Homeschooling

Von Gabrie­le Kögl. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XIX
Gabriele Kögl © Feuersänger / Picus

Gabrie­le Kögl. Foto: Feu­er­sän­ger / Picus

Ein Minus auf die Revi­si­on. Gleich auf die ers­te. Sie hat­ten zwei Tage geübt. Die Mut­ter war zuver­sicht­lich gewe­sen. Nun hol­te sie sich einen blu­ti­gen Kopf, einen Herz­in­farkt, einen Magen­durch­bruch. Sie lag am Boden, obwohl sie auf einem Ses­sel saß.
Sie muss­te in die Sprech­stun­de. Viel­leicht konn­te sie dort noch etwas ret­ten. Und er saß ihr gegen­über, nett und fett, freund­lich und über­le­gen. Sie lächel­te erge­ben, ver­steck­te den Hass hin­ter der grin­sen­den Mas­ke. Er dik­tier­te Schwei­gen, stun­den­lan­ges Schwei­gen. Er schlug das Heft auf, blät­ter­te, stun­den­lang, auch wenn es auf der Uhr nur Minu­ten waren. Der hal­len­de Gang war ihr Bespre­chungs­zim­mer. Ein hoher Raum. Der Gerichts­saal für gepei­nig­te Eltern, sie muss­ten öffent­lich auf dem Gang für alle sicht­bar und hör­bar ihren Urteils­spruch erle­ben. „Eine schwa­che Schü­le­rin.“ Er sprach in Zeit­lu­pe, er nick­te in Zeit­lu­pe, die dich­ten Haa­re fie­len ihm wie eine Kapu­ze in die Stirn.
„Eine sehr schwa­che Schü­le­rin“, blub­ber­te es aus sei­nem Fisch­maul. Sie lächel­te. Eisig, und mit an den Zäh­nen fest­ge­fro­re­nen Lip­pen, ihre Fin­ger waren sei­ner Gur­gel ganz nah. Sie muss­te ihre Hand­flä­chen unter das Gesäß schie­ben, sonst hät­te sie zuge­drückt. Aber drück­te man einem Fisch die Gur­gel zu? Erschlug man ihn nicht eher mit einem Fisch­beil? Kal­te Augen, nach unten gestülp­ter Mund. Am ehes­ten ein fet­ter Karp­fen, dach­te sie. Ein fet­ter Karp­fen, der alle fraß, die nicht schnell genug waren. Frie­da war nicht schnell genug, nicht gewandt genug, nicht extro­ver­tiert genug. Er rede­te von einer neu­er­li­chen Miss­erfolgs­er­war­tung im Zweit­spra­che­n­er­werb, wenn sich nicht schnell etwas ände­re. Für ihn zähl­te es nicht, was sie sonst noch konn­te. Er nahm Frie­das sozia­le Kom­pe­tenz nicht wahr, wenn sie sich für die Freun­din ein­setz­te, weil sie von den Buben gehän­selt wur­de. Es zähl­te auch nicht das Ein­füh­lungs­ver­mö­gen Frie­das, wenn sie in der Mit­tags­pau­se auf ein Mäd­chen auf­merk­sam wur­de. Es ernähr­te sich aus­schließ­lich von Süßig­kei­ten, weil es nicht genü­gend Geld für ein war­mes Mit­tag­essen von zu Hau­se bekam. Es zähl­te nur die kor­rek­te „Ing-Form“ in Eng­lisch, deren rich­ti­ge Anwen­dung die Mut­ter sel­ber nie kapiert hat­te, es zähl­te die Ver­wen­dung des Wor­tes „got“ bei Kopf­schmer­zen, die man plötz­lich hat, genau­so wie beim Zuwachs der Münz­samm­lung, aber kei­nes­falls für die Tan­te, die in Ame­ri­ka lebt. Weiß der Him­mel wie­so, sie wuss­te es nicht, ihre Freun­de und Bekann­ten wuss­ten es nicht und im Gram­ma­tik­buch ihrer Toch­ter konn­te sie auch kei­ne Regel dafür fin­den.
Frie­da spür­te die Ent­täu­schung der Mut­ter schon am Tele­fon. „Bist du mir böse“, frag­te sie klein­laut. Nein, böse war ihr die Mut­ter nicht. Frie­da konn­te nichts dafür, dass sie nicht bes­ser war, sie konn­te nichts dafür, dass sie ihrer Mut­ter kei­ne schu­li­schen Ehren ein­brach­te, sie konn­te nichts dafür, dass die Leh­rer von der klu­gen Toch­ter nicht auf die klu­ge Mut­ter schlie­ßen konn­ten. Sie war ihr nicht böse, sie war nur wie­der ein­mal schreck­lich ent­täuscht.

