Heiteres Literatentum, dunkle Schreibkunst

H. M. Enzens­ber­ger und Botho Strauß in ihren jüngs­ten Buch­wer­ken. Von Felix Phil­ipp Ingold
„Das ist pos­tu­mes Mob­bing, offen­kun­dig genährt von kol­le­gia­ler Miss­gunst und anti­quier­ter Spie­ßer­mo­ral.“

Als Bel­le­trist wie als Essay­ist, auch als Über­set­zer und als Her­aus­ge­ber ist Hans Magnus Enzens­ber­ger seit Jahr­zehn­ten an vor­ders­ter Front des hie­si­gen Lite­ra­tur- und Medi­en­be­triebs prä­sent, und mehr als dies − er hat den Betrieb maß­geb­lich mit­ge­prägt, hat pro­duk­ti­ve Debat­ten eröff­net, sich mit ken­ner­schaft­li­chem und welt­män­ni­schem Flair umge­ben, dabei stets auch sein eige­nes Werk in Vers und Pro­sa vor­an­ge­trie­ben und, dar­über hin­aus, eine Viel­zahl aus­län­di­scher Autoren beim deutsch­spra­chi­gen Publi­kum ein­ge­führt.

Hans Magnus Enzensberger © Jürgen Bauer / Suhrkamp

Hans Magnus Enzens­ber­ger: Pos­tu­mes Mob­bing erfolg­rei­cher Kol­le­gen.
Foto: Jür­gen Bau­er / Suhr­kamp

Wie eine vor­läu­fi­ge Sum­ma all die­ser Bemü­hun­gen nimmt sich Enzens­ber­gers jüngs­te Buch­ver­öf­fent­li­chung aus, die er − vom Feuil­le­ton weit­hin belo­bigt − unterm Titel Über­le­bens­künst­ler vor­ge­legt und des Nähern als „99 lite­ra­ri­sche Vignet­ten aus dem 20. Jahr­hun­dert“ cha­rak­te­ri­siert hat. Der satt­sam bele­se­ne Autor stellt dar­in eine knap­pe Hun­dert­schaft von will­kür­lich zusam­men­ge­führ­ten Zeit­ge­nos­sen aus aller Welt vor, von Abe bis Zuck­may­er, von Andrić bis Wer­fel. Mit man­chen war er per­sön­lich bekannt, eini­ge zähl­ten zu sei­nen enge­ren Freun­den, ande­re hielt er aus diver­sen Grün­den − Vor­ur­tei­len, Ent­täu­schun­gen, Unver­träg­lich­kei­ten − auf Distanz.

Der sub­jek­ti­ve Fak­tor scheint für die Aus­wahl durch­weg bestim­mend gewe­sen zu sein, was völ­lig legi­tim ist, aber doch die Mög­lich­keit zu beden­ken gibt, dass auf­grund ande­rer Kri­te­ri­en auch 99 ande­re Autoren als „Über­le­bens­künst­ler“ hät­ten prä­sen­tiert wer­den kön­nen. Dass Enzens­ber­ger neben den 99 mehr oder min­der pro­mi­nen­ten Namen auf der Zeit­ach­se zwi­schen Ham­sun und Kada­re die Posi­ti­on 100 offen­kun­dig für sich selbst reser­viert, jedoch unge­nutzt gelas­sen hat, gehört zu den ambi­va­len­ten Augen­zwin­ke­rei­en, die man von ihm kennt und die von sei­ner altern­den Fan­ge­mein­de beson­ders geschätzt wer­den. Wie aber soll man sich erklä­ren (und ihm nach­se­hen), dass er sein 20. Jahr­hun­dert bereits mit dem Alba­ner Ismail Kada­re, gebo­ren 1936, enden lässt und kei­nen ein­zi­gen Nach­kriegs­au­tor in sei­ne Gale­rie auf­nimmt?

