Liebes Leben

Aus­zug aus einem Roman in Arbeit. Von Moni­ka Wogrol­ly. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 61
Monika Wogrolly © Christian Jungwirth

Moni­ka Wogrol­ly. Foto: Chris­ti­an Jung­wirth

In mei­ner ers­ten Deutsch­schul­ar­beit erzäh­le ich die Geschich­te der Lie­be. Alfred Kol­le­rit­sch ist ein gro­ßer Mann mit brei­ten Schul­tern und rot­braun gewell­tem Haar. Bis­her hat­te ich nur weib­li­che Lehr­per­so­nen gehabt. Schon Alfred Kol­le­rit­schs Anblick lässt mich hof­fen, dass nun alles anders wird. Er schrieb Bücher, die ich auf dem Schul­weg in der Buch­hand­lung Ley­kam von mei­nem Taschen­geld besor­ge. Eines, den Roman „Die Pfir­sich­tö­ter“, ent­deck­te ich im Bücher­re­gal mei­nes Vaters und nahm es ein­fach mit. Das Buch „Die Grü­ne Sei­te“ habe ich auf­ge­schla­gen im Bank­fach lie­gen und befüh­le die Sei­ten wie die Haut eines gelieb­ten Wesens, als mei­ne Rech­nung auf­geht und mein Leh­rer dar­auf auf­merk­sam wird, dass ich da etwas im Bank­fach ver­ste­cke. Der Maul­wurf in mei­nem Schoß macht Sies­ta. Der bren­nen­de Dorn­busch über­strahlt alles. Ich läch­le mei­nen Deutsch­leh­rer an. Er schenkt mir lan­ge tie­fe, manch­mal auch besorg­te Bli­cke. Er sieht mich an, als ob ich ein süßes klei­nes Mäd­chen wäre. Und das bin ich auch, nur für den Lohn sei­nes Bli­ckes, der mich schüt­zend umhüllt. In sei­nen strah­lend­blau­en Augen kann ich mich erst­mals bewusst wider­spie­geln, ich sehe, ich erken­ne mich, aber ohne viel zu spü­ren, außer Auf­re­gung und Lust auf jeden neu­en Schul­tag. Wie er in der Erkennt­nis lacht und strahlt, als er erkennt, dass ich heim­lich sein Buch lese. Er mur­melt etwas, wen­det sich ab, aber nur um sich sogleich zu mir umzu­dre­hen und mir in den Deutsch­stun­den eine Büh­ne zu geben. Ich darf Reden und Fens­ter­re­por­ta­gen hal­ten, ich darf Rol­len­spie­le spie­len, ich gebe eine One-Woman-Show im Deutsch­un­ter­richt. Um ihm noch mehr zu gefal­len und sei­nen Blick wei­ter­hin auf mich zu zie­hen, sor­ge ich für über­ra­schen­de Klei­nig­kei­ten. Ein­mal zie­he ich mir Mamas Ring mit den auf­fäl­li­gen Rubin­split­tern an. Dass ich älter wir­ke, als ich bin, sagt mein Deutsch­leh­rer. Dass ich schon eine jun­ge Dame sei. Und in der aller­ers­ten Deutsch­stun­de, nach­dem er sich vor­ge­stellt hat­te mit den Wor­ten, Grüß euch Gott, ich bin der Alfred Kol­le­rit­sch, frag­te er in die Klas­se, ob unter uns ein Dich­ter oder eine Dich­te­rin sei. Ich hat­te mich sofort gemel­det. Der Blick, den er mir dar­auf­hin zuwirft, ist ein Blick der Ver­zü­ckung. Wie süß ich war, so selbst­be­wusst und nied­lich, dass ich