Nur zwei alte Männer

Tho­mas Saut­ner. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 70
Thomas Sautner © Birgit Edlhofer

Tho­mas Saut­ner. Foto: Bir­git Edl­ho­fer

Die Erde stürz­te um die Son­ne, Dunk­les ums Licht, als Joseph Was­ser­stein ein Gefühl von End­zeit­lich­keit ergriff. Einst war er berühmt gewe­sen, einst Foto­graf. Und was war er nun? Alt. 83. Er saß im Gar­ten sei­ner Wie­ner Vil­la und fluch­te lei­se. Ger­ne hät­te er laut, rich­tig laut geflucht.
Die Erde indes schoss mit Höl­len­tem­po vor­wärts. Ein tor­keln­des Sechs-Tril­li­ar­den-Ton­nen-Ei, das wie zum Zeit­ver­treib zen­tri­fu­gal im Kreis gejagt wur­de, hän­gend an nichts als am Gra­vi­ta­ti­ons­fa­den eines Sterns. Ein unge­heu­er­li­cher Zau­ber­trick war das, eine toll­küh­ne Zir­kus­num­mer Got­tes. Zu lan­ge vor­ge­führt frei­lich, um noch als Wun­der zu gel­ten. Nie­mand ver­lang­te jubelnd nach einer Zuga­be.
„Es reicht“, sag­te Joseph Was­ser­stein laut. „Es reicht, alter Mann.“
Sprach er zu sich? Oder pöbel­te er gegen den All­mäch­ti­gen? „Ja, alter Mann, es reicht!“

Früh­lings­schnee. Plötz­lich kam er wie Thea­ter­wat­te vom Him­mel.
„Trotz­dem“, sag­te Was­ser­stein. „Trotz­dem reicht es.“
Er trug ein schwar­zes Hemd wie immer. Das hat­te er sich aus sei­ner foto­gra­fi­schen Zeit bei­be­hal­ten, als er im Schwarz der Klei­dung aus dem Licht ver­schwand.
Schnee­flo­cken lan­de­ten auf sei­nen Hemds­är­meln. Welch schö­ne Unmög­lich­keit, Schnee­flo­cken im Juni; zwei, drei, vier sicker­ten ein. Fünf, sechs, sie­ben Schnee­flo­cken lan­de­ten auch auf Joseph Was­ser­steins geäder­ten, fal­ten­ge­zeich­ne­ten Hand­rü­cken. Acht, neun, zehn. Und in sei­nem lan­gen, nach hin­ten gestri­che­nen, wei­ßen Haar.

Hakim Elve­din schnipp­te mit den Fin­gern, wir­bel­te sin­gend um sich selbst und wie selbst­ver­ständ­lich ging dabei kein Tröpf­chen sei­nes bis zum Gold­rand gefüll­ten Mok­kas ver­lo­ren.
„Habi­bi, es schneit!“, rief er mit hel­ler Stim­me und auf­ge­ris­se­nen Augen, als woll­te er sei­ne drei Kat­zen anste­cken mit der guten Lau­ne. Ata­r­axia, die Wei­ße, blin­zel­te; Apo­nia, die Schwar­ze, zuck­te im Schlaf mit dem Ohr; Eudä­mo­nia, die Rote, sah kurz auf.
Hakim Elve­din lehr­te frei­en ori­en­ta­li­schen Tanz. In sei­ne Kur­se kamen zumeist Frau­en und zumeist waren die­se Frau­en um die fünf­zig und auf der Suche nach sich wie alle Men­schen. Hakim war 76. Aber er tanz­te wie ein geschmei­di­ger Vier­zig­jäh­ri­ger. Und im Kopf tanz­te Hakim Elve­din nicht etwa wie ein noch jün­ge­rer, im Kopf tanz­te er wie jemand jen­seits der Zeit.
„Was für ein Geschenk!“, rief Hakim. „Es schneit!“
Er blick­te durch die hohe, aus ver­schie­dens­ten alten Rah­men gezim­mer­te Fens­ter­front sei­nes Häus­chens, sah Joseph Was­ser­stein drü­ben im ande­ren Gar­ten und wink­te. Joseph aber stier­te bloß grim­mig vor sich hin und bekam nichts mit.
Hakim kam die Idee, sich selbst zu per­si­flie­ren – und kom­bi­nier­te sein rhyth­mi­sches Win­ken zum gries­grä­mi­gen Nach­barn mit bauch­tän­ze­ri­schen Bewe­gun­gen. Beim drit­ten Hüft­schwung stell­te er fest, dass jeman­dem zu win­ken – führ­te es zu solch herr­li­cher Blö­de­lei – gar kei­ner Reak­ti­on bedurf­te, alles steck­te in der Idee selbst. Was für eine Wun­der­bar­herr­lich­keit!, dach­te Hakim Elve­din und sei­ne brau­nen Augen schim­mer­ten wie Bern­stein bei Fackel­licht.