„Im übri­gen ver­langt mein Vor­ha­ben“, wie Enzens­ber­ger in der lau­ni­gen Vor­re­de fest­hält, „die Ich-Form“. Damit weist er jeden Anspruch auf Neu­tra­li­tät und Objek­ti­vi­tät vor­weg schon ab. Die Eng­füh­rung von unter­schied­lichs­ten Lebens­gän­gen und Werk­bio­gra­fien mit pri­va­ten Remi­nis­zen­zen und Lek­tü­re­er­fah­run­gen könn­te eine viel­ver­spre­chen­de Prä­mis­se für die Aus­ar­bei­tung von unkon­ven­tio­nel­len Autoren­por­traits sein. Bei Enzens­ber­ger resul­tie­ren dar­aus jedoch auf­fal­lend dis­pa­ra­te Tex­te, die er größ­ten­teils aus Rezen­sio­nen, Inter­views, Lite­ra­tur­le­xi­ka und Arti­keln der Wiki­pe­dia über­nimmt − jeweils zwei bis fünf Druck­sei­ten, die bald bie­der und ver­läss­lich daher­kom­men, bald wie flüch­ti­ge Lek­tü­re- oder Tage­buch­no­ta­te, in denen selbst ele­men­ta­re Lebens- und Werk­da­ten feh­len und die im Detail oft unge­nau, ja feh­ler­haft sind. Dem­ge­gen­über domi­nie­ren pri­va­te Tri­via aller Art ohne jeden Erkennt­nis- und Unter­hal­tungs­wert.

Dazu zäh­len Enzens­ber­gers wie­der­hol­te Aus­fäl­le gegen die angeb­lich bedeu­tungs­lo­se, des­halb „über­flüs­si­ge“ Grup­pe 47 (der er selbst als wort­füh­ren­des Mit­glied einst ange­hör­te) eben­so wie sein expli­zi­ter Unmut über schrei­ben­de Kol­le­gen, die sich nach sei­nem Dafür­hal­ten durch ideo­lo­gi­sches Lavie­ren, aber auch durch mehr­fa­che Ehen oder sexu­el­le Eska­pa­den und Aus­beu­tung (wie Brecht, Canet­ti) dis­kre­di­tiert haben. An sol­chen Stel­len mutiert der hei­te­re Unter­hal­ter zum klein­ka­rier­ten Sit­ten­wäch­ter.
Aber Enzens­ber­ger soll­te wohl auch dies­be­züg­lich nicht all­zu ernst genom­men wer­den. Er selbst ent­zieht sei­ne Tex­te der kri­ti­schen Nach­fra­ge, indem er sie als „Vignet­ten“, mit­hin als blo­ße Deko­ra­ti­ons­stü­cke aus­gibt. Wer woll­te von einer Vignet­te Authen­ti­zi­tät, Plau­si­bi­li­tät oder gar die ganz­heit­li­che Dar­bie­tung ihres Gegen­stands erwar­ten? Eine gewis­se Serio­si­tät darf aber doch wohl vor­aus­ge­setzt wer­den, wo es um den exis­ten­zi­el­len Ernst­fall des Über­le­bens geht.

Die­sen Ernst­fall ver­ge­gen­wär­tigt der Ver­fas­ser mit Ver­weis auf die düs­tern Lebens- und Lei­dens­we­ge ver­fem­ter, ver­folg­ter, ver­trie­be­ner, gefan­ge­ner, ermor­de­ter Autoren, die man ungern als „Über­le­bens­künst­ler“ rubri­ziert sieht. Der Über­le­bens­künst­ler gilt ja gemein­hin eher als wen­di­ger Sym­pa­thie­trä­ger denn als tra­gi­sche Kämp­fer­na­tur. Oder soll­ten etwa Gor­ki, Musil, Pas­ter­nak, Gross­man, Genet, Nel­ly Sachs ihr pein­vol­les Über­le­ben als „Kunst“ ver­stan­den und aus­ge­übt haben? Und kann und darf man sol­ches Über­le­ben mit den Kar­rie­ren erfolg­rei­cher Oppor­tu­nis­ten, Kar­rie­ris­ten, Rene­ga­ten, wenn nicht gar Ver­rä­ter auf einen gemein­sa­men Nen­ner brin­gen, wie Enzens­ber­ger es mit ver­gleichs­wei­se scho­nen­dem Blick im Fall von Feucht­wan­ger, Glae­ser, Jün­ger, Benn, Andersch, Erhart Käst­ner oder Hans Bau­mann tut − und weni­ger scho­nend bei ego­zen­tri­schen Selbst­dar­stel­lern wie Coc­teau, Colet­te, Cela oder Mala­par­te?

