Nicht enden wollender Beginn

Jac­ques Der­ri­das Rhe­to­rik des Auf­schubs. Von Felix Phil­ipp Ingold
Jacques Derrida © Suhrkamp Verlag

Jac­ques Der­ri­da: Rede um des Redens wil­len (und nicht um zu bedeu­ten), Wurf um des Wer­fens wil­len (und nicht um zu tref­fen).
Foto: Suhr­kamp Ver­lag

Was irgend­wann irgend­wo irgend­wie beginnt, wird frü­her oder spä­ter − unab­wend­bar − ein Ende haben. Ohne Ende ist allein die Ewig­keit, die kei­nen Beginn kennt. Das Ende kann Voll­endung sein, aber auch Abbruch, Zer­stö­rung, Ver­schwin­den. Das gilt, so oder anders, für die Son­ne, die Erde, die Mensch­heit, den Staat, das Indi­vi­du­um und auch für jede Phi­lo­so­phie, jede Theo­rie, jedes Kunst­werk, jedes Ver­spre­chen, jeden Rache­akt − für alles Belie­bi­ge eben, das einen Ursprung hat. Von daher, viel­leicht, der Hor­ror des Schrift­stel­lers vor dem wei­ßen Blatt, dem blan­ken Moni­tor, der Hor­ror des Malers vor der lee­ren Lein­wand, der Hor­ror vacui über­haupt.

Im Den­ken und im Werk Jac­ques Der­ri­das hat der Beginn, als phi­lo­so­phi­sches The­ma wie als prak­ti­sches Pro­blem, seit jeher größ­te Bedeu­tung. Dem Pro­blem des Begin­nens wid­me­te er, als 23-Jäh­ri­ger, gleich schon sei­ne ers­te Schrift, eine Prü­fungs­ar­beit über Das Pro­blem der Gene­se in Huss­erls Phi­lo­so­phie (1953/1954). Dass er in sei­nen nach­fol­gen­den Büchern dem „Ursprung“ auf den Grund zu gehen ver­such­te (dem „Ursprung“ der Geo­me­trie bei Huss­erl, dem „Ursprung“ des mensch­li­chen Wis­sens bei Con­dil­lac, dem „Ursprung“ der Musik und der Spra­chen bei Rous­se­au), bestä­tigt sein dies­be­züg­li­ches Kern­in­ter­es­se. In vie­len spä­tern Stu­di­en und Medi­ta­tio­nen hat Der­ri­da die­ses Inter­es­se ver­tieft und aus­dif­fe­ren­ziert. So wie man die Geburt als den Beginn des Ster­bens begrei­fen kann, ist für ihn jeder Anfang der Beginn von Nie­der­gang, Auf­lö­sung, Deka­denz. Alles Anfäng­li­che evo­ziert schon den „Tod“, und mehr als dies − was anfängt, setzt den „Tod“ immer schon vor­aus und bleibt auf ihn bezo­gen.

Dass die­ses ele­men­ta­re Fak­tum bei Jac­ques Der­ri­da auch bio­gra­fisch vor­ge­ge­ben ist, gibt ihm zusätz­li­ches Gewicht und einen beson­dern Sinn. Der­ri­da wur­de als Jackie Élie gebo­ren, zehn Mona­te nach dem Tod sei­nes Bru­ders, den er, nach dem Wil­len sei­ner Mut­ter, zu erset­zen, zu sekun­die­ren hat­te. Ein Tod, ein Toter als Prä­mis­se und als Pro­jekt für sein eig­nes Leben, das dann aber so „eigen“ auch wie­der nicht war. Der­ri­da, der sei­nen Vor­na­men spä­ter zu „Jac­ques“ ergänz­te, hat­te weder das Pri­vi­leg noch die Mis­si­on, beim Null­punkt sei­nes Lebens zu begin­nen − sei­ne Bio­gra­fie war ursprungs­los, war die fremd­be­stimm­te, von den Eltern pro­gram­mier­te Fort­set­zung und Sub­sti­tu­ti­on eines andern, vor­an­ge­gan­ge­nen Lebens. Das ist in sei­nem Aus­nah­me­fall jedoch auch nur eine Vari­an­te des Nor­mal­falls: Als Vor­fahr figu­riert hier, wie üblich, der Vater, zusätz­lich aber auch der vor­zei­tig ver­storb­ne Bru­der. Von die­sem genea­lo­gi­schen Para­do­xon ist Der­ri­das Den­ken wie sein Schrei­ben zutiefst vor­ge­prägt.

