Über die Frage, wer erzählt

Von Wal­ter Grond. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 64
Walter Grond © Auftragsfoto Sappert

Wal­ter Grond. Foto: Auf­trags­fo­to Sap­pert

Kürz­lich wies mich Pri­ya Basil auf ihren Essay „Gegen mich andenken“ hin, er erschien 2021 in der Schwei­zer Wochen­zei­tung. Dar­in setzt sie sich mit einer ver­stö­ren­den Ent­de­ckung aus­ein­an­der, wel­che die von ihr über­aus geschätz­te und oft zitier­te Phi­lo­so­phin Han­nah Are­ndt betrifft. Als Jüdin und stark wahr­ge­nom­me­ne Stim­me gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus aus Deutsch­land nach Ame­ri­ka geflo­hen, hat­te Are­ndt in den 1950er-Jah­ren als inzwi­schen US-Bür­ge­rin die Ras­sen­tren­nung in Schu­len gerecht­fer­tigt, in ihrem umfang­reichs­ten Werk Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft in ras­sis­ti­scher Spra­che über Schwar­ze geschrie­ben und sogar die grund­sätz­li­che Unter­le­gen­heit von Afri­ka­nern behaup­tet, deren Zuge­hö­rig­keit zur Natur sie phy­sisch erschre­ckend und absto­ßend mache.

Pri­ya Basil, indisch-bri­ti­sche Schrift­stel­le­rin, per­son of color, in Indi­en gebo­ren, in Kenia auf­ge­wach­sen, heu­te zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und Deutsch­land hin und her pen­delnd, fühlt sich davon umso mehr vor den Kopf gesto­ßen, als doch Are­ndts The­sen über Ras­sis­mus, Macht und die „Mög­lich­kei­ten von Plu­ra­li­tä­ten“ in der Poli­tik wesent­li­che Anstö­ße für ihr Selbst­ver­ständ­nis als Femi­nis­tin und poli­ti­sche Akti­vis­tin sind. Sie ver­sucht in ihrem Essay, (mit einem Are­ndt-Wort) „die Lage in ihrer gan­zen Kom­ple­xi­tät zu erfas­sen“. Dabei lernt sie zu ver­ste­hen, dass Are­ndts Vor­ur­tei­le gegen­über Schwar­zen weni­ger beab­sich­tigt als struk­tu­rell bedingt gewe­sen sind. Das geis­ti­ge Milieu, in dem Are­ndt leb­te und arbei­te­te, hat­te ande­re und neue Per­spek­ti­ven in ihrem Den­ken erst gar nicht auf­kom­men las­sen. Wis­sen, so Basils Schluss­fol­ge­rung, ändert nicht unbe­dingt etwas, „es kommt dar­auf an, was man damit macht“. Ob uns Wor­te täu­schen oder nicht, muss immer wie­der aus­ge­lo­tet, eben­so das Sich-Selbst–Hinterfragen aufs Neue geübt wer­den.

Ich kom­me aus einer Schu­le des Den­kens und Schrei­bens, die sich auf der rich­ti­gen Sei­te fühl­te.

Mich beein­dru­cken, berei­chern und ver­un­si­chern Pri­ya Basils Arbei­ten über kul­tu­rel­le Aneig­nung, Ras­sis­mus, Gast­freund­schaft und Femi­nis­mus. Nach der Lek­tü­re von „Gegen mich andenken“ frag­te ich mich, wie die Roma­ne eines wei­ßen Euro­pä­ers auf sie wir­ken müs­sen, Roma­ne, deren Hand­lung – wie die mei­nen – in Ägyp­ten, Bos­ni­en, Russ­land oder Aser­bai­dschan spielt, in der Tra­di­ti­on eines Law­rence Dur­rell oder Michel Butor, jeden­falls in der Tra­di­ti­on wei­ßer Euro­pä­er und Ori­ent­rei­sen­der; wie die Aus­ein­an­der­set­zung mit Flau­bert und dem euro­päi­schen Ori­ent­bild in mei­nem Roman Der gel­be Diwan; wie mei­ne Aus­wan­der­ge­schich­ten zwi­schen Okzi­dent und Ori­ent in Mein Tag­traum Tri­est. Wie ein Den­ken, das sich zwar als kolo­nia­lis­mus-kri­tisch ver­steht und der Idee der Auto­no­mie des Ein­zel­nen ver­pflich­tet fühlt; aller­dings einer Idee von Frei­heit, wie mir heu­te klar ist, die aus einem männ­lich domi­nier­ten Gelehr­ten­mi­lieu der euro­päi­schen Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts stammt; aus einem Milieu, das Nicht­eu­ro­pä­er her­ab­wür­dig­te, Frau­en aus dem Den­ken aus­schloss und das Unbe­wuss­te nicht kann­te; und das doch auf die Frei­heit und Wür­de jedes ein­zel­nen Men­schen bestand und damit ein Fun­da­ment des Den­kens schuf, in des­sen Tra­di­ti­on eine Frau, Ele­a­n­or Roo­se­velt, hun­dert­fünf­zig Jah­re spä­ter die For­mu­lie­rung all­ge­mei­ner Men­schen­rech­te ein­for­dern soll­te (1948, als Reak­ti­on auf die Sho­ah und die Ver­nich­tungs­in­dus­trie des Zwei­ten Welt­kriegs).

