Heinrich, der Bestatter

Von Rein­hold Bil­ge­ri. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 106
Reinhold Bilgeri © Jens Ellensohn

Rein­hold Bil­ge­ri. Foto: Jens Ellen­sohn

Lach­sal­ven weht der Wind her­über, ins neue Jahr, laut­hal­ses Gebell, dann wie­der erstick­te Voka­le, hys­te­ri­sche, fröh­li­che, böige Fet­zen, als hät­te der Dopp­ler­ef­fekt die hei­te­re Sin­fo­nie orches­triert. Wir haben eine Burg gemie­tet, dies­mal, eine ech­te Burg, Schloß Glop­per ob Hohen­ems, 14. Jahr­hun­dert, Blick ins Vier­län­der­eck und zum Boden­see, ange­mes­se­nes Ambi­en­te für eine lau­te Sil­ves­ter­nacht. Kei­ner kann uns hören, die Wän­de sind zu dick, ein Mulat­schag der Extra­klas­se, nach zwei Jah­ren der Ver­bo­te, Aus­ras­ten mit Ansa­ge, distanz- und gna­den­los. Die Luft geschwän­gert von Wun­der­ker­zen, Böl­lern, Rake­ten und Rock‚n Roll, böse Geis­ter ver­trei­ben, wie zu heid­ni­schen Zei­ten. Her­un­ter­kom­men. Das Neue Jahr und sei­ne jun­ge Unschuld fei­ern. Ver­wand­te und Freun­de, ein spaß­hung­ri­ger Hau­fen, auf dem Weg ins Neue. Bilanz­ge­sprä­che, Ein­sich­ten, Aus­sich­ten, Rück­blen­den, im lau­ten Pulk bin ich nicht mehr zu Hau­se, Ruhe wäre jetzt schö­ner, eigent­lich Stil­le, dabei hat­te ich das Gegen­teil geplant. Der Rot­wein tut sei­ne Wir­kung, die fri­sche Luft ist ein sanf­ter Beschleu­ni­ger.

Es ist nach Mit­ter­nacht. Noch immer Feu­er­blu­men am Him­mel, Schloß Glop­per ragt wie ein Wach­turm aus dem Fest, unbe­siegt, die Fens­ter flim­mern in allen Far­ben, der Mond ist blaß, er mag die Burg. Ich mache mich auf den Weg. Gehe fes­ten Schritts, aufs Gera­te­wohl abwärts, dann steil berg­auf, der Schloß­berg macht vor mir einen Buckel, der muß bezwun­gen wer­den, um sich auf der West­sei­te den frei­en Blick ins Rhein­tal zu ver­die­nen, ins fei­ern­de Rhein­tal. Das Gehen bringt Ruhe, ver­scheucht die Unord­nung, will Struk­tur. Das Herz schlägt loy­al.
So läßt sich‚s gut den­ken, wohin mit mir und war­um und all das, und dann – plötz­lich Schrit­te, hin­ter mir, has­ti­ge Schrit­te, das wars mit der Kon­tem­pla­ti­on. Ohne mich umzu­dre­hen, weiß ich, wer mich ver­folgt, sein Atmen ist unver­kenn­bar, ein unge­sun­des Ras­seln, eine leich­te Böe bläst mir Ziga­ril­lorauch in den Nacken – das ist Hein­rich, der Bestat­ter, der auch im Gehen raucht. Ein schüt­te­rer, schwar­zer Locken­kopf steht ihm zu Ber­ge wie ein ver­kohl­tes Draht­ge­flecht, lan­ges schma­les Gesicht, Mit­te fünf­zig, fah­le Haut, zu wenig Vit­ami­ne, zu viel Niko­tin. Zu vie­le Leben­de auf einem Hau­fen kann er nicht ertra­gen. Aber ganz solo ¬– geht auch nicht. Er ist in der Kri­se. Nar­ben bre­chen ger­ne zur Jah­res­wen­de auf, alles ist ver­letz­li­cher, jeder Furz will Bedeu­tung.

