Ein Gespräch über Schwänze

Kathrin Passig und Clemens J. Setz über Bücher, Träume, Krokodile und Kunstsprachen sowie über Schwänze und Schweife bei Mensch und Tier.

Online seit: 12. Oktober 2015

Clemens J. Setz Letzte Nacht habe ich von Franz Schuh geträumt, genauer: von seinem Hinterkopf. Das ist doch ein fantastischer Hinterkopf, oder? So radiergummimäßig und stoppelbehaart, ein stirnrunzelnder Oktopus, bei so einer herrlichen Struktur werden meine Fingerspitzen immer ganz kribbelig und wollen daran herumkneten … Ich frage mich, wie wohl mein eigener Hinterkopf auf andere Menschen wirkt. Ich weiß ja kaum etwas über ihn, ich sehe ihn nur gelegentlich beim Friseur ganz kurz, wenn der kleine Handspiegel wie eine Bild-Sprechblase hinter meinen Kopf gehalten wird. Schöne Hinterköpfe sind eine Wohltat. William T. Vollmanns Hinterkopf ist auch sehr hübsch. Ich lese gerade seinen Roman The Dying Grass, und das hat mich beim Lesen bisher sehr durchgeschüttelt und verprügelt, so, wie ich es bisher nur bei Michel Fabers wahnsinnigem Roman Under the Skin hatte. Oder bei Dennis Cooper.

Kathrin Passig Der Hinterkopf von Franz Schuh hat mich auch gleich fasziniert, ich wollte dich darauf hinweisen, aber wir standen zu nah dran. Ich hätte ihn gern angefasst. Under the Skin wollte ich gerne mögen, aber es ging nicht so richtig, es war mir zu sehr mit dem Zaunpfahl erzählt und auch auf eine merkwürdige Weise sexfeindlich. Schade, „verprügelt“ klang so interessant. Und ich fürchte, Dennis Cooper und ich werden auch keine Freunde, obwohl mir da der Ansatz schon besser gefällt. Aber der Vorgang des Buchempfehlens ist ja auch für sich genommen ganz sympathisch, ohne Rücksicht auf das Ergebnis.

Clemens Setz
Clemens J. Setz: Das ist bestimmt ein Sinnbild für irgendwas Dunkles und Unterbewusstes, so ein kleines, gelbes Fingerkrokodil, das einem die Nervosität vertreibt, indem es den Finger verschluckt.

Setz Ja, der Zaunpfahl schwingt bei Michel Faber über die Köpfe der Leser, das stimmt. Ich war damals, als ich es gelesen habe, wohl noch empfänglicher für so was. Aber die Erinnerung an das Buch fühlte sich, vielleicht weil es auch wie ein Thriller gebaut ist, ähnlich an wie die Erinnerung an Sand. Bei Cooper hätte ich dich vielleicht warnen müssen, dass sein neuester Roman The Marbled Swarm nicht ganz so gut ist. Frisk, Try und The Sluts haben mir dagegen sehr gut gefallen.

Passig Es war nicht The Marbled Swarm, sondern Closer, und wenn du Protagonisten magst, die von ihrem Autor nur so aus Prinzip von Sexszene zu Sexszene gescheucht werden, könnte dir Stewart Home gefallen. Ich kenne nur Stellungskrieg, den englischen Titel weiß ich nicht, ich war aber mit der deutschen Übersetzung entweder zufrieden oder habe mich so über den Inhalt gefreut, dass mir die Übersetzung egal war. Bei der Kopulation (straighter Natur, hier zählt Quantität, nicht bourgeoise Verfeinerung) werden engagierte Reden über Politik gehalten, und in der ebenfalls verwirrten Amazon-Beschreibung heißt es: „Hohe Ideen gerieren sich, wenn überhaupt, als Produkte sexueller Belästigung!“ Was dir auch gefallen könnte, ist Das Leuchten der Papaya von Christian Maier. Zum einen geht es darin um das wunderbare Konzept der Ethnopsychoanalyse, das mir bis dahin unbekannt war, sich aber sofort im Kopf festfrisst. Man taumelt danach tagelang als Ethnopsychoanalytiker durch die Welt und analysiert noch das Rascheln der Blätter im Wind. Der Autor verlässt seine Analytikerpraxis in der Schweiz und geht für einige Monate als Fußballtrainer zu den Melanesiern. Ich nehme an, die Lektüre ist noch schöner, wenn man sich für Fußball interessiert, und ich nehme an, dass du das nicht tust. Es geht aber auch so sehr gut. Disclaimer: Ich glaube nicht an Buchempfehlungen.

Setz Ja, manchmal mag ich solche Bücher tatsächlich, wo die Leute sich andauernd paaren. So etwas ist ja relativ weit von meiner eigenen Erfahrungswirklichkeit entfernt (also das mit der Quantität, nicht das mit der bourgeoisen Verfeinerung), also kann es mich schon faszinieren, so als Konzept. Ich war erst ein einziges Mal in meinem Leben in einem Raum voller kopulierender Menschen und da bin ich relativ bald wieder gegangen, weil es so befremdlich ausgeschaut hat, wie der misslungene Versuch, die Teile einer Rube-Goldberg-Maschine zu synchronisieren … Alles aus dem Takt. Andererseits – wie befremdlich wäre es wohl gewesen, wenn alle Körper tatsächlich im Takt gewesen wären? Na ja … Mir kommt manchmal vor, je mehr Sexszenen ich in Romanen lese, desto romanhafter werden sexszenenähnliche Erlebnisse in der Wirklichkeit. Vor ca. zwei Jahren zum Beispiel hat mich eine Bekannte zu sich eingeladen, weil sie und ihre Freundin gerne jemanden haben wollten, der ihnen beim Liebesspiel zuschaut. Das mögen die beiden gern. Also wirklich nur zuschauen, nicht beteiligen. Und so was geschieht normalerweise, hab ich mir gedacht, nur in Romanen oder Filmen, aber da war’s auf einmal real. Und ich war natürlich sehr nervös, weil ich nicht wusste, wie das wird. Hinterher hat mir meine Bekannte erzählt, dass man mich hätte fotografieren sollen, wie ich da mutlos zusammengesackt in dem Sessel vor ihnen gehockt bin, wie vor einer Prüfung. Wir sind dann glücklicherweise als lachende Selbstironiker auseinandergegangen (sicher ist sicher), aber ich hab mich dann doch beim Nachhausegehen gefragt, ob sie vielleicht ab irgendeinem Zeitpunkt ihre Orgasmen einfach vorgetäuscht haben, aus Mitleid, um mich aus meiner albernen Starre zu erlösen. Eine recht eitle, aber literarisch wiederum sehr reizvolle Theorie …

Katrin Passig
Kathrin Passig: Wenn ich alles wieder vergesse, möchte ich weiterhin bei Bedarf auf Esperanto sagen können: Das Krokodil hat einen schönen Schwanz.