mich mit zehn Jah­ren als Schrift­stel­le­rin, als Dich­te­rin sah. Ich woll­te immer sein, was man in mir sehen woll­te, um geliebt zu wer­den. Um über­haupt beach­tet zu wer­den. Um da zu sein. Der Drang ent­stand, mei­nen Deutsch­leh­rer für mich zu gewin­nen und ihn eines Tages zu hei­ra­ten. Mein Groß­va­ter hat­te auch mei­ne Groß­mutter als Schü­le­rin unter­rich­tet und war, als sie alt genug gewe­sen war, im Kuh­stall vor ihr auf die Knie gefal­len. Auf die­sen Knie­fall, es muss­te nicht im Kuh­stall sein, arbei­te­te ich in der Unter­stu­fe des Gym­na­si­ums hin. Dar­auf, dass er mich vom Fluch der Miss­ach­tung befrei­te und mei­nem Vater klar­mach­te, wie wert­voll ich war. In der Deutsch­schul­ar­beit fädel­te ich es bewusst so ein, dass mein Deutsch­leh­rer erken­nen soll­te, wie weit ich war und dass ich über die Lie­be Bescheid wuss­te. Er kommt her­ein und lässt uns die Hef­te auf­schla­gen. Er über­legt sich spon­tan The­men für die Schul­ar­beit. Ein­mal eine Bild­be­schrei­bung, ein­mal einen Zei­tungs­be­richt, und dann über­legt er kurz und sagt lächelnd, wer wol­le kön­ne von sei­ner ers­ten Ver­liebt­heit erzäh­len. „Als ich zum ers­ten Mal ver­liebt war…“ Alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler, nur ich nicht, beka­men die Deutsch­schul­ar­bei­ten in der nächs­ten Deutsch­stun­de beno­tet zurück. Mich traf, dass er allen ihre Hef­te zurück­gab, nur mir nicht. Mein Heft hat­te er ein­be­hal­ten. War der Auf­satz so gut? Oder war er so schreck­lich? Am Nach­mit­tag läu­te­te bei uns zu Hau­se das Tele­fon. Es war der Schul­di­rek­tor, ein Bun­des­bru­der der Stu­den­ten­ver­bin­dung mei­nes Vaters. Ich kann­te ihn aus mei­ner Kin­der­gar­ten­zeit, wenn er sich mit Papa getrof­fen hat­te und dabei auch mir vor­ge­stellt wor­den war. Mama sag­te, ich hät­te eine Eins bekom­men, aber in mei­ner Deutsch­schul­ar­beit sei­en ver­stö­ren­de Sät­ze. Sie zitier­te den Schul­di­rek­tor, der die­se Sät­ze offen­bar zitiert hat­te. Die Beschrei­bung mei­nes Zun­gen­kus­ses mit Andi hat­te Alfred Kol­le­rit­sch alar­miert. Er sag­te fort­an Loli­ta zu mir, und als ich anfing, mich mit elf vege­ta­risch zu ernäh­ren, sag­te er „Bren­nes­serl“, um mich zu necken. Mei­ne Mut­ter erwähn­te die Deutsch­schul­ar­beit nicht mehr. Haupt­sa­che, ich hat­te ein Sehr gut. Alfred Kol­le­rit­sch warf mir immer öfter sor­gen­vol­le Bli­cke zu. In sei­nen Deutsch­stun­den durf­te ich wei­ter­hin nach vor­ne vor die Klas­se tre­ten und aus dem Steg­reif Reden hal­ten. Das war das Schöns­te, wenn alle mir zuhör­ten und ihre Bli­cke auf mich rich­te­ten. Und am Ende applau­dier­ten.

