Riesenkrokodile

Von Mar­git Schrei­ner. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXVI
Margit Schreiner © Patricia Marchart

Mar­git Schrei­ner. Foto: Patri­cia Mar­chart

Die Wahr­heit des Auto­bio­gra­phi­schen liegt im radi­kal sub­jek­ti­ven Blick. Ich habe immer schon zur Über­trei­bung geneigt. Als Kind waren alle Häu­ser, Wie­sen, Ber­ge, Strän­de und Bäu­me grö­ßer als sie es heu­te sind.

Am größ­ten war das Kro­ko­dil in Mey­ers Lexi­kon mei­nes Vaters aus dem Jahr 1929. Das schlamm­far­be­ne Tier schnell­te aus einem sump­fi­gen Tüm­pel, rag­te mit weit geöff­ne­tem Maul fast senk­recht aus dem Was­ser, um ein am Ufer spie­len­des Kind zu schnap­pen. Unter dem Foto stand, dass Kro­ko­di­le ihre Beu­te unter Was­ser zer­ren und sie erträn­ken, bevor sie die Beu­te in mund­ge­rech­te Por­tio­nen rei­ßen und ver­schlu­cken. Das Kind war ich. Mons­ter lau­er­ten über­all.

Spä­ter hat mir mein Schwa­ger, der in Süd­afri­ka gebo­ren und in Indi­en auf­ge­wach­sen ist, erzählt, dass sei­ne ers­te Ver­lob­te im Indi­schen Oze­an neben ihm schwim­mend von einem Rie­sen­kro­ko­dil gefres­sen wor­den ist. (Oder war es ein wei­ßer Hai?) Die Geschich­te kos­te­te mich wei­te­re schlaf­lo­se Näch­te.

Viel spä­ter war ich lan­ge Zeit in mei­nem Freun­des­kreis berüch­tigt für mei­ne Geschich­te über Sie­ben-Meter-Kro­ko­di­le, die sowohl im Süß­was­ser als auch ins Meer schwim­men und auf einer klei­nen Insel im süd­chi­ne­si­schen Meer, auf der sich zwan­zig japa­ni­sche Sol­da­ten nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges infol­ge eines durch Kriegs­hand­lun­gen gesun­ke­nen Schif­fes ver­schanzt hat­ten, die­se Sol­da­ten alle­samt auf­ge­fres­sen hat­ten. „Die Schrei­ner und ihre Sie­ben-Meter-Kro­ko­di­le“ hieß es, „die zu einer Insel mit­ten im Meer schwim­men und dort zwan­zig Japa­ner ver­put­zen“. Wie kam ich zu der Geschich­te und war­um glaub­te mir nie­mand?

Mög­li­cher­wei­se lag es an der fal­schen Ver­tei­lung von Über- und Unter­trei­bung in mei­ner Geschich­te. Die Über­trei­bung betraf die Sie­ben-Meter-Kro­ko­di­le. Die größ­ten Kro­ko­di­le welt­weit sind der­zeit die Leis­ten­kro­ko­di­le, die höchs­tens sechs-Meter–und-ein-bisschen groß wer­den. Ein Leis­ten­kro­ko­dil, das übri­gens sowohl in Süß- als auch in Salz­was­ser schwimmt und das am wei­tes­ten ver­brei­te­te Kro­ko­dil ist, das auch schon öfter tau­send See­mei­len vom Land ent­fernt gesich­tet wur­de, ist sehr groß. Fürch­ter­lich groß in mei­ner Vor­stel­lung. Neh­me ich jetzt die durch­schnitt­li­che Grö­ße eines Leis­ten­kro­ko­dils – die Weib­chen sind wesent­lich klei­ner, etwa 3 bis 3,5 Meter, die Männ­chen durch­schnitt­lich etwa 4,5 Meter, dann stellt sich der Zuhö­rer mei­ner Geschich­te ein Kro­ko­dil von etwa, sagen wir, vier Meter Län­ge vor. Lächer­lich klei­ne, vier Meter gro­ße Kro­ko­di­le decken sich aber nicht mit mei­ner Vor­stel­lung von rie­si­gen Kro­ko­di­len. Um den Zuhö­rer an mei­ne Vor­stel­lung von unbe­schreib­lich gro­ßen Kro­ko­di­len her­an­zu­füh­ren, gebe ich eine Län­ge von sie­ben Metern an, die er ohne­hin, wie mei­ne Erfah­rung mit der Geschich­te gezeigt hat („Die Schrei­ner und ihre Sie­ben-Meter-Kro­ko­di­le“), nicht glaubt, son­dern von der er im vorn­her­ein etwa zwei Meter abzieht, wor­auf­hin er auf ein Leis­ten­kro­ko­dil von fünf Meter Län­ge kommt, was, wenn ich mein Arbeits­zim­mer von fünf Meter Län­ge zum Ver­gleich her­neh­me, mei­ner Vor­stel­lung von dem unge­heu­er gro­ßen Kro­ko­dil aus Mey­ers Lexi­kon sehr nahe kommt. Und damit dem Schre­cken, den die­ses Mons­ter mir damals ein­flöß­te.