Der­ri­da glaubt sich frei­lich damit trös­ten zu dür­fen, dass „nichts Pro­gram­mier­tes auch tat­säch­lich geschieht“. Wer anfängt, wer mit dem Schrei­ben anfängt, begibt sich ins Offe­ne, Unver­si­cher­ba­re, und nicht sel­ten ver­bin­det sich damit die Wunsch­vor­stel­lung (oder wenigs­tens die Illu­si­on), das Ende, den „Tod“ im Pro­zess und durch den Pro­zess der Text­pro­duk­ti­on auf­schie­ben zu kön­nen. Für den Autor ist das Schrei­ben mit­hin eine Ges­te des Über­le­bens, im Ver­trau­en dar­auf, dass sein Werk ihn über­dau­ert. In sol­chem Ver­ständ­nis wan­delt sich alle „Lite­ra­tur“, frü­her oder spä­ter, zu einem pos­tu­men Memo­ran­dum, in dem sich der Autor, über den phy­si­schen Tod hin­aus, prä­sent hält. Dazu hat­te einst Michel Fou­cault (ohne Bezug­nah­me auf Jac­ques Der­ri­da) bei­fäl­lig notiert, „Lite­ra­tur“ kön­ne letzt­lich gar nicht anders, „als vom Jen­seits zu sein“.

Wenn Der­ri­da in sei­nem impro­vi­sier­ten Rede­text Ulys­ses Gram­mo­phon (geschrie­ben 1982; publi­ziert 1987) mit Anspie­lung auf die Bibel leicht­hin zu ver­ste­hen gibt, „am Anfang“ sei das Tele­fon gewe­sen, so meint er damit jenen stets sich wie­der­ho­len­den Anruf aus unbe­kann­ter Fer­ne und Stil­le, der ihn als Auf­ruf zum Schrei­ben erreicht. Ohne einen der­ar­ti­gen Ruf kön­ne die Schreib­be­we­gung gar nicht erst ein­set­zen. Der Anfang die­ser Bewe­gung ist also vor­ab schon deter­mi­niert: „Mit dem ‚Anfang‘ anfan­gend, haben wir aber gera­de nicht mit dem Anfang ange­fan­gen: Alles hat­te bereits begon­nen.“

Die Frei­heit der Schreib­be­we­gung bezie­hungs­wei­se die Befrei­ung zum Schrei­ben ist dem­nach eine beding­te, immer schon ein­ge­schränk­te Frei­heit. „Man beginnt stets irgend­wo, aber die­ses Irgend­wo ist nie­mals ein blo­ßes Wo auch immer“, hält Der­ri­da an and­rer Stel­le fest: „Das Irgend­wo, an dem man stets beginnt, ist durch his­to­ri­sche, poli­ti­sche, phi­lo­so­phi­sche, phan­tas­ma­ti­sche Struk­tu­ren über­de­ter­mi­niert, die sich aus prin­zi­pi­el­len Grün­den nie voll­kom­men expli­zie­ren oder kon­trol­lie­ren las­sen.“ Die Funk­ti­on des Schrei­bens wird hier als Beant­wor­tung eines Anrufs begrif­fen, die Schrift mit­hin ans Gehör ange­schlos­sen − ein Kon­zept, das Der­ri­da in man­chen sei­ner Tex­te theo­re­tisch aus­ge­ar­bei­tet, aber auch prak­tisch erprobt hat in offen­kun­di­gem Anschluss an Mar­tin Heid­eg­gers The­se vom auto­ri­ta­ti­ven Spre­chen der Spra­che, die sich dem Men­schen zuspricht, indem er auf sie hört.1

II

Um die zufäl­li­gen Gege­ben­hei­ten und damit die Unfrei­heit jeg­li­chen Schreib­be­ginns zu kon­ter­ka­rie­ren, hat Der­ri­da zwei spe­zi­fi­sche Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, bestehend dar­in, dass er an den Anfang sei­nes Texts ent­we­der einen Essay über den Text­an­fang setzt oder dass er ein belie­bi­ges aktu­el­les Fak­tum − einen Ort, ein Wort, ein Mot­to, ein kul­tu­rel­les oder poli­ti­sches Ereig­nis − zum Anlass nimmt, einen Text (sei’s schrift­lich, sei’s münd­lich) zu eröff­nen, um „hier und jetzt ans Ende zu kom­men. Falls mög­lich.“

