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Lite­ra­tur­prei­se als Fak­tor und Motor des Lite­ra­tur­be­triebs. Von Felix Phil­ipp Ingold

Lite­ra­tur als Kunst − man muss es deut­lich sagen − ist beim ver­blie­be­nen Lese­pu­bli­kum eben­so wenig gefragt wie bei der pro­fes­sio­nel­len Kri­tik, mit ein­ge­schlos­sen all die ande­ren Lite­ra­tur­ver­mitt­ler, die als Prä­sen­ta­to­ren, Mode­ra­to­ren oder Juro­ren, oft auch als Ver­an­stal­ter von Fes­ti­vals und immer öfter als beam­te­te Kul­tur­funk­tio­nä­re am Betrieb betei­ligt sind. Grund­sätz­lich gilt künst­le­ri­scher Anspruch in Bezug auf Stil, Kom­po­si­ti­on, Expe­ri­ment als eli­tär, und dies wie­der­um wird gleich­ge­setzt mit Lan­ge­wei­le und dreis­ter Zumu­tung − ein ver­nich­ten­des Urteil, das jeg­li­che Markt­taug­lich­keit in Fra­ge stellt. Ein Text soll dem­nach in ers­ter Linie unter­halt­sam, kon­sens­fä­hig und in irgend­ei­ner Wei­se anrüh­rend sein, der­weil schwie­ri­ge, for­dern­de, also im eigent­li­chen Wort­sinn inter­es­san­te Lek­tü­ren kaum noch gefragt sind.

Wer als Autor aus­ge­zeich­net wer­den will, um danach tat­säch­lich als ein „aus­ge­zeich­ne­ter“ Autor gel­ten zu kön­nen, muss sich dar­um vor­ab anpas­sen. Was heu­te vor­ran­gig prä­miert wird, ist Medio­kri­tät, sind Wer­ke und Ver­fas­ser, die nach Ablauf der lite­ra­ri­schen Sai­son gleich wie­der ver­ges­sen sind. Wer erin­nert sich heu­te an die Preis­trä­ger vom Vor­jahr? Und wer mag noch ein Buch lesen, das vor Jah­res­frist, viel­leicht gar vor einem Jahr­zehnt erschie­nen ist? Den­noch wer­den Schrift­stel­ler von der Wer­bung und bei öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen vor­zugs­wei­se mit der Lis­te ihrer Prei­se vor­ge­stellt und erst in zwei­ter Linie mit der ihrer Wer­ke.

Geför­dert (durch Sti­pen­di­en) und belohnt (durch Valu­ta und Ehre) wird nach gegen­wär­ti­gem Lite­ra­tur- und Mar­ke­ting­ver­ständ­nis stets das Abseh­ba­re, das bereits in irgend­ei­ner Wei­se als Trend eta­bliert ist. Kei­ner der gro­ßen Prei­se geht jemals an einen noch unent­deck­ten Lite­ra­ten, wes­halb es bei den lau­fen­den Preis­ver­ga­bun­gen denn auch nie zu Über­ra­schun­gen kommt. Das Auf­he­ben um Jan Wag­ner, der vor nicht all­zu lan­ger Zeit als ers­ter Lyri­ker für sei­ne humo­ri­gen Regen­ton­nen- und Gar­ten­lau­ben­ge­dich­te den deut­schen Buch­preis erhielt und bald dar­auf auch mit dem renom­mier­ten Büch­ner-Preis aus­ge­zeich­net wur­de, soll­te nicht ver­ges­sen machen, dass sel­bi­ger Autor zuvor schon 33 ande­re Lite­ra­tur­prei­se und ‑sti­pen­di­en bezo­gen hat. Dar­un­ter waren auch sol­che, deren Namen­ge­ber − Paul Scheer­bart, Chris­ti­ne Lavant, Ernst Meis­ter − sei­nem eige­nen Schaf­fen Hohn spre­chen wür­den.

Doch Prei­se bekom­men zu haben, ist zur Zeit die bes­te Vor­aus­set­zung dafür, mit noch mehr Prei­sen bedacht zu wer­den. Aus­ge­zeich­net wird das, was man kennt, was leicht zu rezi­pie­ren ist, was gern „geleikt“ und „geteilt“ wird, das also, was nicht als Risi­ko kal­ku­liert wer­den muss. Inno­va­ti­ve Schrift­stel­ler mit aus­ge­präg­tem Per­so­nal­stil kön­nen heu­te − anders als zu Zei­ten des Nou­veau roman oder der Kon­kre­ten Dich­tung −  kaum noch damit rech­nen, in die Krän­ze zu kom­men.

