Einzeller

Simo­ne Mai Roman­aus­zug
Gertraud Klemm © Bernd Alfanz

Ger­traud Klemm. Foto: Bernd Alf­anz

Das Klop­fen und Häm­mern macht sie wahn­sin­nig. Simo­ne hat sich in ihr Zim­mer ein­ge­sperrt und ver­sucht, den Lärm mit Musik zu über­tö­nen. Hand­wer­ker. Was­ser­rohr­bruch. Noch mehr Dreck. Die unge­le­se­ne Nach­richt blinkt. Egal was er zu sagen hat, sie ant­wor­tet nicht auf die Nach­richt des Minis­ters. Ges­tern hat sie schon alles gesagt: Steck dir dei­ne Nel­ken von 1976 in dei­nen reak­tio­nä­ren Arsch.

So neben­bei hat er es fal­len las­sen, der Herr Finanz­mi­nis­ter, den es doch fach­lich gar nichts angeht. Aber was soll er denn tun, wenn die Redak­teu­rin in der Pres­se­stun­de dann doch nach­hakt beim Fami­li­en­recht­li­chen. Da bin ich natür­lich ganz auf Par­tei­li­nie, hat er gesagt, ganz ohne Genie­rer.

Was hat sie denn erwar­tet. Der pri­va­te Minis­ter lässt abtrei­ben, der dienst­li­che ist ganz auf Par­tei­li­nie. Da hat er aber ein statt­li­ches Stück See­le ver­kauft. Das wächst nicht nach.

Viel­leicht mag er sie gar nicht mehr. Und sie schätzt die­ses Band zwi­schen ihnen völ­lig falsch ein. Wie sie immer schon Freund­schaf­ten und Lie­bes­be­zie­hun­gen zu Män­nern zu opti­mis­tisch ein­ge­schätzt hat. Der Minis­ter hat sich ziem­lich breit gemacht im Sohn des Milch­ba­rons. Der Patri­arch hat sich durch­ge­setzt. Und die­se Freund­schaft, die Zärt­lich­keit – viel­leicht stu­diert er sie ja nur. Weil sie Teil des Grol­lens ist, das mal lau­ter, aber auch wie­der lei­ser wird. So vie­le lin­ke Femi­nis­tin­nen, die par­tei­un­ab­hän­gig den­ken, leben und ver­die­nen, gibt es nicht in sei­ner Umge­bung. Sie kann ihm das Grol­len über­set­zen. Der Minis­ter ist ja sonst nur von hohen Töch­tern unter­schied­li­cher Rei­fe­stu­fen umge­ben. Von dezent gelif­te­ten, schlank geblie­be­nen Begleit­per­so­nen, die loy­al sind, tief in die bis zum Anschlag gefärb­te Haar­wur­zel. Von jun­gen Par­tei­sol­da­tin­nen, die sich lern­be­gie­rig anbie­dern. Frau­en, die vom Patri­ar­chat immer, auch in Kri­sen­zei­ten, mit­ge­meint, mit­ge­nom­men, mit­ge­füt­tert wur­den. Die in ihren hel­len Vor­stadt­vil­len und Par­tei­zen­tra­len satt ver­wahrt sind. Und vor allem: zufrie­den.

