Am Rio Grande

Norbert Gstreins Kolumne „Writer at Large“

Online seit: 16.9.2019
Norbert Gstrein © Heike Huslage-Koch
Norbert Gstrein: „Das Georgia-O’Keeffe-Museum hatte geschlossen gehabt, und darüber war ich nicht unglücklich gewesen, weil ich auf Bilder in Museen zunehmend mit der gleichen Abwehr und der gleichen Traurigkeit reagierte wie auf Raubtiere im Zoo.“
Foto: Heike Huslage-Koch

Es war ein stürmischer Tag in El Paso, dieser 15. März 2019, als ich die Häuser am Stadtrand hinter mir ließ und ein Stück hinauf in die Franklin Mountains ging, die letzten südlichen Ausläufer der Rockies. Schon zwei Tage davor, als ich, aus Santa Fe kommend, auf die Stadt zugefahren war, waren gleich hinter Las Cruces, New Mexico, auf dem Highway Sandstürme angekündigt worden – DUST STORMS MAY EXIST NEXT TEN MILES –, und tatsächlich hatte sich die Sicht augenblicklich verdüstert, hatte es auf der Fahrbahn plötzlich Sandverwehungen gegeben und war dann der Blick auf die Skyline am Abend verschwommen gewesen, wie ein Fernsehbild bei schlecht eingestellter Antenne.

In Santa Fe hatte es über Nacht geschneit, nachdem es am Vortag noch geregnet hatte und nicht mehr aufgehört hatte zu regnen und ich die Plaza im Zentrum mit ihrer Kunst und ihrem Kunsthandwerk, einer esoterischen Mischung aus indigenen, christlichen und wahrscheinlich therapeutisch gemeinten New-Age-Einflüssen, unter den Arkaden wohl ein Dutzend Mal umrundet hatte und schließlich vor einem Geschäft mit Cowboystiefeln stehen geblieben war. Dabei musste ich so interessiert in die Auslage geschaut haben, dass ein Mann mich ins Gespräch zog und zu mir sagte, man bekomme da ganz passable Treter, aber wenn ich wirklich gute haben wolle, müsse ich nach Nogales fahren und dürfe dafür auf keinen Fall weniger als tausend Dollar ausgeben, tausend Dollar sei die Marke, an der sich alles scheide. Von meinem Kartenstudium wusste ich, dass das irgendwo in Arizona lag, direkt an der mexikanischen Grenze, und nicht der nächste Ort war, aber offenbar war in dieser Gegend nichts Besonderes daran, für die richtigen Stiefel ein paar hundert Kilometer in Kauf zu nehmen.

Das Georgia-O’Keeffe-Museum hatte geschlossen gehabt, und darüber war ich nicht unglücklich gewesen, weil ich auf Bilder in Museen zunehmend mit der gleichen Abwehr und der gleichen Traurigkeit reagierte wie auf Tiere oder, noch schlimmer, Raubtiere im Zoo. Ich hatte einen Abstecher nach Taos machen wollen, wegen D. H. Lawrence, der dort zwei Jahre gelebt hatte, und war dann an Taos vorbeigefahren, weil ich das Taos-Erlebnis schon aus Geoff Dyers D. H.-Lawrence-Buch Aus schierer Wut kannte, das in Wirklichkeit ein D. H.-Lawrence-Vermeidungsbuch war und meine Angst vor einer bestimmten Art von Kunst und noch mehr vor einer bestimmten Art von Kunsthandwerk, das in deren Schatten spross, nur verstärkt hatte – aber auch, weil Häuser, in denen Schriftsteller gelebt hatten und die deswegen Schriftstellerhäuser geworden waren, auf mich noch trauriger wirkten als Museen. Sie interessierten mich am ehesten in der Vorstellung, dass sie geschlossen waren, geschlossene Museen, geschlossene Schriftstellerhäuser in der Nacht, in der ich dann gern mit einer Kerze in der Hand von Raum zu Raum gegangen wäre.

Begleitet von einem schwarzen Geländewagen fuhren sie mit ihren schweren Maschinen am helllichten Tag vor einem Restaurant vor  und drehten zur offensichtlichen Provokation von zwei Polizisten im Stehen das Gas auf.

