Ein Spendenaufruf des Brenner Archivs Innsbruck im Jahre 2066* des Herrn

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

in memo­ri­am F. H. (1966–2016)

Lie­be Lands­leu­te in Nord‑, Ost- und Süd­ti­rol,
lie­be Brü­der und Schwes­tern in den ange­glie­der­ten lom­bar­di­schen, tren­ti­ni­schen, vene­ti­schen und car­in­thisch-fri­au­li­schen Regio­nen,
lie­be Freun­de des treff­li­chen Wor­tes auch anders­wo auf der Welt,

unter den aus dem Nach­lass des Schrift­stel­lers Nor­bert Gst­rein bei Sotheby’s zur Ver­stei­ge­rung anste­hen­den Schrift­stü­cken fin­det sich auch die auf der Neben­sei­te als Fak­si­mi­le abge­druck­te Urkun­de. Die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bi­blio­thek will dafür drei Mil­lio­nen neue Schil­ling bereit­stel­len, umge­rech­net in den ent­spre­chen­den Pfund- Norbert Gstrein - Spendenaufrufoder Dol­lar­be­trag, ver­steht sich. Es sieht aber so aus, als wür­de die Uni­ver­si­ty of Dela­ware, wo die Papie­re des ame­ri­ka­ni­schen Beat-Poe­ten Alan Kauf­man auf­be­wahrt wer­den und die auch den Brief­wech­sel zwi­schen dem zu Beginn des jüngs­ten euro­päi­schen Bür­ger­krie­ges ver­schol­le­nen öster­rei­chi­schen Autors und Alan Kauf­man erstei­gert hat, ein höhe­res Ange­bot machen. Auch die Stan­ford Uni­ver­si­ty in Kali­for­ni­en, wo er Ende der acht­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ein knap­pes Jahr als soge­nann­ter Visi­ting Scho­lar ver­bracht hat, bie­tet mit und hat eine Bitt­schrift an ihre zum Teil mil­li­ar­den­schwe­ren Alum­ni ver­sandt. Sie wür­de das Doku­ment in ihre berühm­te „Biblio­thek für Außer­ir­di­sche“ auf­neh­men, die zwei Mal im Jahr mit ihren Rake­ten die wert­volls­ten Tei­le ihres Bestan­des ins Welt­all beför­dert. Zudem möch­te ein pri­va­ter, auf Anony­mi­tät bestehen­der Geld­ge­ber, angeb­lich aber eine dubio­se Figur mit Ver­bin­dun­gen zu Dro­gen- und Waf­fen­händ­lern auf meh­re­ren Kon­ti­nen­ten, die Kost­bar­keit für das natio­na­le Archiv des Lan­des erwer­ben, in dem sie aus­ge­stellt wor­den ist und wo sich auch das Ori­gi­nal in der Ori­gi­nal­spra­che befin­det. Das Robert-Musil-Insti­tut, i.e. Kärnt­ner Lite­ra­tur­ar­chiv in Kla­gen­furt, könn­te sich vor­stel­len, das Expo­nat auf neun­und­neun­zig Jah­re feu­er- und was­ser­si­cher ein­zu­la­gern, wenn es mit kei­nen zusätz­li­chen Kos­ten für das nun­mehr seit fast einem Drei­vier­tel­jahr­hun­dert nicht nur öko­no­misch her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­te Land Kärn­ten ver­bun­den wäre. Im Gegen­zug kann die Dop­pel-Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt gemein­sam mit dem ange­schlos­se­nen Alpen-Adria-Col­lege den Erben des Autors eine post­hu­me Ehren­pro­mo­ti­on, also den begehr­ten „Dok­ta in Klognfuat“, und die post­hu­me Auf­nah­me in den car­in­thi­schen Lind­wurm-Orden anbie­ten – selbst­ver­ständ­lich nur, sofern sie das wol­len, Bedin­gung ist es kei­ne. Außer­dem wür­de sie eine wis­sen­schaft­li­che, mit den moderns­ten Schwarm­ver­fah­ren sprach­lo­gisch und kom­pa­ra­tis­tisch-sta­tis­tisch auf­be­rei­te­te Bear­bei­tung des Schrift­stücks vor­neh­men und dafür einen wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter oder bei glei­cher Qua­li­fi­ka­ti­on vor­züg­lich eine wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin ein­stel­len und für die Dau­er des Pro­jekts groß­zü­gi­ge Umwid­mun­gen in ihrem engen Bud­get durch­set­zen. Sie weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass eine ers­te Begut­ach­tung ihrer zwei­spra­chi­gen Exper­ten nach Rück­spra­che mit den Kol­le­gen im ehe­ma­li­gen Ljublja­na, jetzt wie­der Lai­bach, die Ver­mu­tung nahe­legt, dass es sich bei dem Text der Urkun­de um eine Über­set­zung aus dem Slo­we­ni­schen han­deln könn­te und dass die gan­ze Cho­se daher in ihren Kom­pe­tenz­be­reich fällt. Der ein­zi­ge emo­tio­nal rich­ti­ge Ort dafür aber wäre den­noch das Bren­ner Archiv Inns­bruck, das jedoch lei­der auch nicht über die ent­spre­chen­den Geld­mit­tel ver­fügt. Es ist eine in der Wis­sen­schaft – sowohl in der Ger­ma­nis­tik als auch in der Aus­tria­zis­tik und Tiro­lis­tik – viel zu wenig gewür­dig­te Tat­sa­che, dass der Autor, immer­hin Trä­ger der Edu­ard-Wallnöfer-Medail­le (Abtei­lung Kul­tur) in Gold und in Sil­ber, in unse­rer schö­nen Stadt sei­ne Geburt als Schrift­stel­ler erlebt hat und von unse­rer wun­der­ba­ren Berg­ku­lis­se zu sei­nen ers­ten Gedich­ten inspi­riert wor­den ist.** Des­halb ergeht ein Spen­den­auf­ruf an die geneig­te lite­ra­ri­sche Öffent­lich­keit. Jeder an das ange­führ­te Kon­to über­wie­se­ne Betrag ist will­kom­men, um die­sen ein­ma­li­gen Beleg für den hohen Stel­len­wert, den die hei­mi­sche Lite­ra­tur zu Anfang die­ses Jahr­hun­derts im Aus­land genos­sen hat, in den Besitz des Lan­des Tirol zu brin­gen. Mit Beginn der neu­en Sub­ven­ti­ons­pe­ri­ode sind mei­ne bei­den Kol­le­gin­nen Mag.a Ber­na­dette Pfurtschel­ler-Türk und Mag. Fer­idun Ober­kof­ler per Not­ver­ord­nung laut mehr­fach revi­dier­tem Beam­ten­dienst­ge­setz in den Zwangs­ru­he­stand ver­setzt wor­den. Also mel­de ich mich mit umso grö­ße­rer Dring­lich­keit im Jah­re 2066 des Herrn als letz­te ver­blei­ben­de Mit­ar­bei­te­rin und gleich­zei­ti­ge Lei­te­rin unse­rer so lan­ge blü­hen­den Insti­tu­ti­on aus den bom­ben­si­che­ren Lagern in den Morä­nen des frü­he­ren Stu­bai­er Glet­schers und bit­te um Ihr Wohl­wol­len, Ihre Soli­da­ri­tät und Ihr Geld.