In Wahr­heit war ich nie, nie ver­liebt in Andi gewe­sen. Son­dern erst­mals wirk­lich ver­liebt in Alfred Kol­le­rit­sch, der, als ich gera­de zehn war, über vier­zig war, aber für mich der Mann mei­ner Träu­me: Vater, Dich­ter, Phi­lo­soph, und Kin­der woll­te ich auch eines Tages mit ihm haben. Ein­mal nach der Deutsch­stun­de lief ich zum Kathe­der und frag­te ihn, ob ich ihm mei­ne Bücher zu lesen geben dür­fe. Mein Vater, der auch Deutsch stu­diert hat­te, hat­te erwähnt, dass Alfred Kol­le­rit­sch die Lite­ra­tur­zeit­schrift manu­skrip­te her­aus­gab. Des­halb gab ich ihm „Brumml, der Bär“ und „Pasti‚s Aben­teu­er“, mei­ne hand­ge­schrie­be­nen Erst­lings­wer­ke. Eine Mit­schü­le­rin, Chris­tia­ne, spot­te­te, dass er die­se mit Filz­stift gekrit­zel­ten Geschich­ten sofort in den Papier­korb wan­dern lie­ße und sein Inter­es­se nur gespielt habe. Das traf mich, aber ich glaub­te an mei­ne Ent­de­ckung durch den so genann­ten Lite­ra­tur­papst von Graz und der Stei­er­mark. Er hat­te lite­ra­ri­sche Grö­ßen wie Elfrie­de Jeli­nek und Peter Hand­ke ent­deckt, war­um nicht auch mich. Ich woll­te, ich muss­te alles tun, sei­ne Auf­merk­sam­keit zu sichern, daher setz­te ich alles dar­an, als Schrift­stel­le­rin ernst genom­men zu wer­den und mög­lichst bald ein Buch zu ver­öf­fent­li­chen.

Zu Hau­se hat­te mein Bru­der damit begon­nen, eine Zei­tung zu grün­den. Er nann­te sie GW nach sei­nen Initia­len und kopier­te sie in der Lan­des­re­gie­rung, wo Omi als Amts­rat und dann Ober­amts­rat beschäf­tigt war. Als Kind hat­te ich immer Büro und Püree ver­wech­selt. Omi und Papa muss­ten täg­lich ins Püree. Wäh­rend ich zu Papa nur ein­mal im Leben kam, durf­te ich mit Omi vor allem in der Unter­stu­fe des Gym­na­si­ums an ihren Arbeits­platz beglei­ten. In der Volks­schu­le war mit den Haus­auf­ga­ben alles erle­digt gewe­sen. Jetzt muss­te ich ab der ers­ten Klas­se für Mathe­ma­tik, Geo­gra­phie, Bio­lo­gie und für Phy­sik ab der zwei­ten Klas­se ler­nen. Ich muss­te den Lern­stoff durch­ar­bei­ten, mit Leucht­stift mar­kie­ren, Aus­zü­ge dar­aus exzer­pie­ren und dann Omi im Büro alle Fra­gen dazu beant­wor­ten. Wir simu­lier­ten eine Prü­fungs­si­tua­ti­on. Die Leh­rer im Gym­na­si­um mach­ten so genann­te Lern­stoff-Wie­der­ho­lun­gen, deren Beno­tung in die Bewer­tung der Mit­ar­beit und der gesam­ten Leis­tung mit­ein­floss. Omi trich­te­re mir den Lern­stoff ein, sag­te mei­ne Mut­ter. Ich leg­te mich immer sel­te­ner abends in ihr Bett. Ich war wie­der vom Durch­gangs­zim­mer neben dem Zim­mer mei­nes Bru­ders ins Ess­zim­mer zurück­ge­wan­dert. Im Durch­gangs­zim­mer hat­ten mich die unmit­tel­ba­re Nach­bar­schaft zu mei­nem Bru­der, der Dreck aus sei­nem Zim­mer