Trauriger als die Kultur, wenn sie für die Ewigkeit ausgestellt wird, ist nur das Fehlen von Kultur. Meine Reise, die mich von Denver nach El Paso und dann den Rio Grande entlang bis Houston führen sollte, könnte ich auch beschreiben als die vergebliche Suche nach einem Ort, wo es die New York Times zu kaufen gab, für viele eine reine Verschmocktheit, für Literaturliebhaber eine Art Hommage sowohl an Thomas Bernhard als auch an die Neue Zürcher Zeitung und für alle anderen eine schiere Tatsache. Ich hatte keine New York Times im windverblasenen Alamogordo, New Mexico, bekommen mit seiner gottverlassenen White Sands Shopping Mall, in der die Armee zwischen geschlossenen Geschäften ein Rekrutierungsbüro unterhielt, keine New York Times in El Paso, schon in Texas, jedenfalls nicht im Stadtzentrum, wo ich mich durchgefragt hatte und in immer noch abenteuerliche Ecken geschickt worden war, und auch keine in Del Rio, einer gar nicht so großen Stadt mit ihrem trotzdem wie endlos wirkenden Strip von Billboards, Tankstellen und Autohäusern. Dafür ließ dort vor meinem Motel mit dem direkt in den Parkplatz eingelassenen Swimmingpool eine Motorradgang noch gegen Mitternacht ihre Harleys nageln, eine Demonstration von Macht und Sinnlosigkeit, die tags darauf in Acuña auf der anderen Seite des Rio Grande von ihren Brüdern im Geiste spielend übertroffen wurde, allem Anschein nach wirklich bösen Jungs. Begleitet von einem schwarzen Geländewagen fuhren sie mit ihren schweren Maschinen am helllichten Tag vor einem Restaurant vor und drehten unter untätiger Beobachtung und zur offensichtlichen Provokation von zwei Polizisten im Stehen das Gas auf, bis das Knattern ohrenbetäubend war und die Leute sich rundum zu verziehen begannen.

Ich hatte keine Ahnung, wie über die Grenze zu schreiben wäre, zwischen Peter Handke in seiner bosnischen Phase, Claas Relotius und vielleicht Heribert Prantl als Maßstab der Maßstäbe in punkto Moral.

Deshalb kam ich schon gar nicht mehr auf die Idee, nach der New York Times oder einer anderen Zeitung überhaupt nur zu fragen, als ich schließlich Laredo erreichte. Die Stadt mit ihren immerhin zweihundertfünfzigtausend Einwohnern hielt laut Wikipedia den traurigen Rekord, die größte Stadt in den USA ohne Buchhandlung zu sein. Ich habe das nicht Straße für Straße überprüft, aber was ich überprüft habe, ist, dass es zu jedem der absurd vielen Billigparfum-, Billigtextil- und Billigschuhgeschäfte, die man in Laredo finden konnte, jeweils zwei Zahnärzte jenseits der Grenze in Nuevo Laredo gab, und zu jedem Zahnarzt in Nuevo Laredo existierten wenigstens zwei dieser Ramschläden in Laredo, wie auch immer sich das mathematisch ausgehen mochte und was auch immer daraus folgte.

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Natürlich waren die Verheerungen im Norden andere als die im Süden, aber die dazwischen verlaufende Grenze fraß sich in den bewohnten Gebieten durch die Landschaft wie eine schlecht vernarbte Wunde durch einen Körper, mit der Folge, dass rundherum das Gewebe eiterte oder abstarb. Von meinem Aussichtspunkt an diesem Tag hoch über El Paso war sie fast nicht zu erkennen, zwei Linien, die sich durch das Häusergewürfel zogen, der Highway, dahinter der Rio Grande, aber keine Mauer, die sichtbar gewesen wäre, kein Zaun, im Gegensatz zu anderen Orten, und Downtown nur, als wären es nicht mehr als ein Dutzend Hochhäuser, sowie die Flachbauten der Randviertel in der westtexanischen Ebene und gegenüber Juárez und die Juárez Mountains. Es war nichts Naheliegender, als das Ganze als eine Stadt zu sehen, und genauso hätte es auch am Tag davor, als ich nach Juárez gegangen war und ein Stück aus Juárez hinaus, eine ansteigende Straße am Stadtrand hinauf und nach El Paso und die Berge im Hintergrund hinübergeblickt hatte, ein lange zusammengewachsener und ungeteilter urbaner Raum sein können. Man warf siebzig Cent in einen Schlitz und ging durch ein Drehkreuz wie in einem Schwimmbad oder einer Autobahntoilette, und der Übergang über das in einem breiten Betonkanal verlaufende Rinnsal des Rio Grande war so dicht vergittert, dass man durch die Zwischenräume nicht einmal einen Bleistift hätte stecken können.