Dem jüdi­schen Erfolgs­au­tor und Sta­lina­dep­ten Lion Feucht­wan­ger wird hart an der Gren­ze zur anti­se­mi­ti­schen Ver­zeich­nung eine untrüg­li­che, glücks­brin­gen­de Nase beschei­nigt: „Die sei­ni­ge war näm­lich so gut, dass er ihr nur zu fol­gen brauch­te, um zu über­le­ben.“ Wenn das Über­le­ben auf sol­che Wei­se und auf sol­chem Niveau mög­lich ist, kann von Kunst wie von Tra­gik kei­ne Rede sein: Der heil­froh Über­le­ben­de wird hier zur per­so­ni­fi­zier­ten Kari­ka­tur, und eigent­lich kann man nur erleich­tert sein dar­über, dass Enzens­ber­ger ver­ges­sen oder es unter­las­sen hat, glück­los „über­le­ben­de“, meist im Frei­tod enden­de Autoren wie Ben­ja­min, Man­del­s­tam, Maja­kow­ski, Jes­sen­in, Dager­man, Paso­li­ni, Márai, Celan oder Mari­na Zweta­je­wa in die Rei­he sei­ner Vignet­ten auf­ge­nom­men zu haben. − Auch der ins­ge­samt glück­li­che, wie­wohl mehr­fach ins Exil (nach Deutsch­land, Frank­reich, in die USA) gezwun­ge­ne Vla­di­mir Nabo­kov wäre in Hans Magnus Enzens­ber­gers Gesell­schaft sicher­lich deplat­ziert gewe­sen.
Im Unter­schied zu typo­gra­fi­schen oder email­lier­ten Vignet­ten sind die Enzens­ber­ger­schen Ein­zel­por­traits nicht eben prä­zi­se aus­ge­ar­bei­tet, als Dis­kurs wie als Erzäh­lung inko­hä­rent, mit vie­len sprung­haf­ten und alo­gi­schen Über­gän­gen. − So berich­tet Enzens­ber­ger, bei­spiels­wei­se, von sei­ner unda­tier­ten Erst­be­geg­nung − in Bar­ce­lo­na − mit dem nach­ma­li­gen Nobel­preis­trä­ger Gabri­el Gar­cía Már­quez (den er „Gabo“ nen­nen darf): „Der Slo­gan von der divi­ne gau­che war noch nicht erfun­den, aber man gönn­te sich schon ein Glas Cham­pa­gner vor dem Essen, das vor­züg­lich war. Das Regime Fran­cos war zwar nicht am Ende, aber schon sehr morsch.“ Fragt sich frei­lich, was der unbe­darf­te lin­ke Luxus mit dem rechts­extre­men fran­kis­ti­schen Gewalt­re­gime zu schaf­fen haben soll­te.

Doch Ver­brä­mun­gen sol­cher Art sind bei Enzens­ber­ger gang und gäbe; bis­wei­len mag man sich dar­über amü­sie­ren, öfter über­wiegt aller­dings die Irri­ta­ti­on. Irri­ta­ti­on, bis­wei­len nach­hal­ti­ger Ärger kommt auch dort auf, wo der Ver­fas­ser den inter­es­sier­ten Leser, die geneig­te Lese­rin mit Vignet­ten abspeist, die all­zu vie­le Vor­ur­tei­le, Gemein­plät­ze und Leer­stel­len in sich ver­ei­nen. Das trifft, unter vie­len andern, auf Ger­tru­de Stein zu, die Enzens­ber­ger mit beden­ken­lo­sem Rück­griff auf aller­lei Klatsch- und Tratsch­be­rich­te als her­ri­sche, ego­ma­ni­sche, „fet­te und mas­si­ge“ Les­bie­rin vor­führt bei gleich­zei­ti­ger Miss­ach­tung (oder Ver­ken­nung) ihrer sin­gu­lä­ren lite­ra­ri­schen Errun­gen­schaf­ten.

Auch der kur­ze Bei­trag zu Cami­lo José Cela wäre hier zu nen­nen, von des­sen rund 70 Büchern Enzens­ber­ger nach eige­nem Bekun­den ledig­lich „ein ein­zi­ges durch­ge­blät­tert“ hat, was ihn kei­nes­wegs dar­an hin­dert, den „unsym­pa­thi­schen“ Kol­le­gen als Schrift­stel­ler wie als Per­sön­lich­keit erbar­mungs­los zu ver­un­glimp­fen, am Ende gar sei­ne vie­len Aus­zeich­nun­gen − dar­un­ter den Nobel­preis für Lite­ra­tur − auf­zu­zäh­len, um ein denk­bar uner­gie­bi­ges, dabei höchst pole­mi­sches Fazit zu zie­hen: „Eine letz­te Sen­sa­ti­on rief Cela dadurch her­vor, dass er mit 74 Jah­ren eine um 40 Jah­re jün­ge­re Jour­na­lis­tin hei­ra­te­te … Mit 85 Jah­ren ist er im Bett gestor­ben. Heu­te ist er ziem­lich ver­ges­sen, ein Los, das er mit vie­len Nobel­preis­trä­gern teilt.“ Das ist pos­tu­mes Mob­bing, offen­kun­dig genährt von kol­le­gia­ler Miss­gunst und anti­quier­ter Spie­ßer­mo­ral.