Einen ambi­va­len­ten Son­der­sta­tus genießt dies­be­züg­lich wohl ein­zig Frie­de­ri­ke May­rö­cker, deren Preis­lis­te bereits unüber­schau­bar gewor­den ist. Die hoch­an­ge­se­he­ne Dich­te­rin gilt nach wie vor als „Avant­gar­dis­tin vom Dienst“, publi­ziert nun aber seit Jah­ren in rascher Fol­ge bei­läu­fi­ge Gemüts­ge­dich­te und Befind­lich­keits­pro­sa, die sich − frei von irgend­wel­chen Inno­va­ti­ons­ri­si­ken − opti­mal mit dem aktu­el­len Trend zu Bekennt­nis­haf­tig­keit, All­tags­poe­sie und Ich-Track­ing ver­trägt. Jedes der zahl­rei­chen Bücher die­ser Autorin (zuletzt die drei Bän­de ihrer Cahiers) wird vom Feuil­le­ton umge­hend auf­ge­grif­fen und ritu­ell belo­bigt − ein bemer­kens­wer­tes Bei­spiel dafür, dass und wie „Avant­gar­de“ durch Anpas­sung an den Main­stream sei­ne Inno­va­ti­ons­kraft ver­liert und gleich­zei­tig an kon­ser­va­ti­vem Zuspruch gewinnt.

In sei­nen pos­tum publi­zier­ten sati­ri­schen Novel­len (Mei­ne Prei­se, 2008) hat Tho­mas Bern­hard den lär­mi­gen Leer­lauf der Preis­ver­lei­hungs­ri­tua­le aus eige­ner Erfah­rung scho­nungs­los auf den Punkt gebracht. Die eit­len, halb­ge­bil­de­ten Kul­tur­ver­we­ser, die sich regel­mä­ßig zu Preis­ver­ga­bun­gen ver­sam­meln, um sich selbst zu fei­ern und damit „ihre“ Autoren zu demü­ti­gen, waren ihm zutiefst ver­hasst. Nament­lich hob er auf die Inkom­pe­tenz und Arro­ganz derer ab, die − in wel­cher Funk­ti­on auch immer − einem nivel­lier­ten Lite­ra­tur­be­griff das Wort reden, statt sich auf die prä­gnan­te künst­le­ri­sche Eigen­art eines Werks, eines Autors ein­zu­las­sen. Unter die­sem Gesichts­punkt fühl­te sich Bern­hard durch­weg ver­kannt, und immer wie­der fand er den unab­weis­ba­ren Ver­dacht bestä­tigt, dass sei­ne Aus­zeich­nun­gen auf fal­schen Vor­aus­set­zun­gen und Ein­schät­zun­gen beruh­ten. Eben des­halb emp­fand er sie nicht als Leis­tungs­aus­weis, son­dern als fort­wäh­ren­de Belei­di­gung.

Bern­hard selbst hät­te sich sei­nen öffent­li­chen (posi­ti­ven!) Fehl­ein­schät­zun­gen durch die Ableh­nung sei­ner Prei­se ent­zie­hen kön­nen, so wie es einst − lan­ge vor ihm − Autoren vom Rang eines René Char oder E.M. Cioran kon­se­quent prak­ti­ziert hat­ten. Auch hät­te er die ambi­va­len­te Hal­tung des Kol­le­gen Botho Strauss ein­neh­men kön­nen, der zwar kei­nen sei­ner zahl­rei­chen Prei­se per­sön­lich abge­holt, die Preis­sum­men aber gern ein­kas­siert hat und dies auch wei­ter­hin so zu tun pflegt. Selbst Karl Ove Knaus­gård ent­zieht sich − ganz anders, als sei­ne mehr­bän­di­ge, bis zum Exhi­bi­tio­nis­mus „wahr­heits­ge­treue“ Auto­bio­gra­phie es erwar­ten lie­ße − der Öffent­lich­keit: Dem Fest­akt zur Ent­ge­gen­nah­me des mit 25.000 Euro dotier­ten Öster­rei­chi­schen Staats­prei­ses für Lite­ra­tur ist er im ver­gan­ge­nen Juli fern­ge­blie­ben. „Soll­te ich viel­leicht gar etwas über mich selbst sagen?“, ließ er dazu ver­lau­ten: „Ich fin­de alles absto­ßend und ekel­er­re­gend.“