Auf dem Scheitelpunkt der Brücke, als ich kurz stehen blieb, ein Bein auf amerikanischem, ein Bein auf mexikanischem Boden, wie ich dachte, in Wirklichkeit aber wohl eher beide Beine im Niemandsland, fragte mich ein Mann in einem offenbar frisch geplätteten, aber fadenscheinigen Anzug, ob ich Anwalt sei, um sich sofort von mir wegzudrehen, als ich es verneinte, und schon schritt ich die andere Seite der Brücke hinunter und war in Juárez, ohne dass ich mich hätte ausweisen müssen. Das Erste, was ich dort nach dem Verlassen des Grenzgebäudes erblickte, war ein auf der Straße kauerndes, vielleicht sieben- oder achtjähriges, dunkelhäutiges Mädchen mit einem Becher und einem Pappkarton vor sich, auf dem stand: IMMIGRANTE ÁFRICA AYUDA. Bei der Ausreise Stunden später genügten dreißig Cent, wenn man zu den Privilegierten zählte, man brauchte jetzt seinen Pass, Geduld beim Anstehen in der Schlange und bei der Befragung durch die amerikanischen Beamten, und die Mexikaner wünschten einem auf einem riesigen, quer über die Fahrbahnen reichenden Schild ein vielleicht ironisches, vielleicht metaphysisches, vielleicht aber einfach nur ganz ernst gemeintes FELIZ VIAJE.

Auf dem Flug nach Denver hatte ich das gerade erschienene Buch The End of the Myth des amerikanischen Historikers Greg Grandin gelesen. Sein Untertitel lautet „From the Frontier to the Border Wall in the Mind of America“, und er erklärt darin, was sich an dieser Grenze alles staut und was endgültig zum Stillstand kommt. Der Begriff der Grenze ist ihm zufolge, und wenn ich das richtig zusammenfasse, für das amerikanische Bewusstsein ein Begriff, an den es sich in einem festen Sinn immer noch gewöhnen muss. Zu lange in der Geschichte war die prägende Vorstellung nicht die einer „border“ oder einer „boundary“, sondern die der „frontier“, der beweglichen, immer weiter verschiebbaren, immer weiter verschobenen Grenze nach Westen, die es dem Land viel zu lange ermöglichte, politische Probleme nicht zu lösen oder wenigstens zu lösen zu versuchen, sondern über die jeweils augenblicklichen Ränder des eigenen Gebiets hinaus zu exportieren, zuerst nur auf dem amerikanischen Kontinent, dann in stets neuen Kriegen auf der ganzen Welt. Die bleibende Folge war ein schwacher Staat mit schwachen Institutionen und ganzen Regionen, in denen das Ideal eines schwachen oder kaum existierenden Staates hochgehalten wurde und nach wie vor hochgehalten wird. Dazu kommt, dass der Begriff der „frontier“ längst schon weniger der Beschreibung einer Grenze als der eines Bewusstseinszustandes dient, er ist ein Synonym für das unabdingbare Freiheitsstreben des Einzelnen, das keinen Blick für die Kosten hat und sich nicht darum kümmert, auf wessen Rücken es ausgetragen wird. Keine Freiheit indes ohne die Unfreiheit der Indianer, kein ökonomischer Wohlstand ohne die Unterdrückung und Versklavung der Schwarzen, und die daraus resultierenden, nie gelösten Widersprüche kommen mit jahrzehntelanger Verspätung an der mexikanischen Grenze endgültig zum Tragen und sollen nun ausgerechnet durch eine Mauer gelöst werden. Es ist kein Wunder, dass zu deren größten Befürwortern genau die Haudegen gehören, die immer noch vom „big sky“, vom „big open“ und dem ehemaligen „no fences“ des Westens oder meinetwegen auch Wilden Westens schwärmen.