Ich weiß eh, du willst allei­ne gehn, tschul­di­ge, Alter. Nein nein, kein Pro­blem. Wenn du mit­hal­ten kannst. Wei­ter­ge­hen, ohne Wor­te. Er weiß, daß ich ihn mag. Ich hor­che auf, wenn er von sei­ner Welt erzählt. Sei­ne Tage wer­den zusam­men­ge­hal­ten durch eine Hier­ar­chie von Not­wen­dig­kei­ten, die Leben und Ster­ben­müs­sen nach sich zie­hen. Gere­gel­te Welt, auf ihn ist Ver­laß, die Toten wer­den begra­ben, nicht irgend­wie, son­dern ganz beson­ders, suum cui­que sagt er, der Abgang als unver­geß­li­ches Ritu­al, indi­vi­du­ell abge­stimmt. Sei­ne Sär­ge haben Song­na­men – „Pur­ple Rain“, „You can lea­ve your Hat on“ oder „Schi­fo­an“ – mit ent­spre­chen­den Far­ben, pur­ple, knall­rot oder bleach blond, dazu adäqua­te Musik, Tän­zer, Sän­ger, das gan­ze Pro­gramm, ein Schuß New Orleans, um der Trau­er die Dun­kel­heit zu neh­men, das war neu in der hie­si­gen Bran­che, aber gar nicht so abwe­gig – er ist ja eigent­lich Gitar­rist, Jaz­zer, ein talen­tier­ter dazu. Die Sym­bio­se der Beru­fun­gen scheint nun aller­dings zu krän­keln. Ver­un­si­che­rung in jeder Pore. Die Kol­le­gen­schaft zer­reißt sich das Maul über sei­ne Extra­va­gan­zen, die Repu­ta­ti­on der Zunft sei gefähr­det usw.
Er trabt hin­ter mir her wie ein Vor­wurf, raucht und stöhnt. Ich kann mir nicht hel­fen, er fas­zi­niert mich, die­ser Toten­grä­ber, der von Zeit zu Zeit aus sei­nem eng umris­se­nen Schick­sal auch mal eine Mör­der­gru­be macht, die ihn an der Keh­le packt, mit eisi­gem Griff, als woll­te sie ihn ins Toten­reich holen, den Abtrün­ni­gen, den Schar­la­tan, dem nichts mehr hei­lig ist, nicht mal der Tod. Er weiß: Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner, Patho­lo­gen oder Bestat­ter und ihre Ster­be- oder Toten­wel­ten inter­es­sier­ten mich seit ich mit elf die ers­te Lei­che berührt hat­te, dabei hat er stets das Fas­zi­no­sum, auf das ich bestand, baga­tel­li­siert oder ver­leug­net, den nüch­ter­nen Prag­ma­ti­ker gespielt. Die Wahr­heit aber sitzt tie­fer. In der Kri­se.

Habe den Glau­ben ver­lo­ren, sagt er, und bleibt stehn – ich bin ver­zwei­felt, weißt du, wie ein Papst, der wei­se genug ist, gott­los zu sein, aber zu müde, die Far­ce zu Ende zu spie­len. Genau jetzt, an Sil­ves­ter, die Glau­bens­fra­ge, bloß kei­ne gro­ße Phi­lo­so­phie jetzt, ich will nur gehen, Hein­rich, pro­blem­los. Er geht jetzt neben mir, bein­hart ent­schlos­sen mir Gesell­schaft zu leis­ten.
Ent­gleist sei er, abge­kom­men von der Spur, die in Alter­na­ti­ven geführt hät­te – in ein Musi­ker-Leben viel­leicht, weißt du … als Jaz­zer, aner­kann­ter Gitar­re­ro auf ein­schlä­gi­gen Büh­nen, zu einer Ret­tungs­in­sel viel­leicht, jetzt ist der Kar­ren fest­ge­fah­ren, steckt im Dreck, so füh­le sich das an. Wir hat­ten auch schon gemein­sam musi­ziert, in klei­nen Jazz Clubs, als indoor noch geraucht wer­den durf­te. Songs von Ken­ny Bur­rell oder Wes Mont­go­me­ry.
In den Spu­ren von Groß­va­ter und Vater, die das Bestat­tungs­in­sti­tut auf­ge­baut hat­ten, will er nicht mehr wei­ter­gehn, sagt er. Es klingt wohl­über­legt, wie ein über­dach­ter Ent­schluß.

