebke Porombka

„Die Ver­zagt­heit in der lite­ra­tur­kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung wird auf Dau­er die eige­ne Bedeu­tungs­lo­sig­keit pro­vo­zie­ren.“ – Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Sich nicht im kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Lamen­to ein­zu­mum­meln, son­dern die ästhe­ti­sche und intel­lek­tu­el­le Frei­heit, die noch immer das gro­ße Pri­vi­leg der Lite­ra­tur­kri­tik ist, zu fei­ern und frucht­bar zu machen.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Ein wesent­li­ches Pro­blem scheint mir die ver­brei­te­te Angst vor der pre­kä­ren Lage der Buch­kul­tur und des Feuil­le­tons. Dar­aus resul­tiert eine Ver­zagt­heit in der lite­ra­tur­kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung, die auf Dau­er die eige­ne Bedeu­tungs­lo­sig­keit pro­vo­zie­ren wird.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?
Fatal wäre, wenn man das lite­ra­tur­theo­re­ti­sche Stu­di­um aus mei­nen Tex­ten her­aus­le­sen wür­de. Nichts schlim­mer als Kri­ti­ker und Kri­ti­ke­rin­nen, die ihre Rezen­sio­nen zur intel­lek­tu­el­len Selbst­be­weih­räu­che­rung nut­zen.

Wiebke Porombka © Jakob Börner

Wieb­ke Porombka: Lite­ra­tur­kri­tik als Uni­ver­sal­wis­sen­schaft des Lebens.
Foto: Jakob Bör­ner

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Danie­la Stri­gl für gedank­li­che Schär­fe und Wage­mut. Hel­mut Böt­ti­ger für Kennt­nis­reich­tum und tro­cke­nen Witz. Und ich schät­ze mich glück­lich über Kri­ti­ker und Kri­ti­ke­rin­nen mei­ner Gene­ra­ti­on – wie Insa Wil­ke, Tobi­as Lehm­kuhl, Jut­ta Per­son, Oli­ver Jun­gen, Kat­ja Gas­ser, Anne-Dore Krohn, Ulrich Rüde­nau­er, Jan Wie­le oder David Hugen­dick –, mit denen eine glei­cher­ma­ßen fun­dier­te, kon­tro­ver­se wie ein­an­der und dem Gegen­stand zuge­wand­te Aus­ein­an­der­set­zung nicht nur mög­lich, son­dern selbst­ver­ständ­lich ist.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Es kön­nen kaum je genug sein. Zugleich aber macht auch eine noch so umfang­rei­che Lek­tür­elis­te nicht auto­ma­tisch einen guten Kri­ti­ker oder eine gute Kri­ti­ke­rin aus. Das Ver­mö­gen, einen Text nicht nur ästhe­tisch und intel­lek­tu­ell beur­tei­len und sym­pto­ma­ti­sie­ren zu kön­nen, son­dern – was ich für einen wesent­li­chen Bestand­teil der Kri­tik hal­te – einen empha­ti­schen Zugang zu ihm zu ent­wi­ckeln (der durch­aus auch eine Aver­si­on sein kann), beruht nicht auf Erfah­rung, son­dern ist einem Leser, einer Lese­rin als (zwischen-)menschliche Kom­pe­tenz gege­ben. Oder eben lei­der auch nicht.

Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Wie vie­le Bücher ich gele­sen habe, ver­mag ich beim bes­ten Wil­len nicht zu sagen. Aber ich arbei­te täg­lich dar­an, die Bilanz zu ver­bes­sern.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Eine nied­ri­ge drei­stel­li­ge Zahl wird es wohl sein.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15 ging es nicht pri­mär um Lite­ra­tur, son­dern um Revo­lu­ti­on: Baku­nin, die Tage­bü­cher Dutsch­kes und Che Gue­va­ras. Aber natür­lich lagen neben dem Bett Jim Mor­ri­sons Gedich­te. Heu­te schät­ze ich Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen, wenn sie annä­hernd so böse, so tief­trau­rig und melan­cho­lisch, so men­schen­freund­lich und prä­zi­se beob­ach­tend, so hoch­alb­ern und fein­ner­vig sind wie der frü­he Joseph Roth.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Wenn man Lite­ra­tur­kri­tik als eine klei­ne Uni­ver­sal­wis­sen­schaft des Lebens begreift, was ja eine schö­ne Vor­stel­lung ist, kommt man zwangs­läu­fig zu der Ant­wort: nichts.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Ich hof­fe, dass in mei­ne Kri­ti­ken der Pro­zess der Mei­nungs­bil­dung immer mit ein­ge­schrie­ben und als sub­jek­ti­ver trans­pa­rent ist, sodass ein grund­le­gen­des Revi­die­ren wohl nicht vor­kommt, statt­des­sen aber not­wen­dig ein Fort- und Umden­ken bei neu­er­li­cher Lek­tü­re.

* * *

Wieb­ke Porombka, gebo­ren 1977 in Bre­men, arbei­tet als freie Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin unter ande­rem für Die Zeit und die FAZ.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2018 – 10. Dezem­ber 2018

Online seit: 9. April 2019

Online seit: 9. April 2019

Zuletzt geän­dert: 9. Apr. 2019