Judasweg

Von Andrea Drumbl. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLI
Andrea Drumbl © Evamaria Giritzer

Andrea Drumbl. Foto: Eva­ma­ria Girit­zer

Es war die Zeit der Honig­me­lo­nen und der leich­ten Klei­dung, die Zeit des auf­kom­men­den Som­mers, und es war die Kna­ben­hand, von der Elke träum­te, und sein Mund, den sie in ihrer Vor­stel­lung sich bewe­gen spür­te, spre­chen hör­te. Den Kuss, der dar­auf­hin unwei­ger­lich fol­gen muss­te, weil er in die­sen Fil­men, die Erwach­se­ne schau­ten, unwei­ger­lich folg­te, stell­te sich Elke unan­ge­nehm vor, Lip­pen auf Lip­pen und so nah bei­ein­an­der, als wür­de man zusam­men­kle­ben. Elke hat­te noch nie jeman­den auf den Mund geküsst, und sie wür­de es auch nie tun, lie­ber woll­te sie ster­ben. Die Mäd­chen aus ihrer Klas­se sag­ten, dass einem Bart­haa­re wach­sen wür­den, wenn man einen Jun­gen auf den Mund küs­se. Elke moch­te kei­ne Bär­te, schon gar nicht an Frau­en. Die Bäckers­toch­ter hat­te Bart­haa­re im Gesicht, die hat­te bestimmt schon vie­le Jun­gen auf den Mund geküsst, und das war nun ihre Stra­fe für die vie­len Küs­se, die­se Haa­re im Gesicht, die eigent­lich nur Män­ner hat­ten. Elke moch­te nicht küs­sen, nie­man­den, aber sie moch­te es, wenn sich ihre Brust­war­zen unter ihren Fin­gern auf­rich­te­ten und sie ein Zie­hen an die­ser Stel­le spür­te, die sie sich nicht zu berüh­ren trau­te.

Wenn Elke allei­ne im Schul­hof stand, träum­te sie von der Hand des Jun­gen auf ihrer Brust. Sie träum­te nahe­zu immer von die­sem Jun­gen und sei­ner Hand auf ihrer Brust, auch an die­sem Tag. Sie stand allei­ne in der Nähe des gro­ßen Bau­mes, der sei­nen Schat­ten auf die spie­len­den Kin­der unter ihm warf. Meis­tens stand sie dort, eher abseits als mit­ten­drin und allein, weil sie es nicht aus­hielt, wie die ande­ren Mäd­chen rede­ten. Nicht nur, dass die­se so laut waren, wenn sie rede­ten oder kicher­ten, es waren auch die­se gan­zen Gerü­che, die sich unan­ge­nehm ver­misch­ten und die Elke des­halb nicht moch­te.
Es war wie in einem ihrer Träu­me, denn der Jun­ge aus der Schu­le stand plötz­lich bei ihr, nur drei Schrit­te von ihr ent­fernt und auch allei­ne. Erst jetzt sah sie, wie groß er schon war. In ihren Träu­men frag­te immer der Jun­ge, ob er ihre Brüs­te strei­cheln darf, wor­auf sie ihre Blu­se aus­zog und sei­ne Fin­ger über die klei­nen Hügel fah­ren spür­te. Aber jetzt stand der Jun­ge nur da und sag­te nichts, schau­te sie nicht ein­mal an, stand ein­fach nur da und stütz­te sich auf sein rotes Fahr­rad. Elke wuss­te nicht, was sie tun soll­te, sicher lieb­te er sie sehr, sonst wäre er ja nicht zu ihr gekom­men, hät­te sich nicht zu ihr gestellt, und weil Elke den Jun­gen auch lieb­te, nahm sie all ihren Mut zusam­men und frag­te ihn, ob er ihre Brüs­te strei­cheln möch­te. Der Jun­ge lach­te nicht, als sie ihn das frag­te, der Jun­ge beach­te­te sie nicht ein­mal, schau­te wei­ter in die ande­re Rich­tung, dann rich­te­te er sich lang­sam auf. Elke woll­te ihn gera­de noch ein­mal fra­gen, lau­ter jetzt, damit er sie auch wirk­lich hören konn­te, doch kam ihr der Jun­ge zuvor.
– Hin­ter der Schu­le, sag­te er lei­se und mit einer sehr tie­fen Stim­me.
– Im Wald hin­ter der Schu­le, gleich nach dem Unter­richt. Er wür­de dort auf sie war­ten.
In Elkes Träu­men war der Wald noch nie vor­ge­kom­men, und sei­ne Stim­me war auch eine ande­re, hel­le­re, und doch freu­te sich Elke auf den Wald und auf den Jun­gen mit sei­nen schö­nen Hän­den, Kna­ben­hän­den, von denen sie schon so viel geträumt hat­te.

