Relocation-Agentur

Das Gespräch mit Frau Jäger lief schon eine Vier­tel­stun­de. Nett war die Frau zwei­fel­los. Auch qua­li­fi­ziert. Per­fek­tes Eng­lisch, per­fek­tes Por­tu­gie­sisch, per­fek­tes Fran­zö­sisch. Drei Jah­re Lek­to­rat an der Uni­ver­si­tät von Bra­ga. Zwei Jah­re an einer Sprach­schu­le in Paris. Trotz­dem zöger­te Carol noch mit der Zusa­ge.

»Ein Relo­ca­ti­on-Con­sul­tant braucht Per­sön­lich­keit«, sag­te Carol. »Sie müs­sen dem Kun­den zei­gen, wie man in Deutsch­land lebt.«

Frau Jäger nick­te.

»Wie man die Men­ta­li­tät der Deut­schen ver­steht.« Erneu­tes Nicken.

»Den Kun­den die Angst vor Deutsch­land neh­men. Vor allem vor den Deut­schen. Denn kurz nach der Ankunft bekom­men es die meis­ten Aus­län­der mit der Angst zu tun.«

Erneu­tes Nicken.

»So haben sie sich Deutsch­land näm­lich nicht vor­ge­stellt. Nicht die Müll­tren­nung, nicht die Behör­den­gän­ge, nicht die Spra­che.«

Frau Jäger nick­te und sag­te, sie habe ein frei­wil­li­ges Jahr auf der Vogel­be­ob­ach­tungs­sta­ti­on auf Amrum ver­bracht. Und sei nach der Zwi­schen­prü­fung drei Mona­te in Chi­na gewe­sen. Direkt nach dem Abitur ein sechs­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum in einem Alten­heim absol­viert.

Carol dach­te an die Don­nel­lys: Das Head­quar­ter von Proc­ter & Gam­ble will Mr. Don­nel­ly für fünf Jah­re nach Ber­lin schi­cken. Nach Rück­spra­che mit der Fami­lie sagt Mr. Don­nel­ly zu, denn Aus­lands­ein­satz bedeu­tet Kar­rie­re­sprung. Doch dann: Kul­tur­schock! All­mor­gend­li­ches und all­abend­li­ches Hän­de­schüt­teln mit allen fünf­und­zwan­zig Mit­ar­bei­tern sei­ner Abtei­lung. Und bei den ande­ren Abtei­lungs­lei­tern geschlos­se­ne Türen, als wür­den Geheim­ver­hand­lun­gen geführt. Mrs. Don­nel­ly wird im Super­markt an der Kas­se ange­macht, weil sie ihre Sachen nicht schnell genug in die Tüte bekommt. In Chi­ca­go dage­gen freund­li­che Stu­den­ten, die das für einen erle­di­gen. Als Mr. Don­nel­ly auf einer Par­ty den Vor­schlag macht, den Tüten­ein­pack­dienst auch in Deutsch­land ein­zu­füh­ren, weil doch so auch vie­le Jobs geschaf­fen wer­den könn­ten, wird er als Aus­beu­ter beschimpft. Und die Kin­der? Die müs­sen in der Schu­le den ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus aus­ba­den.

Es gab noch schwie­ri­ge­re Fäl­le. Phil­ip Gold­berg aus Bos­ton, der schon einen Relo­ca­ti­on-Con­sul­tant ver­schlis­sen hat­te, wegen angeb­li­cher anti­se­mi­ti­scher Äuße­run­gen. Oder die Wangs aus Shang­hai, die noch kei­nen ein­zi­gen Punkt der Lis­te umge­setzt hat­ten, die alle Kun­den zu Anfang beka­men und die bei der Inte­gra­ti­on hel­fen soll­te. Auch so ein­fa­che nicht, wie mal ein deut­sches Essen zu pro­bie­ren. Die Wangs aßen aus­schließ­lich Chi­ne­sisch und kauf­ten aus­schließ­lich im Asia-Super­markt ein. Deutsch zu ler­nen wei­ger­ten sie sich, und wenn Herr Wang ein­mal sei­nen chi­ne­si­schen Rede­strom unter­brach, dann, um auf Eng­lisch Mar­tha, der Relo­ca­ti­on-Con­sul­tin, klar zu machen, wie unwohl er und sei­ne Fami­lie sich in Deutsch­land fühl­ten. Da nutz­te es nichts, dass Mar­tha Herrn Wang erklär­te, dass aller Anfang schwer sei. Dass auch sie sich im ers­ten Jahr in Peking unwohl und erst im drit­ten Jahr so rich­tig wohl gefühlt und nach sechs Jah­ren gar nicht mehr fort­ge­wollt habe. Herr Wang wuss­te nicht, wie er und sei­ne Fami­lie die nächs­ten sechs Wochen über­ste­hen soll­ten.