Passig Ich saß mal im Taxi neben Thomas Macho, einem österreichischen Kulturwissenschaftler aus Berlin. Es ging um den Kittler-Nachlass, und Macho sagte, Kittler habe den Fehler gemacht, als er krank wurde, nicht seine Festplatten zu löschen, die jetzt von Studenten aus Werkausgabegründen durchwühlt werden. Er habe vor, seine Festplatten auf jeden Fall rechtzeitig zu löschen. Ich sagte: Aber man ist doch dann tot, und es ist einem nichts mehr peinlich. Er sagte: Als Österreicher bin ich sehr wohl in der Lage, noch tot alles Mögliche peinlich zu finden. Das werde ich als Nichtösterreicherin nicht fertigbringen, aber lebendig bin ich darin ganz gut, was unter anderem dazu geführt hat, dass ich nach dem Erscheinen von Die Wahl der Qual jahrelang SM-Veranstaltungen gemieden habe, weil ich dachte: Die Leute denken doch, ich müsste mich damit jetzt auskennen! Später bin ich dann aus anderen Gründen wieder nicht hingegangen. Letztes Jahr hat mich jemand schriftlich zum Thema „Scheitern“ interviewt. Ich habe den naheliegenden „an Kleinigkeiten gescheitert, aber insgesamt natürlich total erfolgreich, haha“-Text geschrieben und dann ein paar ernsthafte Scheiternsthemen vorgeschlagen, darunter auch diesen Abstand zwischen ausgefeiltem Wunsch und alberner Wirklichkeit. Aber natürlich wollte er gar nichts über Scheitern wissen und hat die uninteressante Version genommen.

Setz Also für den Unsinn, der auf meinen Computern ist, würde ich mich, glaube ich, nicht genieren, auch nicht als Lebender. Oder, na ja, vielleicht doch. Es ist immer ein bisschen komisch, wenn Leute plötzlich etwas über einen erfahren, das sie überrascht und verwirrt, obwohl es einem selbst recht gleichgültig und selbstverständlich ist. Eine Schriftstellerkollegin aus Graz hatte einmal die lustige Idee, einen Pornofilm neu zu synchronisieren (also so im Stil der genialen „Bad Lip Reading“-Künstlergruppe,1 die fantasievolle Neuinterpretation von zweideutigen Lippenbewegungen …), und wir haben zusammen ein paar Filme angeschaut. Dann war da plötzlich ein längerer Clip von einer lederbekleideten Frau, die sich auf das Gesicht eines Mannes gesetzt hat und ihn dann an den Haaren gepackt und ziemlich wild geohrfeigt hat. Sie wollte das gleich weiterklicken, aber ich hab gesagt, ohne mir was dabei zu denken, nein, lass mal, das gefällt mir, das sollten wir verwenden. Und jetzt, wenn wir uns irgendwo über den Weg laufen, spricht sie das immer irgendwie an, was doch ein wenig unangenehm ist. Das heißt, ihre Verwirrung ist mir unangenehm. Es geht ja eigentlich nicht darum, dass intime Vorlieben bekannt werden, sondern darum, dass eigentlich nebensächliche Spielereien, die mir überhaupt nicht peinlich sind, in den Stand eines aufgedeckten Geheimnisses gehoben werden, egal wie entspannt oder achselzuckend ich auf deren „Aufdeckung“ reagiert habe.

Passig Meine Arbeitshypothese ist ja, wenn Leute so ein Thema immer wieder auf seltsame Weise ansprechen, dass es sie eigentlich interessiert, aber sie nicht wissen, wie sie ein unironisches Gespräch darüber anfangen sollen. Hier habe ich ein Krokodil für dich fotografiert in einer Ausstellung. Das Krokodil, so war es auf dem Schild daneben zu lesen, steht für das Böse und so weiter, ist also klar das Kasperltheater-Totem der Wahl und passende Kostüm für Freunde der unbürokratischen Gewalt.

Setz Dazu fällt mir ein: Ich hab damals, als ich in Klagenfurt beim Bachmannpreis gelesen habe, von einem Bekannten vorher eine Art Anti-Stress-Spielzeug geschenkt bekommen. Ein sogenanntes „Fingerkrokodil“. Das hatte ich dann während der Zeit des Wettbewerbs auch wirklich in der Tasche meines Sakkos und hab da ständig meinen Finger in den Rachen den Krokodils stecken können, wann immer mir danach war. Das war in der Tat sehr entspannend, denn der Rachen ist angenehm weich und glatt. Und das ist bestimmt auch ein Sinnbild für irgendwas Dunkles und Unterbewusstes, so ein kleines, gelbes Fingerkrokodil, das einem die Nervosität vertreibt, indem es den Finger verschluckt. Wenn ich schon nicht mit meinem ganzen Körper in ein Krokodilkostüm reinkomme, dann zumindest symbolisch mit dem Finger …

Passig Der Rachen des Krokodils, der sich dann doch als angenehm weich und glatt erweist, eine Klagenfurtmetapher, für die Journalisten ihre Großmutter verkaufen würden, mit Vagina-dentata-Bonustrack. Lustig, dass man in Österreich dazusagt „in Klagenfurt beim Bachmannpreis“, ich kenne das ausschließlich als totum pro parte, hier kann man mit „Klagenfurt“ gar nichts anderes meinen. Als ich Angela Leinen mal in der Frage konsultiert habe, ob ich was von dir lesen sollte, sagte sie übrigens unter anderem: „Ich halte ihn für wahnsinnig begabt, irgendwann wird er den absoluten Knallerroman schreiben.“ Nur falls du das noch nicht wusstest.