Ich fra­ge mich wei­ter, aus wel­chem zeit­ge­nös­si­schen lite­ra­ri­schen Milieu mein eige­nes Schrei­ben kommt, auf wel­chen Fes­tig­kei­ten und auf wel­chen Zwei­feln es grün­det. Ich bin ja nicht nur älter, son­dern ein wei­ßer alter Mann gewor­den. Mein Fremd­bild ver­heißt nichts Gutes, und mein Selbst­bild ist wider­sprüch­lich, durch Fra­gen wie jene von Pri­ya Basil ver­un­si­chert, ohne dass ich mich in irgend­ei­ner Wei­se benach­tei­ligt füh­len kann. So ich nach­fra­ge, wer ich gewor­den bin, sto­ße ich auf eine Geschich­te von Anver­wand­lun­gen, die über Jahr­zehn­te den Schrift­stel­ler gebil­det haben, als den ich mich heu­te emp­fin­de, eine Geschich­te, wel­che die euro­päi­sche Moder­ne eben­so wie deren In-Zwei­fel-Set­zen durch die Post­mo­der­ne durch­pflügt und etwas mir nicht gänz­li­ches Kla­res dar­aus bil­det. Ich kom­me aus einer Schu­le des Den­kens und Schrei­bens, die sich auf der rich­ti­gen Sei­te fühl­te, auf jener der Auf­klä­rung und jener der Moder­ne des 20. Jahr­hun­derts. Aus dem Selbst­ver­ständ­nis einer Avant­gar­de (der „Gra­zer Grup­pe“) und damit ver­bun­den eines Bewusst­seins, „Speer­spit­ze zu sein“.

Man streng­te sich an, als Schrift­stel­ler nicht nur auf eine bestimm­te Wei­se zu schrei­ben, son­dern eben­so in einer gewis­sen Wei­se aus­zu­se­hen, sich in gewis­ser Wei­se zu ver­hal­ten, eine Rei­he von erkenn­ba­ren Merk­ma­len die­ses Milieus zu erfül­len.

Selbst­his­to­ri­sie­rung und para­do­xe Inter­ven­tio­nen waren ihr gut geüb­tes Rüst­zeug. Alles dreh­te sich um die Idee, der Schrift­stel­ler ver­kör­pe­re das auto­no­me Indi­vi­du­um par excel­lence. Es galt, im Kri­tisch-Den­ken gut zu schrei­ben, ein Bild von Welt­li­te­ra­tur im Sinn, die im auf­klä­re­ri­schen Zorn ver­fasst wird, sich im For­mu­lie­ren zur Meis­ter­schaft auf­schwingt und als eine Hin­ter­las­sen­schaft blei­ben­des Kul­tur­gut ist. So bil­de­te sich ein Kanon der Vor­nehm­heit; man streng­te sich an, als Schrift­stel­ler nicht nur auf eine bestimm­te Wei­se zu schrei­ben, son­dern eben­so in einer gewis­sen Wei­se aus­zu­se­hen, sich in gewis­ser Wei­se zu ver­hal­ten, eine Rei­he von erkenn­ba­ren Merk­ma­len die­ses Milieus zu erfül­len.

Der Schrift­stel­ler stieß in unbe­kann­tes Ter­rain vor (als Rei­sen­der, Ent­de­cker, For­schen­der, Grenz­gän­ger, als Demi­urg der Spra­che), und um sein sym­bo­li­sches Kapi­tal aus­schöp­fen zu kön­nen, hat­te er ten­den­zi­ell geni­al zu sein.