»Per­sön­lich­keit ist das Wich­tigs­te«, wie­der­hol­te Carol. Frau Jäger nick­te und sag­te, sie sei ehren­amt­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Tier­heim.

»Sie bekom­men in den nächs­ten Tagen Bescheid«, sag­te Carol und stand auf. Kaum war Frau Jäger aus der Tür, klin­gel­ten bei­de Tele­fo­ne. Auf der einen Lei­tung Herr Bas­hir, der ägyp­ti­sche Ober­arzt, der seit einer Woche Kun­de von Easy Deutsch­land war. Er schrie ins Tele­fon, dass er sofort einen ande­ren Deutsch­leh­rer haben wol­le.

»Beru­hi­gen Sie sich«, sag­te Carol. »Sagen Sie mir, was pas­siert ist.«

»Wir über Essen reden. Herr Schul­ze fra­gen, was essen ich gern. Ich sagen: Bizza. Herr Schul­ze sagen: Bizza falsch. Herr Schul­ze dann sagen: Bizza rich­tig. Ich nix ver­ste­hen. Ich sagen: Bizza. Herr Schul­ze sagen: Bizza falsch. Dann Herr Schul­ze wie­der sagen: Bizza rich­tig. Ande­re Stu­dent lachen.«

»Herr Schul­ze will Ihnen nur hel­fen.«

»Herr Schul­ze haben kei­nen Resbekt für mei­ne Kul­tur.«

»Er muss Sie kor­ri­gie­ren.«

»Ich haben drei­tau­send Euro bezahlt. Ich erwar­ten Resbekt.«

Auf der ande­ren Lei­tung ein nicht min­der erbos­ter Gold­berg, der auf der Stel­le sein Geld zurück­ha­ben woll­te, weil er der Mei­nung war, dass auch der zwei­te Relo­ca­ti­on-Con­sul­tant anti­se­mi­tisch sei.

»Impos­si­ble«, sag­te Carol. »Herr Lemm­ler did his civil ser­vice for Akti­on Süh­ne­zei­chen in a kib­buz.«

»I’m not impres­sed by that. Mr. Lemm­ler goes on and on tal­king about Israe­li poli­tics. And the Pal­es­ti­ni­ans. I’m not from the Midd­le East. I’m not Israe­li. I’m not Pal­es­ti­ni­an. I’m Ame­ri­can. Like you. But I don’t want to talk about Ame­ri­can poli­tics eit­her. I don’t want to talk about poli­tics at all. I just want to get on with my life in Ger­ma­ny.«

»I’m sor­ry about that. I will give you Mr. Schul­ze. He’s defi­ni­te­ly not anti­se­mi­tic. He is a mem­ber of the Gesell­schaft für christ­lich-jüdi­sche Zusam­men­ar­beit

»Fine. But if it doesn’t work, I want my money back. And I’ll expect Mr. Schul­ze in half an hour.«

Sie wähl­te Arthurs Num­mer, aber es mel­de­te sich nur der Anruf­be­ant­wor­ter. Zwei­ter Anruf, und ein hör­bar um Atem rin­gen­der Arthur.

»Ich bin gera­de auf dem Sprung. Die O’Briens war­ten.«

»Ver­giss die O’Briens. Ich brau­che dich jetzt sofort für Phil­ip Gold­berg.«

»Und die O’Briens?«

»Ich rufe an und sage, dass du krank bist.«

»Wo ist der Haken bei Gold­berg?«

»Kein Haken, son­dern gro­ßer Fisch. Sehr gro­ßer Fisch. Obers­ter Per­so­nal Mana­ger bei Sony Euro­pa. Wenn Gold­berg mit Easy Deutsch­land zufrie­den ist, wird er sicher noch ande­re Sony-Mana­ger zu uns schi­cken.«

»Ver­stan­den.«

»Und kein Wort über Nah­ost­po­li­tik!«

»Selbst­ver­ständ­lich.« Arthur hat­te sich bis­her bei Easy Deutsch­land immer an Regel Num­mer eins gehal­ten: Sprich nie über Poli­tik, Reli­gi­on oder Sex, es sei denn, der Kun­de will es.

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–> Eine Inhalts­über­sicht und die Links zu den wei­te­ren Kapi­teln aus Nor­bert Mül­lers Roman Easy Deutsch­land fin­den sich hier.

Online seit: 19. Febru­ar 2021

Zuletzt geän­dert: 19. Aug. 2021