Setz Nein, das hab ich nicht gewusst, dass mir der absolute Knallerroman bevorsteht. Zuerst hab ich mich verlesen und für eine halbe Sekunde gedacht, du hättest „der absolute Kellerroman“ geschrieben – was eine sehr faszinierende Vorstellung ist … Man könnte sich fast so einen Pressestimmen-Sticker auf dem Romancover vorstellen: „DER ABSOLUTE KELLERROMAN! (Süddeutsche Zeitung)“. Aber dass Angela so etwas sagt, ist natürlich sehr lieb von ihr. Wenn ich was empfehlen müsste (obwohl das natürlich immer etwas eitel wirkt, wenn der Autor selbst vor seinem Werk Wegweiser aufzustellen beginnt), dann wäre es die essayistische Erzählung „Kleine braune Tiere“ in meinem Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes. Die könnte dir gefallen, glaube ich.

Passig Kleine braune Tiere klingen schon mal vielversprechend. Aber wenn es dann nur irgendwelche metaphorischen Angelegenheiten und gar keine Tiere sind, werde ich mich beschweren.

Setz Ja, in der Geschichte sind das schon echte Tiere. Kleine, braune, herumlaufende Metaphern machen niemanden froh. Heute hatte ich einen Traum, in dem du mir was erklärt hast. Und ich hoffe, ich gebe das richtig wieder, denn es ist etwas vertrackt. Also, ich bin vor dem Computer gesessen, und da waren ein paar Wörter in einem Textfenster, und zwischen zwei Wörtern waren zu viele Leerzeichen, wie’s ja manchmal passiert. Und dann hast du gesagt, ich soll doch mal versuchen, den Cursor zwischen die beiden Wörter zu tun und dann Backspace zu drücken, bis nur noch ein einziges Leerzeichen übrig ist. Das habe ich versucht und bei jedem Mal Backspace-Drücken ist der Abstand zwischen den Wörtern erwartungsgemäß kleiner geworden, aber er war trotzdem immer zu groß, nie exakt eins. Da hast du mir erklärt, dass das ein spezieller Algorithmus ist: Wenn man die Leertaste nur einmal drückt, dann ist alles normal, aber wenn man sie aus Versehen zu oft drückt, dann kommt man nie wieder zurück auf eins, egal, wie oft man Backspace drückt. Man bleibt irgendwie für immer in dieser Zuviele-Leerzeichen-Zone stecken. Darauf habe ich gesagt: „Ah, so wie bei diesem Film Event Horizon?“ Da hast du, den Kopf etwas zur Seite geneigt, kurz nachgedacht und dann, in freundlich-geduldigem Ton, gesagt: „Ach, Unsinn.“

Passig Es gefällt mir gut, eine kompetente Zweitpersönlichkeit zu haben, deren Aufgabe es ist, mich in den Träumen anderer Menschen zu vertreten. Und die sich außerdem die Filme ansieht, die ich verpasse, denn Event Horizon habe ich gar nicht gesehen. Vulgärfreudianische Gratis-Traumdeutung: es geht natürlich um die Leerzeichen zwischen den Menschen, der Abstand wird erwartungsgemäß kleiner, ist aber trotzdem immer zu groß. Oder aber der Abstand zwischen den Wörtern und der Realität. Oder der Traum versucht dich darauf aufmerksam zu machen, dass die Wörter ganz egal sind und in Wirklichkeit alles Wichtige in den Leerzeichen steckt. „Mein Roman war nie so gedacht, dass Sie die Wörter lesen sollen“, verteidigt sich der Autor im Spiegel-Interview gegen die Faschismusvorwürfe, „die gesamte Handlung steckt in den Leerzeichen. Ich hatte das für offensichtlich genug gehalten, aber man kann bekanntlich von Rezensenten nicht erwarten, dass sie ein Buch auch lesen, bevor sie es besprechen.“

Setz Oh, die Leerzeichen können aber auch gerade das Gegenteil von Fremdheit zwischen Menschen oder Wörtern und Realitäten bedeuten. Nämlich im Chinesischen: „Nuo tai“: a typographical device used in written Chinese to denote respect for the person being mentioned. It leaves a full-width (1 character wide) space before the first character of the person. Das heißt also, je mehr Leerzeichen vor einem Namen wie z.B. Kathrin stehen, desto höher der Respekt vor ihm. Für diese Respekt-These spricht auch, dass in meinem Traum mein Gefühl gegenüber diesen immer zu vielen Leerzeichen gar nicht eines von Frustration oder Unheimlichkeit war. Meine Reaktion war eher: Wow, cool, wie geht das?

Passig Leerstellen, das passt zu einem Bild, über das ich heute morgen aus unklaren Gründen nachdenken musste. Ich habe es als Kind gemalt, es zeigt eine Ruine, deren Fenster dergestalt zerfallen sind, dass ein Stück der Fensteröffnung fehlt. Mein Vater musste mir lange und geduldig erklären, dass es sich mit Fensteröffnungen anders verhält als mit Keksen, aus denen man ein Stück herausbeißt. Aber ich glaube, seitdem habe ich es begriffen.