Dabei bist du in einer kri­sen­si­che­ren Bran­che, sage ich, gestor­ben wird doch immer, mehr oder weni­ger. Er zuckt mit der Schul­ter. Kein Trost. Hein­rich ist im Loch. Er atmet schwer beim Auf­wärts­gehn. Ein kaum gewar­te­ter Pfad über den lan­gen Rücken des Schloß­bergs, der am Ende steil nach Wes­ten hin abfällt, als über­hän­gen­der Fels, führt uns zu einer klei­nen Aus­sichts­ram­pe, einem Erker am Berg, herr­li­cher Blick ins Rhein­tal, die Beloh­nung für die Pla­cke­rei.
Eigent­lich ein schma­ler Fle­cken Wie­se, so beengt und nah am Abgrund, daß ihn die alten Emser nur „s‚Plätzle“ nann­ten, ver­nied­licht, um dem Ort das Omen, das dort geis­tern soll, zu neh­men. Ein dürf­ti­ger Holz­zaun soll Angst machen vor dem Abgrund.
Noch eine Ziga­ril­lo, zur Fei­er der Nacht, der Kerl inha­liert die­se Din­ger. Ein Paf­fer war er nie, sagt er, alles durch­ziehn, bis zur Nei­ge. Sein Feu­er­zeug ist klo­big, eigent­lich unhand­lich schwer und ver­gol­det, wich­tig, als wärs eine Waf­fe. Sei­ne flat­tern­den Lun­gen­flü­gel oder sind‚s die Bron­chi­en, als wür­den klei­ne Metall­teil­chen anein­an­der­schla­gen – zer­brö­seln von innen.
Ich woll­te mich eigent­lich leer machen beim Gehen, und er schüt­tet mich wie­der zu, ich bin nicht wirk­lich bereit für Trost und Bei­stand, aber ande­rer­seits auch nicht abge­neigt, ich höre sie ger­ne, sei­ne Geschich­ten. Er kann sie auch mit der Gitar­re spie­len, und solie­ren kann er, jeder Lauf erzählt dir was.
Also was? fra­ge ich. Eine Sache nagt beson­ders und sie geht nicht weg, sagt er. Nach einer Schwei­ge­mi­nu­te dann: In den letz­ten zwei Jah­ren, weißt du, wäh­rend der Lock­down­zei­ten, sind so vie­le jun­ge Leu­te gestor­ben, das hältst du nicht aus. Nicht mal unser­eins, so schlimm war das. Frag die Kol­le­gen. In der Pres­se war das kein The­ma. Aber mei­ne Leu­te wissen‚s. Er besitzt zwei Insti­tu­te, eines in Nie­der­ös­ter­reich, eines in Wien. Ein wei­tes Feld, weißt du.
An Coro­na gestor­ben? fra­ge ich. Nein – Selbst­mord. Teen­ager! Die meis­ten erhängt, an Lam­pen­ka­beln, Lüs­tern, Fens­ter­stö­cken, an Heiz­kör­pern, weiß der Teu­fel, gesun­de Teen­ager, Alter. Mit einem Sack vol­ler Mög­lich­kei­ten. Tot. Aus. Was ist da los?
Allein das Pro­ze­de­re der Abho­lung war ihm ein Canos­sa­gang, sagt er. Eine Sech­zehn­jäh­ri­ge legt ihr wei­ßes Kom­mu­ni­on­kleid­chen aufs Bett, legt einen Abschieds­brief dazu und erhängt sich am Lüs­ter. Das kriegst du nicht weg.
Nor­ma­ler­wei­se kommt er mit den Toten gut klar, mit den alten Toten, bei der Waschung, der Kos­me­tik, beim Schön­ma­chen spricht er mit ihnen, legt sich nach geta­ner Arbeit neben die Ver­bli­che­nen, eine Hand auf ihrer kal­ten Stirn, sein Mund nah am Ohr der Lei­che und stellt Fra­gen, ste­ter Trop­fen, als gäbe es eine Hoff­nung. Weißt du, wir ste­hen vor­ne am Bug und sehen jeden Tag ins Jen­seits, sagt er mit der wacke­li­gen Hybris eines schlech­ten Schau­spie­lers. Ihr seht bio­lo­gi­sche Res­te und Asche, mehr nicht, Hein­rich, das Jen­seits ist in dei­nem Kopf. Außer­dem: du hast doch den Glau­ben ver­lo­ren, wie der wei­se Papst, oder doch nicht? Ein bißl Tran­szen­denz bleibt immer, sagt er, bei Ein­stein und Haw­king wars genau­so und, ja, die spi­ri­tu­el­le Neu­gier, irgend­was ist … ich mei­ne, zwi­schen denen und mir, das hat nichts mit Glau­ben oder Reli­gi­on zu tun, ich mei­ne die­se Sen­der- und Emp­fän­ger­sa­che, Rest­ener­gien, kei­ne Ahnung – kei­ne Ahnung. Und dabei wol­len wir es bewen­den las­sen. Wir gehen eine Wei­le schwei­gend. Und jetzt? Wie solls wei­ter­gehn?