An ein Ende zu kom­men oder jeden­falls kom­men zu wol­len, soll­te ja eigent­lich Grund genug sein für jeg­li­chen Beginn. Bei Der­ri­da scheint aller­dings das Ende − jedes Ende − glei­cher­ma­ßen mit Sehn­sucht und Hor­ror besetzt zu sein. Das Fas­zi­no­sum der Apo­ka­lyp­se ist in sei­nen Schrif­ten durch­weg von die­ser Ambi­va­lenz geprägt, egal ob es dabei um sein eige­nes Lebens­en­de oder gene­rell um das Welt­ende geht, viel­leicht auch bloß um einen zu schrei­ben­den, einen ent­ste­hen­den, einen abzu­schlie­ßen­den Text, den er im Sinn oder unter der Hand hat.
Um dem glei­cher­ma­ßen begehr­ten und gefürch­te­ten Ende (Werk­ab­schluss, Sinn­erfül­lung, Form­voll­endung, Lebens­en­de usf.) näher­zu­kom­men und sein immer wie­der neu­es dies­be­züg­li­ches Begin­nen zu legi­ti­mie­ren, hat Der­ri­da in einem Vor­trags­text von 1986 den Begriff des „Ent­wurfs“ in eige­ner Aus­le­gung ein­ge­führt. Der Ent-Wurf (als Pro-jekt) soll dem­nach für den „Wurf“ (das zu Wer­fen­de, das Gewor­fe­ne) wie auch für das „Wer­fen“ stehn, hat mit­hin eine zugleich sta­bi­le und insta­bi­le Qua­li­tät: Sta­bil wäre dem­zu­fol­ge der Anfang (das Anzu­fan­gen­de, Ange­fang­ne), insta­bil dage­gen das „Wer­fen“ (die Gewor­fen­heit, die Wurf­bahn, der Nie­der­gang), und bei­des lässt das Ende offen, ist auf ein Ende nicht ange­wie­sen, zieht es aber, als offen­blei­ben­des, nach sich.

„Nach­dem ich schon viel Zeit dar­auf ver­wen­det habe, nichts zu sagen, kom­me ich end­lich zum The­ma“, stellt Der­ri­da nach der Hälf­te sei­ner Mons­ter­re­de fest; um nun bloß mit der Fra­ge auf­zu­war­ten: „Was ist das The­ma?“ Die­se Zwi­schen­fra­ge weist auf den Anfang zurück, ist also noch ein Ver­such, den Fort­gang der Rede und voll­ends deren Abschluss zu ver­zö­gern. Der­ri­da hat­te sei­nen Bei­trag zum Kol­lo­qui­um über „The Sta­tes of ‚Theo­ry‘“ damit begon­nen, dass er den Ver­an­stal­tungs­ti­tel aus­schwei­fend kom­men­tier­te, die Begrif­fe „sta­te“ und „theo­ry“ in all ihren Bedeu­tun­gen aus­leg­te und selbst den Ort der Ver­an­stal­tung („Süd­ka­li­for­ni­en“) the­ma­ti­sier­te. Dabei war er sich nach eige­nem Bekun­den durch­aus bewusst, dass man sei­ne Aus­füh­run­gen „als ein Spiel mit Wor­ten neh­men wür­de oder als eine Art, dem The­ma aus­zu­wei­chen“. Ein Ver­fah­ren, das bei Der­ri­da bekannt­lich ste­tig wie­der­kehrt und das für sei­ne Rhe­to­rik ins­ge­samt bestim­mend gewor­den ist.