Setz Eine sehbehinderte Person sagte mir einmal: „Mit dem Mond stimmt irgendwas nicht!“ Ich ging nachschauen. Der Mond war einfach eine segelnde Sichel und wenige Himmelszentimeter darüber, sehr hell und richtig minischeiben- statt punktförmig, hockte die Venus. Ich fragte nach: „Was soll denn mit dem Mond sein?“ „Er hat doch ein Loch, oder? Als hätt man’s mit dem Daumen durchgebrochen.“ Ich erklärte den Irrtum, aber dann bekam ich eine kleine Zeichnung von dem interessanten Anblick, der sich in ihrem Kopf zusammengefügt hatte. Die Zeichnung sieht aus wie ein direkt von oben betrachtetes leckes Boot, das voll mit Wasser (Himmelsschwarz) gelaufen ist. Ein Mond mit Loch. Die extreme Seh-Unschärfe hatte die beiden kleinen Lichtquellen (Mondsichel und Venus) zusammenaddiert zu einem sehr hübschen Leerstellenbild. Ich könnte, glaube ich, schon jetzt so was wie einen Leerstellenroman schreiben, bestehend aus lauter historischen Fundstücken über Leerstellen, die aber nicht die Hauptrolle spielen, sondern eben das weiße Zeug dazwischen … Wie z.B.: Harry Houdini entwarf einen Code, den er verwenden wollte, wenn seine Ehefrau Bess ihn nach seinem Tod in einer Séance beschwor. Zehn Jahre lang versuchte Bess dies, aber von den vielen Geistern, die sich meldeten, verwendete keiner den Code.

Passig Unter dem Einfluss von Substanzen dachte ich einmal ausführlich über ein Amt nach, das so ähnlich hieß wie „Das Verlorene Amt“, und alle Akten und Schriftsachen enthält, die in anderen Ämtern und auf dem Amtsweg verlorengegangen sind. Im Verlorenen Amt sind sie alle ordentlich abgeheftet, und man kann im Prinzip hingehen und sie sich vorlegen lassen, eine wenig bekannte Tatsache.

Setz In John Burnsides A Summer of Drowning kommt eine alte Legende vor, die man sich offenbar auf der am Polarkreis gelegenen norwegischen Insel Kvaløya erzählt, auf der ich selbst letzten Winter war. Es geht um eine verführerische Frauengestalt namens „Huldra“, die junge Männer loreleimäßig ins Meer und ins Verderben lockt. Und diese Huldra erkennt man an der spürbaren Abwesenheit eines Schweifs an ihrem Rücken. Das heißt also, man schaut sich die Rückseite der als Huldra verdächtigten Frau an – und wenn man dann das Gefühl hat, dass da eigentlich ein Schweif hängen sollte, wenn also die Abwesenheit, die Leerstelle, als störend empfunden wird, dann ist die Frau die Huldra. That’s how things are done in Kvaløya.

Passig Erinnerst du dich, dass die Protagonistin in Under the Skin ursprünglich einen prehensile tail hatte, der ihr jetzt fehlt?

Setz Ja, die arme Isserley, ich erinnere mich. Einmal wird sie vergewaltigt und formt aus dem Narbengewebe ihres amputierten Schweifs eine Art Vagina, die den Menschen, der sie vergewaltigt, täuschen soll.

Passig Jetzt drängt sich die Deutung übermäßig auf, dass alle Leerstellen vom Nichtvorhandensein eines Penis handeln bzw. alle Schwänze in unserem Gespräch eben Penisse und keine Schweife sind. Kann man machen, so ein Text hat ja immer seinen eigenen Willen, aber meine Meinung ist das nicht.

Setz Hm, ja, ich verstehe. Ich finde entsexualisierte Schweife auch reizvoller. Ähnliche Gefühle müssen englischsprachige Menschen haben, die sich, wie das ja vorkommen kann, über fehlende oder verlorengegangene Hähne unterhalten.

Passig Ich weiß nicht, ob ich mich da verständlich machen kann, aber diese Schweife machen mir oft zu schaffen, und auf eine ganz andere Art als Penisse oder deren Abwesenheit. Diese Geweihe und Quasten an noch der einfachsten kleinen Idee! Und an den Wörtern genauso. Den Twitternamen HilliKnixibix kann ich nur ganz vorsichtig aus dem Augenwinkel ansehen. Und Dr. Vitzliputzli.

Setz Lichtenberg schrieb: „So wie Linné im Tierreiche könnte man im Reiche der Ideen auch eine Klasse machen, die man Chaos nennte. Dahin gehören nicht sowohl die großen Gedanken von allgemeiner Schwere, Fixstern-Staub mit sonnenbepuderten Räumen des unermeßlichen Ganzen, sondern die kleinen Infusions-Ideechen, die sich mit ihren Schwänzchen an alles anhängen, und oft im Samen der Größten leben, und deren jeder Mensch wenn er still sitzt [eine] Million durch seinen Kopf fahren sieht.“ In Tuva und der Mongolei sagt man, wenn eine Trommel von einem Dämon besessen ist, die Trommel habe einen Schweif. Diesen muss ein entsprechend ausgebildeter Priester ihr austreiben. Und es gibt auch Buchstaben mit Schweif, etwa ş oder ţ. Einem Rumänen, der Deutsch lernt und deutsche Bücher liest, muss unser Alphabet grässlich entschwänzt vorkommen.

Passig Immerhin kann er sich vom Q trösten lassen. Und wieso warst du auf Kvaløya?

Setz Ich war für eine Woche in Tromsø, und von da ist es nicht weit bis Kvaløya. Ich hab dort zum ersten Mal das Nordlicht gesehen. Man erzählte mir dort die verschiedenen Deutungsvarianten des Plasmagewürmels: in Grönland seien es die Seelen verstorbener Kinder, die Fußball spielen mit einem Walrossschädel. In Finnland dagegen der freche Schweif eines kosmischen Fuchses. Und im Jahr 1839 hat sich angeblich eine rötliche Aurora bis nach London hinunter verirrt und sei von den Londonern für einen kriegerischen Angriff Frankreichs gehalten worden. Es gebe auch, so unser Führer bei der siebenstündigen Aurora-Chase-Kaffeefahrt, heute einige Wissenschaftler, die herauszufinden versuchen, ob das Nordlicht ein Geräusch von sich gibt. (2) Jedenfalls haben die Nordlichter tatsächlich etwas unwiderstehlich Schweifartiges. Man möchte dauernd hingreifen. Ein arktischer Nachthimmel ohne Nordlichter ist sehr huldrahaft.