zu mir warf, und die Max-und-Moritz-Tape­te sowie das bei mir pla­ka­tier­te über­le­bens­gro­ße Pos­ter von ABBA belas­tet. Mit Mama das Ess­zim­mer zu tei­len, war das gerin­ge­re Übel. Die Zei­tung, die mein Bru­der bei Omi in der Lan­des­re­gie­rung pro­du­zier­te und die nie­mand las außer ihm und unse­ren Eltern, brach­te mich auf die Idee, eine MW Tier­zeit­schrift zu schrei­ben und bei Omis Büro­ko­pier­ma­schi­ne zu ver­viel­fäl­ti­gen. Und wie einst die Kir­schen, ver­kauf­te ich bereits von der ers­ten Edi­ti­on zehn Stück in mei­ner Schul­klas­se. Sowohl Leh­rer als auch Mit­schü­ler kauf­ten begeis­tert, was ich mir aus­ge­dacht, geschrie­ben und gezeich­net hat­te. Auch Gert Edlin­ger nahm ein Exem­plar der MW Tier­zeit­schrift mit nach Hau­se. Er war noch immer in mich ver­liebt, aber mein Herz schlug aus­schließ­lich für Alfred Kol­le­rit­sch. Dass ich ihn nach der Matu­ra hei­ra­ten wür­de, hat­te fest­ge­stan­den, als Chris­tia­ne mir tri­um­phie­rend eröff­ne­te, dass er schon mit einer ande­ren Schü­le­rin ver­hei­ra­tet sei. Chris­tia­ne wuss­te über das Pri­vat­le­ben unse­res Deutsch­leh­rers Bescheid, da ihr Vater mit ihm befreun­det war. „Du bist zu spät. Er war­tet nicht auf dich.“, eröff­ne­te mir Chris­tia­ne vor einer Deutsch­stun­de. „Er hat erst vor kur­zem Gabi gehei­ra­tet. Das ist schon die zwei­te Schü­le­rin, die er zur Frau nimmt.“ Die Infor­ma­ti­on war ein Wer­muts­trop­fen, schmä­ler­te die Hoff­nung jedoch nicht. Dann war ich die drit­te! Die drit­te Schü­le­rin, die er zur Frau neh­men wür­de, sobald ich die Matu­ra hat­te und Gabi ihm dann zu alt gewor­den wäre. Mei­ne Jugend hielt ich damals für den Bonus und ging davon aus, damit alle älte­ren Frau­en zu über­tref­fen, denn ich war jung, nied­lich, aber schon früh­reif und all­wis­send. Ich wuss­te zu jeder Fra­ge des Lebens eine Äuße­rung zu machen und bil­de­te mir zu jedem The­ma mei­ne spon­ta­ne Mei­nung. Als Mama mit win­zi­gen Füß­chen aus Metall vom Bischofs­platz nach Hau­se kam, pinn­te ich sie mir sofort zu den Mini-Wäsche­klam­mern und so genann­ten Flö­hen, bemal­ten Holz­püpp­chen mit Fran­sen, an mei­ne Jeans­ja­cke, um zu zei­gen, dass ich gegen die Fris­ten­lö­sung war. Als Her­mann Nit­sch das öffent­li­che Inter­es­se erreg­te, wet­ter­te ich mit mei­ner Mama gegen sei­ne Ver­öf­fent­li­chung getra­ge­ner Damen­bin­den und des Mens­trua­ti­ons­blu­tes. Im Som­mer zuvor war ich eini­ge Tage allein mit Omi im Feri­en­haus mei­nes Groß­on­kels gewe­sen, Papa und Mama muss­ten ihren Rom­auf­ent­halt wegen Mamas Blut­stür­zen abbre­chen und ihr wur­de im Lan­des­kran­ken­haus auf der Gebur­ten­sta­ti­on die Gebär­mut­ter ent­nom­men, als sie knapp über drei­ßig war.

