Präauer streamt: Kiss Bang Love

„Vier jun­ge Frau­en, als die Hard­rock-Band ‚Kiss‘ ver­klei­det, auf einem Kärnt­ner Faschingsgschnas im Jah­re 1998. Bir­git als Gene Sim­mons, ich als Ace Freh­ley.“
Präauer streamt: Kiss Bang Love

Es braucht der Wor­te nicht vie­le, sagt Pro­Sie­ben.

Kiss Bang Love ist der Titel einer soge­nann­ten Dating­show auf Pro­Sie­ben, deren Fol­gen, mitt­ler­wei­le bereits bei Staf­fel zwei ange­langt, man über die Media­thek des Sen­ders strea­men kann, sofern man das TV-Gerät aus dem eige­nen nicht vor­han­de­nen Wohn­zim­mer ent­fernt hat, um sich sol­chen Mist nicht mehr anzu­se­hen. Aber was soll’s, man liest nichts, guckt statt­des­sen GNTM – das gro­ße Umsty­ling, vie­le Trä­nen, die Mäd­chen müs­sen Haa­re las­sen –, und dann geht es über­gangs­los wei­ter mit Kiss Bang Love. Man liest nichts. „Rien Nichts“. Und blät­tert wei­ter: „UN COUP DE DÉS“ steht da geschrie­ben.

Ist Lie­be, wenn nicht Sün­de, eine Sache des Zufalls? Und sind wir noch fähig, ange­sichts des anbre­chen­den Früh­lings, sol­che Fra­gen mit kla­rem Ver­stan­de zu beant­wor­ten? Die Wis­sen­schaft, und sie ist in die­ser Sen­dung das behaup­te­te Para­dig­ma, hat fest­ge­stellt, dass wir mit­tels Küs­sen, im blin­den Ver­trau­en auf Geschmacks‑, Geruchs- und Tast­sinn, viel mehr über unser Gegen­über erfah­ren, als wür­den wir erst­mal vie­le Wor­te ver­lie­ren. Denn es braucht der Wor­te nicht vie­le, sagt Pro­Sie­ben. Kiss Bang Love, das ist in drei Wor­ten bereits die gan­ze Geschich­te einer Lie­be, und davon kön­nen wir all­zu spen­da­blen Wort­ever­lie­rer uns etwas abschau­en. Es ist kein Zufall, sagt der Ver­stand, es ist die Che­mie, und ob sie stimmt zwi­schen zwei Men­schen.

Zwölf Män­ner tref­fen auf eine Frau, alle haben die Augen ver­bun­den, nun sind die Kame­ras auf die bei­den gerich­tet, sie berüh­ren ein­an­der an den Hän­den, sie rücken näher anein­an­der, sie schür­zen die Lip­pen, legen die Köp­fe schief, sie lächeln kurz, sie zögern kaum, sie öff­nen die Mün­der leicht und pres­sen sie anein­an­der, sie stre­cken die Zun­gen hin­aus und in den ande­ren Mund hin­ein, in den frem­den Mund, sie küs­sen ein­an­der, die Kame­ras fan­gen den blin­den Augen­blick ein. „(…) [S]eine gäh­nen­de Tie­fe Rumpf gleich­sam / eines Schiffs / gesenkt nach die­ser oder jener Sei­te (…).“ Danach gehen sie aus­ein­an­der, sehen sich wei­ter­hin nicht, der nächs­te Kuss­part­ner war­tet bereits Back­stage, einer tritt ab, einer tritt auf. Zwölf die­ser Küs­se wer­den aus­ge­tauscht und man sitzt davor, fas­sungs­los eigent­lich, und staunt über das Fern­se­hen. Wie es stolz sein Ding macht und zeigt, was nicht zu zei­gen ist, Geschmack, Geruch, ein Tas­ten. Wie wenig sich die­ses For­mat für Dra­ma­tur­gie eig­net, ist ja bei­nah kühn gedacht. Und wie grau­en­haft es ist, die­sen Men­schen beim Knut­schen zuzu­se­hen. Unwill­kür­lich erfasst mich der Fluch des Auto­bio­gra­fi­schen und ich den­ke – „Zwangs­ge­dan­ke“! – an mei­nen ers­ten Kuss­part­ner mit 14 oder 15 Jah­ren, und wie er mich im Foy­er des Gym­na­si­ums umarmt und lieb­kost hat, den Mund voll mit brö­se­li­gen Kelly’s Erd­nuss­flips. „MAG / auch / der Abgrund / gebleicht / still­wo­gend / wütend / unter / ver­zwei­felt / schräg­ge­neig­ter / Schwin­ge / der sei­nen von Anfang an zu schwach für einen Flug­ver­such / deckend die Gischt / sche­rend die Sprün­ge / im Inners­ten zusam­men­zie­hen (…).“

Es blieb bei Kiss, kam nicht zu Bang, und nie zu Love. „Bang“ heißt Peng oder Paff und „to bang“ heißt auch knal­len, bum­sen, ficken. Es ist scha­de, dass das, was im Eng­li­schen, oder auch im Fran­zö­si­schen, so selbst­ver­ständ­lich klingt, all­täg­lich, mund­ge­recht, in der deut­schen Über­set­zung ent­we­der grob wird, näm­lich klo­big, oder nied­lich, kin­disch, lächer­lich. Gibt es denn brauch­ba­re Wör­ter dafür im Deut­schen? Und wo sind sie zu fin­den, in wel­chen lite­ra­ri­schen Über­set­zun­gen?