Passig Aber an so einer Leerstelle herrscht wenigstens endlich Ruhe, Schluss mit der ganzen fraktalen Kompliziertheit, diesem ewigen Ausufern. Der Talisman des Leerstellenforschers ist der Hühnergott. Und ein Hühnergott war es wohl auch, was deine Freundin anstelle des Mondes am Himmel gesehen hat. Mein Freund Jan hat eine Sehstörung, bei der er in der Mitte überhaupt nichts sieht, er muss immer an den Dingen vorbeisehen, um etwas über sie herauszufinden. Sobald er sie fixiert, verschwinden sie. Also, genaugenommen ist in der Mitte nicht nichts, sein Gehirn füllt die Leerstelle taktvoll mit zur Umgebung passenden Mustern. Das tun auch die Gehirne normalsichtiger Menschen, du kannst also im zu schreibenden Leerzeichenroman vermutlich einfach Löcher lassen, wenn es mit der Handlung nicht vorangehen will, das Lesergehirn wird es schon richten.

Setz Kennst du die Geschichte „Die Rettung der Welt“ von Stanisław Lem? Die erklärt, weshalb die Welt so aussieht, wie sie aussieht: nämlich, weil das meiste fehlt. Der bei Lem oft herumgeisternde Erfinder Trurl baut eine Maschine, die „Nichts“ herstellen kann, schaltet sie ein und sie stellt eben dies her, wird aber leider nicht rechtzeitig abgestellt – und am Ende steht die Menschheit für alle Ewigkeit „ohne so köstliche Erscheinungen wie Murkwien oder Schluchzotten“ da.

Passig Das Buch erscheint in einer limitierten Auflage von sagen wir 1.000 Stück und ist zum Ausgleich unverschämt teuer. Dafür bekommt man ein individuelles Exemplar, in dem der Autor persönlich (bzw. in Wirklichkeit unterbezahlte Praktikanten) gegen Ende immer mehr Stellen geschwärzt, Löcher gestanzt und Seiten herausgerissen hat. Wer mehr über die Handlung wissen will, muss Freunde überreden, auch eins zu kaufen, und dann die beiden Exemplare vergleichen. Die für die Auflösung der Handlung wichtigste Stelle fehlt natürlich in allen. In einem ersten Schritt brauchst du dafür 1.000 wohlhabende, bibliophile Facebook-Freunde, mit denen du aber auch wieder nicht so gut befreundet bist, dass sie Gratisexemplare erwarten können. Sonderausgabe „Twitter Edition“: alles entfernt bis auf 140 Zeichen.

Setz Oder, dein Konzept etwas radikalisiert: Sammelkarten. Auf jeder Sammelkarte: eine Seite des Romans. In einem Sammelkartenpäckchen: 5 Karten. Preis eines Päckchens: 9,90 €. Länge des Romans: 500 Seiten. Selbstverständlich hört die Geschichte nach 500 Seiten einfach mitten im Satz auf, was allerdings nie jemand herausfinden wird, weil alle Sammelkartensammler naturgemäß davon ausgehen werden, dass sie halt einfach noch nicht die 501. Seite gefunden haben, und sie kaufen ein Päckchen nach dem anderen usw., Reichtum. Die Leerstellenmetaphorik rückt da allerdings ein bisschen in den Hintergrund.

Passig Auf der Insel Inishmore geriet ich zufällig an einen steinernen Gedenkgarten für den mir unbekannten Schriftsteller Liam O’Flaherty. Es war später Nachmittag, es regnete und ein mir ebenfalls unbekannter Vogel saß darüber auf einer Stromleitung und sang ein Lied ohne Wiederholungen, von den Installationen am Strommast mit unheilvollen Britzelgeräuschen begleitet. Der Boden des Gedenkgartens ist mit Hühnergöttern praktisch ausgelegt, außerdem hat jemand unter den Hühnergöttern große Tüten mit bunten Glassplittern vergraben. Liam O’Flaherty war allerdings vermutlich ein Idiot, wie die einzige mir bekannte, weil auf dem Gedenkstein angebrachte Textstelle nahelegt: „I was born on a storm-swept rock and hate the soft growth of sunbaked lands where there is no frost in men’s bones. Swift thought and the flight of ravenous birds, and the squeal of hunted animals are to me reality.“

Setz Ich hab von dem Dichter auch noch nie gehört. Wikipedia weiß über den Gedenkgarten, wo du warst, Geheimnisvolles zu berichten: „In 2006 a memorial garden was built in his native village of Gort na gCapall, with a plaque describing his life and writings. The garden sits on the road through the village near the path leading to the Wormhole.“ Wormhole? Was ist denn das? Vielleicht kam der unbekannte Vogel von da, aus einer anderen Dimension, in der man nur dann bei Weibchen Erfolg hat, wenn das eigene Lied keinerlei erkennbare Struktur aufweist …

Passig Nach Googlebetrachtung glaube ich, der unbekannte Vogel war eine Singdrossel. Als nachtaktiver Stadtbewohner begegne ich halt sonst nur Amseln und Nachtigallen. Hast du The Falls von Peter Greenaway gesehen? Auf der Suche nach der Oper aus Vogelnamen, die darin vorkommt, fand ich stattdessen dieses Zitat: „One fine morning, I awoke to discover that, during the night, I had learned to understand the language of birds. I have listened to them ever since. They say: ‚Look at me!‘ or: ‚Get out of here!‘ or: ‚Let’s fuck!‘ or: ‚Help!‘ or: ‚Hurrah!‘ or: ‚I found a worm!‘ and that’s all they say. And that, when you boil it down, is about all we say. (Which of those things am I saying now?)“ – Hollis Frampton, A Pentagram for Conjuring the Narrative (I found a worm.)