Dabei war ihr die Spe­zi­es der Gym­na­si­al­leh­rer nicht mehr auf­ge­fal­len. Nach Absol­vie­rung ihrer eige­nen Schul­zeit waren sie aus ihrem Leben ver­schwun­den, aus­ge­stor­ben oder abge­taucht, ein­sam und unbe­ach­tet von der Gesell­schaft. Sie mein­te, Eltern und Eltern­ver­tre­ter bestimm­ten den Schul­all­tag, Leh­rer wären dafür da, Wün­sche von Eltern und Schü­lern gera­de­wegs umzu­set­zen. Sie hat­te sich geirrt. Nichts war anders gewor­den. Alles an der Schu­le war wie damals. Der glei­che Stoff, die glei­che Lan­ge­wei­le. Leh­rer­lieb­chen und Sarg­nä­gel. Furcht und Schre­ckens­ver­brei­te­rei bei den Eltern.

End­lich Erfolg. Erfolg. Erfolg. Erfolg. Beim Deutsch­leh­rer. Ihm hat­te Frie­das Auf­satz gefal­len. Frie­da durf­te vor­le­sen. Es war höchs­te Zeit gewe­sen, man muss­te ihm etwas bie­ten. Eine Cha­rak­ter­be­schrei­bung der Mut­ter.
„Du musst mei­ne schlech­ten Eigen­schaf­ten her­aus­ar­bei­ten, sonst wird es nie­mals gut“, hat­te sie zu Frie­da gesagt. „Das Gute will nie­mand lesen. Das Gute ist lang­wei­lig, nur das Schlech­te macht die Span­nung aus!“
Frie­da soll­te einen Auf­satz über ihre Schi­fe­ri­en schrei­ben. Frie­da frag­te die Mut­ter: Wer fährt bes­ser Schi. Ich oder Marie?“ Die Mut­ter sag­te, dass ihre Freun­din etwas bes­ser auf den Schi­ern sei. Das hat­te genügt. Frie­da rede­te kein Wort mehr mit ihr. Nun frag­te Frie­da ihren Vater, wer denn die bes­se­re Schi­fah­re­rin sei. Der Vater war immer blind für die Män­gel sei­ner Toch­ter und sag­te, dass sie bes­ser fah­re. Das hat­te genügt für einen wüten­den Text über die Mut­ter: „Mei­ne Mama behaup­tet, dass mei­ne Freun­din bes­ser Schi fährt als ich. Was natür­lich nicht stimmt. Mein Vater hin­ge­gen sagt, dass ich bes­ser fah­re, was natür­lich rich­tig ist. Mei­ne Mut­ter behaup­tet immer, dass alle ande­ren immer alles bes­ser könn­ten als ich. Und immer hat sie etwas an mir aus­zu­set­zen. Und immer fin­det sie an den ande­ren Kin­dern alles toll, wäh­rend mein Vater fast alles toll fin­det, was ich tue…“
Frie­da las es der Mut­ter vor und schau­te, wie sie reagie­re.
„Wun­der­bar“, rief die Mut­ter, als Frie­da schon dabei war, das Blatt aus dem Heft zu fet­zen. Sie hielt mit dem Rei­ßen inne.
„Du bist nicht belei­digt?“, frag­te Frie­da.
„Doch“, sag­te die Mut­ter, „belei­digt bin ich schon. Aber es ist trotz­dem gut. Es ist das Bes­te, das du je geschrie­ben hast. Wei­ter“, trieb die Mut­ter Frie­da an, „schreib wei­ter so, du wirst sehen, das kann ein guter Text wer­den!“
„Du meinst, das geht? Darf man so über sei­ne Mut­ter schrei­ben?“
„Wenn man einen guten Text möch­te, muss man so über sei­ne Mut­ter schrei­ben“, sag­te die Mut­ter.
„Aber du bist belei­digt!“
Die Mut­ter zuck­te mit den Schul­tern. „Du musst ent­schei­den, ob du es ertra­gen kannst, wenn du dafür eine gute Arbeit schreibst!“
Frie­da hat­te schnell ent­schie­den und schrieb wei­ter. Nach einer hal­ben Stun­de sag­te sie: „Mama, ich glau­be, jetzt habe ich einen wirk­lich guten Text!“