Gert Edlin­ger kommt nach dem Unter­richt auf mich zu und lässt mir schö­ne Grü­ße von sei­nem Vater, dem ORF Redak­teur Klaus Edlin­ger aus­rich­ten. Er lässt fra­gen, ob ich bereit bin, ihm ein Radio­in­ter­view über mei­ne MW-Tier­zeit­schrift zu geben. Und ob! Nach­dem ich zu Hau­se davon erzählt habe, reagiert Mama ver­är­gert, fast vor­wurfs­voll. Das sei doch nicht mei­ne, son­dern die Idee mei­nes Bru­ders gewe­sen, eine Zeit­schrift zu machen. Sie gibt mir das Gefühl, etwas Unrech­tes zu tun, eine Idee geklaut zu haben. Ich ver­spre­che hoch und hei­lig, offi­zi­ell klar­zu­stel­len, dass es sei­ne Idee war, die ich abge­kup­fert habe. Zum ers­ten Mal darf ich das Funk­haus betre­ten, zum ers­ten Mal bit­tet mich ein ande­rer Mann zum Inter­view als Papa. Und wäre ich nicht schon in Alfred Kol­le­rit­sch ver­liebt gewe­sen, mit dem ich mich als so gut wie ver­lobt betrach­te­te, hät­te ich mich in Klaus Edlin­ger, nicht sei­nen mir zu jun­gen Sohn, ver­liebt. Er setz­te sich mir gegen­über. Jeder von uns hat­te sein eige­nes Stand­mi­kro­phon. Er schenk­te mir Auf­merk­sam­keit und ließ mir aus der Kan­ti­ne ein Getränk brin­gen. Und das Wich­tigs­te war: Er schau­te mich die gan­ze Zeit an. Er getrau­te sich, mich län­ger anzu­se­hen als Papa. Das Inter­view wur­de eini­ge Tage spä­ter auf Radio Stei­er­mark gesen­det. Ich hat­te noch immer ein schlech­tes Gewis­sen und mich beeilt, mei­nen gro­ßen Bru­der als Ideen­ge­ber zu benen­nen. Der Redak­teur frag­te mit ange­neh­mer Radio­stim­me, was der Inhalt mei­ner Zeit­schrift sei. Ich erklär­te, dass ich damit Tie­re ret­ten wol­le und dass man Ele­fan­ten nicht zur Elfen­bein­ge­win­nung töten, son­dern ihnen ein­fach die Zäh­ne absä­gen soll­te. Dann gab es zwei Sei­ten mit einem Auf­ruf, Jägern die Geweh­re weg­zu­neh­men. Ich hat­te ein Kreuz­wort­rät­sel über eine Sei­te gezeich­net und noch mehr Tipps zur Unter­stüt­zung von Tie­ren. Zudem einen Auf­ruf, nie­mehr Pelz zu tra­gen, denn dafür müss­ten Baby­rob­ben ster­ben. Der Redak­teur war zufrie­den. Mit einem Hoch­ge­fühl ver­ließ ich das Funk­haus. Ich hat­te dar­an Gefal­len gefun­den, Inter­views zu geben, Rede und Ant­wort zu ste­hen und Aus­kunft zu ertei­len. Ich begann, Brie­fe an den ORF zu schrei­ben. Der ers­te Brief­emp­fän­ger war Otto König, ein Zoo­lo­ge, der damals eine Tier­sen­dung im Fern­se­hen prä­sen­tier­te. Papa besuch­te ein­mal einen Vor­trag, den Otto König in Graz hielt, mit mir. Wir gin­gen anschlie­ßend zum Pult nach vor­ne und Papa stell­te mich als größ­ten Fan vor. Otto König blick­te kurz zu mir hin­un­ter und mein­te dann zu Papa, dass ich mich am bes­ten gleich für eine Mit­ar­beit und Assis­tenz bewer­ben soll­te. Bei­de lach­ten und kei­ner sprach noch mit mir. Seit­dem schick­te ich ihm Bewer­bun­gen um sei­ne Assis­ten­ten­stel­le, die er bei der Begeg­nung erwähnt hat­te. Er schrieb mir nie zurück.