Ich arbei­te­te im Forum Stadt­park Graz der 1980er und 1990er, einer Künst­ler­ge­mein­schaft, die sich Ende der 1950er Jah­re im Wider­stand gegen die post­fa­schis­ti­sche Nach­kriegs­ge­sell­schaft gebil­det hat­te. Der Schrift­stel­ler (er war zumeist ein Mann) konn­te sich in sol­cher Wei­se insze­nie­ren, da er um sei­ne Bedeu­tung für die bür­ger­li­che Öffent­lich­keit wuss­te, jener seit dem 19. Jahr­hun­dert wich­ti­gen Sphä­re von Schrift­ge­lehrt­heit, die für das kapi­ta­lis­tisch gesinn­te Bür­ger­tum als mah­nen­des Kor­rek­tiv sei­ner pro­fit­ori­en­tier­ten Ord­nung fun­gier­te. Schrei­ben als Selbst­er­mäch­ti­gung bedeu­te­te, einer auf Öko­no­mie und Macht gebau­ten Gesell­schaft ihre geis­ti­gen Män­gel in Erin­ne­rung zu rufen. Der Schrift­stel­ler stieß in unbe­kann­tes Ter­rain vor (als Rei­sen­der, Ent­de­cker, For­schen­der, Grenz­gän­ger, als Demi­urg der Spra­che), und um sein sym­bo­li­sches Kapi­tal aus­schöp­fen zu kön­nen, hat­te er ten­den­zi­ell geni­al zu sein.

Ich bin in vie­lem das Kind mei­ner Zeit in Graz geblie­ben, etwa im Wunsch, Lite­ra­tur mit Kunst­an­spruch zu schrei­ben. Der Form akri­bi­sche Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, in der Hin­ga­be zur Spra­che eben­so wie in der Sprach­kri­tik. Auch im Hang zum Expe­ri­men­tie­ren. Ende der 1980er war eine neue Gene­ra­ti­on von Autoren her­an­ge­wach­sen, die sich stark mit post­mo­der­nen Phi­lo­so­phen beschäf­tig­te, den Blick auf Frag­men­te, Rhi­zo­me, mäan­dern­de und sich ver­mi­schen­de Strö­mun­gen, auf schi­zo­ide Struk­tu­ren rich­te­te und das Fun­da­ment der Schrift­stel­ler-Demi­ur­gen zu unter­gra­ben begann. Lyo­tard oder Deleu­ze waren mir wie Erleuch­tun­gen erschie­nen, ihre ful­mi­nan­te Auf­lö­sung einer fes­ten Idee des Ichs, ihr Lieb­äu­geln mit dem Tod des Autors, ihre Sym­pa­thie für die Unauf­lös­bar­keit der Fra­ge, was eigen und was fremd ist. Eben­so prä­gend für mich war die Begeg­nung mit Mar­tin Kip­pen­ber­ger und Jörg Schlick; der iro­ni­sche, ja scham­lo­se Umgang der bei­den Künst­ler mit War­hols Fac­to­ry, ihre selt­sa­me Alche­mie aus sur­rea­lis­ti­schem Han­deln und einem Gestal­tungs­wil­len, wie ihn die Wie­ner Werk­stät­ten aus­ge­zeich­net hat­te. Ende der 1980er Jah­re star­te­te ich im Forum Stadt­park ein Pro­jekt, es hieß „ABSOLUT“ (War­hols Wod­ka-Bran­ding par­odie­rend), das mit der „Neu­schrift“ der Odys­see durch vie­le Autoren gip­fel­te und 1996 als ABSOLUT HOMER in Buch­form erschien. Ohne dass es mir bewusst war, schätz­te das gera­de ent­ste­hen­de Milieu digi­ta­ler Künst­ler in Graz ABSOLUT als ihren Expe­ri­men­ten mit Pro­gramm­codes und Dekon­struk­tio­nen von Autoren­schaft wesens­ähn­lich ein.

So begann ich Ende der 1990er-Jah­re über das Erzäh­len in der auf­kom­men­den Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft nach­zu­den­ken, über den Erzäh­ler in einer glo­ba­li­sier­ten und digi­ta­li­sier­ten, von Algo­rith­men (mit)gesteuerten und durch vie­le Kul­tu­ren durch­misch­ten hybri­den Welt. Erzäh­len, mut­maß­te ich, kön­ne die Kluft zwi­schen der Inter­tex­tua­li­tät und dem Offen­ba­ren trans­pa­rent hal­ten. In der digi­ta­len Welt ist selbst das Ange­sicht eines Men­schen belie­big mani­pu­lier­bar, zugleich sieht alles unge­heu­er wirk­lich aus. „Das ist kei­ne Pfei­fe“ schien mir als Bot­schaft wir­kungs­los gewor­den, die Indis­kre­ti­on gewöhn­lich, eben­so das Her­aus­stül­pen des Inne­ren, das hem­mungs­lo­se Mixen von Eigen- und Fremd­bil­dern, eben­so die Unver­schämt­heit im Behaup­ten und Ver­wer­fen von Stand­punk­ten. Die Geburt des Users schien mir das Kon­zept des Schrift­stel­ler-Demi­ur­gen ad absur­dum zu füh­ren. Im Netz­werk der User befin­det sich jeder jeder­zeit über­all im Wett­streit um Auf­merk­sam­keit.