Spä­ter erzähl­te Frie­da der Mut­ter von der Reak­ti­on des Deutsch­leh­rers. Er habe beim Lesen laut auf­la­chen müs­sen. Und er woll­te von Frie­da wis­sen: „Ist dei­ne Mut­ter wirk­lich so?“
„Und was hast du geant­wor­tet?“, woll­te die Mut­ter wis­sen.
„Sie ist noch viel schlim­mer“, sag­te Frie­da.

Wie viel sie doch gelernt hat­ten. Sogar auf den Schi­ur­laub hat­ten sie die Eng­lisch­bü­cher mit­ge­nom­men. Die Mut­ter war erstaunt, was Frie­da noch alles konn­te. Wie viel sie sich von den ein­zel­nen Lek­tio­nen gemerkt hat­te. Sie selbst hat­te das alles längst ver­ges­sen. Es fehl­ten nur Klei­nig­kei­ten. Hier ein „s“ in der drit­ten Per­son, dort ein „ing“, es war ein „don’t“ zu viel, wenn „got“ bei einem „have“ stand, aber sonst gab es kaum etwas aus­zu­set­zen. In aller Früh weck­te Frie­da die Mut­ter und bat, sie möge noch ein­mal den Stoff mit ihr durch­ge­hen.
„Ent­schul­di­ge Mami“, sag­te sie, „dass ich dich schon in aller Früh beläs­ti­ge!“
Die Mut­ter strich ihr zärt­lich über das Haar: „Dafür bin ich doch da, mein Schatz!“ Und Frie­da umarm­te sie und sag­te: „Dan­ke, Mami!“
Als Frie­da weg­ging, war sie fröh­lich, und die Mut­ter war zuver­sicht­lich.

Sie lau­er­te am Tele­fon. Beim ers­ten Läu­ten griff sie danach. Sie woll­te durch­at­men, bevor sie etwas sag­te. Aber es schoss aus ihr her­aus: „Was ist pas­siert?“
„Mama? Bist du mir böse?“
Die Mut­ter atme­te tief durch, nahm sich zurück. „Nein, ich bin dir nicht böse!“
„Dan­ke Mami!“
Sie setz­te sich erst nach dem Tele­fo­nat hin und schmoll­te. War­um war nichts Bes­se­res mög­lich als ein Vie­rer? Frie­da hat­te sich doch sosehr einen Ein­ser gewünscht. Sie hat­te dafür gelernt, mehr, als die Mut­ter je für irgend­et­was gelernt hat­te. War­um konn­te Frie­da nicht mit Fleiß und Ehr­geiz errei­chen, was ihr durch feh­len­des Talent ver­wehrt war?
Der Mut­ter fiel das Expe­ri­ment mit den Rat­ten ein, die immer einen Strom­schlag bekom­men hat­ten, wenn sie an ihren Fut­ter­platz gin­gen. Irgend­wann beweg­ten sie sich nicht mehr von der Stel­le, egal, wie man sie zu moti­vie­ren ver­such­te, und selbst wenn man das Fut­ter neben sie stell­te, fan­den sie den Weg nicht. Erst als man sie am Genick pack­te und vor das Fut­ter setz­te, waren sie wie­der in der Lage zu fres­sen. „Die erlern­te Hilf­lo­sig­keit“, heißt das in der Spra­che der Psy­cho­lo­gen.

