Zornige Zwischenrufe in Zeiten des Z

Von Vla­di­mir Vert­lib. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 66
Vladimir Vertlib

Vla­di­mir Vert­lib

„Wer hat euch denn erlaubt, bes­ser zu leben als wir.“
Ein Graf­fi­to an einer Wand in But­scha, das die rus­si­schen Trup­pen dort hin­ter­las­sen haben. Bis Anfang Mai wur­den nörd­lich von Kiew die Lei­chen von etwa 1200 ermor­de­ten Zivi­lis­tin­nen und Zivi­lis­ten gefun­den.

„Sie sind doch noch so jung – rich­ti­ge Kin­der; sie albern ja nur her­um!“
Eine Frau aus Nowo­kus­netsk (Sibi­ri­en) über die rus­si­schen Sol­da­ten in der Ukrai­ne.

1.) Müt­ter­chen Russ­land lebt im Inter­net

Offen­bar gibt es sie doch: Men­schen in der Ukrai­ne, die in den rus­si­schen Erobe­rern Befrei­er sehen. Aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den sind das nur sehr weni­ge, und wenn sie ihre Hal­tung zur Schau stel­len, schwin­gen sie die fal­schen Fah­nen. Bekannt ist vor allem die Geschich­te jener alten Frau aus einem Dorf im Don­bass, die in den ers­ten Tagen des Krie­ges eine sowje­ti­sche Fah­ne schwin­gend aus ihrem Haus kam und freu­dig einer Grup­pe von Sol­da­ten ent­ge­gen­ging, die sie für Rus­sen hielt. Die Sol­da­ten waren jedoch Ukrai­ner. Einer von ihnen war es offen­bar auch, der die nach­fol­gen­de Sze­ne gefilmt und das bald berühmt gewor­de­ne Video pro­du­ziert hat.

Die Sol­da­ten gehen auf die alte Frau zu, ohne das Miss­ver­ständ­nis auf­zu­klä­ren. Sie rei­chen ihr eine Tüte mit Lebens­mit­teln und neh­men ihr die rote Fah­ne mit Ham­mer und Sichel aus der Hand. „Ihr braucht die Lebens­mit­tel sicher mehr als ich“, sagt die Frau. „Aber nein, neh­men Sie, neh­men Sie bit­te!“, insis­tie­ren die Sol­da­ten und grin­sen. Einer von ihnen wirft die Fah­ne auf den Boden und tram­pelt dar­auf her­um. „Ruhm der Ukrai­ne!“, rufen die Sol­da­ten. „Ruhm den Hel­den!“ Die alte Frau schüt­telt den Kopf und gibt den Sol­da­ten die Lebens­mit­tel zurück. „Für die­se Fah­ne hat mein Vater gegen die Faschis­ten gekämpft, für euch, für mich, für uns alle! Und ihr tram­pelt dar­auf her­um. Ich brau­che eure Lebens­mit­tel nicht“, ver­kün­det sie stolz und geht.