Die Grenze, der Schluss bleibt einem nicht erspart, ist also weniger eine Sicherheitsgrenze als eine rassistische Grenze und eine Wohlstandsgrenze. Man überquert sie in die eine Richtung und ist im äußersten Norden eines sich über mehrere Grenzen weit in den Süden erstreckenden Armutsgebietes. Man überquert sie in die andere Richtung, wenn es einem denn gelingt, und ist im äußersten Süden eines sich über viele Breitengrade ausdehnenden Wohlstandsgebietes, dessen Wohlstand sich nur aufrechterhalten lässt, wenn man die Bewegungsfreiheit ganzer Bevölkerungsgruppen je nach den eigenen Bedürfnissen lenkt, sie einmal mehr, einmal weniger einschränkt und die Betroffenen gleichzeitig als die neuen Sklaven behandelt, die man nicht mehr besitzen muss, sondern für wenig Geld mietet. Was das für den Blick von der einen Seite auf die andere und für den Blick von der anderen Seite auf die eine bedeutet, kann ich mir nur vorzustellen versuchen. Wie schaut ein Bewohner von El Paso nach Juárez hinüber, und wie blickt ein Bewohner von Juárez nach El Paso zurück, oder ist es für beide Seiten nur aushaltbar, wenn sie die meiste Zeit den Blick abwenden oder die Augen verschließen vor dem, was sie sehen könnten?

In den Bergen hoch über El Paso wehte der Wind so stark, dass ich mich beim Aufwärtsgehen in ihn hineinlehnen musste, und als ich den Weg verließ und durch Buschland ging, waren nach wenigen hundert Metern die Unterschenkel meiner Hosen stacheldurchsetzt. Aus dem Geröll wuchsen knöchel- bis kniehohe Kakteen, und unter den Dornenbüschen war eine Buschart auffällig, die zumindest in dieser Jahreszeit wie das Röntgenbild ihrer selbst wirkte, graue, mannshohe, in Büscheln aus dem Untergrund sprießende Zweige, dicht mit Stacheln besetzt. Das Wort „Totenlandschaft“ drängte sich einem förmlich auf, und diese Landschaft, die für sich schon für einen Menschen zu Fuß eine fast unüberwindliche Barriere bedeutet, bewachten auf Schritt und Tritt die Border-Patrol-Agenten. Sie hatten nicht nur ihre Checkpoints, sondern standen im Grenzgebiet die Straßen entlang an eigenen Zugangswegen neben ihren Pick-ups oder manchmal sogar auf deren Ladeflächen und suchten mit ihren Feldstechern den Horizont ab, obwohl es ganz und gar unmöglich schien, dass sich jemand in der Tageshitze durch dieses Ödland kämpfen könnte.

Ich hatte sie da und dort im Gelände gesehen und dadurch eine gewisse Vorstellung davon bekommen, was es bedeuten mochte, ihnen ohne gültige Papiere gegenüberzutreten, es reichten schon die Befragungen bei den unerwarteten Kontrollen auf dem Highway, bei denen die kleinste Ungenauigkeit oder Unsicherheit in einer Antwort genügte, um sie zum verschärften Nachfragen zu veranlassen, Papiere hin oder her – aber die Wahrheit war, ich hatte keine Ahnung, wie über die Grenze zu schreiben wäre, zwischen Peter Handke in seiner bosnischen Phase, Claas Relotius und vielleicht Heribert Prantl als Maßstab der Maßstäbe in punkto Moral, an dem ich mich zu orientieren hätte. Ein Fake kam nicht in Frage, und für das Immer-alles-wissen-und-immer-schon-alles-gewusst-Haben, das auf Dauer den paradoxen Effekt hatte, aufrüttelnd und einschläfernd zugleich zu sein, fehlten mir das Selbstbewusstsein und die Nerven. Ich wusste nicht mehr, ob der Name stimmte, der ja ohnehin geändert wäre, aber in der ZEIT hatte ich vor Monaten ansonsten wörtlich den Satz gelesen: „DIE ZEIT begleitete Anna Gonzales drei Tage lang durch Mexiko“, und weil das ebenso kollektiv wie herrschaftlich klang, bekam ich seither das Bild nicht mehr aus dem Kopf, dass die ganze Redaktion der ZEIT in einem vollklimatisierten Reisebus neben der sogenannten Karawane hergefahren war, um die es dabei ging, den Zug der Flüchtlinge aus San Salvador, Guatemala und Honduras, die sich damals in einer großen Gruppe zu Fuß auf die Grenze zubewegt hatten – ein falsches Bild mit einem richtigen Kern. Also blieb für den Anfang wohl doch am ehesten der viel gescholtene Träumer, der Seher oder Blinde in seinem wer weiß wievielten Land, der aufzuzeichnen versuchte, was ihm vor Augen gekommen war, dabei aber tunlichst in Erinnerung behielt, dass er die wesentlichen Dinge nicht sah und dass sie natürlich dennoch im Gang waren und sich beispielsweise in der Meldung niederschlugen, dass zwischen dem Pazifik im Westen und dem Golf von Mexiko im Osten allein in diesem Monat März über hunderttausend Menschen beim Versuch, die Grenze zu überqueren und ihr Heil im Norden zu finden, festgenommen worden waren. Das waren hunderttausend Geschichten und hunderttausend Leben, oder genauer eines und noch eines und noch eines und noch eines – und alle wären zu erzählen.