Im Ver­lauf sei­ner lang­jäh­ri­gen Kar­rie­re hat Hans Magnus Enzens­ber­ger, der zwi­schen­durch auch mal das Ende oder gar den Tod der schö­nen Lite­ra­tur als Losung hoch­hielt, wohl min­des­tens 99 Bücher unter sei­nem Namen vor­ge­legt. Eini­ge davon haben Furo­re gemacht, vie­le sind im Betrieb nur ein­fach sai­so­nal mit­ge­lau­fen − zu die­sen dürf­ten schon bald auch die 99 Vignet­ten zur lite­ra­ri­schen Über­le­bens­kunst gehört haben.

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Botho Strauß © Ruth Walz

Botho Strauß: „Es kann doch das Uni­ver­sum nicht nur aus Mit­tei­lung bestehen?“
Foto: Ruth Walz

Außer der stau­nens­wer­ten Tat­sa­che, dass sie im Jah­res­takt min­des­tens ein Buch her­aus­brin­gen, gibt es zwi­schen Hans Magnus Enzens­ber­ger und Botho Strauß nichts Ver­bin­den­des; im Gegen­teil − die bei­den Autoren sind ein­an­der in jeder Hin­sicht fremd, lite­ra­risch eben­so wie intel­lek­tu­ell und poli­tisch. Und doch behaup­ten sie im deutsch­spra­chi­gen Kul­tur­be­trieb eine glei­cher­ma­ßen pro­mi­nen­te Posi­ti­on, bekom­men ihre Pro­mi­nenz seit Jahr­zehn­ten durch höchs­te Aus­zeich­nun­gen bestä­tigt und wer­den nach wie vor bei jeder Neu­erschei­nung weit­hin bespro­chen.

Wäh­rend jedoch Enzens­ber­ger, der aler­te, welt­ge­wand­te, publi­kums­freund­li­che Lite­rat, sich gene­rell auf wohl­wol­len­de Rezep­ti­on ver­las­sen kann, tut sich Strauß in die­ser Hin­sicht bewusst und gewollt schwer. Ein Autor „zum Anfas­sen“ war er nie. Der Nor­mal­ver­brau­cher von sai­so­na­ler Bel­le­tris­tik küm­mert und inter­es­siert ihn nicht; er schreibt für eine eli­tä­re Min­der­heit von Gleich­ge­sinn­ten, für „jene, die’s wis­sen“ (Bau­de­lai­re) und die also auf „gefäl­lig Mit­ge­teil­tes“, vor­ab immer schon Ver­stan­de­nes noch so gern ver­zich­ten.

Im Unter­schied zu Enzens­ber­ger gibt Strauß nicht zu ver­ste­hen, er gibt zu den­ken. Das ist eher eine For­de­rung denn eine Gabe an die Leser­schaft, und es ist eine dezi­dier­te Absa­ge an die heu­te übli­chen lite­ra­ri­schen und publi­zis­ti­schen Dis­kur­se, die vor­ran­gig auf Infor­ma­ti­on ange­legt sind, auf Bericht und Selbst­be­kennt­nis, dabei aber das Risi­ko wie auch die Gewinn­chan­ce sub­jek­ti­ver Sinn­bil­dung ver­mei­den.

Zurück­ge­win­nen! Das ist der alles bestim­men­de Impe­ra­tiv des „Fort­füh­rers“, als der Botho Strauß in sei­nem neu­es­ten Buch sich eigen­sin­nig zu erken­nen gibt, dies zumeist in der drit­ten Per­son Ein­zahl („er“), gele­gent­lich über ein ima­gi­nier­tes „du“, ein ver­all­ge­mei­nern­des „wir“ oder „man“, viel sel­te­ner in direk­ter Wort­mel­dung als „ich“.