In Russ­land wird die alte Frau aus dem Don­bass inzwi­schen als Hel­din gefei­ert. In Putin-treu­en, natio­na­lis­ti­schen Krei­sen wer­den ihr Denk­mä­ler auf­ge­stellt, Lie­der für sie kom­po­niert, Gedich­te über sie geschrie­ben. Was mit ihr nach dem geschil­der­ten Vor­fall pas­siert ist, weiß man aller­dings nicht. Zudem ist es durch­aus nahe lie­gend, dass es sich bei dem Video um ein Fake han­delt, weil es sich zu offen­sicht­lich und zu schön in das Nar­ra­tiv des Putin-Regimes von einer „mili­tä­ri­schen Son­der­ope­ra­ti­on“ gegen die Nazis, die als Fort­set­zung des Gro­ßen Vater­län­di­schen Krie­ges gese­hen wer­den kann, ein­fügt. Doch letzt­lich spielt es eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le, ob das Gan­ze ein Fake ist oder ein rea­les Ereig­nis dar­stellt. Ent­schei­dend ist, dass die Men­schen, die die Geschich­te glau­ben wol­len, sie in jedem Fall glau­ben, und das sind vie­le. Es ist auch kei­nes­falls aus­ge­schlos­sen, dass sich der Vor­fall tat­säch­lich ereig­net hat oder ereig­nen hät­te kön­nen. Zwei­fel­los gibt es in der Ukrai­ne Sowjet­nost­al­gi­ker mit star­ker Affi­ni­tät zu Russ­land. Sie haben sogar eige­ne poli­ti­sche Par­tei­en, sind aber nur eine klei­ne Min­der­heit, die seit Putins Anne­xi­on der Krim und dem Beginn des Krie­ges im Don­bass 2014 immer schwä­cher wird. Heu­te ist die Bevöl­ke­rung der über­wie­gend rus­sisch­spra­chi­gen Gebie­te rund um Mariu­pol, Meli­to­pol, Cher­son oder Odes­sa fast ohne Aus­nah­me pro-ukrai­nisch ein­ge­stellt. In Putins auto­ri­tä­rem, zuneh­mend faschis­ti­schem Impe­ri­um oder sei­nen volks­re­pu­bli­ka­ni­schen Mario­net­ten­staa­ten möch­te in der Ukrai­ne kaum jemand leben. Bezeich­nen­der­wei­se war es die sowje­ti­sche Fah­ne und nicht die rus­si­sche Tri­ko­lo­re, mit der die alte Frau den Sol­da­ten ent­ge­gen­ging. Dass sie dafür in Russ­land zur Hel­din sti­li­siert wird, ist genau­so aber­wit­zig und hybrid wie die gan­ze Pro­pa­gan­da und Ideo­lo­gie hin­ter die­sem Krieg. In sei­ner mar­tia­li­schen Rede zu Kriegs­be­ginn hat­te Putin nicht nur eine „Den­a­zi­fi­zie­rung“ der Ukrai­ne ange­kün­digt, son­dern auch eine end­gül­ti­ge Säu­be­rung die­ses Lan­des vom kom­mu­nis­ti­schen Erbe. Putin wird zwar von vie­len als Sowjet­nost­al­gi­ker gese­hen, was er zwei­fel­los auch ist, er will aber kei­nes­wegs den kom­mu­nis­ti­schen Staat wie­der­her­stel­len. Wer der Sowjet­uni­on nicht nach­traue­re, habe kein Herz, ver­kün­de­te er vor eini­ger Zeit. Wer sie sich zurück­wün­sche oder wie­der­her­stel­len wol­le, habe jedoch kei­nen Ver­stand. Die­se Aus­sa­ge ist nicht ganz ohne Wider­sprü­che, die dar­in ent­hal­te­ne Ambi­va­lenz ist jedoch durch­aus typisch für das Putin-Regime. Es hat kei­ne kla­re Ideo­lo­gie, son­dern nur Facet­ten der­sel­ben, die oft­mals in Wider­spruch zuein­an­der ste­hen, ja man könn­te es als – ana­log zum Begriff „post­mo­dern“ – als „post­ideo­lo­gisch“ bezeich­nen. Putin trau­ert der Sowjet­uni­on und der eins­ti­gen Grö­ße, Macht und Bedeu­tung die­ses Impe­ri­ums nach, aber er hasst Lenin und bewun­dert statt­des­sen den „wei­ßen“, also kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Gene­ral Anton Deni­kin (1872–1947), der im Bür­ger­krieg gegen die Bol­sche­wi­ken gekämpft hat­te, als „gro­ßen Rus­sen“.