Sie übten für die Revi­si­on und wur­den müde. Frie­da hat­te am Nach­mit­tag zwei Stun­den För­der­un­ter­richt in Eng­lisch und danach zwei Stun­den Spa­nisch. Und dann noch Vor­be­rei­tung für die Revi­si­on. Kom­pli­zier­te Wör­ter wie gene­rous, sud­den­ly oder having a show­er. Es war kei­ne feh­ler­freie Arbeit gewor­den. Gleich in einem ein­zi­gen Satz fand Mr. Eng­lisch zwei Feh­ler. In der Über­set­zung von „Ich mag kein Cola“ hat­te Frie­da geschrie­ben: „I don’t like Cola“, anstatt „I hate Coke“. Die Mut­ter trös­te­te sie. Oder trös­te­te Frie­da die Mut­ter? Dafür wür­den sie eine Haus­auf­ga­be in Mathe hin­le­gen, ohne einen ein­zi­gen Feh­ler.
Die Mut­ter maß mit Argus­au­gen. Obwohl der Kreis rund war, der Radi­us genau­so beschrie­ben wor­den war wie die ein­ge­zeich­ne­te Seh­ne, stand dar­un­ter: „Die Seh­ne ist nicht 72 mm lang, son­dern nur 71 mm.“ Und die­ser Satz war mit drei Ruf­zei­chen ver­se­hen.
Die Mut­ter über­leg­te, was sie ihm antun könn­te. Die­sem sadis­ti­schen Pedan­ten. Soll­te sie ihm auf­lau­ern? Oder ihm eine tote Rat­te nach Hau­se schi­cken? Irgend­je­mand muss­te ihn brem­sen, bevor er noch mehr Unglück anrich­ten konn­te. Natür­lich gab es Eltern, die sag­ten, dass es schon immer so gewe­sen sei und es nichts gäbe, was man dage­gen tun kön­ne. Aber sie woll­te es nicht hin­neh­men, dass es schon immer so gewe­sen sei.
Schließ­lich ver­prü­gel­te sie ihre Toch­ter auch nicht mehr, zumin­dest nicht mit der­sel­ben Hef­tig­keit und Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der man es frü­her getan hat­te. Und wenn ihr die Hand ein­mal aus­kam, dann tat es ihr nach­her leid. Sie gab sich auch nicht damit zufrie­den, dass aus ihrer eige­nen Gene­ra­ti­on trotz­dem etwas gewor­den war, denn sie fand, so toll waren sie nicht. Frie­da soll­te es bes­ser haben. Und wenn dafür eine tote Rat­te behilf­lich sein konn­te, war es ihr recht. Ob Fett­gott Kup­fer den Ver­such kann­te? Eine tote Rat­te war nicht mehr zu moti­vie­ren.

Der Deutsch­auf­satz war end­lich erle­digt. Es war längst Abend. Words in Con­text waren eben­falls geschrie­ben, bloß die Mathe-Haus­übung stand noch aus.
„Mathe“, mahn­te Frie­da. „Mama, wir müs­sen noch Mathe machen.“
„Ja, gleich“, sag­te die Mut­ter und spür­te, wie es ihr den Magen zusam­men­krampf­te.
„Was heißt gleich“, bohr­te Frie­da. „Du meinst wohl spä­ter?“
„Komm“, ant­wor­te­te die Mut­ter, „schlag dein Heft auf, brin­gen wir es hin­ter uns!“
Sie las die Anga­be und ver­stand sie nicht. Sie hat­te kei­ne Ahnung, ob man mul­ti­pli­zie­ren oder divi­die­ren muss, wenn man den Treib­stoff­ver­brauch eines Autos für eine Stre­cke von 173,25 km berech­net, wenn man weiß, dass die­ses Auto für 100 km im Stadt­ver­kehr einen Sprit­ver­brauch von ca. 8,35 Liter hat.
Zum Glück wuss­te auch Frie­da nicht, was sie tun soll­te. So gewann die Mut­ter Zeit und sah im Lösungs­heft nach. Sie pro­bier­te es mit Mul­ti­pli­zie­ren und kam auf eine voll­kom­men ande­re Zahl als jene, die im Lösungs­heft stand. Dar­auf­hin pro­bier­te sie es mit Divi­die­ren und kam dem Ergeb­nis im Lösungs­heft zumin­dest in die Nähe.
Sie tat nun, als wäre es ster­nen­klar, dass man divi­die­ren müs­se. Doch Frie­da durch­schau­te ihre Mut­ter.
„Du hast kei­ne Ahnung, Mami, stimmt’s?“
„Stimmt“, gestand die Mut­ter, weil ihr nichts Bes­se­res ein­fiel als die Wahr­heit, „und ich kann es auch nicht rech­nen. Aber du musst es kön­nen, wenn du in dei­ner Klas­se blei­ben möch­test!“
„Ich will es nicht mehr hören“, schrie Frie­da und hielt sich die Ohren zu. „Ich will es ein­fach nicht mehr hören. Ver­schwin­de“, schrie sie wei­ter, „geh in dein Zim­mer und lass mich in Ruhe. Ich will nichts mehr von dir hören!“
Die Mut­ter stand auf und ging. Es war ihr lie­ber, sich von der Toch­ter beschimp­fen und weg­schi­cken zu las­sen, als wei­ter die­se grau­en­haf­ten Mathe­auf­ga­ben zu lösen.