Die Unter­trei­bung lag bei den zwan­zig japa­ni­schen Sol­da­ten auf einer klei­nen Insel, die von Kro­ko­di­len gefres­sen wur­den. Ich hat­te gele­sen, dass 1945 tau­send japa­ni­sche Sol­da­ten im Rah­men des Pazi­fik­krie­ges auf der Insel Ram­ree vor der Süd­küs­te Bur­mas (heu­te Myan­mars) einen Kapi­tu­la­ti­ons­vor­schlag der eng­lisch-indi­schen Kampf­grup­pen, die die Insel besetz­ten, abge­lehnt hat­ten und nachts aus der feind­li­chen Umzin­ge­lung aus­ge­bro­chen und quer durch Man­gro­ven­sümp­fe zum offe­nen Meer hin geflo­hen sind. Leis­ten­kro­ko­di­le, die in den Sümp­fen stark ver­brei­tet waren, haben alle japa­ni­schen Sol­da­ten bis auf zwan­zig auf­ge­fres­sen. Was mich nicht wei­ter wun­der­te, weil Kro­ko­di­le bis zu einem Jahr ohne Nah­rung aus­kom­men. Wenn sie nun in ansons­ten nah­rungs­ar­men Man­gro­ven­sümp­fen plötz­lich tau­send Sol­da­ten ser­viert bekom­men, wer­den sie, dach­te ich, ordent­lich zuschla­gen. Man­che sagen, dass es sich um einen moder­nen Mythos han­delt. Aber Mythos hin oder her, kein Mensch hät­te mir die Geschich­te von den neun­hun­dert­acht­zig von Kro­ko­di­len gefres­se­nen japa­ni­schen Sol­da­ten geglaubt, nach­dem man mir ja nicht ein­mal sie­ben Meter gro­ße Kro­ko­di­le glaub­te. Also redu­zier­te ich instink­tiv die tau­send Sol­da­ten auf die zwan­zig, die damals – angeb­lich – über­lebt hat­ten, und ließ aus Rache, dass ich aus Grün­den der Glaub­haf­tig­keit hat­te unter­trei­ben müs­sen, die zwan­zig Über­le­ben­den in mei­ner Erzäh­lung auch noch auf­fres­sen.

Die Geschich­te von den sie­ben Meter gro­ßen Kro­ko­di­len und den zwan­zig von eben­die­sen gefres­se­nen japa­ni­schen Sol­da­ten ver­tief­te sich noch durch Umstän­de in mei­nem Leben.

Ich habe drei Jah­re in Japan gelebt. In der eng­lisch­spra­chi­gen Aus­ga­be der japa­ni­schen Zei­tung Asahi Shim­bun las ich von dem letz­ten japa­ni­schen Sol­da­ten, der 1974 nach Japan zurück­ge­kom­men ist. Er hat­te sich 1945 gewei­gert, die Kapi­tu­la­ti­on Japans im Pazi­fik­krieg anzu­er­ken­nen, und im phil­ip­pi­ni­schen Dschun­gel fast drei­ßig Jah­re lang einen pri­va­ten Gue­ril­la­krieg geführt. Erst nach­dem man sei­nen ehe­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten im hohen Alter von sechs­und­acht­zig Jah­ren aus­fin­dig machen und, beklei­det mit der ehe­ma­li­gen Uni­form, vor Ort schaf­fen konn­te, wo er per­sön­lich den Befehl zur Kapi­tu­la­ti­on aus­sprach, gab der Mann auf. Jemand, der fast drei­ßig Jah­re lang im Urwald under­co­ver lebt, hät­te genau­so gut auf einer klei­nen Insel vor Myan­mar lan­den und dort von sie­ben Meter gro­ßen Kro­ko­di­len gefres­sen wer­den kön­nen.