Putins Reich ist impe­ria­lis­tisch, es ist chau­vi­nis­tisch, aber nicht offen ras­sis­tisch. Man spricht zwar von der „rus­si­schen Erde“, der „rus­si­schen Sen­dung“, den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des „rus­si­schen Men­schen“ und davon, dass euro­päi­scher Libe­ra­lis­mus und die euro­päi­sche Vor­stel­lung von Demo­kra­tie nicht zu Russ­land pas­sen, doch ist die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on ein Viel­völ­ker­staat, was nicht geleug­net wird. Im Gegen­teil. Die auto­no­men Repu­bli­ken haben eine weit­rei­chen­de Auto­no­mie (soweit das in einer Dik­ta­tur über­haupt zuläs­sig ist). Die inte­gra­ti­ve Funk­ti­on des Staa­tes wird betont. Ange­hö­ri­ge von Min­der­hei­ten kön­nen durch­aus gro­ße Kar­rie­ren machen, so wie zum Bei­spiel Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Schoi­gu – ein Tuwi­ne. Einen sys­te­ma­ti­schen, staat­li­chen Anti­se­mi­tis­mus wie in der Sowjet­zeit gibt es eben­falls nicht mehr, und sogar der Isla­mis­mus wird in Russ­land tole­riert, solan­ge er an der Peri­phe­rie bleibt und von Per­so­nen pro­pa­giert und umge­setzt wird, die loy­al zum herr­schen­den Regime sind. Dass gleich­zei­tig Ukrai­nern die Iden­ti­tät abge­spro­chen wird, dass sie als „Nazis“ dif­fa­miert und „entukrai­ni­siert“ wer­den sol­len, dass stän­dig von der Grö­ße des rus­si­schen Wesens gefa­selt wird und Außen­mi­nis­ter Law­row öffent­lich behaup­tet, die größ­ten Anti­se­mi­ten sei­en selbst Juden gewe­sen, ja Hit­ler selbst jüdi­sche Wur­zeln gehabt habe, steht dazu im Wider­spruch, was für die Anhän­ger des Regimes aber nicht wei­ter schlimm ist. Die Bevöl­ke­rung im post­so­wje­ti­schen Raum hat seit meh­re­ren Gene­ra­tio­nen gelernt, mit Wider­sprü­chen zu leben. Die­se stö­ren nicht, solan­ge der Wohl­fühl­fak­tor hoch ist. Und die­ser ist für die typi­schen Kon­su­men­ten staat­li­cher Fern­seh- und Inter­net­ka­nä­le immer hoch. Dort näm­lich wird jeder noch so arm­se­li­gen und geschei­ter­ten Alko­ho­li­ker­exis­tenz (und derer gibt es vie­le) im tiefs­ten Hin­ter­land des Rie­sen­rei­ches ver­mit­telt, als Bestand­teil des größ­ten Lan­des der Welt, wel­ches den Rest der­sel­ben in ato­ma­re Asche ver­wan­deln kann, etwas Beson­de­res zu sein. Sogar in der Aus­nüch­te­rungs­zel­le des Poli­zei­re­viers einer sibi­ri­schen Arbei­ter­sied­lung, deren ein­zi­ge Fabrik längst zur Rui­ne ver­fal­len und die Wohn­blö­cke nicht ein­mal mehr die Bezeich­nung „Drecks­lö­cher“ ver­die­nen, fühlt der regel­mä­ßi­ge Medi­en­kon­su­ment sei­ne inne­re und äuße­re Grö­ße. Das Deli­ri­um tre­mens ist die eine Sache, der Stolz dar­auf, Rus­se zu sein, eine ande­re. Man ist ein Nie­mand und weiß es auch, ins­ge­heim hasst man die Obrig­keit, die Olig­ar­chen, die Büro­kra­tie, eigent­lich alle „da oben“, das eige­ne beschis­se­ne Leben, das von Anfang bar jeg­li­cher Per­spek­ti­ven war, und doch ist man natür­lich „für Putin“, hat ihn gewählt und wird es immer wie­der tun.