Die nicht so zufrie­de­nen Frau­en sind nach den letz­ten Rezes­sio­nen viel­leicht auch nicht femi­nis­ti­scher, jeden­falls aber mehr gewor­den. Hofft Simo­ne zumin­dest. Die Armut nach der Pan­de­mie, die kriegs­be­ding­te Teue­rungs­wel­le hat vie­le Men­schen aus­ge­he­belt. Man­che wur­den aus­ge­hun­gert, man­che nur ent­po­li­ti­siert, aber vie­le wur­den zor­nig, so zor­nig, dass sie über­ge­schnappt oder über­ge­kocht sind. Zor­nig genug? Popu­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus gin­gen ganz schön ver­beult aus dem letz­ten Jahr­zehnt her­vor, aber es geht schon wie­der berg­auf. Die Grü­nen ver­bo­cken es wie­der mal. Und der Sozia­lis­mus hat zu wenig Kon­junk­tur, um dem etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Was sie so aus den Wahl­pro­gram­men her­aus­liest, hat er auch dies­mal lei­der wie­der auf die Frau­en ver­ges­sen. Das muss man erst mal schaf­fen. In ganz Mit­tel­eu­ro­pa haben sich Frau­en wäh­rend und nach den Kri­sen mit ihren Kin­dern um Essen anstel­len müs­sen, und eini­ge sind obdach­los gewor­den. Und der Sozia­lis­mus hat es nicht zusam­men­ge­bracht, dar­aus Kapi­tal zu schla­gen. So etwas wird nicht so schnell ver­zie­hen. Die unzu­frie­de­nen Frau­en sind ein klei­nes Mut­ter­mal, aller­dings eines, das den Der­ma­to­lo­gen die Stirn run­zeln lässt. Der Minis­ter ist erfah­ren genug, um wach­sam zu blei­ben und genau hin­zu­se­hen. Außer­dem ist der Minis­ter ein sexu­el­ler Viel­fraß.  Egal wie viel Macht er hat, er möch­te sie auch noch sexu­ell gespie­gelt haben. Das Alpha­männ­chen braucht sei­ne Beta‑, Gam­ma- und Del­ta­weib­chen, er muss immer wie­der auf­rei­ten, einer Urangst gehor­chend, soll­te sich ein Nach­fol­ger nähern.

Und dann noch die Home­sto­ry, auf Hoch­glanz. Ganz klar, der sitzt schon mit der hal­ben Arsch­ba­cke auf dem Minis­ter­stuhl der nächs­ten Regie­rung. Egal, wel­ches Minis­te­ri­um. Die gra­tis Wahl­wer­bung ist er sei­ner Par­tei schul­dig. Wie er sich mit sei­ner gan­zen Sip­pe abbil­den hat las­sen. Im Krei­se sei­ner Len­den­früch­te. Wie her­me­tisch die­se bür­ger­li­chen Frau­en ihre Kin­der gegen den Fort­schritt abschir­men. Und wie unter ihrer Patro­nanz das Sys­tem auch in der nächs­ten Gene­ra­ti­on gna­den­los funk­tio­niert. Die Schwie­ger­söh­ne sind ein biss­chen für­sorg­lich gewor­den, schie­ben Kin­der­wä­gen, pürie­ren Zuc­chi­ni und dekli­nie­ren Voka­beln mit dem Nach­wuchs. Vor der Kame­ra. Aber für­sorg­li­che Män­ner gehen nie in die Poli­tik. Je mäch­ti­ger und bedeut­sa­mer die beruf­li­che Funk­ti­on, des­to weni­ger Fami­li­en­zeit.

Sie weiß, wie es beim Minis­ter daheim läuft. Sie hat nai­ve Fra­gen gestellt und ent­lar­ven­de Ant­wor­ten bekom­men. Je pri­va­ter die Fra­gen wur­den, des­to knap­per fie­len die Ant­wor­ten aus; oft, weil der Minis­ter die Ant­wor­ten ein­fach nicht wuss­te.

Wie oft kommt eure Putz­frau? Wer wech­selt die Glüh­bir­nen in der Vil­la? Wo kauft ihr euer Fleisch ein? Wann ist dei­ne Frau in den Wech­sel gekom­men? Nimmt sie Hor­mon­er­satz­pro­duk­te?

Was du für Fra­gen stellst, sag­te er dann.

So rich­tig ernst kann er sie trotz aller Gesprä­che nicht neh­men. Er hält den Femi­nis­mus für bedingt gefähr­lich. Er ist ja auch nicht ernst zu neh­mend, so, wie er sich mit einer schlaf­wand­le­ri­schen Sicher­heit in der drit­ten, vier­ten Rei­he der Tages­ak­tua­li­tät bewegt und sich damit abge­fun­den hat, am Frau­en­tag in der ers­ten Rei­he posie­ren zu dür­fen. Wie der Minis­ter sie gefragt hat, wann sie end­lich ler­nen wür­de, sich für TV-Dis­kus­sio­nen ein pas­sen­des Gewand zuzu­le­gen. So ein Hosen­an­zug steht dir sicher, sag­te er. In dem kannst du viel bes­ser dei­ne statt­li­chen Eier zei­gen. Wenn wir Röcke und Kos­tü­me tra­gen müss­ten, könn­ten wir unmög­lich die­ses Land regie­ren.

