Das Eichhörnchen hat ein Problem

Über die Anfän­ge und Enden der Netz­li­te­ra­tur, kol­lek­ti­ves Schrei­ben und die Schwie­rig­kei­ten, das Neue zu erken­nen, wäh­rend es geschieht. Von Kath­rin Pas­sig

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Zehn Zita­te aus dem Bei­trag:

1) Ich ver­mu­te wei­ter­hin, dass man die eigent­lich inter­es­san­ten Ver­än­de­run­gen nicht in Lite­ra­tur­häu­sern oder in „Vor­le­sun­gen zur Kunst des Schrei­bens“ aus­fin­dig machen wird – auch nicht, wenn man ich ist.

2) Autoren sind nicht unemp­fäng­lich für Ver­än­de­run­gen ihrer wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen. Sie wen­den sich einer Text­gat­tung oder einem For­mat zu, wenn dort Geld oder Aner­ken­nung zu holen ist.

3) Das fünf­te Ende der Netz­li­te­ra­tur wird um 2012 her­um aus­ge­ru­fen, als Face­book und Twit­ter auch in Deutsch­land Fuß gefasst haben und das Blog­gen zumin­dest in sei­nen bis dahin eta­blier­ten For­men zurück­geht.

4) War­um soll­te es beim Her­stel­len eines Romans nicht mög­lich sein, dass es vie­le Schrei­ben­de gibt und eine Per­son, die ledig­lich die Fäden in der Hand hält?

5) Unge­klärt bleibt die Fra­ge, war­um Fran­zen nicht ein­fach sagt: „Ich lei­de unter Arbeits­stö­run­gen wie vie­le Autoren und muss mich des­halb vor­sich­tig von Twit­ter, Face­book und der­glei­chen fern­hal­ten.“ Es gibt Inter­views mit ihm, in denen er erklärt, dass er den Com­pu­ter, an dem er schreibt, kom­plett vom Netz getrennt habe, alle mit dem Betriebs­sys­tem mit­ge­lie­fer­ten Spie­le gelöscht, in die Buch­se für das Ether­net­ka­bel einen Ste­cker geklebt und das Kabel abge­schnit­ten habe. WLAN gibt es gar nicht erst. Manch­mal schrei­be er blind mit einer Schlaf­mas­ke und Kopf­hö­rern, aus denen Rau­schen kommt.

6) Ich tref­fe bis heu­te bei fast allem, wor­an ich arbei­te, eine Ent­schei­dung zwi­schen „mög­li­cher­wei­se inno­va­tiv, aber unbe­zahlt“ und „bezahlt, aber in einem ganz tra­di­tio­nel­len For­mat, und im Netz nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­füg­bar“.

7) Ver­an­stal­ter, För­der­insti­tu­tio­nen, Jurys haben das Pro­blem, dass das von ihnen Geför­der­te halb­wegs respek­ta­bel aus­se­hen muss. Das tut das Neue sel­ten.

8) Wenn die vor­han­de­nen Fach­leu­te Respekt vor dem Neu­en haben, ist das ein Zei­chen dafür, dass es sich wahr­schein­lich nur um das Alt­be­kann­te han­delt.

9) Nach­dem das Ende der text­för­mi­gen Por­no­gra­fie bei jedem Auf­tau­chen eines neu­en Bild­me­di­ums aufs Neue ver­kün­det wur­de, flo­riert sie in den letz­ten Jah­ren wie­der im E‑Book.

10) Dabei sind Best­sel­ler wie die Fif­ty Shades-Serie, uner­war­te­te neue Nischen wie Yeti-Por­no­gra­fie, les­bi­scher Dino­sau­ri­er-Por­no und Phä­no­me­ne wie der Erfolg von Chuck Ting­le (Space Rap­tor Butt Inva­si­on, Bil­lionaire Elons Mugg Takes the Hand­so­me Pla­net Mars in his Butt) ent­stan­den.

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Aus: Kath­rin Pas­sig: Viel­leicht ist das neu und erfreu­lich. Tech­nik. Lite­ra­tur. Kri­tik.
Dro­schl, Graz 2019. 120 Sei­ten, € 15.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2019 – 25. März 2019

Online seit: 8. April 2019

Zuletzt geän­dert: 27. Apr. 2020