Was bleibt einem da noch übrig, als die über­heb­li­chen Mist­ker­le über den Hau­fen zu schie­ßen, alles zu rau­ben, und sei es nur eine Brat­pfan­ne oder ein altes Drei­rad für Kin­der, und den Rest nie­der­zu­bren­nen. Schließ­lich hat man ja auch Gefüh­le …

Die „muti­ge, ehren­wer­te Grei­sin“ aus der Ost­ukrai­ne ist die Ver­kör­pe­rung und der Kata­ly­sa­tor all die­ser wider­sprüch­li­chen Gefüh­le. Sie ist „Müt­ter­chen Russ­land“, die Sie­ge­rin, das natio­na­le Gewis­sen und die ewi­ge Mah­nung, die rühr­se­li­ge Nost­al­gie und Erin­ne­rung an eine bes­se­re Zeit, die es nie­mals gege­ben hat­te, vor allem aber an das Ein­zi­ge, was man his­to­risch in den letz­ten hun­dert Jah­ren zwei­fels­frei vor­wei­sen und wor­auf man wirk­lich stolz sein kann: Den Sieg im „Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg“! Genau die­sen Krieg, viel mehr noch als den eigent­li­chen Krieg gegen die Ukrai­ne oder die NATO, spielt man heu­te, im Jah­re 2022 nach. Das sei man den eige­nen Groß­el­tern und Urgroß­el­tern schul­dig, heißt es, und träumt ins­ge­heim davon, ein­mal im Leben kei­ne mar­gi­na­le Exis­tenz, son­dern ein Held und ein Sie­ger zu sein in einem gerech­ten Kampf für eine bes­se­re Welt! Dafür lohnt es sich, ein Bru­der­volk zu Nazis zu erklä­ren, ein paar Städ­te aus­zu­ra­die­ren und Zehn­tau­sen­de Men­schen zu ermor­den. Beson­ders dann, wenn das Bru­der­volk es wagt, frech auf­zu­be­geh­ren, Frei­heit nicht nur ein­zu­for­dern, son­dern hin und wie­der sogar frei zu leben und einen beschei­de­nen Wohl­stand zur Schau zu stel­len, den man selbst als stol­zer Rus­se im größ­ten und wun­der­bars­ten Land der Welt nicht hat. Was bleibt einem da noch übrig, als die über­heb­li­chen Mist­ker­le über den Hau­fen zu schie­ßen, alles zu rau­ben, und sei es nur eine Brat­pfan­ne oder ein altes Drei­rad für Kin­der, und den Rest nie­der­zu­bren­nen. Schließ­lich hat man ja auch Gefüh­le …

Schon im Schul­hof hat­te man Krieg gespielt – Sowjets gegen Nazis, Gut gegen Böse, Sie­ger gegen Ver­lie­rer. Nun spielt man wei­ter, statt mit Schnee­bäl­len aller­dings mit Hand­gra­na­ten und Rake­ten. Hier­in sind sich alle einig, hier ent­steht eine Ver­bin­dung von ganz oben bis ganz unten. Der Prä­si­dent und der Sand­ler sind sich einig und haben letzt­lich den­sel­ben Wunsch: die Nazis noch ein­mal besie­gen, das Impe­ri­um wie­der­her­stel­len, den Wes­ten und die NATO zu demü­ti­gen, mehr zu sein als man ist. Also ist es nahe lie­gend, dass all das, was wir heu­te erle­ben, irgend­wann pas­sie­ren muss­te.

Die mili­tä­ri­sche Füh­rung beschwert sich, dass das Regime den Krieg in der Ukrai­ne nicht hart und kon­se­quent genug führt. Wenn schon „Zwei­ter Welt­krieg 2.0“, der in einen Drit­ten Welt­krieg über­ge­hen könn­te, dann rich­tig! Es scheint, als ob Putin die­sen For­de­run­gen nach­ge­ben und die Eska­la­ti­ons­spi­ra­le wei­ter dre­hen möch­te. Im staat­li­chen Fern­se­hen spie­len wäh­rend­des­sen selbst­er­nann­te Exper­ten diver­se Vari­an­ten eines Atom­krie­ges durch, so als hand­le es sich um mög­li­che Stra­te­gien und Tak­ti­ken für ein Fuß­ball-WM-End­spiel.