Frie­da lag schon im Bett, als die Mut­ter in ihr Zim­mer kam und sich zu ihr setz­te. Frie­da lag da wie ein Embryo. Die Mut­ter strich ihr über das Haar.
„Mama, ich bin so unglück­lich“, sag­te Frie­da, und die Mut­ter merk­te, dass sie geweint hat­te.
„War­um denn, mein Schatz?“, frag­te die Mut­ter.
„Weil die Schu­le für mich ein Unglück ist.“
„Aber die Schu­le ist nicht das Leben“, ver­such­te die Mut­ter zu beschwich­ti­gen.
„Doch. Mein Leben ist die Schu­le. Was denn sonst!“
Die Mut­ter schwieg. Sie wuss­te kei­ne Ant­wort.
Frie­da dreh­te sich um und sah ihre Mut­ter an. „Ich wäre so ger­ne gut, Mama. Ich mag nicht immer die Schlech­tes­te sein!“
Die Mut­ter nick­te. „Viel­leicht ist es bes­ser, du wie­der­holst!“
Frie­da war ver­zwei­felt: „Aber das will ich nicht. Ich habe gute Freun­din­nen in der Klas­se. Die kom­men alle wei­ter und ich blei­be zurück. Das ver­stehst du doch!“
Die Mut­ter nick­te.
„Weißt du was?“, sag­te die Mut­ter. „Mor­gen machst du mit dei­nem Papi Mathe. Viel­leicht klappt das bes­ser als wenn wir es machen.“
Frie­da nick­te.