„Ser­vus, Nach­bar!“, rief Hakim. „Dan­ke, dass ich dir win­ken durf­te! Du eig­nest dich außer­or­dent­lich gut, um dir zu win­ken. Hast du das gewusst? Dass du ein außer­ge­wöhn­lich gut­an­ge­wun­ken­ge­wor­de­ner Mensch bist?“
Joseph Was­ser­stein hat­te wie so oft kei­ne genaue Vor­stel­lung, was Hakim Elve­din ihm sagen woll­te. Das konn­te nicht dar­an lie­gen, wie Hakim sprach, son­dern muss­te dar­an lie­gen, wie Hakim dach­te, ver­mu­te­te Joseph Was­ser­stein. Sein Nach­bar näm­lich sprach per­fek­tes öster­rei­chi­sches Deutsch und sei­ne Mut­ter­spra­che, das Ara­bi­sche, brach sich bei Hakim nicht als Akzent Bahn, son­dern floss als melo­diö­ser, honig­sü­ßer Sing­sang zuta­ge, samt Wort­kom­bi­na­tio­nen und Satz­pi­rou­et­ten, von denen Joseph Was­ser­stein nie zu sagen wuss­te, ob sie Hakim pas­sier­ten oder er sie kunst­voll ersann.
Mit einer Decke unterm Arm spa­zier­te Hakim durchs Gar­ten­tor, das die bei­den Grund­stü­cke ver­band: Hakims lie­be­voll mit Rosen­bö­gen und Jas­min gestal­te­tes Gärt­lein und Joseph Was­ser­steins grob ver­nach­läs­sig­ten Vil­len­park, in dem das Gras unkraut­um­wu­chert und knie­hoch stand.
Hakim Elve­din, 76, freu­dig federn­den Schritts, prä­sen­tier­te Joseph Was­ser­stein, 83, mür­risch und stock­steif, die gefal­te­te Decke, als läge dar­auf die Königs­kro­ne.
„Es ist Juni“, knurr­te Was­ser­stein. „Im Juni brauch ich kei­ne Decke mehr.“
„Juni hin oder her. Es schneit, Joseph, schau doch nur, wie wun­der­herr­lich­bar es schneit!“ Hakim brei­te­te Joseph die Decke über Rücken und Schul­tern, tän­zel­te um den stei­nern Sit­zen­den, zupf­te mit sei­nen schlan­ken Fin­gern an die­ser und an jener Fal­te und über­prüf­te sein Werk aus wech­seln­den Per­spek­ti­ven, sich hin und her und auf und ab wie­gend wie ein Maît­re Coif­feur um sei­ne Kund­schaft.
„Mir wird ganz schwin­de­lig, wenn du so her­um­turnst“, grum­mel­te Joseph Was­ser­stein – was Hakim zu einer neu­er­li­chen Umrun­dung moti­vier­te.

Hakim Elve­din trug eine Plu­der­ho­se wie aus Tau­send und einer Nacht, dazu ein kara­mell­far­be­nes, rosa geblüm­tes Leib­chen und dar­über eine wald­grü­ne Jop­pe, als stamm­te er nicht aus Damas­kus, son­dern aus den Alpen. Um den Hals lag dem alten Tän­zer ein Schal­tuch, das er unter sei­nem lang­na­si­gen Drui­den-Gesicht zu einem Dop­pel­kno­ten gebun­den hat­te. „Der Schal soll dir wohl was Künst­le­ri­sches geben“, hat­te Joseph Was­ser­stein ein­mal gesti­chelt und Hakim pfif­fig geant­wor­tet: „Künst­le­risch, genau! Und ich kann, weißt du, dahin­ter mei­nen ein ganz klei­nes biss­chen schon schrum­pe­li­gen Schild­krö­ten­hals ver­scha­len.“
Hakims Füße steck­ten – als wäre die übri­ge Klei­dung nicht ein­drucks­voll genug – in regen­bo­gen­far­be­nen Woll­so­cken. Und die steck­ten in Plas­tik-Flip-Flops. So besaß Hakim bei schnel­lem Hin-sehen in jeder San­da­le nur zwei absur­de Woll­ze­hen. Die Socken-Füß­chen des Tän­zers: die einer Kin­der-Comic-Figur.

„Hakim, um Him­mels Wil­len, bit­te hör mit dem Her­um­ge­hop­se um mich auf. Du brauchst mich nicht so zu bemut­tern. Außer­dem tust du, als wäre ich ein alter Kna­cker.“
„Du bist ein alter Kna­cker, mein Lie­ber!“, flö­te­te Hakim.
Joseph Was­ser­stein roll­te die Augen nach oben.