Fak­tum ist jeden­falls, dass Putin und sei­ne engs­ten Getreu­en Sowjet­men­schen sind, und dies in einem Aus­maß, einer see­li­schen Durch­drin­gung und der dar­aus fol­gen­den see­li­schen und geis­ti­gen Zer­set­zung, wie es kei­ne Füh­rungs­schicht vor ihnen gewe­sen war, und das nicht ein­mal in der Sowjet­zeit selbst. Die Füh­rungs­schich­ten frü­he­rer Zei­ten, und zwar alle von der Zeit nach Sta­lin bis zu Jel­zin und sei­ner Entou­ra­ge, hat­ten meist sowohl den Schock des Zwei­ten Welt­krie­ges selbst erlebt als auch noch enge Kon­tak­te zu Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen gehabt, die vor der Sowjet­zeit oder in deren kul­tu­rell rela­tiv offe­nen, ideo­lo­gi­schen Auf­bruchs­zeit der 1920er Jah­re sozia­li­siert gewe­sen waren. Die dar­aus resul­tie­ren­den inne­ren Erschüt­te­run­gen und bewusst erleb­ten Ambi­va­len­zen hat­ten die psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung, dass die Gro­ßen und Mäch­ti­gen jener Zeit im Zwei­fels­fall durch­ge­rüt­telt und gebremst wur­den, wenn sie ein­mal drauf und dran waren, die gan­ze Welt mit einem Fuß­ball zu ver­wech­seln. Chruscht­schow gab 1962 nach und begann kei­nen Atom­krieg; sein Nach­fol­ger Putin hat jetzt schon höher gepo­kert, als es sich Chruscht­schow jemals hät­te träu­men las­sen.

Putin und sei­ne Gefolgs­leu­te hin­ge­gen sind Kin­der der 1950er bis 1980er Jah­re, geprägt in einer Zeit des Nie­der­gangs, des mora­li­schen Ver­falls, des Zynis­mus und der per­ma­nen­ten Heu­che­lei. Sogar wenn sie Grund­sät­ze, gesell­schaft­li­che Plä­ne und Zie­le haben, ist ihr Glau­be an das Gute im Men­schen nur schwach aus­ge­prägt. Ver­trau­en ist sowie­so ein Fremd­wort. Wenn man stän­dig lügt und betrügt, das­sel­be aber – einem bestimm­ten Mus­ter fol­gend – die gesell­schaft­lich akzep­tier­te Spiel­re­gel ist, kann man sich in einer sol­chen Welt ganz gut ein­rich­ten. Putin liebt die Sowjet­uni­on, ver­ach­tet aber den Kom­mu­nis­mus. (Doch, doch, das geht, hat aber sei­nen Preis!) Der rus­si­sche Schrift­stel­ler, Dis­si­dent und Logi­ker Alex­an­der Sino­wjew (1922–2006) beschrieb schon im Jah­re 1982 in sei­nem berühm­ten Buch Homo Sovie­ti­cus die­sen Men­schen­schlag sehr ein­dring­lich. „Sei mit nie­man­dem befreun­det“, heißt es dort. „Dein bes­ter Freund könn­te dich ver­ra­ten. Lie­be nicht! Je rei­ner dei­ne Lie­be, des­to grö­ßer die Ent­täu­schung. Ver­traue nie­man­dem! Je mehr du jeman­dem ver­traust, umso zyni­scher wirst du belo­gen. Ler­ne zu ver­lie­ren! Je mehr du ver­lierst, umso leich­ter gehst du in den Tod. Denk nicht an dei­ne Nach­kom­men! Dei­nen Nach­kom­men ist dein Schick­sal egal. Sogar unse­re bes­ten Absich­ten wer­den die Nach­kom­men als Zwang aus­le­gen und unse­re bes­ten Errun­gen­schaf­ten für dumm und talent­los hal­ten. Aber, wenn du erkennst, dass der Tod gerecht ist, sei bereit, mit Fan­fa­ren­klän­gen unter­zu­ge­hen. Sag es auf Rus­sisch: ‚Wenn schon unter­ge­hen, dann mit Musik.‘ Und kämp­fe trotz­dem um dein Leben, bit­te nicht, bett­le nicht, kämp­fe.“

Den Kampf haben die heu­ti­gen Macht­ha­ber in Russ­land längst zu einem pseu­do­re­li­giö­sen Dog­ma erho­ben, wobei sie natür­lich in ers­ter Linie ande­re für sich ster­ben las­sen. Und die Musik? Die spielt in einer Laut­stär­ke auf wie nie zuvor – bar jeg­li­cher Har­mo­nie, all­ge­gen­wär­tig.