Irgend­wann hau ich mich auch weg, sagt er dann. Sehr ent­schie­den sagt er das.
Er tritt vor bis an die Ram­pe. Sei­ne Knie berüh­ren eine Quer­lat­te des Zauns. Hör auf mit dem Blöd­sinn, da geht’s 300 m run­ter, nack­ter Fels, über­hän­gend, mit sowas spaßt man nicht. Was willst du eigent­lich? Du bist ein erfolg­rei­cher Unter­neh­mer, hast eine Frau, drei erwach­se­ne Kin­der, alle gesund, bist ein begab­ter Musi­ker, was ver­langst du denn noch, in Zei­ten wie die­sen? „Das Leben beginnt mit 50.“ Sehr wit­zig.
Wir lau­schen ins Rhein­tal hin­aus. Der Föhn wacht auf, fährt uns ins Haar und über die Grä­ser.
Viel­leicht täu­sche ich mich, aber in der Atmo­sphä­re liegt ein Anflug gelas­se­ner Zärt­lich­keit, nichts Sinn­li­ches, eher das stil­le Über­ein­kom­men zwei­er Gestran­de­ter, die sich mit der Rat­lo­sig­keit ver­söh­nen wol­len, ohne Panik und Ver­bit­te­rung.
Hein­rich, wir Alten wol­len doch mal fest­hal­ten, bei allem Stunk, der jetzt abläuft, Schick­sal und Geschich­te haben uns in Wat­te gebet­tet, wir sind eine glück­li­che Gene­ra­ti­on und wäre ich kein Agnos­ti­ker würd ich sagen, blas­phe­misch ist das, sich so zu beneh­men und Asche über dich. Über­treib nicht, Alter, es ist kei­ne Schan­de wenn man sich was ein­ge­steht.
Bist du sicher, daß es die Wahr­heit ist? Oder nur ein Gespinst, das sich im Suff wich­tig macht. Ich bin nicht betrun­ken, sagt er.
Also was willst du? Eine mora­li­sche Legi­ti­ma­ti­on für dei­nen Abgang, für dei­ne Frau, dei­ne Kin­der? Eine Art Abso­lu­ti­on für dei­nen Abtritt, oder sowas? In etwa, sagt er prompt. Nein, genau das. Er sieht mich streng an dabei, wie einer, der schon Licht­jah­re wei­ter ist als mei­ne Gedan­ken je waren. Die­ser Blick erstaunt mich dann doch.
Willst du nicht ein­fach den Moment hier genie­ßen? Die laue Luft, die jubeln­de Welt?

