VOLLTEXT 1/2019

5,90

Mit Beiträgen von Kathrin Passig, Julia Schoch, Teresa Präauer, Alexander Kluge, Clemens J. Setz, Arno Geiger, Norbert Gstrein, Susanne Schleyer, Andreas Maier, Felix Philipp Ingold, Kathrin Hillgruber, Michael Braun, Paul-Henri Campbell, Kenah Cusanit, Karl Wagner, Uwe Schütte und Katja Gasser

Umfang: 76 Seiten
Format: PDF
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Beschreibung

Das erbarmungslose Gedächtnis der Scham
Julia Schoch über das Werk von Annie Ernaux

Das Eichhörnchen hat ein Problem
Kathrin Passig über die vielen Enden der Netzliteratur

„Lügenliteratur“ und „Lügenpresse“
Felix Philipp Ingold zur aktuellen Fake-Debatte

Moskaus letzte Romantikerin
Katrin Hillgruber über Jewdokija Rostoptschina

„Vielleicht ist es gar kein Roman“
Michael Braun im Gespräch mit Kenah Cusanit über ihren Roman „Babel“

Die Bewohner von Château Talbot
Von Arno Geiger

Materialien und Texte aus den sieben Körben
Alexander Kluge zum Tod von Norbert Kückelmann

Präauer streamt
Karl Lagerfeld im Hause Chanel

Neulich
Andreas Maier und das Meinungsmeinen

Celan mit Clownsmaske
Paul-Henri Campbell über die Dichtung von Alexandru Bulucz

„Distant Reading“ und magische Lektüren
Uwe Schütte über das neue Handbuch Lesen

Ein verschollener Apostel der Schönheit
Zu Recht vergessen: Karl Wagner über Robert Hamerling

Postojna, 2015
Aus dem Tagebuch von Clemens J. Setz

Zur Erde drängt doch alles
Erinnerungen an Paulus Böhmer. Von Alban Nikolai Herbst

Die Gliedertaxe
Von Norbert Gstrein

Schleyers Fotojournal

Lyrik-Logbuch
Mit Eintragungen zu Gedichten von Arvis Viguls, Barbara Rauchenberger, Mary Jo Bang, Klaus Merz

Fragebogen: Katja Gasser
Zum Stand der Literaturkritik heute

Preis-Telegramm
Jüngst vergebene Literaturpreise, ihre Dotierung und die Jury dahinter

 

ZITATE aus VOLLTEXT 1/2019

Ich vermute weiterhin, dass man die eigentlich interessanten Veränderungen nicht in Literaturhäusern oder in „Vorlesungen zur Kunst des Schreibens“ ausfindig machen wird – auch nicht, wenn man ich ist.

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Autoren sind nicht unempfänglich für Veränderungen ihrer wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie wenden sich einer Textgattung oder einem Format zu, wenn dort Geld oder Anerkennung zu holen ist.

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Das fünfte Ende der Netzliteratur wird um 2012 herum ausgerufen, als Facebook und Twitter auch in Deutschland Fuß gefasst haben und das Bloggen zumindest in seinen bis dahin etablierten Formen zurückgeht.

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Warum sollte es beim Herstellen eines Romans nicht möglich sein, dass es viele Schreibende gibt und eine Person, die lediglich die Fäden in der Hand hält?

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Ungeklärt bleibt die Frage, warum Franzen nicht einfach sagt: „Ich leide unter Arbeitsstörungen wie viele Autoren und muss mich deshalb vorsichtig von Twitter, Facebook und dergleichen fernhalten.“ Es gibt Interviews mit ihm, in denen er erklärt, dass er den Computer, an dem er schreibt, komplett vom Netz getrennt habe, alle mit dem Betriebssystem mitgelieferten Spiele gelöscht, in die Buchse für das Ethernetkabel einen Stecker geklebt und das Kabel abgeschnitten habe. WLAN gibt es gar nicht erst. Manchmal schreibe er blind mit einer Schlafmaske und Kopfhörern, aus denen Rauschen kommt.

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Ich treffe bis heute bei fast allem, woran ich arbeite, eine Entscheidung zwischen „möglicherweise innovativ, aber unbezahlt“ und „bezahlt, aber in einem ganz traditionellen Format, und im Netz nur in Ausnahmefällen verfügbar“.

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Veranstalter, Förderinstitutionen, Jurys haben das Problem, dass das von ihnen Geförderte halbwegs respektabel aussehen muss. Das tut das Neue selten.

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Wenn die vorhandenen Fachleute Respekt vor dem Neuen haben, ist das ein Zeichen dafür, dass es sich wahrscheinlich nur um das Altbekannte handelt.

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Nachdem das Ende der textförmigen Pornografie bei jedem Auftauchen eines neuen Bildmediums aufs Neue verkündet wurde, floriert sie in den letzten Jahren wieder im E-Book.

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Dabei sind Bestseller wie die Fifty Shades-Serie, unerwartete neue Nischen wie Yeti-Pornografie, lesbischer Dinosaurier-Porno und Phänomene wie der Erfolg von Chuck Tingle (Space Raptor Butt Invasion, Billionaire Elons Mugg Takes the Handsome Planet Mars in his Butt) entstanden.