Die wech­seln­den Sub­jekt­po­si­tio­nen − von Strauß seit jeher meis­ter­lich prak­ti­ziert − brin­gen das Image des Autors zum Flim­mern, ver­lei­hen ihm eine gewis­se Tie­fen­di­men­si­on und damit auch eine gewis­se Mehr­deu­tig­keit, ver­hin­dern jeden­falls des­sen vor­ei­li­ge Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Fort­füh­rer: Was die­ser zu sagen hat, ist nicht ein­fach dem Autor Strauß zuzu­schrei­ben, gibt nicht nur eine (und nicht nur sei­ne) Mei­nung oder Über­zeu­gung wie­der, son­dern lässt − gleich­sam als poly­pho­ner Mono­log − auch Unge­wiss­hei­ten, Alter­na­ti­ven, Zwei­fel mit­schwin­gen.

Die­se mehr­fa­che Per­spek­ti­vie­rung ändert aller­dings wenig dar­an, dass Strauß als „Fort­füh­rer“ mit aus­ge­präg­ter Selbst­ge­wiss­heit auf­tritt und sich unmiss­ver­ständ­lich eine Son­der­stel­lung ein­räumt − er ist ein Min­der­heit­li­cher, ein Sel­te­ner, ein Ein­ge­schwo­re­ner, ein Außen­ste­hen­der und Dar­über­ste­hen­der, und als sol­cher hebt er sich in jeder Hin­sicht ab von der gleich­ma­che­ri­schen „Men­schen­men­ge“, die er bloß als „Men­schen­lee­re“ wahr­zu­neh­men ver­mag.

In der total ver­netz­ten, glo­bal nivel­lier­ten Gegen­warts­welt glaubt Strauß in aso­zia­ler Selbst­iso­la­ti­on einen neu­en posi­ti­ven Wert zu erken­nen − „neue Kon­tu­ren“ ver­sus ober­fläch­li­che, wech­sel­haf­te, all­seits aus­fran­sen­de Sozi­al­kon­tak­te. Er will „weder ver­stan­den noch erkannt“ sein, rüs­tet sich auf ein­sa­mem, wohl ver­lo­re­nem Pos­ten unent­wegt − trotz Kli­ma­er­wär­mung − für den kom­men­den apo­ka­lyp­ti­schen Win­ter, ver­sam­melt um sich sei­ne exzel­len­te Pri­vat­bi­blio­thek, die ihn vor dem Pöbel und vor der Bana­li­tät des bösen Zeit­geists „schützt“ − die gro­ßen Wer­ke der Welt­li­te­ra­tur leis­ten ihm in gewoll­ter Abge­schie­den­heit Gesell­schaft und kul­tur­he­roi­schen Bei­stand; das Regal, auf dem sie auf­ge­reiht sind, reicht von Dan­te und Mon­tai­gne und Jean Paul bis hin zu Key­ser­ling, Clau­del, Kon­rad Weiss und Cris­ti­na Cam­po.

So etwas wie ein Robot­bild des „Fort­füh­rers“, der „nie­man­des gedenkt, son­dern ein Durch­haus ist für Väter und Ahnen“, lie­fert Strauß in dem umfang­rei­chen Epi­log zu sei­nem ansons­ten klein­tei­li­gen, for­mal wie the­ma­tisch äußerst hete­ro­ge­nen Rea­der, der vom Apho­ris­mus über das Pro­sa­ge­dicht bis zum Mikro­es­say man­cher­lei Text­sor­ten umfasst. Abschlie­ßend syn­the­ti­siert er, prä­zi­siert aber auch, was den „Fort­füh­rer“ als Phä­no­typ der Stun­de aus­macht, was er ihm zugu­te­hält und wel­che Ret­tung er sich in dürf­ti­ger Zeit von ihm ver­spricht: „Illu­si­on, aber auch tat­säch­lich Gna­de, ange­schlos­sen zu sein an die Macht der alten Tage, an die Macht der gro­ßen Wer­ke …“ − dies im Gegen­zug zum angeb­lich kul­tur­feind­li­chen „Ansturm der jun­gen Tage“, in pole­mi­scher (ja: „krie­ge­ri­scher“) Abwei­sung der „Gegen­warts­nar­ren“, die sich (wie­der­um wört­lich:) „den Leh­rern und Vor­bil­dern über­he­ben“.

Man mag die­se Hal­tung alar­mis­tisch oder kul­tur­pes­si­mis­tisch, eli­tär oder reak­tio­när nen­nen, sicher­lich ist sie zutiefst kon­ser­va­tiv, geprägt vom Respekt vor über­lie­fer­ten Wer­ken und Wer­ten eben­so wie vom Bedürf­nis, die­se Wer­te und Wer­ke prä­sent zu hal­ten ange­sichts der wort­füh­ren­den, als feind­lich emp­fun­de­nen „Tages­an­be­ter“, die alles Gest­ri­ge ver­ach­tungs­voll abwei­sen, die Über­lie­fe­rung aus­blen­den zu Guns­ten kurz­le­bi­ger Trends und Moden.