In die­sem Augen­blick erin­ne­re ich mich an ein Gespräch, das vor fast 50 Jah­ren statt­ge­fun­den hat­te. Da unten, sage ich zu Hein­rich, und zei­ge Rich­tung Dorn­birn. Auf der Dach­ter­ras­se des dama­li­gen Kul­tur­chefs von Radio Vor­arl­berg, Leo H.
Ähn­li­ches The­ma. Ähn­li­ches Wet­ter. Auch ein lau­er Win­ter­abend, ich lehn­te mich damals über das Gelän­der, wie du gra­de eben. Ganz schön hoch der vier­te Stock. Dicht neben mir stand ein 63 jäh­ri­ger Mann, der viel älter aus­sah als die Wirk­lich­keit sei­ner Daten. Das wache Gesicht, sein dün­ner Kör­per, die leicht gebeug­te Hal­tung – wie eines die­ser zer­zaus­ten  Baum­ske­let­te ober­halb der Wald­gren­ze, die jedes Wet­ter über­stan­den haben, wache, flin­ke Augen, ein müdes Lächeln unter den tief­hän­gen­den Lidern – ich hat­te ihm gera­de zwei atem­lo­se Stun­den lang bei einer Lesung gelauscht, Essays „Über das Altern“ und „Hand an sich legen“. Weißt du, was ich mei­ne? Hein­rich nickt. Ich weiß, was du meinst. Sein Name war Jean Amè­ry, der Mann, der SS-Fol­ter, Ausch­witz und Ber­gen Bel­sen über­lebt und schon 20 Jah­re vor unserm Gespräch sei­nen wirk­li­chen Namen, Hans May­er, in sein Ana­gramm ver­wan­delt hat­te, um den deut­sches­ten aller deut­schen Namen aus­zu­ra­die­ren. Was blieb war: Jean Amè­ry. Ich war 25 damals, das war 1975.

Ich erin­ne­re mich an die Per­ga­ment­haut sei­ner schma­len, dür­ren Hän­de, die zer­brech­lich wie Glas­be­steck aus den Ärmeln wuch­sen. Da stand der Pate des Frei­tods vor mir und mir zit­ter­ten die Knie. Jetzt bloß nicht den Jung­spund mit lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen her­aus­hän­gen, könn­te pein­lich wer­den neben dem, der in die Wahr­heit ste­chen kann wie ein Eis­pi­ckel. Dabei sah ich eher Güte in sei­nem Blick, als wür­de er mich um mei­ne Ahnungs­lo­sig­keit benei­den, mei­ne nai­ve See­le, die den Blick in die Höl­le noch nicht kann­te. Also bes­ser Maul hal­ten oder, wenn schon, vor­sich­tig Fra­gen stel­len zum Ein­schlä­gi­gen – „Hand an sich legen“ zum Bei­spiel oder eben Ausch­witz, bes­ser unge­len­ke Neu­gier zei­gen, der Sanf­te und sein schar­fer Geist wür­de den Jün­ger ver­ständ­nis­voll auf ver­meint­li­che Augen­hö­he zie­hen. Und so wars dann auch. Ich hat­te sei­ne Bücher gele­sen, weißt du, war beim „Dis­kurs zum Frei­tod“ hän­gen geblie­ben und begann zu fra­gen, wie das so war bei sei­nem ers­ten geschei­ter­ten Ver­such und ob sich damals schon alles gedeckt hat­te mit der Theo­rie. Hat­te es. Aber ein guter Freund hat­te ihn aus dem Koma geholt.
Nicht, daß ich Hein­rich ermu­ti­gen will, aber weil er schon erpicht ist dar­auf, brin­ge ich ihm Amėrys The­se vom „Hang zum Frei­tod“ näher, der näm­lich „kei­ne Krank­heit“ sei „von der man geheilt wer­den muß, wie von den Masern“. Und vor allem möch­te ich ihm die Kon­klu­sio nicht vor­ent­hal­ten, die müß­te näm­lich pas­sen wie die Faust aufs Auge: „Der Frei­tod ist ein Pri­vi­leg des Huma­nen.“ Das beru­higt doch, nicht? … Pri­vi­leg des Huma­nen. Irgend­wie, ja, sagt er lei­se.
Drei Jah­re spä­ter war Amè­ry wirk­lich tot, ver­stehst du? Wie­der Schlaf­ta­blet­ten. Pri­vi­le­giert. Human. Ich bin dein guter Freund, Hein­rich. Noch bin ich nicht im Koma, sagt er, macht einen bedach­ten Schritt zurück von der Ram­pe, und zün­det sich noch eine an, sein ver­gol­de­tes Ding klickt mit Nach­hall.
Ich dre­he mich wie­der Rich­tung Dorn­birn, gegen Nor­den, mit dem Rücken zu ihm und erzäh­le ihm noch ein paar ungus­tiö­se Details von mei­nem dama­li­gen Gespräch, um ihm sein Vor­ha­ben end­gül­tig madig zu machen.