Sei­nen dama­li­gen mehr­stün­di­gen Vor­trag in Irvi­ne been­de­te Der­ri­da nicht mit einem argu­men­ta­ti­ven Schluss, son­dern mit einem „Geleit“ (envoi) ins Unge­sag­te, Unver­bind­li­che, einer Emp­feh­lung auch, den „Qua­si­be­griff“ des Ent­wurfs für etwas zu ver­wen­den, das „nicht exis­tiert“, das „in nichts besteht“, das „kei­nen Sta­tus hat“, ja, das ganz ein­fach „nicht statt­fin­det“. Was bleibt, so könn­te man dar­aus schlie­ßen, ist das prä­fi­gier­te Ele­ment „Ent-“, der Moment des Begin­nens. „Ich habe Ihre Zeit und Ihre Geduld mehr als genug bean­sprucht“, mein­te der Vor­tra­gen­de bei der Ver­ab­schie­dung sei­nes Publi­kums: „Ich wer­de nicht mit einem State­ment schlie­ßen.“ Eine rhe­to­ri­sche Figur, die er in sei­nen tat­säch­lich „end­lo­sen“ Reden und Schrif­ten des Öftern ein­setzt, um deren Abschluss zu sus­pen­die­ren. Statt­des­sen fügt er schließ­lich nur hin­zu, was er noch hät­te sagen wol­len und was man sich eigent­lich nun fra­gen soll­te. Also kein Fazit, kei­ne Gewiss­heit, nur die Ein­sicht, dass alles Gesag­te und Gemein­te letzt­lich ohne Belang ist: Rede um des Redens wil­len (und nicht um zu bedeu­ten), Wurf um des Wer­fens wil­len (und nicht um zu tref­fen).

„Alles, was ich ger­ne noch gesagt hät­te, wenn wir mehr Zeit hät­ten, hät­te den ‚Ent­wurf‘ betrof­fen (zum Bei­spiel im Zusam­men­hang mit Heid­eg­gers ‚Geworfen­sein‘, mit Artauds ‚Sub­jek­til‘ und − dar­über hin­aus). Kön­nen wir die Fra­ge stel­len, haben wir das Recht, sie zu stel­len: Was ist die­ser Wurf oder Ent­wurf vor jedem Objekt, Sub­jekt, Pro­jekt oder Rejekt, vor jeder Kon­sis­tenz, Exis­tenz und Stan­ze? Und außer­halb all die­ser Din­ge?“ Vie­le Fra­ge­zei­chen. „Ich dan­ke Ihnen.“ Und man applau­diert.2

III

Ein beson­ders bemer­kens­wer­tes Bei­spiel (unter vie­len andern) für die­se Tech­nik und die­sen womög­lich unkon­trol­lier­ba­ren, zutiefst ambi­va­len­ten Wil­len, das Schrei­ben als Auf­schub, ja als Auf­he­bung zu prak­ti­zie­ren, bie­tet Jac­ques Der­ri­da in sei­nem Rechen­schafts­be­richt über eine Rei­se nach Mos­kau, wo er sich im Früh­jahr 1990 für ein paar Tage auf­ge­hal­ten hat­te (Back from Moscow, in the USSR, geschrie­ben 1990; publi­ziert 1992). Die Bericht­erstat­tung erfolg­te wie­der­um in Irvi­ne, wie­der­um in Form eines mehr­stün­di­gen Refe­rats. Und wie­der­um bedien­te sich Der­ri­da („selbst auf die Gefahr hin, dass mei­ne Vor­be­mer­kun­gen end­los wer­den“) einer Rhe­to­rik, die in Prä­li­mi­na­ri­en befan­gen blieb und ein­zig dar­auf ange­legt zu sein schien, am vor­läu­fi­gen Ende der Dar­bie­tung nichts gesagt zu haben, getra­gen von einer „das Schwei­gen bewah­ren­den Stim­me“,3 eine Rede mit­hin als rei­ne Sage, ohne Aus­sa­ge, ohne Bedeu­tung, ohne Leh­re − ein wort­rei­ches Doku­ment fah­ri­ger Apo­pha­tik, die das Nicht­spre­chen, das Nicht­spre­chen­wol­len durch unent­weg­tes Reden zur Gel­tung brin­gen möch­te.