2.) Zicke­za­cke

Der letz­te Buch­sta­be des latei­ni­schen Alpha­bets weckt bei Men­schen in unse­rem Kul­tur­kreis unzäh­li­ge Asso­zia­tio­nen, aller­dings sel­ten posi­ti­ve. „Z“ – das ist zwar die zir­pen­de Gril­le, aber auch die zischen­de Schlan­ge, das Sum­men der Flie­ge, der unan­ge­neh­me, bedroh­li­che, schnei­den­de Laut, der die Ohren sau­sen und das Blut sto­cken lässt. Es ist das Heu­len der deut­schen Tief­flie­ger im Zwei­ten Welt­krieg und das Zischen der Kugel, die an einem vor­bei­fliegt. „Z“ ist das empör­te „Ts, ts, ts“ beim Kopf­schüt­teln, das Letz­te, das Ende aller Din­ge, die Sack­gas­se. Es ist ein hal­bes Haken­kreuz, eine Schlan­ge mit Hang zu kla­ren geo­me­tri­schen For­men und ein glei­cher­ma­ßen bedroh­li­ches „Zack!“. „Z“ steht für „Zom­bies“, für „Zusam­men­bruch“ und „Zer­stö­rung“, für ein gegröl­tes, bier­schwan­ge­res „Zicke­za­cke!“ oder das rus­si­sche „Zyz!“, was man unge­fähr mit „Kusch!“ über­set­zen kann. Im Rus­si­schen wird es aller­dings wie ein stimm­haf­tes „S“ aus­ge­spro­chen – der Anfangs­buch­sta­be des Wor­tes „Za“, was „für“ oder „dafür“ heißt und natür­lich nicht mit dem latei­ni­schen „Z“, son­dern dem Rus­si­schen „З“ geschrie­ben wird. „Za Rodinu! Za Ros­si­ju! Za Puti­na!“ Für die Hei­mat! Für Russ­land! Für Putin! Das ist im heu­ti­gen Russ­land an vie­len Wän­den, auf Pla­ka­ten und Bild­schir­men zu lesen – geschrie­ben mit einem „Z“, statt eines zyril­li­schen „З“. Kin­der­gar­ten­kin­der stel­len sich im Hof auf und bil­den dabei ein Z aus vie­len klei­nen Kör­pern. Das ist wider­wär­tig und erbärm­lich zugleich.

Die ukrai­ni­schen Medi­en ver­glei­chen Putin ger­ne mit Hit­ler. Sie schrei­ben sei­nen Namen durch­ge­hend mit Klein­buch­sta­ben – putin – und bezeich­nen Rus­sen als „Raschis­ten“ – eine Ver­knüp­fung des eng­li­schen Aus­drucks „Rus­sia“ und des Wor­tes „Faschis­ten“. Was den Nazis die Juden waren, sei­en den „Raschis­ten“ heu­te die Ukrai­ner, heißt es. Der Ver­gleich zwi­schen dem heu­ti­gen Russ­land und Nazi-Deutsch­land ist – trotz aller Unter­schie­de – nicht ganz falsch, ein Unter­schied aller­dings ist fun­da­men­tal und zeigt, dass man his­to­ri­sche Ereig­nis­se, die acht­zig Jah­re aus­ein­an­der lie­gen, letzt­lich doch nie­mals stim­mig mit­ein­an­der ver­glei­chen kann. Die Men­schen von heu­te haben einen viel bes­se­ren Zugang zu Infor­ma­ti­on als vor acht­zig Jah­ren, und eine intel­lek­tu­el­le, gar nicht so klei­ne Min­der­heit – die Zivil­ge­sell­schaft – ver­steht es nicht nur, das Inter­net gezielt zu nut­zen, son­dern besitzt auch eine kla­re huma­nis­ti­sche Hal­tung, die es frü­her in die­ser Form noch nicht oder nur bei sehr weni­gen gege­ben hat­te. Vie­le Men­schen besit­zen außer­dem so viel Selbst­re­fle­xi­on und Empa­thie, dass sie über das Vor­ge­hen des Putin-Regimes in der Ukrai­ne der­art ent­setzt und ange­ekelt sind, wie es im Deutsch­land des Jah­res 1939 wohl kaum jemand gewe­sen war. Für die­se Men­schen spielt es eine wesent­li­che Rol­le, dass sie die Geschich­te des Zwei­ten Welt­krie­ges ken­nen und die­se gera­de des­halb nicht wie­der­ho­len wol­len. Was für die einen Ansporn zu ver­meint­li­chem Hel­den­tum dar­stellt, ist für ande­re das genaue Gegen­teil.