„Der Fort­füh­rer“, so Strauß, „wird allein bis ans Ende gegan­gen sein.“ Das Futu­rum Zwei ver­rät den Radi­ka­lis­mus des Kon­ser­va­ti­ven, die Voka­beln „allein“ und „bis ans Ende“ bestä­ti­gen ihn. „Man ist Fort-Füh­rer − oder es gibt einen gar nicht.“ Was dann wohl bedeu­ten wür­de, dass jeder ein Fort­füh­rer wäre, doch dies wie­der­um stün­de in Wider­spruch zum Strauß’schen Kon­zept einer min­der­heit­li­chen, qua­si­a­ris­to­kra­ti­schen Fort­füh­rer­schaft.

Der „Fort­füh­rer“ ist eine Wort- und Kon­zept­bil­dung, deren Ambi­va­lenz nicht gleich auf den ers­ten Blick erkenn­bar wird. Jemand, der „fort­führt“, mag etwas bereits Bestehen­des, Vor­ge­ge­be­nes wei­ter­füh­ren; „fort­füh­ren“ kann aber auch als ein Vor­gang des Weg­füh­rens, Bei­sei­te­füh­rens, Abfüh­rens begrif­fen wer­den, auch als Ablen­kung, als Ver­lo­ckung.

Der „Fort­füh­rer“ wirkt dem­nach glei­cher­ma­ßen tra­di­ti­ons­er­hal­tend (retro­spek­tiv) und tra­di­ti­ons­bil­dend (pro­spek­tiv): Bewah­rung und Fort­ent­wick­lung des Nach­ge­las­se­nen, Über­lie­fer­ten; denn es gilt mit dem Erbe zu wuchern. Erben heißt Macht erwer­ben. Nach Strauß ist der Erbe − nur er − ein legi­ti­mer Macht­ha­ber: „Es lebe die Herr­schaft, die dies aus­ruft und befolgt.“

Bleibt die Fra­ge, wes­halb Strauß den tra­di­ti­ons­be­flis­se­nen, kul­tur­kämp­fe­ri­schen „Fort­füh­rer“ nicht ein­fach als Fort­set­zer auf­tre­ten lässt. Dass das von ihm pri­vi­le­gier­te kul­tu­rel­le Fort­füh­rer­tum unwill­kür­lich an den groß­deut­schen Füh­rer­kult erin­nern wür­de, dürf­te ihm bei der Begriffs­bil­dung klar gewe­sen sein. Doch er nimmt die pre­kä­re Asso­zia­ti­on in Kauf. Das ist ein hoher Ein­satz für einen Autor, der ohne­hin der poli­ti­schen Rech­ten zuge­ord­net und als (häu­fig miss­ver­stan­de­ner) deutsch­na­tio­na­ler Ideo­lo­ge kri­ti­siert wird. Die­se all­zu simp­le Kli­schee­bil­dung ver­stellt indes den Blick auf die sin­gu­lä­re künst­le­ri­sche und intel­lek­tu­el­le Leis­tung, die Strauß inzwi­schen durch eine ansehn­li­che Rei­he von Pro­sa­bü­chern − Erzäh­lun­gen, Essays, Auf­zeich­nun­gen unter­schied­lichs­ter Art − über­zeu­gend doku­men­tiert hat.

Als kon­ser­va­ti­ver Fort­füh­rer ist Botho Strauß zugleich ein Neue­rer. „Erin­ne­rung“ und „Über­nah­me“ sind für ihn Kri­te­ri­en der Ima­gi­na­ti­on und kei­nes­wegs nur der Ver­gan­gen­heits- oder Tra­di­ti­ons­pfle­ge. In die­sem Ver­ständ­nis hat er über die Jahr­zehn­te hin einen unver­kenn­ba­ren Ori­gi­nal­stil und Ori­gi­nal­sound ent­wi­ckelt, mit dem er sich von den meis­ten „Gegen­warts­au­toren“ wie auch von der Mas­se der aus­schließ­lich „kom­mu­ni­ka­tiv Spre­chen­den“ bewusst abhebt.