Sie blät­tert sich durch das Maga­zin. Die­ses Haus. Die­se Hor­ten­si­en, die wie ein Krebs­ge­schwür um die Mau­ern der statt­li­chen Vil­la wuchern. Sie könn­te in das Heft hin­ein­kot­zen, wenn sie schon etwas geges­sen hät­te. Aber die Küche ist Sperr­zo­ne. In ihr stinkt und lärmt der Hand­wer­ker.

Der Lärm macht sie wahn­sin­nig. Simo­ne ver­sucht, weg­zu­hö­ren. Die Geräu­sche klin­gen will­kür­lich. Als wür­de der Hand­wer­ker über die Ideo­lo­gie die­ser WG Bescheid wis­sen und absicht­lich Krach machen. Viel­leicht hat er Big Sis­ta gese­hen. Unwahr­schein­lich. Er ist doch nur ein Instal­la­teur, der ein biss­chen Mau­er weg­stemmt, um einen Was­ser­rohr­bruch zu repa­rie­ren, beru­higt sie sich. Scha­de, dass er nicht hier ist, um end­lich die neue Hei­zung zu instal­lie­ren. Oder die Fens­ter aus­zu­tau­schen. Oder eine neue Küche ein­zu­bau­en, mit einem rie­si­gen Kühl­schrank, der sich von selbst füllt.

Dass die Frau­en so viel dis­ku­tie­ren, könn­te ja ein gutes Zei­chen sein. Flo­ra ist die Brand­stif­te­rin. Immer ist sie die Ers­te, der es zu unge­putzt, zu voll­ge­räumt, zu unor­ga­ni­siert, zu unge­lüf­tet ist. Immer nör­gelt sie an Maren, Simo­ne und Eleo­no­ra her­um. Weil sie das Gen­der­stern­chen nicht aus­spre­chen. Weil sie sich kri­tisch zu dem hip­pen Dis­kurs über Gen­der und Sex­ar­beit äußern. Flo­ra ist eine woke Stern­chen­fe­mi­nis­tin, das ist ihr nicht klar gewe­sen.

Die letz­te Big-Sis­ta-Fol­ge hat die Stim­mung nicht ver­bes­sert. Der Gast ist eine Gäs­tin gewe­sen, eine Trans­frau, eine Sex­ar­bei­te­rin. Ray. Eine die­ser glück­li­chen, frei­wil­li­gen Sexarbeiter*innen, die alles lega­li­siert wis­sen wol­len und kei­ne Poli­zei, kei­ne Kon­trol­len, kei­ne Tabui­sie­rung. Sie haben ein­an­der höf­lich begrüßt, Simo­ne hat sie unter dem grel­len Schein­wer­fer­licht in die Küche beglei­tet, sie haben sich gesetzt, Eleo­no­ra hat ihnen Mine­stro­ne, Wein und Kar­tof­fel­puf­fer mit Kraut­sa­lat kre­denzt. Ray ver­wei­ger­te die Mas­ke, ein Make-up-Artist hat sich schon um mich geküm­mert, sag­te sie. Sie trug haut­enge Jeans, hohe Stö­ckel­schu­he und eine gestreif­te Blu­se, aus der der hal­be Busen raus­hing. Die Redak­ti­on hat­te eine glück­li­che, elo­quen­te Bio-Hure aus­ge­sucht, die für alle spre­chen soll. Eine Zeit­lang ging es gut. Drau­ßen wur­de es dun­kel, sie spra­chen über Frau­en­po­li­tik und Johan­na Dohnal; Simo­ne hat­te das Gefühl, sich tie­fer und tie­fer in eine trü­ge­ri­sche Idyl­le zu reden, die sie nicht ver­las­sen woll­te. Was sie aber müs­sen wür­de, wenn es um das The­ma ging.

