Präauer streamt: Lilies of the Valley

Von Tere­sa Prä­au­er
Präauer streamt: Lilies of the Valley

„The­re is some­thing dis­tur­bing in this song“, schreibt User tomek860827 in den Kom­men­ta­ren auf You­Tube, und Jus­t­Dance Pin­ky 33 schreibt: „Most of the­se peo­p­le have died …“

Es gibt im Inter­net ein klei­nes Film­chen, das geis­tert dort schon län­ger durch die Foren. Ich habe es immer wie­der ein­mal gese­hen. Manch­mal den­ke ich dar­an, und muss es mir dann vor­stel­len, höre die Musik dazu schon im Kopf. Muss die Maschi­ne gar nicht ein­schal­ten, die doch ohne­hin immer im Stand-by-Modus ist, sel­ten off­line. Ich habe mich ver­liebt. In die­se Musik und in die­ses klei­ne Film­chen, und viel­leicht kann ich im Schrei­ben ergrün­den, wor­an das denn lie­gen mag.

Zum Lie­gen und Sich-Ver­lie­ben sei an die­ser Stel­le ein klei­ner Exkurs erlaubt, aber ich steh­le mich nicht davon: In Hart­mann von Aues Hel­den­er­zäh­lung Erec heißt es ein­mal, als Erec ver­liebt mit sei­ner Ange­trau­ten Eni­te all­zu lang bei­sam­men liegt und die Rit­ters­pflicht, Staats- und Kriegs­füh­rung dar­ob ver­nach­läs­sigt hat: Er habe sich ver­le­gen. Eine Ver­le­gen­heit, und ich habe den Lexer vor mir lie­gen, das Mit­tel­hoch­deut­sche Taschen­wör­ter­buch aus Stu­di­en­ta­gen, wäre dem­nach eine „schimpf­li­che Untä­tig­keit“. Ich muss gar nicht wei­ter­blät­tern, schon auf der­sel­ben Dop­pel­sei­te sto­ße ich auf das Ver­lie­ben, das ein „Ver­blei­ben“ und „Ver­har­ren“ ist, auch ein „Ein­ver­lei­ben“.

Bei Erec heißt es: „Êrec wen­te sînen lîp / grô­zes gema­ches durch sîn wîp. die min­ne­te er sô sêre / daz er aller êre / durch si einen ver­phlac, unz daz er sich sô gar ver­lac / daz nie­men dehein ahte / ûf in geha­ben mah­te.“ Man muss nicht viel wis­sen, um das zu ver­ste­hen, denn man­ches leh­ren uns Umsicht und Erfah­rung. Das Zir­kum­flex über den Voka­len ist hier ein Deh­nungs- oder Län­gen­zei­chen, man rech­net die Laut­ver­schie­bung hin­zu und denkt sich manch har­ten, stimm­lo­sen Kon­so­nan­ten als wei­chen, stimm­haft geschrie­be­nen (den­noch als For­tis gespro­chen, da aus­lau­tend), und macht so aus „lîp“ nicht die Lip­pe, son­dern den Leib (und das Leben). Ich schrei­be das hier nie­der, um sie mir wie­der ins Gedächt­nis zu rufen, die stil­len Tage in Salz­burg, als wir in unse­ren Bet­ten lagen und mit­tel­hoch­deut­sche Versepen lasen. Erec gewöhn­te sei­nen Leib sehr an Gemäch­lich­keit durch sei­ne Frau. Die lieb­te er so sehr, dass er sich ihret­we­gen nicht mehr um sei­ne Ehre küm­mer­te, bis er sich so völ­lig ver­lag, dass kei­ner mehr Ach­tung vor ihm haben moch­te.

Präauer streamt: Lilies of the Valley

This music … it’s like you’re at a par­ty, but some­thing ter­ri­ble is coming …

Gegen die Ver­le­gen­heit hat schon manch­mal das Tan­zen gehol­fen. In mei­nem klei­nen Film­chen, in das ich mich so ver­liebt habe, tan­zen die Paa­re. Sie tan­zen in einem neu­en Mash-up, einem Zusam­men­schnitt von alten Film­sze­nen, die, so erfah­re ich nun, da ich die User-Kom­men­ta­re, die unter­halb des Vide­os ange­bracht sind, lese, aus einem halb­stün­di­gen Film aus dem Jahr 1956 stam­men: aus Dance ame­ri­ca­na, einer Art Geschich­te ame­ri­ka­ni­schen Lebens, Kul­tur und Wirt­schaft im Lich­te der Tän­ze und Tanz­ver­an­stal­tun­gen der letz­ten bei­den Jahr­hun­der­te. Ein rares Fund­stück aus dem Archiv der U.S. Infor­ma­ti­on Agen­cy, nicht zu ver­wech­seln mit der NSA.