Dem weit­hin üblich gewor­de­nen bel­le­tris­ti­schen Plau­der­ton setzt er eine betont eigen­ar­ti­ge, gewollt befremd­li­che Schreib­wei­se ent­ge­gen, die gera­de durch ihre for­ma­le Unge­fäl­lig­keit, aber auch durch eine Über­fül­le von Fremd- und Fach­wör­tern, sper­ri­gen Neo­lo­gis­men („warn­äu­gig“, „vögel­spru­delnd“, „jubi­hu­mi­lie­ren“ usf.) sowie durch weit her­ge­hol­te Mot­ti und Zita­te beson­de­re Auf­merk­sam­keit erzwingt.

Den Leser, die Lese­rin spricht Strauß somit nicht bloß als inter­es­sier­te Rezi­pi­en­ten an, viel­mehr (mit Nova­lis) als „erwei­ter­te“ Autoren, die das Werk des Fort­füh­rers ihrer­seits fort­füh­ren sol­len − ihnen wird nichts geschenkt, aber sehr viel abver­langt, und die Lek­tü­re als sol­che pro­vo­ziert weit mehr Irri­ta­ti­on als Ein­ver­neh­men und Zuspruch. Eben dar­in liegt ihr Inter­es­se. Eben dar­aus ergibt sich bei akti­vem Mit- und Gegen­le­sen immer wie­der neu­er, immer wie­der ande­rer Gewinn. Frei­lich scheint Strauß an eine ihm adäqua­te Leser­schaft schon lan­ge nicht mehr zu glau­ben: „Unver­zagt sprach ich mein Leb­tag zu lau­ter Abge­wand­ten … Man schweigt also bes­ser.“

Den­noch schreibt die­ser Autor schein­bar unver­zagt Buch um Buch, Sai­son für Sai­son wei­ter. Dabei prä­sen­tiert er sich als ein mür­ri­scher Ere­mit und Asket, der dem Stot­tern und Schwei­gen mehr Sinn abge­winnt als der flot­ten Rede; der im selbst­ge­wähl­ten Abseits zwar man­cher­lei Ver­su­chun­gen, Bedro­hun­gen, Hal­lu­zi­na­tio­nen aus­ge­setzt ist, sich aber „gebor­gen“ weiß in der „Hül­le des Prae­ter­itums“. Denn das Ver­gan­ge­ne ist für ihn das Unver­gäng­li­che, es ist das Uner­schöpf­li­che, es ist das glei­cher­ma­ßen Offen­bar­te wie Ver­dun­kel­te. Um dem Prae­ter­itum gerecht zu wer­den, es also nicht − wie die Ewig­gest­ri­gen − bloß zu hüten und zu nut­zen, ver­sucht er es in sei­ner unfass­ba­ren Viel­falt prä­sent zu hal­ten, es immer wie­der anders aus­zu­lo­ten und aus­zu­leuch­ten, dabei aber sei­ne Geheim­nis­se bestehen zu las­sen. „Es kann doch das Uni­ver­sum nicht nur aus Mit­tei­lung bestehen?“, notiert Strauß an einer von zahl­rei­chen ver­gleich­ba­ren Stel­len: „Da gab’s doch immer auch Zurück­be­hal­te­nes, gab’s gewis­se Inkom­mu­ni­ka­bi­li­en …“

Strauß glaubt dar­in die Mög­lich­keit, auch die Not­wen­dig­keit einer „neu­en“, wenn­gleich von den Alten vor­ge­ge­be­nen Wei­se „wah­ren“ dich­te­ri­schen Spre­chens zu erken­nen − oder wenigs­tens erhofft er sie sich: „Viel­leicht wächst mit unse­rer gänz­lich expli­zi­ten, sich gänz­lich aus­spre­chen­den Spra­che gegen­läu­fig wie­der das Bedürf­nis nach der Hie­ro­gly­phe als nach einer chif­frier­ten Spra­che, einer Spra­che der Geheim­hal­tung, da ja die Hie­ro­gly­phe Macht über die Din­ge und Wesen besaß, die sie dar­stell­te − wor­in die ver­schlos­se­ne poe­ti­sche Chif­fre ihr gewiss nicht nach­steht.“

Auch bloß ein roman­ti­scher Ursprungs­traum! Und als sol­cher obso­let? Als obso­le­ter Roman­ti­ker gilt Botho Strauß, seit Lan­gem schon, beim mei­nungs­bil­den­den links­li­be­ra­len Feuil­le­ton, und durch den Fort­füh­rer scheint sich die Tages­kri­tik in die­sem Vor­ur­teil mehr­heit­lich bestä­tigt zu füh­len.