Ich expe­ri­men­tier­te mit Hyper­tex­ten, Netz­werk­pro­jek­ten, mul­ti­me­dia­len For­ma­ten. Grün­de­te 2003 mit Freun­den aus halb Euro­pa www.readme.cc, ein sozia­les Medi­um für Leser und Autoren, eine digi­ta­le Platt­form, aus der schließ­lich die Euro­päi­schen Lite­ra­tur­ta­ge her­vor­gin­gen, und aus deren Geist wie­der­um die eljub Euro­päi­schen Jugend­be­geg­nun­gen ent­stan­den, an denen ich bis heu­te mit­ar­bei­te. Ich hal­te das Schrei­ben nicht für bedroht von Maschi­nen. Wenn aber vor nur zwan­zig Jah­ren noch eine hef­ti­ge Debat­te über die Schrift (damit die Lite­ra­tur) als Leit­me­di­um und Fun­da­ment der euro­päi­schen Welt geführt wur­de (damals unter den Vor­zei­chen der ent­ste­hen­den glo­bal domi­nan­ten Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien), dann war das gegen das Jahr 2020 schon ganz anders, – da stan­den die radi­kal ver­än­der­ten kul­tu­rel­len Vor­lie­ben und Gewohn­hei­ten der Gegen­wart im Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on – als eine Reak­ti­on auf den offen­sicht­li­chen und nicht undra­ma­ti­schen Rück­gang des Lesens und die Beliebt­heit des digi­ta­len Strea­mens vor allem bei Men­schen unter 50. Wäh­rend der Coro­na Lock­downs der letz­ten bei­den Jah­re wur­de der Wan­del in unse­rer Gesell­schaft mit einem büro­kra­ti­schen Wort ver­se­hen: Kunst, hier­mit auch Lite­ra­tur, wird als nicht sys­tem­re­le­vant beur­teilt. Das ist nicht das Ende von Lite­ra­tur – aber es geht par­al­lel damit ein­her, dass heu­te jene Kon­zep­ti­on von Auto­no­mie in Fra­ge gestellt ist, die für die bür­ger­li­che Öffent­lich­keit des aus­ge­hen­den 20. Jahr­hun­derts (jener mei­ner Zeit im Gra­zer Forum Stadt­park) wesent­lich war. Eine Ver­wand­lung fin­det statt, in etwas noch schwer Fass­ba­res, gesteu­ert von Algo­rith­men, pro­gnos­ti­zier­ten Hand­lungs­ab­läu­fen im Leben von Men­schen, die nicht als auto­no­me Geis­ter, son­dern als Tur­bo­kon­su­men­ten gedacht wer­den. Nie­mand weiß recht, wie sich unter den Vor­aus­set­zun­gen der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt etwas wie ein Leit­me­di­um – oder viel wich­ti­ger – ein gemein­schaft­li­ches Forum – etwas der bür­ger­li­chen Öffent­lich­keit Ähn­li­ches den­ken und her­stel­len lässt. Oder ob es etwas völ­lig ande­res braucht – eine ande­re Ord­nung der Schrift­ge­lehrt­heit – in einer Welt, die ja auch im geglück­ten Sinn aus den Fugen gera­ten ist, in der sich mehr und mehr (wohl ange­sto­ßen durch die Post­mo­der­ne) eine Poli­tik der Plu­ra­li­tä­ten und Iden­ti­tä­ten Gehör ver­schafft, wie Pri­ya Basil sie beschreibt. Und einer Welt der erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten von varia­blen Kul­tur­tech­ni­ken, die uns die digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien bie­ten.

Und wie, das alles vor Augen, wei­ter­schrei­ben?