Der Vater kam früh nach Hau­se. Die Mut­ter zog sich zurück. Sie wür­de sich nicht ein­mi­schen. Das war eine Ange­le­gen­heit zwi­schen Vater und Toch­ter. Der Vater setz­te sich mit einem Glas Wein zum Tisch.
„Schau“, sag­te er zu Frie­da, „da hast du es. Addie­ren von Stre­cken AB und BC.“
„Wie heißt die Num­mer?“, frag­te Frie­da.
„901.“
„Wie­so 901“, woll­te sie wis­sen.
„Weil es 901 ist.“
„Da steht aber 900“, mein­te Frie­da, „des­halb schrei­be ich 900 hin.“
„Schrei­be alle Block­buch­sta­ben an, die einen Stre­cken­zug bil­den“, fuhr der Vater fort.
„Papi“, frag­te Frie­da, „wenn wir in der Klas­se einen Wett­be­werb machen, glaubst du, wür­de ich die Schnells­te sein?“
„Das weiß ich nicht“, mein­te der Vater, „ich fürch­te etwas ganz ande­res!“
„Was fürch­test du?“
„Das weiß ich nicht. Schrei­be ABCD.“
„Darf ich 900 schrei­ben?“
„A, B, C, D, A, dann hast du ein Vier­eck“, der Vater kon­zen­trier­te sich auf die Übung.
„Papi, was ist eigent­lich ein Stre­cken­zug?“
„Ich zei­ge es dir“, sag­te er, „erklä­ren kann ich es auch nicht. Ein Stre­cken­zug kann offen oder geschlos­sen sein. Das steht so hier. Schrei­be alle Block­buch­sta­ben an, die einen Stre­cken­zug erge­ben. Was steht eigent­lich in dei­nem Auf­ga­ben­heft?“
Er sah sel­ber nach. „Zeich­ne drei par­al­le­le Stre­cken. Das ist klar. Das wirst du doch zusam­men­brin­gen!“
„Das ist mir klar“, sag­te Frie­da. „Dir nicht? Ich will, dass du es auch ver­stehst, Papi!“
Der Vater atme­te tief durch. „Wenn du es kannst, dann mach es ein­mal. Zeich­ne eine Gera­de, was fällt dir auf?“
„Nichts!“
„Die Nor­ma­le ist par­al­lel, zeich­ne eine Gera­de K, dass sie nor­mal zu H steht!“
Frie­da sah ihn mit gro­ßen Augen an.
Der Vater wur­de unge­dul­dig: „Tu wei­ter. Ich kann auch nichts dafür. Da hast du einen Stre­cken­zug!“
Er las vor, was er zum The­ma Stre­cken­zug im Buch fand: „Fügt man Stre­cken anein­an­der, so ent­steht ein Stre­cken­zug. Es gibt offe­ne und geschlos­se­ne Stre­cken­zü­ge!“
Frie­das Blick ging ins Lee­re.
„Über­leg dir, ob du wei­ter­ma­chen willst oder nicht“, sag­te der Vater barsch.
„Ich gehe mich schnäu­zen“, ant­wor­te­te Frie­da.
„Schreibst du es jetzt?“
„Wenn ich mich geschnäuzt habe. Dann sagst du mir am bes­ten an, was ich schrei­ben soll!“
Der Vater war­te­te. Frie­da kram­te in ihrer Jeans­ta­sche her­um. „Papi, hast du ein Taschen­tuch?“
Der Vater nes­tel­te in sei­nem Hosen­sack und zog eines her­aus.
„Das sieht schon ziem­lich ver­schmud­delt aus“, stell­te Frie­da fest.
„Es ist unge­braucht.“
„Unge­braucht schon, aber trotz­dem irgend­wie eke­lig!“
„Schreibst du jetzt?“
Frie­da zog geräusch­voll Rotz auf.
Der Vater schob den Ses­sel mit einem Ruck zurück, stand auf und hol­te ein Taschen­tuch aus dem Bade­zim­mer.
„Dan­ke Papi!“
Frie­da schnäuz­te sich mehr­mals.
„Schreibst du jetzt?“, frag­te der Vater.
„Wenn du mir sagst, was ich schrei­ben soll!“
„Nimm eine Gera­de G belie­big an, zeich­ne dazu eine Nor­ma­le, H schnei­det, K ist par­al­lel zu G. Was fällt dir auf?“
„Dass drei neben­ein­an­der sind!“
„Hör auf zu schau­keln, wenn du arbei­test. Was fehlt noch? Wann machst du dei­ne Bei­spie­le? Und schreib end­lich hin, was du glaubst, dass er sehen will!“
Der Vater stand auf und schüt­te­te den Wein in den Aus­guss.
„Papi, war­um schüt­test du den Wein weg?“
„Weil er vol­ler Mücken ist. Ich ver­ges­se zu trin­ken, wenn ich mit dir Mathe mache! Was steht bei 900?“
Frie­da las vor: „Schrei­be alle Block­buch­sta­ben an, die einen Stre­cken­zug bil­den!“
„Hör auf zu schau­keln“, fuhr der Vater sie nun hef­tig an, „und schrei­be es end­lich hin. Schrei­be es ein­fach hin. Da hin, in dein Heft. Und pack ein, bit­te!“
„Ich bin aber noch nicht fer­tig“, ant­wor­te­te Frie­da. „Ich habe noch zwei Num­mern!“
„Dann mach sie und hör end­lich auf zu schau­keln. Kon­stru­ie­re eine Stre­cke mit fol­gen­der Län­ge: AB, BC, so ein­fach ist das.“
Frie­da starr­te ihn an.
„Schau“, die Stim­me des Vaters wur­de immer lau­ter, „da steht es doch, wie es geht. Miss noch ein­mal nach. Ein Drei­eck und dann einen Strich machen! Und schau nicht so mit­leid­hei­schend!“
„Schau ich gar nicht“, sag­te Frie­da. „Ich fürch­te mich nur vor dir, wenn du so schreist!“
„Ich schreie doch nicht“, schrie der Vater. „Willst du hören, wie es klingt, wenn ich schreie?“
„Nein, dan­ke“, sag­te Frie­da. „Es reicht mir auch so!“
„AB ist wie viel?“, frag­te der Vater.
„Vier­zig!“
„Gut! Mach einen gera­den Strich. Das ist AB. BC ist wie viel?“
Frie­da schau­te ihn nur an.
„Und CA ist wie viel?!“
Frie­da schau­te noch immer.
„Zwei­ein­halb und drei“, gab der Vater sich sel­ber die Ant­wort. „Siehst du?“
„Ja, dan­ke“, ant­wor­te­te Frie­da artig. Ich muss noch die Ver­bes­se­rung der vori­gen Auf­ga­be machen.“
„Lass sehen. Das krie­gen wir auch noch hin“, sag­te der Vater. „Die Sum­me wird um zehn grö­ßer. Wenn es nicht stimmt, sag ihm, mein Papa hat es mir so ange­sagt. Und hier schreib: Die Sum­me bleibt gleich. Elf Ele­men­te, sie wer­den mit Kreuz­zei­chen mar­kiert!“
„Papa, machst du es mit mir?“
Er nahm das Heft zu sich. „Gib her, ich mache das jetzt. Das ist auch schon egal! Drei plus acht. Hier hast du dich für 1 Käst­chen ent­schie­den. Ver­stehst du war­um?“
„Ich sage ein­fach, dass ich es ver­ste­he“, ant­wor­te­te Frie­da.
„Jetzt mache ich noch c. Zwan­zig plus sech­zig. Wenn es ihm nicht passt, sag ihm: Mein Vater kann es auch nicht bes­ser!“