Über­se­hen − gern ver­ges­sen? − wird dabei die unge­wöhn­li­che Ori­gi­na­li­tät die­ses kon­ser­va­ti­ven Autors, der mit sei­nem sper­ri­gen Dich­ter­tum die ste­reo­ty­pe Rhe­to­rik der heu­te wort­füh­ren­den Lite­ra­ten kon­ter­ka­riert.

Zwar redet auch er, nach eige­nem Bekun­den, statt Schön­ge­re­de­tes, „viel Schon­ge­re­de­tes. Es ist ihm aber eine Hüt­te aus Alt­spra­che geblie­ben.“ Die Alt­vä­ter­spra­che des Fort­füh­rers nimmt denn auch im Kon­text heu­ti­ger lite­ra­ri­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on stel­len­wei­se die Tönung einer Fremd­spra­che an.

Was er bevor­zugt, sind Sät­ze in dring­li­cher Fra­ge­form, aber auch apho­ris­ti­sche Aus­sa­gen mit schrä­ger oder gebro­che­ner, den­noch tref­fen­der Spit­ze − unge­schmink­te Sät­ze, die nicht zum Zitie­ren und Nach­spre­chen gemacht sind, die sich eher zum Wei­ter­den­ken, auch zur Medi­ta­ti­on anbie­ten; For­mu­lie­run­gen wie die­se: „Die Spra­che des Spre­chen­den horcht ihn aus.“ − „Man war doch sein Leb­tag im Aus­weg­lo­sen unter­wegs.“ − „Alles hat sei­nen Preis an den Sinn ver­lo­ren. Ohne Son­ne wäre Gold wert­los.“ − „Ist nicht alles wie nie?“ − „Wer lebt nicht von der Ren­di­te des­sen, was er unter­ließ?“ − „Du liebst jeman­den, weil er nicht sieht, wer du bist.“ Usf.

Schlich­te, zum Teil recht unbe­hol­fe­ne Ver­laut­ba­run­gen, deren Sinn erst bei genaue­rem Hin­hö­ren sich erschließt, der viel­leicht in etwas Feh­ler­haf­tem oder Feh­len­dem ver­wahrt ist, sich viel­leicht aber auch gar nicht erschlie­ßen soll. Womög­lich genügt ja das Sagen, ohne dass etwas Bestimm­tes, etwas Bestimm­ba­res besagt, bedeu­tet wer­den müss­te?

Zu begrei­fen, zu fas­sen, zu nut­zen gibt’s da − wie auch anders­wo bei Strauß − kaum etwas; umso mehr gibt es zu ahnen, zu mut­ma­ßen, zu ima­gi­nie­ren, auch zu fra­gen und zu zwei­feln: „Inmit­ten des dich­ten Zeit­ver­treibs das schie­re dunk­le Momen­ta­ne − den Fluch erken­nen, indem vom Fluch getrof­fen.“ Sic. Aber wie? Wozu? Der Leser ist hier, wie an man­chen andern Stel­len, unbe­dingt als „erwei­ter­ter Autor“ gefragt, als sol­cher aber auch pri­vi­le­giert − ihm bleibt in dunk­ler Zeit die Sinn­bil­dung aus dunk­ler Rede über­las­sen: anver­traut.

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Felix Phil­ipp Ingold lebt als frei­er Autor in Romain­mô­tier (wel­sche Schweiz); jüngs­te Buch­pu­bli­ka­tio­nen: Direk­te Rede (Pro­sa), Pas­sa­gen Ver­lag: Wien 2016; als Über­set­zer und Her­aus­ge­ber: Mari­na Zweta­je­wa, Uns­re Zeit ist die Kür­ze (auto­bio­gra­phi­sche Pro­sa und Gedich­te), Suhr­kamp Ver­lag: Ber­lin 2017.

H. M. Enzens­ber­ger: Über­le­bens­künst­ler. 99 lite­ra­ri­sche Vignet­ten. Suhr­kamp, Ber­lin 2018. 366 Sei­ten, mit Autoren­por­traits,
€ 24 (D) / € 24,70 (A).

Botho Strauß: Der Fort­füh­rer.
Typo­gra­fi­sches Kon­zept und Aus­ar­bei­tung: Dani­el Saut­hoff. Rowohlt, Rein­bek 2018. 202 Sei­ten, € 20 (D) / € 20,60 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 19. April 2019

Online seit: 19. April 2019

Zuletzt geän­dert: 19. Apr. 2019