Mit zehn ent­deck­te ich im Talk­for­mat „Trit­sch-Tratsch“ ein Mäd­chen namens Vera Russ­wurm, die jedes Mal, im Publi­kum sit­zend, ihre Mei­nung zu unter­schied­li­chen The­men äußer­te. Der Mode­ra­tor Joki Kirsch­ner erklär­te das so, dass die Sen­dungs­ma­cher somit auch der Jugend eine Stim­me geben woll­ten. Mit vier­zehn schick­te ich an den ORF einen Brief, dass eine über Zwan­zig­jäh­ri­ge kei­ne Jugend­li­che mehr sei und dass sie rich­ti­ge Jugend­li­che wie mich zu Wort kom­men las­sen soll­ten. Als ich dann auf unse­rem Fest­netz­te­le­fon einen Anruf vom ORF erhielt und mich der Mit­ar­bei­ter des Lan­des­stu­di­os Stei­er­mark Pert Ober­hau­ser zu Pro­be­auf­nah­men ein­lud, hing der Haus­segen schlag­ar­tig schief. Seit ich mei­nen zwölf­ten Geburts­tag gefei­ert hat­te, erst­mals und das ein­zi­ge Mal mit einer Tor­te mit Ker­zen, behan­del­te Mama mich voll­kom­men anders. Sie warf mir vor, mich völ­lig ver­än­dert zu haben und jetzt nicht mehr ihr klei­nes Kat­zi zu sein. Sie hör­te auf, mich zu umar­men und mit mir in die Innen­stadt zu gehen, wo wir unse­re gewohn­te Stre­cke von einem Fein­kost­la­den, dem Fran­kowitsch, über die Eis­die­le Schle­cker­mäul­chen zu Schwes­ter Sera­phi­ne hat­ten. Ich ver­stand nicht, was sich ver­än­dert hat­te – außer Mama. Wann immer ich die Woh­nung im drit­ten Stock ver­ließ, um mich mit Freun­din­nen zu tref­fen oder zu Ilo­na zu gehen, rief sie mir bös­ar­ti­ge Wor­te nach, dar­un­ter auch die Bezeich­nung jener Frau­en, die bei uns gegen­über am Stra­ßen­rand stan­den und in frem­de Autos stie­gen. Ich konn­te nicht begrei­fen, was pas­siert war. Sie erwähn­te mei­ne lan­gen blon­den Haa­re und dass man mich nicht mehr allein hin­aus las­sen dür­fe, da ich eine wan­deln­de Ein­la­dung sei. Umso scho­ckier­ter war sie dann über die Ein­la­dung des ORF zur Sen­dung „Trit­sch-Tratsch“. Ich war vier­zehn und durf­te nicht allein hin, aber nie­mand woll­te mich beglei­ten. Schließ­lich erkann­ten mei­ne Eltern, dass es doch am bes­ten wäre, den Ter­min wahr­zu­neh­men, um das mög­lichst schnell hin­ter sich zu brin­gen und zu ver­ges­sen. Die Zer­ris­sen­heit zu Hau­se konn­te ich nicht nach­voll­zie­hen. Ich hat­te auf ihre Unter­stüt­zung gehofft und erwar­tet, dass ich sie damit stolz machen wür­de, im Fern­se­hen zu sein. Mir fiel, da ich mich so schlecht fühl­te, gar kein The­ma ein. Im Som­mer vor der Live­sen­dung trai­nier­te mich mein Groß­on­kel in tele­ge­nem Auf­tre­ten. Ich hat­te den Text auf einen der Zet­tel, auf die sonst Got­tes­brie­fe kamen, man­gels bes­se­rer Ein­fäl­le geschrie­ben. Ich war nicht mit dem Her­zen, nur mit dem Ver­stand dabei. Ich hät­te so viel zu sagen gehabt. Aber jetzt, wo die Chan­ce da war, emp­fand ich nichts als nur Schuld­ge­füh­le. Ich hat­te ein schlech­tes Gewis­sen, Mama und Papa mit die­sem Auf­tritt Kum­mer zu berei­ten. Mein Vor­trag ging dar­um, wie unge­recht es sei, dass wir Jugend­li­che selbst­re­dend in Öffis zum Auf­ste­hen und Platz­ma­chen ver­dammt sei­en, wenn­gleich wir einen for­dern­den Schul­all­tag hät­ten, und in Lebens­mit­tel­ge­schäf­ten