Das größ­te Kro­ko­dil auf der Cro­co­di­le farm in Thai­land war 6,13 Meter. Alle ande­ren Kro­ko­di­le waren wesent­lich klei­ner. Die meis­ten der dort gezüch­te­ten Tie­re waren zwi­schen zehn Zen­ti­me­ter und drei Meter groß und harr­ten reg­los in der Hit­ze ihrer Ver­ar­bei­tung zu Kro­ko­dil­le­der­ta­schen ent­ge­gen, die in der Ver­kaufs­hal­le der Farm ange­bo­ten wur­den. 6,13 Meter Län­ge ist der Beweis, dass auch sie­ben Meter Län­ge mög­lich wären.

In der Asahi Shim­bun las ich auch, dass es im süd­chi­ne­si­schen Meer vor rie­si­gen Kro­ko­di­len nur so wim­mel­te. (Oder waren es Haie?)

Wäh­rend einer stür­mi­schen Schiffs­über­fahrt auf den Phil­ip­pi­nen von Mani­la nach Zam­boan­ga, als ich im süd­chi­ne­si­schen Meer auf einem ver­ros­te­ten Trans­port­schiff in einen Sturm geriet und in der ein­zi­gen Kabi­ne des Schif­fes aus dem Bett und in der Kabi­ne hin- und her­ge­schleu­dert wur­de, sind mir die zwan­zig schiff­brü­chi­gen Sol­da­ten, die auf eine Insel flüch­te­ten und dort von Kro­ko­di­len gefres­sen wer­den, plötz­lich ganz deut­lich vor Augen gestan­den. Mei­ne Angst wäh­rend der Über­fahrt hat sie mir ein­ge­stanzt. Bis heu­te. Die sie­ben Meter gro­ßen Kro­ko­di­le und die zwan­zig von ihnen gefres­se­nen japa­ni­schen Sol­da­ten gehö­ren zu mei­ner ganz per­sön­li­chen Erin­ne­rung.

Ich kann heu­te, als sehr Erwach­se­ne mit sie­ben­und­sech­zig Jah­ren die Geschich­te von den Sieben–Meter–Krokodilen und den zwan­zig schiff­brü­chi­gen Sol­da­ten, die auf einer klei­nen Insel rat­ze­kahl von die­sen auf­ge­fres­sen wur­den, nicht mehr so erzäh­len, wie sie in mei­ner Erin­ne­rung für immer als wahr gespei­chert ist. Aber ich kann, wie ich gera­de ver­sucht habe zu zei­gen, erzäh­len, wie es zu die­ser Erin­ne­rung kam. Das ist für mich das Wun­der der auto­bio­gra­phi­schen Lite­ra­tur, die den Blick des Kin­des, den unschul­di­gen Blick, mit dem des a prio­ri schul­di­gen Erwach­se­nen ver­bin­det. Die Wahr­heit des Auto­bio­gra­phi­schen liegt im radi­kal sub­jek­ti­ven Blick.

Jetzt, nach­dem ich die Geschich­te der japa­ni­schen Sol­da­ten, die von sie­ben Meter gro­ßen Kro­ko­di­len gefres­sen wur­den, erzählt habe und auch, wie sie ent­stan­den ist und wie sie sich ver­än­dert hat, ist sie nicht ein­mal mehr sym­bo­lisch wahr. Es ist die Geschich­te einer noto­ri­schen Lüg­ne­rin, eines alt gewor­de­nen Kin­des, dem nie­mand zuhört, wenn es nicht über­treibt. Das ist wahr.

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Mar­git Schrei­ner, gebo­ren in Linz, Stu­di­um in Salz­burg, eini­ge Jah­re in Tokio, Paris, Ber­lin und bei Rom, lebt heu­te im Wald­vier­tel. Letz­te Ver­öf­fent­li­chun­gen im Schöff­ling Ver­lag: Sind Sie eigent­lich fit genug? Essays (2019) und Vater, Mut­ter, Kind. Kriegs­er­klä­run­gen. Über das Pri­va­te 1.Band, Roman 2021. Im Früh­jahr 2022 erscheint Müt­ter, Väter, Män­ner. Klas­sen­kämp­fe. Über das Pri­va­te 2. Band. Zahl­rei­che Prei­se, dar­un­ter Öster­rei­chi­scher Wür­di­gungs­preis (2009) und Anton-Wildgans–Preis (2016).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 22. Okto­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 22. Okt. 2021