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Ernaux, die Tochter aus der Unterschicht, schreibt über die eigenen Wurzeln nicht mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der zum Beispiel Sartre seine Autobiografie Die Wörter verfasste.

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Julia Schoch: „Ich habe erst spät erkannt, vielleicht erkenne ich es erst jetzt, wie die Bücher von Annie Ernaux dabei geholfen haben, mir mein eigenes Unbehagen im wieder­vereinten Deutschland zu erklären.“

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Nur Weniges von dem, was zu meiner ostdeutschen Kindheit gehörte, Sprachbilder, kulturelle Codes und Zukunftsvorstellungen, hatte zu tun mit der Welt, in der ich später lebte.

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Wie kann sie von ihrer Herkunftswelt in Worten erzählen, die in dieser Welt gar nicht gesprochen werden?

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Bis heute kann kein Philologe der Welt sich ernsthaft mit Keilschriftsprachen beschäftigen, ohne vorher Deutsch gelernt zu haben.

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Bekannt ist, dass die Fotografie wie auch die Kartografie im 19. Jahrhundert ein Erstarken des Nationalgefühls bewirkte.

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Die „Lügenpresse“ wird sich der „Lügen­literatur“ wohl mehr und mehr angleichen, vielleicht ergibt sich daraus ein neues publizistisches Genre, das in fernerer Zukunft die künstlerische Belletristik entbehrlich machen und ersetzen wird?

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„Dass die Dichter und Erzähler die Menschen im Wesentlichen ganz falsch darstellen“, bleibt Platons Ärgernis.

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Aus realen zeitgeschichtlichen Personen werden im noch so wirklichkeitsgetreuen Text notwendigerweise wirklichkeitsferne Kunstfiguren.

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Platon: „Offenbar wird man immer bezaubert, wenn einem etwas Falsches vorgemacht wird.“

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Niklas Luhmann: Kommunikation ist unwahrscheinlich und riskant.

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Theodor W. Adorno: Der literarische Realismus ist ein perfides Täuschungsgeschäft.

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Als wir eintreffen, stellen wir fest, daß die Volksvertreter ganz andere Fragen beschäf­tigen als die Filmförderung.

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Im Schwurgerichtssaal sitzen hinter der Richterbank, weil kein Platz ist, Balzac, Dumas und Georges Sand, hungrig nach Romanstoffen.

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Es sind 300 Jahre, die eine Zivilisation braucht, um so etwas wie eine wirkliche Rechtsordnung zu implantieren, damit sie auch im Herzen gefühlt wird.

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Erich Fromm zeigt, was für Arten der Destruktivität es gibt und woher sie kommt. Sie kommt aus der Angst, das Glück zu verpassen.

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Lagerfeld reist an und rauscht ab, er ist gegen diese Location und für jenes Venue.

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Man meinte nicht, dass Homosexualität übel ist. Man meinte ja auch nicht, dass eine Kuh eine Kuh und ein Auto ein Auto ist.

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Aus der theoretischen Sicht der Dekonstruktion resultiert jede Lektüre eines literarischen Textes in einem misreading.

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Das Nichtlesen macht unsere vornehmliche Beziehung zum Geschriebenen aus.

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Von den insgesamt 900.000 deutsch­sprachigen belletristischen Publikationen seit dem 16. Jahrhundert sind mehr als 650.000 im 20. Jahrhundert erschienen.

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„Häufig belästigt wurde Hamerling von der Zudringlichkeit fremder Leute weiblichen Geschlechtes.“

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Leserinnen schickten ihm Locken und schworen, Blut und Leben für ihn zu lassen.

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Ein 1993 in Kirchberg gegründetes Hamerling-Museum ist seit längerem wegen Neubaus der Raiffeisenbank geschlossen.

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Augen sind nur eine Kinderkrankheit der Olme.

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Er verwendete das damals noch verpönte Wort „Dichtung“. Sonst wurde gern von „Text“ und „Textarbeitern“ gesprochen.

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Ich habe einen anderen Cousin ersten Grades, der mit seinem Auto nachts eine Brücke verfehlt, den Bach im Flug überquert hat und auf der anderen Seite, ohne selbst Schaden genommen zu haben, aus dem zerschellten Wagen gestiegen ist.

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Ich glaube, es war auch ein Südtiroler, der einmal bei „Wetten dass …?“ mit der Schaufel seines Baggers ein Feuerzeug „in Betrieb genommen hat“.

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Vielleicht ist „Hobbykeller“ oder wahlweise auch „Partykeller“ in seiner vermeint­lichen Harmlosigkeit das schauderhafteste Wort der deutschen Sprache.

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Die Freunde meiner Kindheit und Jugend fangen an zu sterben, und ich vermisse sie.

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Katja Gasser: „Ich bilde mir ein, von Ilse Aichinger alles über Literatur gelernt zu haben, was man über Literatur wissen sollte.“