Dann frag­te der Mode­ra­tor, ob hier nicht ver­schie­de­ne Auf­fas­sun­gen von Femi­nis­mus auf­ein­an­der­pral­len wür­den. Müss­ten. Haben brav ihre Auf­ga­ben gemacht, das Bürsch­chen und sei­ne Redak­tio­nen. Haben sich im Inter­net schlau gemacht und sind in die tiefs­ten Grä­ben hin­ab­ge­stie­gen, die der Femi­nis­mus auf­zu­wei­sen hat. Dort, wo es am lau­tes­ten plärrt, am hei­ßes­ten wütet zwi­schen den Frau­en.

Ja, da gibt es gro­ße welt­an­schau­li­che Dif­fe­ren­zen, hat Simo­ne zuge­ge­ben.

Nun, für Sie ist es Welt­an­schau­ung, für mich Exis­tenz­grund­la­ge, sag­te Ray und leg­te das Besteck zur Sei­te.

Auch für eine Zwangs­pro­sti­tu­ier­te aus Nige­ria ist es Exis­tenz­grund­la­ge, hat Simo­ne kor­ri­giert.

Ah, das kolo­nia­lis­ti­sche Denk­prin­zip, hat Ray geätzt. Die arme Afri­ka­ne­rin, die unse­ren Rat dazu braucht, was sie mit ihrem Kör­per macht.

Simo­ne ver­dreh­te die Augen. Ent­schul­di­ge bit­te. Ich kon­kre­ti­sie­re: die nige­ria­ni­sche, rumä­ni­sche, bul­ga­ri­sche und gern auch öster­rei­chi­sche Zwangs­pro­sti­tu­ier­te, die sich unge­ach­tet ihrer Her­kunft aus einer Not­la­ge her­aus zwangs­pro­sti­tu­iert und nicht elo­quent oder ander­wei­tig selbst­er­mäch­tigt genug ist, um sich aus der Situa­ti­on zu befrei­en, weil sie ein­ge­sperrt ist, kei­nen Pass hat oder halb­tot ver­ge­wal­tigt und geprü­gelt wird, wenn sie nicht spurt.

Ach, das Mär­chen von der armen Hure, seufz­te Ray.

Maren eil­te Simo­ne zu Hil­fe. Wenn es doch nur ein Mär­chen wäre.

Das ist nicht Sex­ar­beit, erei­fer­te sich Ray. Das ist sexu­el­le Gewalt.

Von der Umbe­nen­nung kann sich die Zwangs­pro­sti­tu­ier­te aber auch nichts kau­fen, sag­te Simo­ne.

Ray schüt­tel­te den Kopf und leg­te thea­tra­lisch die Arme auf den Tisch.

Ihr steht nicht auf der Stra­ße. Ihr redet nicht mit den Sexarbeiter*innen. Ihr habt kei­ne Ahnung.

Hier sind wir also, dach­te Simo­ne: die Beton­schicht. Wahr­heit gegen Wahr­heit.

Das stimmt, sag­te Simo­ne. Aber redest du mit den Zwangs­pro­sti­tu­ier­ten? Reden die? Dür­fen die reden?

Ich ver­ste­he nicht, wie ihr so unso­li­da­risch sein könnt, sag­te Ray bit­ter.

Wer ist wir?, hat Simo­ne gefragt.

Ihr Alt­fe­mi­nis­tin­nen. Ihr Emma-Femi­nis­tin­nen. So vie­le SWERFs und TERFs1 unter euch. Es ist trau­rig.

Der Mode­ra­tor hat schnell ein­ge­wor­fen: Was ist eine SWERF, was ist eine TERF?

Damit die Zuse­her und Zuse­he­rin­nen sich ein Bild machen konn­ten, was außer­halb ihrer Lebens­wirk­lich­keit an Begrif­fen her­um­fliegt. Brav sag­te er das Glos­sar auf.