Setz Vor kurzem hab ich mit einer Kollegin aus Graz so einen kleinen E-Mail-Verkehr gehabt, der nur aus Vogelnamen bestand. Und aus irgendeinem Grund war mir, obwohl es so viele herrliche, mundhöhlenausfüllende Vogelnamen im Deutschen gibt (Braunrückenleierschwanz, Schmarotzerraubmöwe, Weißbürzelstrandläufer, Orpheus-Spötter, Mittelmeersteinschmätzer, Schwarzkopfruderente), bisher das „Odinshühnchen“ das liebste, ich weiß auch nicht, warum. Mich plagt immer noch, was das „Wormhole“ ist … (= „Help!“)

Passig Wir sind dem Vogel auf einem schwach erkennbaren Weg zu einem viereckigen Badeloch im Meer gefolgt, es hieß Poll na bPeist, und wenn man es googelt, heißt es an manchen Stellen auch Wormhole. Die Bilder bei Google sehen allerdings irreführend harmlos aus, in Wirklichkeit war da ein schwarzes Meer, das sich an schwarze Klippen warf, das Badebecken lag unerreichbar tief unten und das Meer schäumte darin herum. Es war eine große, scharfkantige Küste, die trotz Badebecken nicht wie für Menschen gemacht aussah. Ich halte es eher für eine Falle, „hier, ein Swimmingpool, so was mögt ihr doch, kommt näher!“ Kein Wunder, dass O’Flaherty nach einer Kindheit neben diesem Schwimmbad auf Ideen über the squeal of hunted animals kam.

Setz Ich hab jetzt ein Video von der rechteckigen Swimmingpoolfalle gefunden. Sieht wirklich nicht sehr einladend aus. Wozu das wohl so angelegt wurde? Denn auf natürliche Weise entsteht so etwas gerade wohl nicht.

Passig Doch, das Wormhole ist natürlichen Ursprungs. (Ich nehme an, der gälische Wurm ist ein Drachenwurm, so wie der Lindwurm, denn normale Schlangenwürmer bohren sich ja eher keine rechteckigen Kästen. Wobei sowohl Lind als auch Wurm ja ursprünglich Schlangen sind, Namensgeber der Lindwurmkomposita.) Von oben betrachtet sah das Schlangenwurmloch jedenfalls so aus, als sei da ein rechteckiges Stück der Steinplatte ein Stück nach vorn gerutscht, vielleicht vom Meer angelüpft.

Setz Ich hab heute Morgen die ersten 30 Namen von The Falls geschaut, dann hab ich mir gedacht, ich muss eine Pause machen, weil ich sonst den ganzen Tag einen Ohrwurm habe („… and the responsibility of birds“) und gar nichts mehr schreiben kann, was nicht in dieser großartigen Public-Information-Stimme gesagt wird. Zu dem Gedenkgarten fällt mir der Satz von Gertrude Stein ein, mein Lieblingsbeispiel für eine Parataxe: „It looked like a garden but he had hurt himself by accident.“ Der Satz windet sich unter dem Blick des Lesers wie ein Tatzelwurm.

Passig Ich träume seit einer Woche von Klagenfurt, zuerst immer schrecklich anstrengend, aber heute zum ersten Mal angenehm: es ging vor allem um Seen, Wälder und Flüsse. Du bist im Traum vorgekommen, und zwar kam ein Vogel vorbei, so was wie ein Papageitaucher, dem du seinen Fisch abgenommen hast. Man musste dazu den auf dem Fisch sitzenden Vogel mit der Hand beiseiteschieben. Der Fisch war bequemerweise bereits filetförmig und ohne Haut und Gräten. Mein Traumbewusstsein ist ein Stadtkind.

Setz Hihi, schöner Traum. Ich hab heute geträumt, dass Hugh Laurie bei uns auftritt und ein Papiermodell des Lorenz-Attraktors auf die Bühne bringt und dort brummend (mit den Lippen brrrrr machend) herumfliegen lässt. Alle waren begeistert.

Passig Es wäre auch schwer, davon nicht begeistert zu sein. Ich würde deine Träume sofort abonnieren, kostenpflichtig.

Setz Und dann machst du eine Automatische Traumkritik (bisschen aufg’legt, der Witz). Ich bin regelmäßig enttäuscht, wenn ich sehr offensichtlich träume. Z.B. vor kurzem, dass ich als erster Mensch auf den Mars fliege.

Passig In meiner Automatischen Traumkritik (3) gäbe es auf jeden Fall Pluspunkte für Papageitaucher. Wobei unklar ist, ob man den Traum kritisieren soll oder den Träumenden, „Sex mit Prominenten“ zum Beispiel ist ein attraktives Traumfeature, wirft aber ein zweifelhaftes Licht auf den Träumer (leicht zu beeindrucken). Heute Nacht habe ich im Traum alle Ideen der Welt in trockene und nasse sortiert. Das Konzept leuchtet mir auch wach noch ein, allerdings fällt mir das Sortieren jetzt viel schwerer. Alle Ideen wurden dargestellt durch eine Art Film oder Haut auf dem Boden einer Turnhalle. Sie ließen sich leicht zusammenschieben und benahmen sich dabei so ähnlich wie Seidentücher oder eben Milchhaut. Sie waren bunt und geschmeidig, und es war angenehm, mit ihnen zu hantieren.

Setz Flüssige und feste Ideen wären einfach, als Kategorien. Aber trocken und nass ist was anderes. Da geht es mehr um die Oberfläche der Ideen. Eine Idee, die trocken ist, ist irgendwie unbenetzt von anderen. Eine nasse ist vielleicht mehr im Austausch mit der Umgebung. Eine trockene Idee liegt leichter in der Hand, an einer nassen kann man abgleiten.

Passig Ja, wobei das, was du mit flüssig und fest meinst, schon auch impliziert war. Aber es war nicht vollständig metaphorisch, es ging auch ganz konkret um die bauliche Entfernung von Wasser aus der Idee.

Setz Flüssig vermischt sich leichter, ist leitbar, kann geteilt werden usw. Fest hockt da und kann als Türstopper verwendet werden. Wenn man Ideen, die zuerst nur im Kopf sind, niederschreibt, dann trocknen sie, das „Wasser“ entweicht ein wenig aus ihnen.

Passig Das stimmt. Sie sehen dann auch nicht mehr so schön aus, wie Bachkiesel oder getrocknete Frösche. Andererseits sind sie haltbarer so.