Dagegen waren die Geschichten, die ich erlebt hatte, kleine Geschichten, vielleicht ohne Bedeutung für das Ganze und doch eben die Geschichten, die ich bezeugen konnte. An meinem Tag in Juárez etwa war ich lange auf dem Platz gesessen mit der riesigen, weitum eingezäunten Statue des Namenspatrons der Stadt und hatte einer Lastwagenladung von olivgrün uniformierten Soldaten dabei zugeschaut, wie sie mit ihren Spaten die so früh im Jahr schon verbrannt wirkenden Grünflächen in Ordnung brachten oder wenigstens vorgaben, das zu tun. Sie waren unbewaffnet, trugen Armschleifen mit der Aufschrift LABOR SOCIAL, schoben hier ein Häufchen Erde zusammen, kappten da ein paar vorstehende Grasbüschel, rechten den Kies oder hoben ein Papierchen auf und machten, je länger ich sie beobachtete, umso mehr den Eindruck, sie würden wie Soldaten überall auf der Welt, wenn sie nicht gerade in Kampfhandlungen verwickelt waren, die Arbeit nur simulieren. Das wirklich Auffallende aber war, dass sie von zwei weiteren Lastwagenladungen von über das ganze Gelände verteilten Uniformierten mit halbautomatischen Gewehren und schusssicheren Westen bewacht wurden, die einen in olivgrünem, die anderen in sandfarbenem Drillich, alle Helme auf dem Kopf und viele vermummt. Solange ich an meinem Platz saß, gelang es mir nicht zu entscheiden, ob vielleicht auch diese Bewachung nur Simulation war, eine Möglichkeit, den langweiligen Kasernenalltag aufzulockern, oder ob sie einer Notwendigkeit unterlag.
Als der Befehl zum Aufbruch kam, ging alles sehr schnell. Die Soldaten nahmen vor ihren Fahrzeugen Aufstellung, und kaum waren sie aufgesessen, standen die Lastwagen abfahrbereit da, auf jedem zwei finster Vermummmte, die mit über dem Dach angelegten Gewehren hinter der Fahrerkabine standen, was jetzt tatsächlich sehr ernst aussah, und bahnten sich schon einen Weg in den vorbeiströmenden Verkehr, schienen ohne alle Rücksicht einfach in ihn hineinzufahren. Da erst merkte ich, wie wenige Leute die ganze Zeit den Platz gequert hatten, wie wenige auf den Stufen zur Statue hinunter gesessen waren und wie sich auch jetzt diese Leere nicht füllte.

Zwei Stunden später sah ich in der Nähe des Marktes vor der Kathedrale einen zum Erschrecken perfekten Michael-Jackson-Darsteller, ein ebenso erbärmliches wie erbarmungswürdiges Knochengerippe, selbst mehr der Tod als das Leben, mit einem Todesdarsteller in scharlachrotem Kardinalsumhang und silberner Totenmaske um die Aufmerksamkeit der Umstehenden wetteifern. Der Tod hatte eine totenkreuzförmige Schachtel voll Murmeln in der Hand, und wenn er sie bewegte, wusste man, dass nicht das Rieseln von Sand die Zeit bestimmte, sondern dieses schaurige Geräusch von in einem Wildbach fortgerissenen Geröll. Gegen ein paar Pesos konnte man eine der Murmeln mit einer Weissagung erstehen, und es war klar, dass unter all den bedingt wahren Sprüchen nur einer unbedingt wahr wäre, nämlich dass wir alle sterben würden.