Und, bei „Kiss“ blei­bend, nun aber bereits wie­der ver­flucht, fällt mir noch eine Anek­do­te aus mei­nem Leben ein, my Life, ma Vie, dies­mal aus der Stu­di­en­zeit. Vier jun­ge Frau­en, als die Hard­rock-Band „Kiss“ ver­klei­det, auf einem Kärnt­ner Faschingsgschnas im Jah­re 1998. Bir­git als Gene Sim­mons, ich als Ace Freh­ley. Immer aufs Neue müs­sen wir den Leu­ten dort erklä­ren, wer wir sind. Jetzt weiß ich nicht, ob es wirk­lich so gewe­sen ist, denn die Macht der Fik­ti­on ist wie­der mit mir, aber ich den­ke mir, wir haben dort wohl ein paar Kärnt­ner Jungs auf­ge­ga­belt, und am Ende des Abends sind unse­re vor­mals schwarz-weiß-bepin­sel­ten Gesich­ter grau­ver­schmiert gewe­sen. Und statt Lei-lei hat der mei­ni­ge mir etwas zuge­tu­schelt, ein „ (…) Flüs­ter­wort bloß / in der Stil­le mit Iro­nie umwi­ckelt / oder / das Geheim­nis / her­vor­ge­stürzt / hin­aus­ge­heult (…)“.

In Kiss Bang Love küsst nun aber die Jani­ne den Han­nes, sie küsst Mar­lon, Phil­ip, Peter, Ste­fan, Chris, Can, Sahand und Hel­mut, sie küsst Ales­san­dro, Sven und Maria­no. In Run­de zwei darf sie sich ent­schei­den und fünf Män­ner aus­wäh­len, die sie ein zwei­tes Mal im soge­nann­ten „Kis­sing Room“ küs­sen will. Nach­dem die Augen­bin­de nun gelöst wor­den ist, macht Maria­no, für den Jani­ne sich ent­schie­den hat, einen Rück­zie­her, „bit­te­rer Prinz der Klip­pe“. Es tut beim Zuse­hen weh. „NICHTS“, sage ich unter Schmer­zen, „von der denk­wür­di­gen Kri­se / wenn anders / das Gesche­hen erfüllt ward im Hin­blick auf die gan­ze Nich­tig­keit / des Men­schen (…)“.

Am Ende fin­den doch alle eine Lie­be oder zwei in die­ser Sen­dung. Sie rei­sen dann zu einem roman­ti­schen Date nach Frank­reich oder nach Süd­eng­land oder nach Kärn­ten. Es kommt zur Ent­schei­dung. „EINE KONSTELLATION“! Es ist Lie­be, und sie wird in Zukunft nicht an der Che­mie geschei­tert sein, son­dern schlicht an der alten Geo­gra­fie. Im Meta-For­mat Red! des­sel­ben Sen­ders müs­sen wir erfah­ren, dass Jani­ne und Han­nes oder Lara und Niko nach der Auf­zeich­nung doch kein Paar gewor­den sind: wegen der Distanz, wegen der „(…) Rich­tung / das muss sein / der Sie­ben­stern auch Nord“. Wie­der nichts. Aber wir! Am Ende wer­den wir alle eine Lie­be fin­den, es wird näm­lich Früh­ling.

„Jeder Gedan­ke zeugt einen Wür­fel­wurf.“ Die­se Kolum­ne ist dem Seri­en­schau­en und Vide­os-Kli­cken im Inter­net gewid­met.

 

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Tere­sa Prä­au­er hat die Über­set­zung des „Coup de dés“ von Wil­helm Richard Ber­ger über­nom­men und ver­ehrt die Buch­ge­stal­tung von Klaus Det­jen. Für die unsach­ge­mä­ße Anver­wand­lung ent­schul­digt sie sich außer­dem bei einem ungleich beru­fe­ne­ren Autor die­ser Zeit­schrift. Ihr aktu­el­les Buch Oh Schim­mi (Wall­stein, 2016) bleibt der­weil unüber­setz­bar.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2017

Online seit: 28. Janu­ar 2018

Online seit: 28. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 29. Jan. 2018