Der welt­weit mit Ehrun­gen über­häuf­te Groß­schriftel­ler Michel Hou­el­le­becq ver­gleicht den Lite­ra­tur­be­trieb (wie übri­gens auch den Rest der Welt) gern mit einem Super­markt, wo alles von quan­ti­ta­ti­ven Kri­te­ri­en bzw. von Ver­kaufs­zah­len bestimmt ist, mit­hin von Trends, Moden und aktu­el­len Hypes. Für ihn ist die zuneh­men­de Mac­do­nal­di­sie­rung der lite­ra­ri­schen Kul­tur ein zwar bedau­er­li­ches, jedoch unab­än­der­li­ches Fak­tum. Mit dem ihm eige­nen Zynis­mus hält er sämt­li­che Lite­ra­ten, die sich dem Betrieb ein- und dem Publi­kums­ge­schmack unter­ord­nen, für „Arsch­lö­cher“, und rea­lis­tisch, wie er ist, zählt er sich selbst eben­falls dazu.

Und mehr als das: Hou­el­le­becq scheut sich nicht, sei­ne schrei­ben­den Kol­le­gen öffent­lich zu kor­rek­tem Ver­hal­ten bei der Ent­ge­gen­nah­me von Prei­sen und Ehrun­gen anzu­lei­ten − stets soll­ten sie davon aus­ge­hen, dass die dazu­ge­hö­ri­ge Fei­er „zwangs­läu­fig miss­lin­gen wird“; dass den­noch Hal­tung zu bewah­ren, Tole­ranz zu üben und der Fest­akt in sei­ner unver­meid­li­chen Bana­li­tät zu akzep­tie­ren sei: „Nur die beschei­de­ne, von einem Lächeln beglei­te­te Akzep­tanz des all­ge­mei­nen Desas­ters ermög­licht den Erfolg.“ Auch das Preis­geld, ver­steht sich, soll ohne Skru­pel ange­nom­men wer­den. Im Übri­gen, so fügt Hou­el­le­becq mit hei­te­rem Ernst hin­zu, hal­te man an leer­lau­fen­den Fei­er­lich­kei­ten ein­zig des­halb fest, „um uns ver­ges­sen zu machen, dass wir ein­sam sind, elend und dem Tod geweiht.“

Doch es gibt − es gäbe − für frus­trier­te Preis­trä­ger noch eine ande­re Ver­hal­tens­wei­se: Die Aus­er­wähl­ten könn­ten zur Ver­lei­hungs­fei­er antre­ten, müss­ten sich eine inad­äqua­te, völ­lig kri­tik­freie Lau­da­tio anhö­ren, wür­den die Urkun­de und den Bank­scheck ent­ge­gen­neh­men, um danach selbst das Wort zu ergrei­fen und die gan­ze Ver­an­stal­tung als eine unwür­di­ge, letzt­lich kunst­feind­li­che Pos­se zu des­avou­ie­ren.

Man stel­le sich die­ses Sze­na­rio bei der Ver­lei­hung des Deut­schen oder des Schwei­ze­ri­schen Buch­prei­ses vor. In Gegen­wart der Kul­tur­pro­mi­nenz, der Buchhandels‑, Ver­lags- und Pres­se­ver­tre­ter sowie zahl­rei­cher Lite­ra­tur­freun­de nimmt der Lau­re­at das Diplom ent­ge­gen, dankt für das Preis­geld und hebt zu einer Rede an, die nicht so bald ver­ges­sen sein wird. Deren Fazit bestün­de dar­in, dass unter den heu­ti­gen lite­ra­tur­be­trieb­li­chen Bedin­gun­gen jeg­li­che Aus­zeich­nung als ein Ver­rat an der Lite­ra­tur als Kunst zu gel­ten habe, da sol­che Aus­zeich­nun­gen in aller Regel auf juro­ri­schen Kom­pro­mis­sen beruh­ten, die mit Kunst und Lite­ra­tur wenig, mit Ver­lags­zu­ge­hö­rig­keit, Ver­markt­bar­keit, Gen­de­ris­mus und poli­ti­scher Kor­rekt­heit indes sehr viel zu schaf­fen hät­ten.