Der­ri­da redet über sei­ne Mos­kau­er Erfah­run­gen und Beob­ach­tun­gen durch­weg aus der Per­spek­ti­ve sei­nes Schreib­tischs, und so, wie er’s tut, müss­te er gar nicht erst in Mos­kau gewe­sen sein, um dar­über zu berich­ten. Denn nicht über sei­ne Rei­se dort­hin refe­riert er in sei­nem Vor­trag (des­sen Druck­fas­sung an die hun­dert Sei­ten umfasst), viel­mehr dar­über, wie einst André Gide, Wal­ter Ben­ja­min und and­re kri­ti­sche Tou­ris­ten ihre Mos­kau­er Erkun­dun­gen schrift­lich fest­ge­hal­ten haben. „Ange­sichts die­ser gro­ßen Vor­läu­fer“, bekennt Der­ri­da frei­mü­tig, „fra­ge ich mich, ob ich etwas zu sagen habe, das gele­sen oder gehört zu wer­den ver­dient.“ Des­halb liest und inter­pre­tiert er denn auch lie­ber sei­ne Vor­läu­fer, als dass er sich selbst zum The­ma und zur Erfah­rung „Mos­kau“ ver­neh­men lässt.

Der Nach­voll­zug von Fremd­erfah­run­gen ist ihm offen­kun­dig wich­ti­ger, als über sei­nen eig­nen Augen­schein Zeug­nis abzu­le­gen. Die­ses Zeug­nis hält er kon­se­quent zurück, um statt­des­sen längst ver­stor­be­ne Zeit­zeu­gen zu Wort kom­men zu las­sen. Doch auch sie ver­mö­gen Mos­kau und ihre dor­ti­gen Orts­ter­mi­ne letzt­lich nur indi­rekt zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, näm­lich − angeb­lich − dadurch, dass sie die Stadt selbst in ihren Tex­ten zum Spre­chen brin­gen. „Das Schrei­ben, die Schrift muss ver­schwin­den, um die Sache selbst (‚Mos­kau‘) spre­chen zu las­sen“, lau­tet Der­ri­das sprach­skep­ti­sche Erklä­rung dazu: „Und zwar in einer ‚Dar­stel­lung‘, die gleich­sam eine Selbst­dar­stel­lung der Sache selbst, des Gegen­stands an sich und durch sich ist.“4

Wes­halb denn nun, in Befol­gung die­ses Pos­tu­lats, nicht ein­fach schwei­gen? Wes­halb nicht ein­fach, mit Lud­wig Witt­gen­stein, resi­gnie­rend sich dar­an hal­ten, sprach­lich Unein­hol­ba­res, Unfass­ba­res mit Still­schwei­gen zu über­gehn, um somit des­sen unein­ge­schränk­ten Bestand zu sichern?

Doch statt zu schwei­gen, spricht Der­ri­da ste­tig wei­ter, bloß um deut­lich zu machen, dass er lie­ber nicht spre­chen oder erst viel spä­ter spre­chen bezie­hungs­wei­se schrei­ben möch­te, nur um kei­nen Gedan­ken auf­kom­men zu las­sen an das Ende des Spre­chens wie auch an das Ende des Spre­chers, der sich allein kraft sei­nes Spre­chens (oder Schrei­bens) als Autor zu behaup­ten ver­mag. Wenn Der­ri­da in sei­nem Ver­such über Kaf­kas Para­bel Vor dem Gesetz (1985) fest­stellt, der dort end­los war­ten­de Mann errei­che sein Ende, ohne jemals an sein Ende zu gelan­gen, darf dies sicher­lich auch auf ihn selbst bezo­gen wer­den. Denn unent­wegt bekommt man in sei­nen Reden und Schrif­ten, immer wie­der anders for­mu­liert, das Ver­spre­chen fort­wäh­ren­den Wei­ter­spre­chens: „dar­auf kom­me ich viel­leicht spä­ter noch zu spre­chen“; „das wer­de ich spä­ter noch benen­nen“; „falls es die Zeit erlaubt, wer­de ich in der Dis­kus­si­on noch etwas dazu sagen“; „dar­auf gehe ich ganz sicher noch ein“; „Genaue­res dazu spä­ter oder in der Dis­kus­si­on“; „ich wer­de dar­auf zurück­kom­men müs­sen“; „dazu also spä­ter mehr“; „wenn ich eines Tages dazu kom­me, sage ich viel­leicht noch etwas dazu“; „wovon ich noch zu berich­ten ver­su­chen wer­de“; „zu vie­les wäre noch zu sagen“; „dazu lie­ße sich noch unend­lich viel sagen“; usf.