Setz Du hast Ideen als Turnsaalbodenmilchhaut gesehen, ich sah vor einigen Tagen im Traum alle Küsse der Welt (also die konkreten Vorgänge zwischen Menschen und ihren Lippen) als mausartige Wesen auf einem Feld. Man konnte an ihren Bewegungen sehr viel ableiten. Einige bildeten Kreise, so wie Ringelreia, und das fand ich besonders interessant, aber ich könnte nicht mehr sagen, warum. Kennst du dieses Blog hier, badconlangingideas.tumblr.com? Schlechte oder alles unsinnig kompliziert machende Ideen für das Entwerfen von Kunstsprachen. Sehr nerdig, aber witzig. „A conlang for dragons where the color of fire you’re breathing as you speak changes the mood of any verbs, and the heat of the fire indicates noun case. Now, work out a writing system.“ „A Geiger counter register, which involves speaking with vocal fry when near radioactive materials.“ Man könnte eine Anthologie mit Poesie in Plansprachen machen, zum Beispiel Esperanto. Zweisprachig natürlich.

Passig Haha, Tante heißt auf Esperanto onklino. Tut mir leid, ich kann diese Sprache nicht ernst nehmen.

Setz Ich weiß, sie ist so 19.-Jahrhundert-Weltbruderschaft-pathetisch und so knödelig-germanoromanisch … Ich stelle sie mir immer vor, als hätte sie ein Wams … eine wamsige, wämserne Sprache ist das, so schnauzbärtig aufrichtig und bemüht … wie ein Ballonfahrer auf alten Kupferstichen oder so. „Donu al mi vian haregan kacon!“

Passig Ich habe das jetzt zuerst für einen Duolingo (4)-Übungssatz gehalten, der von einer haarigen Katze handelt. Eigentlich war ich ganz zufrieden mit dem Satz. „Geben Sie mir Ihre haarige Katze“, das sollte man viel öfter zu Leuten sagen. Duolingo hat sowieso sehr gute Übungssätze für Esperanto. Mein neues stekenpferdo für die nächsten zehn minutoj: falŝa Esperanta.

Setz Das halt ich senprobleme aus. Wenn ich tot bin: mi estas senclemense.

Passig Vi senclemenses.

Setz Jes, en la jenseito.

Passig Das jenseito ist sicher nur ein maldiesseito. Ich senclemense ja fast immer, das geht schon. Ist nicht ganz so gut wie mit, aber machbar.

Setz Esperanto macht innerlich wurdlert.

Passig Wie sich der Erfinder wohl dafür entschieden hat, welches Adjektiv eines Paars das „mal“ bekommt?

Setz Das geht ja von beiden Seiten: malvarmo und malfredo. Hab ich zumindest mal gelesen. (5)

Passig Ach so. Aber schwingt dann nicht erst recht immer ein leiser Vorwurf mit? Und wie oft man damit in Teufels Küche kommt, wenn man was über Leute sagen will, die malhetero sind zum Beispiel.

Setz Ich finde schön, dass die Suffixe ein Eigenleben führen. Also zum Beispiel „ido“. Man sagt „katido“, Kätzchen. Aber dann ist ein „ido“ eben auch ein alleinstehender „kleiner Nachkomme“. Das ist so, als würden wir sagen, der Garten sei voller putziger Chens. Oder la ino = die Frau. Man kann auch sagen, la virino, die Männin. Aber die weibliche Endung selbst, „in“+Hauptwort-o, ist auch ein Wort. Im Volapük hängt man die Silbe om- vorne an und verwandelt das Wort dann in seine kastrierte Form. Wäre interessant, ob ein omom- dann ein wieder intaktgemachtes Männchen darstellt. Aber ach, das müssten wir jetzt den Volapükpapst Hermann Philipps fragen … In der Sprache aUI lautet die wörtliche englische Übersetzung des Begriffs „Frau“ so: passive person thing.

Passig Interessant, wie bei Duolingo auch jede Sprache ihre eigenen seltsamen Anfängersätze hat. Bei Irisch „Der Löwe isst die Kinder“, Itheann an leon na páistí. Bei Portugiesisch ging es ständig um Milch trinkende Enten, bei Esperanto um den schönen Schwanz des Krokodils. Bestimmt kann man das irgendwie psychoanalytisch deuten, Nationalcharakter!

Setz Ja, den hatte ich auch, den schönen Krokoschwanz.

Passig Wenn ich alles wieder vergesse, möchte ich weiterhin bei Bedarf auf Esperanto sagen können: Das Krokodil hat einen schönen Schwanz.

Setz Schwanz wüsste ich jetzt gar nicht mehr … La krokodilo havas belan … An dem Satz fehlt jetzt der Schwanz, so wie am Rücken der Huldra.

Passig Ich glaube, es war vosto. Belan voston, oder so.

Setz La nordlumo havas la plej belan voston. Das Nordlicht hat den schönsten Schweif.

Passig Vi min reichas la erdnussflipsojn! (Ich weiß noch nicht, wie Imperativ geht, das finde ich noch rechtzeitig raus.)

Setz Mit u am Ende, ganz einfach. Parolu! Sprich!

Passig Denku, porko!

Setz Hihi. Luckio de Antandando pro Godoto.

Passig Ok, das sage ich jetzt, wenn mich jemand fragt, wozu Esperanto: „Ich möchte Warten auf Godot auf Esperanto lesen können“. Schon fast ein Gedicht: „Japanio kaj Ĉinio estas landoj en Azio.“ (Duolingo) Und „Ŝi konas vian krokodilon“, she knows your crocodile. Das klingt nach was Metaphorischem, einem C.G. Jungschen Krokodil des Charakters. Ich kenne Ihr Krokodil, Herr „die ganze Woche null Punkte bei Duolingo“ Setz.

Setz Das stimmt. Das Buch ist auf dem Tisch. Europa ist ein Kontinent. Ich kaufe ein Brot. Adam hat einen Apfel. Sed mi lernis Esperanton sentime kun Youtube, per auskulti filmojn, intervjuojn. Al mi šainas, ke la audita lingvo estas pli facile lernebla ol la legada, ču ne? Bone, la krokodilo kun sia bela vosto vivas nur en Duolingo … kaj veršajne mi mankas iomete da krokodilafableco  … Krokodilfreundlichkeit. Afableco por la fingra krokodilo. Kun la dentida-vagino-bonustrako.