Letzt­lich hat Putin mit die­sem Krieg auf der gan­zen Linie ohne­hin das Gegen­teil von dem bewirkt, was er eigent­lich inten­diert hat­te. Er hat nicht nur inten­siv zu einer Stär­kung der ukrai­ni­schen Iden­ti­tät bei­getra­gen, die­sem Land ein neu­es Nar­ra­tiv und ein Hel­den­epos „geschenkt“ und somit bewirkt, dass sich nun fast alle Men­schen des Ostens und des Südens als Ukrai­ner füh­len, was vor zehn Jah­ren gewiss noch nicht der Fall war. Sei­ne Poli­tik hat auch im eige­nen Land zu einer Ernüch­te­rung geführt, die Spreu vom Wei­zen getrennt, sodass die Men­schen nun Far­be beken­nen müs­sen, und die – zuge­ge­be­ner­ma­ßen zah­len­mä­ßig rela­tiv klei­ne – Oppo­si­ti­on radi­ka­li­siert, gestärkt sowie in ihrer Ableh­nung des Regimes zu einem mono­li­thi­schen Block ver­eint hat. Das macht ein wenig Hoff­nung für die Zukunft in die­sen trau­ri­gen Zei­ten. Die Oppo­si­ti­on ist in der Min­der­heit, doch inzwi­schen wider­stän­dig genug, um nicht ein­fach durch Ein­schüch­te­rung, Ver­bo­te oder phy­si­sche Ver­nich­tung aus der Welt geschafft zu wer­den. So pas­siv, unin­for­miert und duld­sam wie zu Sta­lins Zei­ten ist das Volk nicht mehr; eine Min­der­heit, die in der Mas­se grö­ßer ist als nur ein klei­nes Häuf­chen, ist inter­na­tio­nal ver­netzt, welt­of­fen und bereit, auf­zu­be­geh­ren, wenn die Umstän­de es zulas­sen. Außer­dem merkt man deut­lich, dass die Macht­ha­ber Angst vor dem eige­nen Volk haben, wes­we­gen die Repres­sio­nen im Ver­gleich zu den mar­tia­li­schen Ankün­di­gun­gen, Ver­bo­ten und Dro­hun­gen in den meis­ten Fäl­len rela­tiv mil­de blei­ben. Noch gehen die rus­si­sche Poli­zei und Geheim­diens­te nicht wie die Gesta­po oder der NKWD vor – Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel. Wer gegen den Krieg demons­triert, kommt für eini­ge Tage ins Gefäng­nis, aber (noch) nicht für fünf­zehn Jah­re in ein Straf­la­ger. Man lässt ein­zel­ne unlieb­sa­me Geg­ner ermor­den, aber (noch?) exe­ku­tiert man ech­te und ver­meint­li­che Fein­de nicht mas­sen­wei­se in irgend­wel­chen Kel­lern. Das tut man „nur“ in den besetz­ten Gebie­ten der Ukrai­ne. Es gibt sogar Nischen für Sati­re und kri­ti­sche Bericht­erstat­tung – vor allem im Inter­net, wo Sper­ren und Blo­ckie­run­gen rela­tiv leicht umgan­gen wer­den kön­nen. Nein, frei atmen kann man in die­sem Land nicht mehr, aber man erstickt noch nicht ganz, auch wenn einem ob der Nie­der­tracht, des Elends und des Wahn­sinns, von dem man umge­ben wird, stän­dig schwind­lig wird.