Bin ich wirk­lich radi­kal, wenn ich die Aus­beu­tung von Frau­en­kör­pern, und es sind mehr­heit­lich Frau­en, die da kon­su­miert wer­den …

Der Kör­per wird nicht ver­kauft.

Dei­ner nicht, sag­te Simo­ne. Der von ande­ren viel­leicht schon. Aber es gibt ihn lei­der nicht, den frei­wil­li­gen Huren-Sti­cker. So wie mit dem Bio-Güte­sie­gel. Wie gut es dem Huhn geht, ent­schei­det letzt­end­lich nicht das Huhn, son­dern der Kon­su­ment. Also, wo ist das Selbst­er­mäch­ti­gungs­la­bel. Wie unter­schei­det der Frei­er zwi­schen zwangs­pro­sti­tu­ier­ter und selbst­er­mäch­tig­ter Sexarbeiter*in?

Das ist das Pro­blem mit euch Second-Wave-Femi­nis­tin­nen, sag­te Ray gal­lig. Für euch sind alle Sexarbeiter*innen arme Hen­deln aus Mas­sen­tier­hal­tung. Mit dem Ver­gleich hast du dich jetzt ent­larvt.

Simo­ne schüt­tel­te ener­gisch den Kopf. Lass dich doch mal auf den Ver­gleich ein, dei­nen Schwes­tern zulie­be. Wenn der Kon­su­ment ein glück­li­ches Huhn will, muss er ein teu­re­res Bio-Huhn kau­fen. Im Restau­rant oder am Grill­hendl-Stand wird’s schon schwie­ri­ger. Ist es nicht so am Stra­ßen­strich? Und war­um muss ich mir dar­über Gedan­ken machen?  War­um ist das kein Frei­er-The­ma? War­um inter­es­siert es die Frei­er nicht, Druck aus­zu­üben auf die, die sich nicht an die Regeln hal­ten?

Ray war auf­ge­bracht und fuch­tel­te mit den Hän­den. Ist das dein Ernst?, rief sie. Blei­ben wir jetzt wirk­lich bei den Brat­hüh­nern?

Sie lach­te jetzt und gri­mas­sier­te in die Kame­ra. What the fuck, form­ten ihre schö­nen, glän­zen­den Lip­pen.

Ach komm, ent­geg­ne­te Simo­ne ent­nervt. Ich habe nur das Patri­ar­chat ent­larvt. Der Ver­gleich ist aus so man­cher Frei­er-Sicht völ­lig legi­tim! Der schert sich um die Frei­wil­lig­keit sei­ner Hure genau­so wenig wie um das Wohl­be­fin­den sei­nes Grill­hendls. Das ist ja das Empö­ren­de am Kapi­ta­lis­mus. Der ist auch das Ver­bin­den­de: Das Hendl aus Mas­sen­tier­hal­tung und die Zwangs­pro­sti­tu­ier­te sind bei­de bil­li­ger als ihre huma­ne, wür­de­vol­le Alter­na­ti­ve. Der Kapi­ta­lis­mus frei­lich scheißt auf die Wür­de der Ware. Das ändert sich lei­der auch nicht, wenn glück­li­che Sexarbeiter*innen erzäh­len, wie super ihre Arbeit ist. Wie nor­mal. Genau des­we­gen ist Sex­ar­beit nicht nor­mal, son­dern eben sehr spe­zi­ell.

Vor allem ist sie tabui­siert und kri­mi­na­li­siert, sag­te Ray jetzt pat­zig. Eine Ent­ta­bui­sie­rung und Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Sex­ar­beit wür­de uns mehr hel­fen als die Ein­mi­schung von Aboli­tio­nis­tin­nen wie dir.

Dir wür­de es hel­fen, erwi­der­te Simo­ne. Du bist elo­quent und unab­hän­gig. Aber wie ist es mit denen, die nicht zu Wort kom­men? Weil sie nicht reden dür­fen? Die Spra­che nicht kön­nen? Was wür­den die mir erzäh­len?

Schon wie­der ent­mün­digst du uns, sag­te Ray pat­zig.

Wir den­ken aber nicht alle so, misch­te sich Flo­ra ein. Ich per­sön­lich bin gar nicht auf der Emma-Linie.