Der Jun­ge stand dort im Wald, ange­lehnt an einen Baum mit über­kreuz­ten Bei­nen. Sie sol­le sich aus­zie­hen, sag­te er, als er Elke kom­men sah. Jetzt flüs­ter­te er nicht mehr, sei­ne Stim­me war laut und noch tie­fer als im Pau­sen­hof. Er wirk­te ner­vös, und Elke fühl­te sich plötz­lich unwohl. War­um flüs­ter­te er nicht wie in ihren Träu­men, und war­um sag­te er ihr kei­ne schö­nen Din­ge, dass er sie lieb­te und sie hei­ra­ten möch­te zum Bei­spiel, so wie es die Prin­zen in den Mär­chen immer taten. Elke über­leg­te, ob sie davon­lau­fen soll­te. Was, wenn er sie küs­sen woll­te? An das hat­te sie gar nicht gedacht. Er durf­te sie nicht küs­sen, das muss­te sie ihm ja auch noch sagen, denn sie woll­te kei­ne Bart­haa­re in ihrem Gesicht. Der Wald war Elke unheim­lich, und sie kam sich dar­in wie ein klei­nes gehetz­tes Tier vor, wie ein klei­ner Hase, der vom Fuchs gejagt wur­de. Sie schau­te an dem Jun­gen vor­bei auf die Bäu­me, die sie zu erdrü­cken schie­nen. Erst jetzt bemerk­te sie die ande­re Gestalt hin­term Gebüsch, einen Mann, groß und alt, mit einem Bart im Gesicht.

Der geschän­de­te Leich­nam des jun­gen Mäd­chens wur­de erst viel spä­ter von einem Poli­zei­hund unter einem Rei­sig­hau­fen gefun­den. Die Poli­zei rief die Bevöl­ke­rung zur Mit­hil­fe auf. Alle Infor­ma­tio­nen zu die­sem Mord­fall wur­den ver­trau­lich unter der Not­ruf­num­mer oder direkt bei der Poli­zei behan­delt. Die Ermitt­lun­gen blie­ben jedoch erfolg­los. Irgend­wann wur­de der Mord­fall als unauf­ge­klärt zu den Akten gelegt.

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Andrea Drumbl, gebo­ren in Lienz/Osttirol, auf­ge­wach­sen in Kärn­ten, seit 2013 mit ihrem Mann und ihren bei­den gemein­sa­men Kin­dern in Linz/Oberösterreich. Ver­schie­de­ne Aus­zeich­nun­gen und Lite­ra­tur­sti­pen­di­en, dar­un­ter: Kärnt­ner Lyrik­preis 2010, Kunst­för­der­sti­pen­di­um der Stadt Linz 2017, Pro­jekt­sti­pen­di­um für Lite­ra­tur 2018/19, Theo­dor-Kör­ner-Preis 2019. Stu­di­um der Deut­schen Phi­lo­lo­gie und der Ver­glei­chen­den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Wien mit Abschluss als Mag. phil. Regel­mä­ßi­ge Ver­öf­fent­li­chun­gen in Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien sowie in Ö1. Roma­ne, Edi­ti­on Ate­lier: Die Vogel­frei­heit unter einer zwei­ten Son­ne, weil die ers­te scheint zu schön (2013), Nar­ziss und Nar­zis­se (2014), Die Ein­ver­leib­ten (2015).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 16. Novem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 26. Nov. 2021