„Eben des­halb“, so prä­zi­siert Der­ri­da bei der Abfas­sung sei­nes Rede­skripts, „weiß ich jetzt, da ich dies schrei­be, noch gar nicht, ob ich mich nächs­te Woche wirk­lich dazu durch­rin­gen wer­de, Ihnen von mei­ner Mos­kau­rei­se zu erzäh­len.“ Die Rede, das Reden wird damit pro­ble­ma­ti­siert, bevor das ers­te Wort − vor Ort, vorm Publi­kum − über­haupt gesagt ist. In einem kur­zen Nach­wort zu sei­nem Bericht (den er als „Vor­wort“ − Vor­wort wozu? − bezeich­net) deu­tet er die Mög­lich­keit an, dass die­ser „auf immer ohne Fort­set­zung bleibt, fol­gen­los, ‚kin­der­los‘ …“ Der­ri­das gra­pho­ma­ni­sche Schreib­be­we­gung erweist sich an die­ser wie an and­rer Stel­le als eine exis­ten­zi­el­le, letzt­lich tra­gi­sche, letzt­lich ver­geb­li­che, weil in jedem Fall nach­träg­li­che Ges­te.

IV

Ein drit­tes, viel frü­he­res Bei­spiel für Der­ri­das end­lo­ses Begin­nen und sei­ne qua­si-apo­ka­lyp­ti­sche Rhe­to­rik fin­det sich in dem Sam­mel­werk Rand­gän­ge der Phi­lo­so­phie (Mar­ges de la phi­lo­so­phie, 1972).5 Der Anfang wird dort unter ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten bedacht und im Ver­gleich mit der Form und Funk­ti­on eines Tym­panons kon­kre­ti­siert. Das Tym­panon (Gie­bel­feld über Ein­gangs­por­ta­len) mar­kiert, ähn­lich einer Schwel­le, den Über­gang zwi­schen Außen und Innen als Zugang zu einem geschlos­se­nen bezie­hungs­wei­se noch uner­schlos­se­nen Raum. Zum Bedeu­tungs­feld des Tym­panons gehö­ren aber auch das Trom­mel­fell (Tym­pan), das Schöpf­rad (Tym­pa­num), die Hand­pau­ke, der Schließ­rah­men (beim Schrift­satz), die Pau­ken­höh­le (im Ohr), das Hack­brett (Zim­bel), und all die­se Bedeu­tun­gen − ergänzt durch Asso­zia­tio­nen wie Laby­rinth, Stimm­rit­ze, Vagi­na − ver­sucht Der­ri­da auf den „Anfang“ zu fokus­sie­ren, den er in sei­nem Vor-Wort nicht nur bespricht, son­dern auch in Wort und Schrift ver­wirk­licht. „Wenn es ein Hier die­ses Buchs gibt“, merkt er an, „dann schrei­be man es in die­sen Gang ein.“ Der Gang ist immer schon da, Wort­laut und Schrift­ge­stalt ver­mö­gen ihn nicht anzu­le­gen, sie kön­nen ihm ledig­lich fol­gen, ihn ver­fol­gen als vor­ge­ge­be­ne Spur auf ein offe­nes Ende hin. Die für Der­ri­da fest­ste­hen­de Tat­sa­che, dass es kein Wort, kei­nen Text ohne Prä-Text geben kann, ver­an­schau­licht er dadurch, dass er ein lan­ges Zitat von Michel Lei­ris in den Mar­gi­na­li­en neben sei­nem eig­nen Text mit­lau­fen lässt, einen eigen­stän­di­gen Par­al­lel­text, der man­che Moti­ve vor­weg­nimmt, die er danach selbst eben­falls − noch­mal anders − auf­ar­bei­tet.

Sol­che Arbeit an und zwi­schen Fremd­tex­ten prak­ti­ziert Der­ri­da, der Theo­rie­bil­dung und Bel­le­tris­tik glei­cher­ma­ßen sich ver­pflich­tend, als sei­ne unver­wech­sel­ba­re Schreib­wei­se. Vie­les von dem, was er, schrei­bend, zu sagen hat, ten­diert zum Non­sen­se, zur Kalaue­rei, auch zum Gedan­ken- und Sprach­schwulst. Doch sein nicht enden­wol­len­des, gera­de­zu heroi­sches Begin­nen kann durch­aus anre­gend sein und beim Leser das Bedürf­nis nach immer wie­der eig­nem, ande­rem Begin­nen wach­hal­ten oder über­haupt erst wecken. „Wird aber die Man­nig­fal­tig­keit die­ser Tym­pans (d. h. die­ses immer wie­der andern Begin­nens ohne abseh­ba­res Ende) der Ana­ly­se zugäng­lich sein?“, fragt sich auch Jac­ques Der­ri­da selbst; oder: „War­tet am Aus­gang der Laby­rin­the wie­der nur irgend­ein Topos oder ein Gemein­platz mit dem Namen Tym­pan auf uns?“