Simo­ne sah sie über­rascht an.

Schau mich nicht so an. Ich bin Juris­tin, was erwar­test du von mir? Die Poli­zei­kon­trol­len in die­sem Land sind völ­lig unzeit­ge­mäß. Und das nor­di­sche Modell drängt die Sexarbeiter*innen in den Unter­grund. Ist es nicht so?

Seit­dem wird Simo­ne gero­as­tet. Und geprie­sen. Dan­ke, Big Sis­ta. Sie hät­te mit Ray über unglei­che Bezah­lung reden kön­nen oder über Abtrei­bung. Nein, anstatt über mög­li­che Soli­da­ri­tät zu spre­chen, ist Simo­ne in die Kluft hin­ab­ge­stie­gen und hat mit­ge­plärrt. Sie hasst sich dafür. Falsch. Sie hasst die Redak­ti­on dafür. Sie über­legt auf­zu­hö­ren. Sie über­legt, das öffent­lich zu sagen, sich zu distan­zie­ren. Aber sie hat sich den Ver­trag, den sie unter­schrie­ben hat, ange­se­hen. Ohne Pöna­le kommt sie da nicht raus, hat Flo­ra gesagt. Ein Abend­essen muss noch sein.

Flo­ra und sie haben danach noch dis­ku­tiert. Du ziehst uns noch alle durch den­sel­ben Kakao, hat sie gesagt. Sie hat sich schreck­lich gefühlt und tut es noch. Nicht nur wegen der Show.

Ich will nicht chil­len, Sis­tas, hat Flo­ra unter Marens oder Eleo­no­ras Frie­dens­auf­ruf Chillt, Sis­tas auf die Tafel geschrie­ben. Ich will Luft krie­gen, Sis­ta. Auf der Tafel sieht die­ser Dia­log fast lus­tig aus. Als wären es nur Klei­nig­kei­ten, die mit einem Augen­zwin­kern weg­ge­blin­zelt wer­den kön­nen. Flo­ra will mehr put­zen als alle ande­ren. Sie will den heim­li­chen Hasen, der nicht mehr heim­lich ist, ins Tier­heim brin­gen. Sei­ne Haa­re, sei­ne Kötel. Die ver­schie­de­nen Auf­fas­sun­gen von Wohl­be­fin­den und Sicher­heit sind eben doch zu ver­schie­den, auch wenn nur Frau­en da sind. Gera­de weil nur Frau­en da sind.  So wie in allen Fami­li­en wird gestrit­ten, weil jede und jeder eine ein biss­chen ande­re Auf­fas­sung von per­sön­li­chen Grund­be­dürf­nis­sen hat. Vom Essen. Vom Schla­fen. Vom Lie­ben. Vom Geld­aus­ge­ben. Vom Geld­ver­die­nen. Vom Haus­tier­hal­ten. Vom Put­zen. Davon, wie lan­ge ein Mensch auf einem Klo sit­zen darf und wie genau es danach aus­zu­se­hen und zu rie­chen hat, und womit sich aus­ge­wischt wird. Die Klein­fa­mi­li­en krie­gen das auf die Rei­he, weil sie es seit Gene­ra­tio­nen üben. Und müs­sen. Weil sie zusam­men­ge­schweißt sind. Nicht nur durch Lie­be. Die gegen­sei­ti­ge finan­zi­el­le Abhän­gig­keit ist ein bewähr­tes Bin­de­mit­tel, das die Gesell­schaft über die Klein­fa­mi­li­en­struk­tur zusam­men­hält. Das, die Moral und die Lie­be, die Mut­ti immer noch her­vor­wür­gen kann, wenn sie doch das Klo putzt, in dem die Kin­der ihre Kack­spu­ren hin­ter­las­sen. Weil es nie­mand ande­rer macht. Und wenn sie schon mal dabei ist, dann kann sie die Pis­se von Vati, der sich beim Pin­keln nicht hin­set­zen will, auch schnell weg­wi­schen. Man will ja nicht stän­dig kämp­fen und schimp­fen. Alles Dasein wur­zelt in der Lie­be, da ist man sich welt­weit einig.