Über Fall­hö­hen hat­ten wir gespro­chen, sage ich und über Fall­dau­er, den Auf­prall selbst, den Unter­grund – Beton, Wie­se, Stein, eine Baum­kro­ne, Was­ser, die Eisen­bahn, Tablet­ten, prag­ma­ti­sche Din­ge halt, über Kom­pli­ka­tio­nen bezüg­lich der gewünsch­ten Wir­kung einer Dosis, des Sprungs oder wie man stö­ren­de Zufäl­le mit Sicher­heit aus­schließt usw. – zuge­ge­ben ein plum­per Ver­such, aber das „Plätz­le“ scheint mir geeig­net, vor dem gäh­nen­den Loch da, das vor uns liegt wie ein offe­nes Maul. Übri­gens, sage ich, ohne mich umzu­dre­hen, Amé­rys Fami­lie hat einst da unten gewohnt, mußt du wis­sen. Dabei zei­ge ich aufs Juden­vier­tel von Hohen­ems. Er stamm­te tat­säch­lich von hier, Ste­fan Zweig übri­gens auch, nicht ohne Stolz, sage ich das, als alter Emser.
Und wäh­rend ich noch mit aus­ge­streck­tem Arm und fuch­teln­dem Zei­ge­fin­ger eine kor­rek­te Ein­gren­zung sei­ner frü­he­ren Wohn­statt ver­su­che, spü­re ich im Augen­win­kel, daß der Platz hin­ter mir leer ist. Er ist weg. Hein­rich ist ver­schwun­den, ohne Ankün­di­gung, ohne einen Laut. Hein­rich?!! Kei­ne Ant­wort. Wäre er nach hin­ten davon­mar­schiert, hät­te ich doch Geräu­sche hören müs­sen. Viel­leicht gesprun­gen, in aller Stil­le? Ich rufe lau­ter. Nichts. Kurz bleibt die Luft weg, ein Zie­hen im Zahn­fleisch. Ich muß sehr blaß sein. Das Fei­ern drü­ben ist noch zu hören. Mir wird schlecht, sehe ihn im Geis­te noch flie­gen, nein fal­len und auf­schla­gen an Fels­kan­ten, in Baum­kro­nen, auf Beton am Ende.
Er hat­te also genug von den Toten. Woll­te end­lich sel­ber einer sein, den­ke ich. Wills aber nicht recht glau­ben, gehe auf Zehen­spit­zen vor zum Holz­zaun, beu­ge mich über den Abgrund, weit über die Brüs­tung, lau­sche ¬– Nichts, außer der Klang des Schloß­bergs, der Wind im Fels, das Rau­schen der Bäu­me, zwei Schlä­ge aus dem Turm, 2 Uhr früh.