Sie hat­te von ihm geträumt. Sie lag in sei­nem Bett. Sein Fett stör­te sie, als es über­all an ihr her­un­ter­rann. Es stör­te sie, wie es sie zum Schwit­zen brach­te, sie rund­her­um ein­hüll­te, sie regel­recht erstick­te. Es kos­te­te sie enor­me Kraft, sich gegen ihn zu stem­men, gegen sei­ne Kör­per­mas­se, die nicht auf­zu­hal­ten war, die wie eine Schlamm­la­wi­ne über sie roll­te und sie begrub. Sie konn­te es genau füh­len, wie sie an Kraft ver­lor, wie sein Kör­per­schlamm sie lang­sam erdrück­te.
Als sie auf­wach­te, bade­te sie in ihrem Pyja­ma. Sie wuss­te nicht, ob es Fett war oder Schweiß, in dem sie lag. Sie sah sich um. Sie war allein. Es muss wohl mein eige­ner Schweiß sein, dach­te sie. Was hat­te er ihr bloß gebo­ten, dass sie es so weit hat­te kom­men las­sen? Wie kam sie zu die­sem Traum? Spiel­te sie bereits mit dem Gedan­ken, mit ihm ins Bett zu gehen, wenn er ihrer Toch­ter eine posi­ti­ve Note gab? Und wenn sie noch nicht mit die­ser Idee spiel­te, soll­te sie es tun? War es nicht eine ver­gleichs­wei­se ein­fa­che Mög­lich­keit, das quä­len­de Ler­nen zu been­den? Was war eine schreck­li­che Nacht mit dem Fet­ten im Ver­gleich zu den vie­len schreck­li­chen Aben­den, die sie mit ihrem Kind haben wür­de, wenn sie Eng­lisch ler­nen muss­ten. Statt­des­sen wür­den sie gemein­sam einen Film schau­en, danach Sushi essen oder ein­fach „vier gewinnt“ spie­len, bis sie vor Müdig­keit ins Bett fie­len.
Einen Moment lang über­leg­te sie, den Pyja­ma aus­zu­wrin­gen. Sie woll­te mes­sen, wie vie­le Liter Schweiß sie die­ser Gott Kup­fer schon gekos­tet hat­te. Wie vie­le Krebs­zel­len er in ihr schon ange­legt hat­te, konn­te sie nicht zäh­len. Aber täg­lich such­te sie nach grau­en Haa­ren, die dem­nächst aus ihrer Kopf­haut wach­sen wür­den.

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Gabrie­le Kögl, gebo­ren in Graz, wuchs in der West­stei­er­mark auf. Sie absol­vier­te ein Lehr­amts­stu­di­um in Graz sowie ein Stu­di­um an der Film­aka­de­mie Wien. Sie schreibt Drehbücher, Roma­ne, Theaterstücke und Hörspiele. Zahl­rei­che Prei­se, Cle­mens-von-Bren­ta­no-Preis für das Debüt Das Mensch (Wall­stein), zuletzt Gol­de­ner Stier für das bes­te europäische Hörspiel (Höllenkinder) beim Prix Euro­pa 2019. Jüngs­ter Roman: Gips­kind (Picus 2020).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 25. Juni 2020

Zuletzt geän­dert: 25. Juni 2021