Vor der Kathedrale wurde gesungen, immer wieder hörte ich ein ALELUYA und immer wieder ein GRACIAS CRISTO, und als ich näher trat, bot sich mir ein sinisteres Schauspiel dar. Eine Gruppe von amerikanischen Jugendlichen, wahrscheinlich Studenten, ich konnte nicht sagen, ob es Evangelikale oder Mormonen oder weiß der Teufel was sonst waren, waren mit eifrigem Missionieren und Retten und das Himmelreich-Versprechen beschäftigt. Jeweils einer von ihnen stand vor einem Mexikaner, die Hand auf seiner Schulter, neben ihm ein Übersetzer, der seine Hand auf die andere Schulter legte, und dann begann das Ritual, Rede, Übersetzung, Gegenrede, und der so nach wenigen Minuten Gerettete wurde mit einer bunten Bibel zurück in seine Welt entlassen, in der sich nichts für ihn geändert hatte. Allein sich die Physiognomien anzusehen war erschütternd, die jungen, selbstbewusst und fast schon geschäftsmäßig auftretenden Vertreter aus dem reichen Norden standen meistens bis ins schlimmste Stereotyp gebeugt und demütig wie die prototypischen Sünder wirkenden älteren, ärmlich gekleideten Leuten gegenüber, einer mit in die Kniekehlen hängendem Hosenboden, der andere mit durchlöchertem Strohhut, ein Dritter ohne Zähne, und versprachen ihnen das ewige Leben, wenn sie glaubten, wenn sie bereuten, wenn sie sich von ihnen zu einem Kind Gottes machen ließen. Ich hatte das alles nie als so abstoßend empfunden wie in diesem Augenblick und bei diesem grotesken Gefälle der Möglichkeiten, von gleich zu gleich wäre es vielleicht ein harmloser Zauber aus einer anderen Welt und einem anderen Jahrhundert gewesen, ein sinnloses Trauerspiel, aber so war es eine einzige Abscheulichkeit, fehlte nur der Papst, der ihnen noch die Füße geküsst hätte.

Nicht lange danach, jedoch längst in einer anderen Gegend am Stadtrand, stieß ich auf einen der Geretteten, einen alten Mann, von dem ich mich fragte, wie er überhaupt so schnell dorthin gekommen war. Er hatte eine dieser kinderbunten Bibeln in der einen Hand, an der ich ihn erkannte, und in der anderen einen Stock, an dem er mühsam daherhumpelte. Seine Augen waren verschwommen und unfokussiert, das Weiß darin gelb, und er trug zu seinen ausgelatschten Schlapfen und seiner schmutzigen Trainingshose eine wie neu wirkende Jacke mit der Aufschrift US ARMY über der einen Brusttasche und dem Namen POWELL über der anderen.

Das war es, was ich gesehen hatte, und der Anblick dieses Mannes verfolgte mich noch Tage später, als ich bereits in San Antonio war, schon nicht mehr am Rio Grande, und aus der Stadt hinausging, den Fluss entlang zu den dort im Abstand von nur wenigen Kilometern aufgereihten ehemaligen spanischen Missionsstationen, von der im Zentrum gelegenen The Alamo bis zur am weitesten entfernten San Francisco de la Espada. Von dem Tag in Juárez – ich war von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und noch lange darüber hinaus draußen gewesen, ohne zu bedenken, wie weit im Süden ich war – hatte ich einen Sonnenbrand, und in meinem Gesicht und auf meinem ganzen rot verbrannten Schädel schälte sich die Haut in Fetzen ab, was der Grund sein mochte, dass ich immer wieder Blicke auf mich zog, als wäre etwas nicht in Ordnung mit mir, ich wäre entweder eine Gefahr oder bräuchte vielleicht Hilfe. Vor der mittleren der fünf Missionen sah mir ein Mann lange lächelnd ins Gesicht, der dort stand und gerade sein Fahrrad aufpumpte, und betrachtete mich ebenso ironisch wie wohlwollend, wie ich dachte. Er war vielleicht dreißig, in kurzer Hose und einem über seinen Muskeln spannenden T-Shirt, und es spielte keine Rolle, dass er kein Weißer war, natürlich nicht, und schien in diesem Augenblick doch eine zu spielen. „God bless you“, sagte er schließlich, und ich hätte gern das gleiche gesagt, weil es so offensichtlich nicht bloß dahergesprochen war, brachte aber nur ein verkümmertes „Hi“ über die Lippen.

Norbert Gstrein, geboren 1961, lebt in Hamburg. Sein neuer Roman Als ich jung war ist im Juli bei Hanser erschienen. Eine Lese­probe daraus findet sich hier.

Quelle: VOLLTEXT 2/2019 – 28. Juni 2019

Online seit: 16. September 2019