Seit Jah­ren beein­dru­cken mich am meis­ten Roma­ne von Men­schen aus ande­ren Kul­tu­ren, die sich der For­men­welt des Romans – jener euro­pä­ischs­ten aller Lite­ra­tur­for­men – bemäch­ti­gen und aus die­ser Aneig­nung etwas Neu­es ent­wi­ckeln. Ihre Lite­ra­tur, ob von Sal­man Rush­die, Peti­na Gap­pah, Lei­la Sli­ma­ni oder Taye Sel­asi, fin­de ich mit­rei­ßend. Die Distanz zum Gemach­ten ist mit dem Wis­sen um das Mach­ba­re grö­ßer gewor­den (die wri­ting rooms der Kul­tur­in­dus­trie fas­zi­nie­ren mich nicht, oder wenn dann nur kur­ze Zeit – jede Net­flix Serie, noch die bes­te, ist ziem­lich rasch dechif­frier­bar); anrüh­ren kann mich nur, was den Raum zwi­schen den Zei­len erfüllt. Ein gewis­ses Miss­trau­en gegen­über Manie­ris­men ist grö­ßer gewor­den, auch gegen­über dem Aus­er­zäh­len von Geschich­ten; das Roman­schrei­ben hat für mich mit Dich­tung zu tun.

Mir ist klar, mein Schrei­ben wird so eigen nicht sein wie ich es im Schreib­akt emp­fin­de. Es voll­zieht sich vor einer Pro­jek­ti­ons­flä­che wie auch in etwas Gefühl­tem aus Bil­dern, Klän­gen und Wör­tern, das sich mischt und formt. Es ist nicht sakro­sankt, was ich schrei­be, son­dern kor­ri­gier­bar; und doch von einer inne­ren Not­wen­dig­keit getrie­ben; nie­mals ganz fer­tig, da stets ein unauf­lös­ba­rer Rest bleibt. Heu­te hal­te ich die Wirk­lich­keit für grö­ßer als die Lite­ra­tur. Und doch kom­me ich aus einer bestimm­ten Tra­di­ti­on des Schrei­bens (viel­leicht aus Momen­ten der Auf­klä­rung, der Roman­tik, der frü­hen Moder­ne, der Post­mo­der­ne? Oh Wider­spruch!), für die das Schrei­ben nichts Papie­re­nes ist. Ich kann einen viel­stim­mi­gen Chor zu Wort kom­men las­sen, und kann mich doch nicht von außen sehen. Auf eine grund­sätz­li­che Wei­se ist mein Schrei­ben an mei­nen eige­nen Kör­per gebun­den. Ich kann vom Blick der ande­ren aus den Angeln geho­ben wer­den, und muss doch vor mir selbst bestehen – in die­ser Wei­se begrenzt mich der Kör­per, und begrenzt mein Kör­per den Schreib­akt. Etwas kommt in der Lite­ra­tur zur Welt, das bereits in den Kör­per eines um Aus­druck Rin­gen­den ein­ge­schrie­ben war. Als Schrei­ben­der bin ich zugleich das Ver­suchs-Lebe­we­sen mei­nes Labors einer Men­schen­wer­dung.

Seit vie­len Jah­ren treibt mich eine Fra­ge um, sie hemmt mich, ermun­tert mich, macht mich schwei­gen, um dann erneut wie­der auf­zu­flam­men: Wer erzählt? Wer erzählt die Geschich­te, die ich schrei­ben will? Wo sitzt der Erzäh­ler, aus wel­chem Blick­win­kel sieht er die Welt, die er beschreibt, in wel­chem Ver­hält­nis steht er zu den Figu­ren, die er schafft, was kann er über sie wis­sen, was nicht? In wel­chem Ton­fall spricht er, was ist die ihm ange­mes­se­ne Form?

Schrei­ben bedeu­tet, mich in Zug­zwang zu brin­gen. Etwas zu ris­kie­ren. Im Hin­ter­grund ver­neh­me ich ein Geräusch, das lau­ter gewor­den ist, es kommt aus der Ein­sicht, auf einem Him­mels­kör­per eines Uni­ver­sums zu leben, das kei­nen tie­fe­ren Sinn hat. Und doch ver­mu­te ich, es gibt einen Schatz zu heben. Ich möch­te mich um das Leben küm­mern. Es gibt mich, das ist nicht auf­lös­bar in Inter­tex­tua­li­tät. Ich suche nach der Dif­fe­renz zwi­schen dem Erzäh­ler, der in sei­ner Geschich­te fest­mach­bar ist, und dem Autor, der zwei­fel­los ich bin.

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Wal­ter Grond, geb. 1957, lebt in Wien. Künst­le­ri­sche Lei­tung der Euro­päi­schen Lite­ra­tur­ta­ge, Mit­ar­beit an den eljub Euro­päi­schen Jugend­be­geg­nun­gen. Zuletzt erschie­nen: Tage ohne Som­mer, Roman, Hay­mon 2019.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 6. Mai 2022

Zuletzt geän­dert: 6. Mai 2022