3.) 9. Mai 2022: „Tag des Sie­ges“

Eines ist sicher: Putin wird die­sen Krieg ver­lie­ren. Sogar wenn sei­ne Armee mili­tä­ri­sche Erfol­ge errin­gen soll­te, wer­den die Fol­gen für Russ­land und das Regime der­art hor­rend sein, dass es frü­her oder spä­ter dar­an zer­bre­chen wird. Wäh­rend ich dies schrei­be, wird aller­dings groß­spu­rig und betont selbst­si­cher der „Tag des Sie­ges“ über Nazi-Deutsch­land vor 77 Jah­ren gefei­ert. In den letz­ten Wochen kur­sier­ten zahl­rei­che Gerüch­te dar­über, was Putin wohl an die­sem Tag ver­kün­den oder tun wer­de. Nichts davon ist ein­ge­tre­ten. Weder wur­de offi­zi­ell der Krieg erklärt noch die Gene­ral­mo­bil­ma­chung ver­kün­det. Das jedoch hat in einer Dik­ta­tur wie jener in Russ­land eine viel gerin­ge­re Bedeu­tung, als man mei­nen könn­te. Der Krieg ist ohne­hin seit zwei­ein­halb Mona­ten im Gan­ge, und Wehr­pflich­ti­ge müs­sen gele­gent­lich jetzt schon in den Kampf zie­hen, wenn auch nicht offi­zi­ell. Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Selen­skyj pro­phe­zeit wäh­rend­des­sen einen Sieg der Ukrai­ne. Was bleibt ihm ande­res übrig? Die Ukrai­ne kann in die­sem Krieg nur sie­gen oder unter­ge­hen.

Bezeich­nen­der­wei­se wur­de der 9. Mai in der Sowjet­uni­on erst im Jah­re 1965 als Fei­er­tag ein­ge­führt. Das Trau­ma eines Krie­ges bewäl­tigt man nicht durch Jubel­stim­mung und Mili­tär­pa­ra­den. Ob es nach die­sem Krieg noch Sie­ges­pa­ra­den geben wird oder nur mehr Gedenk­ta­ge, weil Krie­ge letzt­lich alle zu Ver­lie­rern machen? Es ist zu befürch­ten, dass die Men­schen nie­mals klü­ger wer­den.

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Vla­di­mir Vert­lib wur­de 1966 in Lenin­grad (heu­te St. Peters­burg) gebo­ren. 1971 emi­grier­te die Fami­lie nach Isra­el, dann nach Öster­reich, Ita­li­en, Hol­land und die USA, bevor sie sich 1981 end­gül­tig in Öster­reich nie­der­ließ. Er stu­dier­te Volks­wirt­schafts­leh­re und lebt seit 1993 als Schrift­stel­ler in Salz­burg und Wien. Sein Werk umfasst Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Essays, ein Thea­ter­stück sowie zahl­rei­che Arti­kel. 2001 erhielt er den Adel­bert von Cha­mis­so-För­der­preis sowie den Anton Wild­gans Preis. Vert­lib schrieb u.a. die Roma­ne Zwi­schen­sta­tio­nen, Das beson­de­re Gedächt­nis der Rosa Masur, Schi­mons Schwei­gen und Lucia Binar und die rus­si­sche See­le, der 2015 auf der Long­list zum Deut­schen Buch­preis stand. 2022 erschien sein Roman Zebra im Krieg im Resi­denz Ver­lag. Er ist Mit­her­aus­ge­ber von Zwi­schen­welt. Zeit­schrift für Kul­tur des Exils und des Wider­stands.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 20. Mai 2022

Zuletzt geän­dert: 20. Mai 2022