wür­den wir in aller Regel zuletzt bedient. Erwach­se­ne hät­ten es ins­ge­samt in der Gesell­schaft bes­ser… Mein Groß­on­kel wies mich dar­auf hin, beim Spre­chen den Kopf zu bewe­gen, wie eine Nach­rich­ten­spre­che­rin, da man sonst im Fern­se­hen zu starr wir­ke. Ich sol­le mir zwi­schen­durch wie zufäl­lig eine Haar­sträh­ne aus dem Gesicht strei­chen, riet er mir. Auf der Hin­fahrt nach Wien igno­rier­ten mich Mama und Papa. Sie unter­hiel­ten sich über Papas Unter­kunft in einem Mut­ter­haus des Schwes­tern­or­dens, wo Pfar­rer Hauff wohn­te, der mich mit zwölf zum letz­ten Mal auf sei­nen Schoß genom­men hat­te. Dazu kom­me ich spä­ter. Zur Sen­dung kann ich nur sagen, dass sie ein Rein­fall war. Mama beob­ach­te­te miss­bil­li­gend, wie Joki Kirsch­ner mich zur Begrü­ßung umarm­te. Sie flüs­tert mir zu, dass ich kei­nes­falls mit die­sen Fern­seh­leu­ten allein sein dür­fe, und wur­de in den Zuschau­er­raum gebracht. Ich fühl­te mich statt am Ziel mei­ner Träu­me wie den Wöl­fen zum Fraß vor­ge­wor­fen. In mei­nem in Vil­lach gekauf­ten indi­schen Kleid wirk­te ich älter. Felix Dvo­rak war der ein­zi­ge der Anwe­sen­den, der mich auf­mun­ter­te. Der Sen­dungs­ver­ant­wort­li­che, des­sen Name mir ent­fal­len ist (Die­ter Bött­cher), frag­te: „War­um schaut die so fins­ter?“ Joki Kirsch­ner ver­such­te, die Situa­ti­on zu ret­ten, da eine fast schmerz­haf­te Span­nung in der Luft lag, und nahm mich in die Kan­ti­ne mit. Vor der Sen­dung einen Zwie­bel­rost­bra­ten zu essen, war kei­ne gute Idee, wie sich im Nach­hin­ein her­aus­stell­te. Nach dem so genann­ten Ladl­spiel, wobei es um das Erra­ten der Schub­la­de ging, in der sich ein Bril­lant befand, durf­te ich mei­nen Kurz­vor­trag hal­ten. Ich sit­ze in der ers­ten Rei­he im Publi­kum, die Kame­ra zeigt ein rotes Licht, und ich begin­ne zu spre­chen. Ich füh­le nichts, nur Angst, nir­gend­wo mehr will­kom­men zu sein, mich zu ver­lie­ren im Unsinn mei­ner Rede und im ewi­gen Fall sein.

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Moni­ka D. Wogrol­ly, geb. 1967 in Graz, Phi­lo­so­phin und Psy­cho­the­ra­peu­tin in Graz und Wien und in der Pri­vat­kli­nik St. Rade­gund. Stu­di­um der Phi­lo­so­phie und Deut­schen Phi­lo­lo­gie, Diplom­ar­beit über „Die Ent­ste­hung des Kunst­wer­kes“ von Mar­tin Heid­eg­ger und Dis­ser­ta­ti­on zum ethisch ange­mes­se­nen Umgang mit schwerst­kran­ken Per­so­nen. Inter­na­tio­na­le wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen im Fach Bio­ethik, Vor­tra­gen­de bei Witt­gen­stein-Sym­po­si­en, Autorin und Her­aus­ge­be­rin des Maga­zins Living Cul­tu­re, Kolum­nis­tin im Maga­zin NEWS, Bezie­hungs­exper­tin in Rund­funk und Fern­se­hen. Publi­ka­tio­nen: Lan­ge Zeit lite­ra­ri­sche Roma­ne wie Raben­bra­ten (Deu­ti­cke 2004). Seit 2017 fach­li­che Publi­ka­tio­nen in zahl­rei­chen Print­me­di­en im Gesund­heits­be­reich und von Bezie­hungs­rat­ge­bern wie Die Bezie­hungs­for­mel. End­lich glück­lich lie­ben (Ueber­reu­ter Sach­buch 2017).

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 15. April 2022

Zuletzt geän­dert: 16. Apr. 2022