Von Maren kam der Vor­schlag, das Put­zen aus­zu­la­gern. Ja, am liebs­ten wür­den wir doch alle in unse­ren eige­nen Häu­sern woh­nen und uns bedie­nen las­sen. Dann gibt’s kei­nen Streit mehr. Wer es sich leis­ten kann, tut das auch. An den Rei­chen kann man sehr gut sehen, wohin der Trend gin­ge, wenn er könn­te. Die Rei­chen woh­nen nicht in WGs oder Wohn­häu­sern, sie haben gern Platz und Grün­land um sich, und Per­so­nal, das die Drecks­ar­beit für sie erle­digt und sich nach der Arbeit in sei­ne Rit­zen ver­zieht. Sie haben rie­si­ge Häu­ser, Köchin­nen und Putz­ko­lon­nen, Erzie­he­rin­nen und sogar Trai­ner, die sie zum Sport nöti­gen, aber nicht beim Leben stö­ren.

Simo­ne braucht Tee. Eleo­no­ra ist nicht zu Hau­se, sie muss sich ihren Tee selbst machen.  Simo­ne über­legt, ob sie sich etwas anzie­hen soll, aber dann schlüpft sie nur in ihren tür­ki­sen Köni­gin­nen-Kimo­no mit den gol­de­nen Orna­men­ten. In der Küche packt der Hand­wer­ker gera­de sein Werk­zeug zusam­men, ihr den brei­ten Rücken zudre­hend. Sie stellt sich in die Türe, ver­schränkt die Arme, er dreht den Kopf zu ihr. Etwas Ver­ächt­li­ches ist in sei­nen Bewe­gun­gen, eine Respekt­lo­sig­keit, die sie in ihren eige­nen Wän­den nicht so oft erlebt. Er sieht durch sie hin­durch, sie ist nur eine alte Frau mit einem Was­ser­rohr­ge­bre­chen, eine von vie­len, aus­tausch­bar, läs­tig, aber sie hat eine Auf­trags­num­mer und irgend­wie hat das etwas mit sei­nem Gehalt zu tun. Du Trot­tel, denkt sie. An der Wand prangt ein Loch, die geflick­te Lei­tung liegt dar­in brach, das weg­ge­stemm­te Mate­ri­al ist dürf­tig zusam­men­ge­kehrt wor­den.

Ich bin fer­tig, sagt er.

Sieht aber nicht fer­tig aus, sagt Simo­ne.

Ver­putzt muss noch wer­den, sagt er, aber erst, wenn es tro­cken ist.

Ich weiß schon, sagt Simo­ne, ist nicht mein ers­ter Was­ser­rohr­bruch.

Sein Werk­zeug hat er schon gepackt, jetzt legt er ihr noch einen Zet­tel zum Gegen­zeich­nen hin, sieht sie immer noch nicht an. Sie kann nicht lesen, was sie unter­schreibt, es ist irgend­ein Geschmie­re, das alles Mög­li­che hei­ßen kann.

Den Boden wischen Sie nicht auf?

Er schüt­telt den Kopf.

Das ist aber scha­de, sagt sie. Pro­bie­ren wird man es ja noch dür­fen, oder?

Er hebt die Brau­en. Jetzt ist sie gleich ein biss­chen bes­ser sicht­bar. Läs­tig muss man sein, wider­bors­tig, anma­ßend, denkt sie, wäh­rend sie unter­schreibt. Jun­ger, männ­li­cher Hand­wer­ker, alte, pen­sio­nier­te Leh­re­rin im Mor­gen­man­tel, ganz klar, wer in der Gesell­schaft höhe­res Anse­hen genießt, da kann sie noch so aka­de­misch und Kun­din sein, Ach­tung hat er für sie nur, wenn sie zum Pro­blem wird.