Passig Ich finde ja la legada immer leichter zu lernen als la audita. Aber via mejlaĵo povas varii.

Setz Ich bin gespannt, wie wir das Gespräch hinterher zusammenbasteln werden.

Passig Ich habe den Vormittag heute damit verbracht, dem Schädel der Robbe die Zähne wieder einzukleben, ein interessantes Tierpuzzle. Sie waren fast alle ausgefallen beim Reinigen des Schädels.

Setz Was?

Passig Die tote Robbe, von der du mal ein Bild gemalt hast.

Setz Ja, ich erinnere mich. Hast du ein Bild der nun wieder vollständig grinsenden Robbe?

Passig Warte, ich mach eines.

Setz Oh. Das ist aber wirklich sehr hübsch.

Passig Robbe, aufs Meer hinausschauend.

Setz Gedankenvolles Gebilde.

Passig Eigentlich waren es vor allem die Eckzähne, die mich angezogen haben. Wochenlang habe ich mir von Deutschland aus Sorgen gemacht, dass das Meer sie sich zurückholt oder jemand anders den Schädel besitzen möchte, und dabei immer begehrlich an diese Eckzähne gedacht.

Setz Und dann wartete sie immer noch auf dich. Im Sonnenuntergang. Musik von Yann Tiersen. War es ein Männchen oder ein Weibchen?

Passig Kann ich an den Zähnen leider nicht ablesen.

Setz Ich habe den Herrn Ostrowicz getroffen, der im November diese Poetikdozentursache (6) mit-‚betreut‘ oder wie man das nennt. Er sagte, wir – also du oder ich – müssen uns noch ein Thema für den Würth-Literaturpreis ausdenken. Das ist ein Wettbewerb, der irgendwie mit der Dozentur zusammenhängt. Und es sollte ein Thema sein, das nicht allzu viele Einsendungen provoziert – so erklärte mir es Herr Ostrowicz. Einmal war das Thema „Never again“ und die Uni-Leute in Tübingen wurden von hunderten Holocaustgeschichten überschwemmt. Das soll dieses Jahr nicht noch mal geschehen, sagte er. Also müssen wir uns jetzt irgendwas ganz Verstiegenes, Abschreckendes überlegen. Meine erste Idee war ein Pynchon-Zitat: „The yo-yo is a state of mind.“ Dazu fällt bestimmt niemandem was ein.

Passig Bei „yo-yo is a state of mind“ besteht allerdings die Gefahr von Hunderten Borderline- oder manisch-depressiven Geschichten. „Grinning in the dark on a train made of porridge“ (Zufallsshirtmaschine (7)). Dem Zufallsshirt wird schon was einfallen für uns.

Setz Grinning in the dark … — das gefällt mir sehr! Dazu würde mir nie im Leben was einfallen. Außer halt eine Geschichte über einen Menschen, der im Dunklen grinst. In einem Breizug.

Passig „Pflichtfach Melodika“. „Legende ohne Buchstaben“. „Abgesehen vom Sterben“. „Es ist im Nachhinein schwer zu erklären“. „Zeit als Kuchen“. „Das klagende Rufen der Austernfischer bei Nacht“. „Wenigstens kein Ingwergelee“. „Ricercar für Oktopus“. „Der Kuchen meiner Zeit“.

Setz Hinreißend – aber die sind schon recht inspirierend! Was wir ja vermeiden müssen. Oktopus ist bissl dunkel.

Passig Man muss alle aussortieren, zu denen die Leute Beziehungsgeschichten einschicken könnten, also zum Beispiel „Es ist im Nachhinein schwer zu erklären“. Und auch alle, zu denen ihnen was mit sterbenden Kindern oder Elternteilen einfällt, also „Abgesehen vom Sterben“. Und alle, bei denen sich Kochbegeisterte eingeladen fühlen, also „Wenigstens kein Ingwergelee.“

Setz „Zeit als Kuchen“ lockt Philosophen an.

Passig Und Wespen.

Setz Die letzten beiden Sätze können schon mal in das gegenseitige Interview. Am besten als Beginn.


Anmerkungen

(1)    Hier zu bewundern: www.youtube.com/watch?v=js3BYcHmBhE
(2)    Nordlichter geben Geräusche von sich, das ist überhaupt nicht umstritten.
(3)    Siehe dazu Volltext Nr. 2/2014.
(4)    duolingo.com
(5)    Ein Irrtum.
(6)    Tübinger Poetik-Dozentur mit Clemens Setz und Kathrin Passig, 23. bis 27. November 2015.
(7)    zufallsshirt.de, siehe auch Volltext Nr. 2/2015

 

Kathrin Passig, geboren 1970, arbeitet als Übersetzerin, Autorin und Web-Entwicklerin in Berlin. 2006 gewann sie den Bachmann-Preis. Sie war Mitgründerin der Zentralen Intelligenz Agentur und betreibt den Blog „Techniktagebuch“. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Sie befinden sich hier (Rowohlt, 2014), Das neue Lexikon des Unwissens (zusammen mit Aleks Scholz, Kai Schreiber; Rowohlt, 2013) und Weniger schlecht programmieren (zusammen mit Johannes Jander;  O’Reilly, 2013).


Clemens J. Setz,
geboren 1982, lebt als Schriftsteller in Graz. 2008 gewann er beim Ingeborg-Bachmann-Preis den Ernst-Willner-Preis. 2011 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes (Suhrkamp, 2011). Zuletzt erschien der Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (Suhrkamp, 2015), der für den Deutschen Buchpreis nominiert war und  kürzlich mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde. Zu Die Stunde zwischen Frau und Gitarre gibt es im Internet unter der Adresse http://frau-und-gitarre.de/ ein von Suhrkamp, Guido Graf und Sobooks betriebenes Social-Reading-Projekt: Bis Dezember besprechen auf diesem „Blog für betreutes Lesen“ rund 40 Leute den voluminösen Roman.

 

Dieser Beitrag ist ursprünglich in VOLLTEXT 3/2015 erschienen.