Zu Man­tua in Ban­den***
Mag.a Iris Unter­kir­cher-Mus­ta­fi

Über­wei­sun­gen bit­te an Bren­ner Archiv Inns­bruck
IBAN: AT65 .….…
BIC: SPIHAT22

(*) In die­sem welt­weit als Bola­ño-Jahr gefei­er­ten Jahr rich­tet das Bren­ner Archiv Inns­bruck gemein­sam mit der UNAM (Uni­ver­si­dad Nacio­nal Autó­no­ma de Méxi­co) unter dem Titel „Blei­ben oder Gehen. Hei­mat oder Exil. Die eine Höl­le oder die ande­re“ ein Sym­po­si­um aus, bei dem es um den Ein­fluss Rober­to Bola­ños auf die Tiro­ler Lite­ra­tur (Nord‑, Ost- und Süd­ti­rol unter Berück­sich­ti­gung der tren­ti­ni­schen Exkla­ven) und um den Ein­fluss der Tiro­ler Lite­ra­tur auf Rober­to Bola­ño gehen soll. Den Eröff­nungs­vor­trag „Hei­mat ist für mich immer noch ein Blut­be­griff“ wird der Tiro­ler Schrift­stel­ler Bülent Außer­ho­fer hal­ten. Erwar­tet wer­den auch Reden von Maria Tatzl-Öcalan und Eli­sa­beth Rein­stad­ler-Aydın.

(**) Die­ser Satz wur­de auf Betrei­ben der Tiro­ler Frem­den­ver­kehrs­wer­bung ein­ge­fügt und ent­spricht den For­de­run­gen des Lan­des­ver­schö­ne­rungs- und ‑opti­mie­rungs­ge­set­zes, das seit 3. Juni 2061 für Tex­te mit mehr als 1000 Zei­chen in Kraft ist.

(***) „Zu Man­tua in Ban­den“ lau­ten die ers­ten Wor­te des Andre­as-Hofer-Lie­des, der Tiro­ler Lan­des­hym­ne, von der wir hier zur Bil­dung unse­rer Leser­schaft, zu Ehren der tap­fe­ren letz­ten Lei­te­rin des Bren­ner Archivs Inns­bruck Mag.a Iris Unter­kir­cher-Mus­ta­fi und nicht zuletzt, um auch damit den For­de­run­gen des Lan­des­ver­schö­ne­rungs- und ‑opti­mie­rungs­ge­set­zes Genü­ge zu tun, die ers­te sowie die fünf­te und die sechs­te Stro­phe abdru­cken:

1. Zu Man­tua in Ban­den
Der treue Hofer war,
In Man­tua zum Tode
Führt ihn der Fein­de Schar.
Es blu­te­te der Brü­der Herz,
Ganz Deutsch­land, ach in Schmach und Schmerz.
Mit ihm das Land Tirol,
Mit ihm das Land Tirol.

[…]

5. Dort soll er niederknie‘n,
Er sprach: „Das tu ich nit!
Will ster­ben, wie ich ste­he,
Will ster­ben, wie ich stritt!
So wie ich steh‘ auf die­ser Schanz‘,
Es leb‘ mein guter Kai­ser Franz,
Mit ihm sein Land Tirol!
Mit ihm sein Land Tirol!

6. Und von der Hand die Bin­de
Nimmt ihm der Kor­po­ral;
Und Sand­wirt Hofer betet
All­hier zum letz­ten Mal;
Dann ruft er: „Nun, so trefft mich recht!
Gebt Feu­er! Ach, wie schießt ihr schlecht!
Adé, mein Land Tirol!
Adé mein Land Tirol!

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010), Eine Ahnung vom Anfang (2013) sowie In der frei­en Welt (2016).

Online seit: 22. Okto­ber 2017

Zuletzt geän­dert: 23. Okt. 2017