Aus der Fer­ne wie­der Geläch­ter, spit­ze Frau­en­schreie aus den offe­nen Fens­tern der Burg, aus­ge­las­se­ne Lebens­freu­de, eine Ambu­lanz­si­re­ne irgend­wo drau­ßen im glit­zern­den Rhein­tal, Hohen­ems noch hell­wach, letz­te Kra­cher hal­len wider vom Kirch­turm, der Föhn ist jetzt zor­nig, bläst Gestank­fah­nen von Schwe­fel­di­oxid und aller­lei Dioxi­ne den Berg hoch, wohl auch Koh­len­mon­oxid, aber das riecht ja kei­ner. Der Hein­rich ist weg. Der Hein­rich ist … Sein Schal hängt noch am Zaun, flat­tert im war­men Wind. Ich lege ihn mir um den Hals und begin­ne zu lau­fen, Rich­tung Burg. Hil­fe. Hil­fe! Lauf­schritt.
Außer Ästen und Strauch­werk schla­gen mir auch Ahnun­gen ins Gesicht, Vor­wür­fe und Ankla­gen – wie konn­test du nur, weißt doch wie labil er ist, viel­leicht gesto­ßen … das Schwein, war ja kei­ner dabei, Poli­zei! Genaue Unter­su­chung, ein Streit? Ich? Gar nix, unschul­dig!!, kann jeder sagen, weil kei­ne Zeu­gen, du lie­ber Gott, Ver­haf­tung, Pro­zeß, Mord, Tot­schlag, Affekt, Absicht, geplant, fahr­läs­sig?, alles ist mög­lich, bis ich dann stol­pe­re, ein­mal, zwei­mal, etwas ist auf­ge­blitzt im Stür­zen, ein har­ter Gegen­stand trifft mei­ne Knie­schei­be, dann lie­ge ich bäuch­lings, flach­ge­streckt im brau­nen Laub. Hein­richs Schal ist mir übers Kinn gerutscht, unter die Nase, abge­stan­de­ne Ziga­ril­lo­welt: Hein­rich.
Wo bist du, ver­dammt!? Der Atem geht ruhi­ger jetzt. Ganz nah vor mei­nem Auge ein Blät­ter­meer – Ahorn, Eschen, im fah­len Licht der Leucht­ku­geln betrach­te ich die abge­stor­be­nen Blät­ter wie klei­ne Gemäl­de, jedes ein­zeln, auf­merk­sam, die gel­app­ten, die gesäg­ten Rän­der, die Äder­chen im schmut­zi­gen Braun, der über­lan­ge Stiel, den ich zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger um sei­ne Ach­se rotie­ren las­se, rasant, ein­mal links ein­mal rechts, wäre es noch Som­mer, könn­te man die Samen sprü­hen sehn. Und dann, einen Meter vor mir, halb ver­deckt von einem Blatt, der gold blit­zen­de Wider­schein einer zer­fal­len­den Rake­te – ich grei­fe nach dem Ding, halt es fest und mein Puls beru­higt sich. Hein­rich. Sein Feu­er­zeug. Die Logik der Ereig­nis­se ist klar. Eine kräf­ti­ge Böe trägt den end­gül­ti­gen Beweis an mein Ohr, von der Burg her, zwi­schen aus­ge­las­se­nem Stim­men­ge­wirr und Geläch­ter, Hein­richs grö­len­der Bari­ton, hei­ser und hem­mungs­los. Ein­deu­tig ER. Ich lege mich auf den Rücken, schie­be mit der Lin­ken und der Rech­ten ein Blät­ter­kis­sen unter den Hin­ter­kopf und schaue in den Him­mel. Der Hein­rich lebt. Die Toten wer­den wie­der begra­ben wer­den. Pri­vi­le­giert und human.
Alles beim alten. Der Mond ist weg, das ist alles.

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Rein­hold Bil­ge­ri, geb. 1950 in Hohen­ems, Vor­arl­berg, Singer/Songwriter, Schrift­stel­ler, Filmregisseur/Produzent, Stu­di­um Uni Inns­bruck, Mag. Phil., Lehr­amts­stu­di­um. Unter­rich­te­te 4 Jah­re lang Phi­lo­so­phie, Deutsch, Psy­cho­lo­gie und Geo­gra­fie am Gym­na­si­um Feld­kirch. 1974 ers­ter Num­mer-1-Hit in Öster­reich, gemein­sam mit Micha­el Köhl­mei­er: „Oho Vor­arl­berg“, Solo­kar­rie­re als Rock- und Jazz­mu­si­ker, lan­de­te 25 Top­hits, dar­un­ter den Welt­hit „Video Life“. Bücher: 1974 Herrn Rudolfs Gera­ni­en (Finks Ver­lag), 2005 Der Atem des Him­mels (Piper Verlag/Molden Ver­lag), 2021 Die Lie­be im lei­sen Land (Amal­thea Ver­lag). Dreh­te, schrieb und pro­du­zier­te zahl­rei­che Kino- bzw. TV-Fil­me, u.a. Der Atem des Him­mels ( Gewin­ner der Gol­den Roos­ter Award of CHINA – Best For­eign Movie 2012), Alles Fleisch ist Gras (mit Tobi­as Moret­ti), Der Stil­le Berg (mit Wil­liam Mose­ley, Clau­dia Car­di­na­le). Erik & Eri­ka (Bio­pic in Copro­duk­ti­on mit ZEIT­SPRUNG-Film), Uni­ver­sum Histo­ry – Das Tor zum Wes­ten usw.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 24. Febru­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 25. Feb. 2023