Jun Miya­ke, der japa­ni­sche Kom­po­nist, hat die­se Musik geschrie­ben für Pina Bausch. Wim Wen­ders ver­wen­de­te das Stück mit dem Titel Lilies of the Val­ley auch in einer zen­tra­len Sequenz sei­nes Pina-Films aus dem Jahr 2011, die eben­so auf You­Tube unter dem Namen des Musik­stücks gefun­den wer­den kann. Ein zar­tes, doch gif­ti­ges Mai­glöck­chen hat Pina Bausch uns mit ihrer Cho­reo­gra­fie hier hin­ter­las­sen, und es mag wohl blas­phe­misch anmu­ten, sich nicht auf ihre Bil­der zu beru­fen, son­dern statt­des­sen den Video­zu­sam­men­schnitt aus Dance ame­ri­ca­na dazu zu strea­men. Wer die­ser Cut­ter und Com­po­ser des Found Foo­ta­ge, von dem ich hier spre­che, ist, lässt sich nicht mehr her­aus­fin­den, aber es lässt sich sagen, dass es jemand gewe­sen sein muss, der Takt­ge­fühl hat, der die Musik hört und die Bil­der sieht. Jemand, der ein melan­cho­li­sches Stück Musik kühn kom­bi­niert mit einem all­zu fröh­lich hop­sen­den Tan­zen, jemand, der viel­leicht etwas von der Lie­be ver­steht und ihren bit­ter­sü­ßen Geschmack kennt. Pina Bausch, um doch noch ein­mal auf sie zurück zu kom­men, war in ihrer Bild­spra­che selbst schon eine Meis­te­rin des Schnei­dens und Über­blen­dens, der Kom­bi­na­ti­on von hohem Pathos mit klei­ner Ges­te und umge­kehrt. Jun Miya­ke nun fügt in sei­ner Musik ein­fa­che Ton­fol­gen seri­ell anein­an­der, sie klin­gen wie ein Fra­gen und Ant­wor­ten, unter­legt von der Nost­al­gie des Bos­sa Nova und der Chan­son­me­lo­dien der Nou­vel­le Vage. „The­re is some­thing dis­tur­bing in this song“, schreibt User tomek860827 in den Kom­men­ta­ren auf You­Tube dazu, und Jus­t­Dance Pin­ky 33 schreibt: „Most of the­se peo­p­le have died …“ Ste­phen Jules Rubin meint „wha­te­ver this is its dope“ und Naed­Ma­la­rio: „This music … it’s like you’re at a par­ty, but some­thing ter­ri­ble is coming … you can­not ful­ly enjoy the moment, becau­se you feel insi­de you a breath of des­pair …“. Ja, die User, sie spre­chen ein gro­ßes Wort gelas­sen aus.

Getanzt wird nun dazu im Zusam­men­schnitt der schwarz-wei­ßen Bil­der, ver­mut­lich aus den frü­hen 50er-Jah­ren, die Frau­en tan­zen vor, die Män­ner tan­zen nach. Es ist ein Sich-Ein­üben im sel­ben Takt, das hier erprobt zu wer­den scheint, wir machen vor, ihr macht es nach. Ein Sprin­gen und Sich-Dre­hen, ein Räder- und Pur­zel­bäu­me-Schla­gen, ein Hän­de-Aus­schüt­teln, ein Tan­zen wie die Pin­gui­ne, lächer­lich und schön. Fred Astaire tanzt dann dazwi­schen ein­mal Charles­ton, das sind wohl noch älte­re Bil­der (wenn ich mich nicht täu­sche, so lang lebe ich ja auch noch nicht). Am Ende des Film­chens liegt ein Cow­boy tot in der Prä­rie des Film­stu­di­os und wird von einer Frau in Weiß in aus­la­den­der Stumm­film­ges­te betrau­ert.

Ach ja, ein wei­ßes Kos­tüm im Schwarz-Weiß-Film war oft nicht weiß, son­dern gelb, habe ich ein­mal erzählt bekom­men. Ist nichts, wie es scheint, oder ist alles nicht so ein­fach, nie so ein­fach, wie wir es uns manch­mal wün­schen? Ein Weiß ist ein Gelb, eine Ges­te ist ein­ge­lernt und dann doch echt, ein Zitat ist nicht iro­nisch, son­dern nost­al­gisch – und dann wie­der ganz ernst und authen­tisch und neu? Ich sage es euch, lie­be Lese­rin­nen und Leser, es ist wohl die Lie­be, tau­send­fach erprobt und doch so unge­lenk, dass sie euch den Kopf ver­dreht und euch ver­rückt macht und tan­zend.

Ver­blei­ben, Ver­har­ren und Ein­ver­lei­ben. Die­se Kolum­ne ist dem Seri­en­schau­en und Vide­os-Kli­cken im Inter­net gewid­met.

 

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Tere­sa Prä­au­er ist Autorin und bil­den­de Künst­le­rin in Wien und pflückt dort einen Mai­glöck­chen­strauß aus Wör­tern, obwohl es bereits Som­mer ist. Statt sich der Lie­be zu wid­men, soll­te sie aktu­ell an einem Thea­ter­stück für das Schau­spiel Frank­furt (Urauf­füh­rung 2018) schrei­ben.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2017 (5. Juli 2017)

Online seit: 30. April 2018

Online seit: 30. April 2018

Zuletzt geän­dert: 30. Apr. 2018