Das Tym­panon ist eine durch den Begriff „Tym­panon“ bezeich­ne­te Sache, die sich archi­tek­to­nisch, kunst­his­to­risch, iko­no­gra­phisch spe­zi­fi­zie­ren und dem­entspre­chend auch defi­nie­ren lässt. Dabei wer­den frei­lich, wie Der­ri­da mit sei­ner weit­läu­fi­gen, in sich wider­sprüch­li­chen Begriffs­ent­fal­tung auf­zeigt, manch and­re Bedeu­tungs­di­men­sio­nen aus­ge­blen­det. Die­se aus­ge­blen­de­ten, oft auch ver­ges­se­nen oder unver­ständ­lich gewor­de­nen Neben­be­deu­tun­gen ver­sucht er in sei­nen Dis­kurs ein­zu­be­ziehn. Gern ver­weist er dabei auf ety­mo­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge, doch mehr­heit­lich lässt er sich durch klang­li­che Asso­zia­tio­nen lei­ten, um sol­cher­art aus der Laut­ge­stalt eines Worts zusätz­li­che Bedeu­tun­gen oder Bedeu­tungs­nu­an­cen zu gewin­nen, ein Ver­fah­ren, das in aller Regel auf purer Spe­ku­la­ti­on beruht und jeden­falls eher eso­te­ri­schen Inter­es­sen denn wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen folgt.

Die Ein­sicht, dass das Wort „im Anfang“ immer schon gege­ben, aber nie zu einem Ende zu brin­gen ist − weder zu einer ulti­ma­ti­ven Aus­sa­ge noch zu ulti­ma­ti­vem Schwei­gen − hat aus ihm einen sprach­skep­ti­schen Gra­pho­ma­nen gemacht. Kein Wun­der mit­hin, dass das Para­dox zu sei­ner bevor­zug­ten Denk­fi­gur gewor­den ist. Wie auch immer: „Ich schlie­ße“, so stellt Der­ri­da am Ende sei­nes Vor­trags über Kaf­ka pro­sa­isch fest; und er fügt hin­zu: „Ich kom­me damit auf mei­ne Ein­gangs­fra­ge zurück.“ Das ent­spricht sei­ner noma­di­schen Denk­be­we­gung, deren Ziel dar­in besteht, kein Ziel zu haben, aber ste­tig unter­wegs zu sein und immer wie­der bei ihrem Aus­gangs­punkt anzu­kom­men.

Anmer­kun­gen
1 Sie­he dazu Jac­ques Der­ri­da, „Der Anfang“, in: Geoffrey Ben­ning­ton (1991), Jac­ques Der­ri­da, Frank­furt a. M. 1994, S. 23–31.
2 J. D., Eini­ge State­ments und Bin­sen­weis­hei­ten über Neo­lo­gis­men, New-Ismen, Post-Ismen, Para­siti­amen und ande­re klei­ne Seis­men (1986), Ber­lin 1997.
3 Vgl. dazu J. D., Die Stim­me und das Phä­no­men (1967), Frank­furt a. M., 1979, Kap. VI.
4 J. D., Rück­kehr aus Mos­kau (1990), Wien 2005.
5 J. D., „Tym­panon“, in: ders., Rand­gän­ge der Phi­lo­so­phie (1972), Wien 1988, S. 13–27.

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Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet als frei­er Autor, Her­aus­ge­ber und Über­set­zer in Romain­mô­tier (fran­zö­si­sche Schweiz); jüngs­te Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen: Todes­kon­zep­te der rus­si­schen Moder­ne (Pas­sa­gen Ver­lag, Wien 2017); als Her­aus­ge­ber: Mari­na Zweta­je­wa, Uns­re Zeit ist die Kür­ze (Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2017).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2018

Online seit: 26. April 2019

Online seit: 26. April 2019

Zuletzt geän­dert: 26. Apr. 2019