Der öffent­li­che, kon­sens­be­ding­te, von einer wie immer gear­te­ten Mehr­heit beglau­big­te Erfolg eines Lite­ra­tur­werks hät­te mit­hin als Beleg für sei­ne künst­le­ri­sche Uner­heblick­eit zu gel­ten. Umge­kehrt dürf­te man dar­aus aller­dings nicht schlie­ßen, dass erfolg­lo­se, „prei­s­un­wür­di­ge“ Bücher die bes­se­ren, wenn nicht die bes­ten Bücher sei­en. Doch gewiss ist die Annah­me berech­tigt, dass künst­le­risch star­ke, inno­va­ti­ve, impuls­ge­ben­de Tex­te am ehes­ten unter den Letz­te­ren − den „unaus­ge­zeich­ne­ten“ − zu fin­den sind.

Es gibt ja auch durch­aus Autoren, die sich Aus­zeich­nun­gen und die damit zusam­men­hän­gen­den Unver­träg­lich­kei­ten erspa­ren, indem sie kon­se­quent so schrei­ben, dass sie für Betrieb und Markt unin­ter­es­sant blei­ben und bei den wort­füh­ren­den Kri­ti­kern und Juro­ren gar nicht erst „in die Krän­ze“ kom­men − mit Gün­ter Eich dar­auf hof­fend, dass es irgend­wo („viel­leicht in Salo­ni­ki“) ein Post­fach und einen kom­pe­ten­ten Leser dafür gibt. In sol­chen Fäl­len scheint noch immer die eli­tä­re Devi­se Sté­pha­ne Mall­ar­més zu gel­ten, wonach das Ver­stan­den­wer­den und das Erfolg­ha­ben für alle Dich­ter „eine Schmach“ sei­en − eine Devi­se, die ange­sichts der Ver­mark­tung und Medio­kri­sie­rung der lite­ra­ri­schen Kul­tur neue Aktua­li­tät gewinnt.

Die gene­rel­le Fra­ge nach der Preis­wür­dig­keit lite­ra­ri­scher Autoren soll­te des­halb dif­fe­ren­ziert, wenn nicht über­haupt neu gestellt wer­den. Ob sich ein Werk der künst­le­ri­schen Lite­ra­tur durch die peku­niä­re Beloh­nung des­sen, der es pro­du­ziert hat, ange­mes­sen wür­di­gen lässt, ist schwe­rer zu beant­wor­ten, als man mei­nen möch­te. Nimmt man mit Paul Valé­ry und sei­nes­glei­chen an, der Dich­ter sei Dich­ter prin­zi­pi­ell nur dann, wenn er am Schrei­ben ist, und nicht, wenn er sich als Pri­vat­per­son ander­wei­tig umtut − so müss­te man logi­scher­wei­se schlie­ßen, dass jede Preis­ver­lei­hung letzt­lich auf ein absur­des Miss­ver­ständ­nis der Funk­ti­on, der Qua­li­tät und des Sinns lite­ra­ri­scher Arbeit zurück­zu­füh­ren sei.

Dass sol­che Ver­an­stal­tun­gen als regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Events zur offi­zi­el­len Agen­da des Lite­ra­tur­be­triebs gehö­ren, ist weder zu begrü­ßen noch zu bekla­gen. Denn für den Fort­be­stand und die Wei­ter­ent­wick­lung der Lite­ra­tur als Kunst sind sie ohne Belang. Wozu also braucht es wei­ter­hin Aka­de­mien und pro­fes­sio­nel­le Jurys, um preis­wür­di­ge Autoren aus­fin­dig zu machen am Leit­fa­den von Kri­te­ri­en, die vom Publi­kums­ge­schmack kaum noch zu unter­schei­den sind? Da wäre es doch nach­ge­ra­de kon­se­quent, auf sol­che Betriebs­exper­ten zu ver­zich­ten und in Zukunft nur ein­fach Publi­kums­prei­se aus­zu­schrei­ben, die rein quan­ti­ta­tiv – durch Klicks, durch Likes – ermit­telt und ver­ge­ben wer­den.

(Ori­gi­nal­fas­sung eines Essays, der erst­mals im Herbst 2017, leicht redi­giert und anders beti­telt, in der Neu­en Zür­cher Zei­tung abge­druckt wur­de.)

 

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Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet nach lang­jäh­ri­ger Lehr­tä­tig­keit als frei­er Autor in Romain­mô­tier; jüngst erschien von ihm (als Über­set­zer und Her­aus­ge­ber) der Band: Mari­na Zweta­je­wa, Uns­re Zeit ist die Kür­ze (Unver­öf­fent­lich­te Schreib­hef­te), Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2017.

 

Online seit: 1. Juli 2018

Zuletzt geän­dert: 1. Juli 2018