Sie nickt ihm zu und zeigt ihm den Weg zur Türe nicht, statt­des­sen geht sie kom­men­tar­los zum Fens­ter und lüf­tet. Die Tür fällt ins Schloss, sie sieht das Cha­os, beschließt, den Boden zu wischen, um Streit zu ver­mei­den. Das Putz­zeug wur­de lieb­los in die Abstell­kam­mer gestellt, sieht nach Maren aus. Der Geruch von Hasen­urin hängt auch im Putz­fet­zen. In der Kam­mer. Sie wischt erst unter der ver­wun­de­ten Mau­er, dann unter dem Tisch, vor dem Kühl­schrank. In der Nische zwi­schen Kühl­schrank und Wand Hasen­kö­tel, jetzt erst sieht und riecht sie die Urin­fle­cken. Dann macht sie wei­ter, im Vor­zim­mer. Hasen­schei­ße hin­ter dem Vor­hang, unter dem Schuh­kas­ten, dort beim Schirm­stän­der. Wie oft und wann ist die­ser Hase frei in der Woh­nung her­um­ge­lau­fen?

Maren, knurrt Simo­ne. Wo bist du? Vögel füt­tern im Park? Sup­pe kochen für Obdach­lo­se? Deutsch ler­nen mit Flücht­lin­gen? Was ist mit dei­ner Lie­be zu uns? Nach dem Auf­wa­schen zögert Simo­ne nur kurz, bevor sie Marens Zim­mer betritt. Auf dem Boden hin­ter dem Bett steht der klei­ne Käfig, in dem das graue Häs­chen hek­tisch klop­fend zurück­zuckt. Ein paar zer­nag­te Karot­ten­stück­chen lie­gen her­um, ver­mischt mit Kot. Sie hasst die­sen Hasen. Ist das über­haupt ein Hase? Eher ist es ein Kanin­chen. Der Käfig ist sicher zu klein. Dass es so schwer ist, so weni­ge Regeln ein­zu­hal­ten. Simo­ne riecht den Tier­ge­ruch, öff­net wütend das Fens­ter in Marens Zim­mer. Wenn es kalt wäre, wür­de es erfrie­ren. Aber es ist Früh­ling, es ist warm. Sie kniet sich vor das Tier, hebt den Käfig auf den Schreib­tisch, es läuft auf­ge­regt her­um, dann presst es sich ins Eck des Käfigs, sei­ne Bart­haa­re zit­tern, die gro­ßen, schwar­zen Augen taxie­ren sie panisch. Ein Luft­zug aus der Küche nimmt Fahrt auf, will mit den alten, mor­schen Fens­tern klap­pern, aber Simo­ne hält dage­gen und bleibt noch kurz im Luft­strom ste­hen, bevor sie es ver­schließt, sich eilig anzieht, eine Decke über den Käfig wirft und mit dem Hasen die Woh­nung ver­lässt, bevor Maren zurück­kommt.

Aus­zug aus dem Roman Ein­zeller, Kapi­tel 13, gekürz­te Wie­der­ga­be. Erscheint am 6.3.2023 bei Kre­mayr & Sche­ri­au.

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Ger­traud Klemm, geb. 1971 in Wien, auf­ge­wach­sen in Baden bei Wien, ist öster­rei­chi­sche Autorin. Sie ist Bio­lo­gin und hat bis 2005 als hygie­ni­sche Gut­ach­te­rin gear­bei­tet. Vie­le ihrer Tex­te wur­den mit Aus­zeich­nun­gen gewür­digt (u. A. Publi­kums­preis Bach­mann­preis 2014, Long­list des deut­schen Buch­prei­ses 2015). 2020 wur­de ihr der Out­stan­ding Artist Award zuer­kannt, 2021 der Ernst-Tol­ler-Preis, 2022 der Anton Wild­gans Preis. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söh­nen in Nie­der­ös­ter­reich. Bis­he­ri­ge Roma­ne: Aber­land (2015, Dro­schl), Mut­ter­ge­häu­se (2016, Kre­mayr & Sche­ri­au), Erb­sen­zäh­len (2017 Dro­schl), Hip­po­cam­pus (2019, Kre­mayr & Sche­ri­au).

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 13. Jän­ner 2023

Zuletzt geän­dert: 14. Jan. 2023