Von den Wol­ken aus bese­hen, die in die­sen Minu­ten über Wien zogen, wirk­ten die bei­den alten Män­ner wie kurio­se Wesen, die in einer son­der­ba­ren Bezie­hung zuein­an­der ste­hen moch­ten. Ihre Gär­ten, der im Okzi­dent lie­gen­de Joseph Was­ser­steins und der Rich­tung Ori­ent wei­sen­de Hakim Elve­dins, waren vom Him­mel aus bese­hen eins, der Zaun zwi­schen den Grund­stü­cken nicht exis­tent. Zen­tral und ein­deu­tig hin­ge­gen der alt­ehr­wür­di­ge Lin­den­baum in der Mit­te des einst unge­trenn­ten, die gesam­te Gegend umfas­sen­den Gar­tens. Ihm schie­nen alle Him­mels­rich­tun­gen gleich lieb, har­mo­nisch grif­fen sei­ne Äste in die Wei­te. Der Umfang des Stamms moch­te drei, vier dop­pel­te Arm­län­gen mes­sen. Ohne es von­ein­an­der zu wis­sen, hat­ten sich Hakim und Joseph, als sie jün­ger gewe­sen waren, an ein und dem­sel­ben Tag mit dem Rücken gegen die­sen Stamm gelehnt – Hakim von der einen, Joseph von der ande­ren Sei­te kom­mend. Bei­de emp­fan­den Dank­bar­keit und ein Gefühl des Ange­kom­men-Seins, als sie nach oben blick­ten ins magne­ti­sche Blau zwi­schen den Zwei­gen, ins aus­trei­ben­de Grün die­ses würde¬vollen, schon damals betag­ten Baums.

„Es ist fast elf“, sag­te Joseph Was­ser­stein. „Früh­schop­pen­zeit. Wenn du heu­te schon so unaus­steh­lich aktiv sein musst, hol uns wenigs­tens zwei Fla­schen Bier aus der Küche.“
„Jetzt schon Bier? Glaubst du, das tut uns gut?“
„Ich bin ein alter Kna­cker, hast du doch gera­de fest­ge­stellt. Soll ich mit dem Bier war­ten, bis ich tot bin?“

„Na also“, sag­te Joseph Was­ser­stein Minu­ten spä­ter.
„Prost“, sag­te Hakim Elve­din.
„Prost“, gab Joseph Was­ser­stein zurück.
Die bei­den alten Män­ner stie­ßen die Bier­fla­schen anein­an­der. Nach ihrem Ritu­al an den Sei­ten der Fla­schen­häl­se, zwei­mal schnell, ein­mal lang­sam. Klack-klack. Klack. Es klang lei­se durch ihre Gär­ten, lei­se über die Lin­de hin­weg, und ein Fünk­chen lei­ser noch über alle Him­mel. Die Erde indes, samt ihnen dar­auf, dreh­te sich unge­bremst mit Über­schall.

Die Leu­te behaup­te­ten, im Alter ver­lau­fe das Leben schnel­ler, Joseph Was­ser­stein aber wuss­te, dass das Schwach­sinn war und Tat­te­rer wie er sich täusch­ten. Bloß von der Schlapp­heit in Kopf und Glie­dern rühr­te der Ein­druck. Bloß weil sie selbst daher­ka­men wie die Schne­cken­post, glaub­ten sie, dass das Leben rund­um immer rascher ablief. Das war alles, ver­dammt aber auch!
Das Span­nends­te zuletzt waren noch sei­ne Träu­me. Joseph träum­te sie in grob­kör­ni­gem Schwarz-Weiß – jenem Stil, in dem er wäh­rend sei­ner bes­ten Zeit foto­gra­fiert hat­te, Auf­nah­men in einem Spek­trum von hells­tem Tag bis dun­kels­ter Nacht und dazwi­schen einer uner­schöpf­li­chen Viel­falt aus Grau. Wie ober­fläch­lich und nur schein­bar Farb­auf­nah­men doch waren. Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien hin­ge­gen führ­ten das Sehen ins Essen­ti­el­le, offen­bar­ten den Kern der Men­schen und der Din­ge. Und nun also träum­te er in Schwarz-Weiß.
Die Frau in sei­nem Traum war sym­pa­thisch gewe­sen, ent­spannt und natür­lich; Typ breit­schult­ri­ge, som­mer­spros­si­ge Was­ser­sport­le­rin. Sie hat­te einen selbst­si­che­ren, freund­li­chen Blick. Mit die­ser Natür­lich­keit kam sie auf ihn zu und befrie­dig­te ihn mit der Hand. In Schwarz-Weiß.
Und was war nun die tie­fe­re Bedeu­tung die­ses Bil­des? Als sich Joseph Was­ser­steins Auf­wüh­lung gelegt hat­te, war die Nach­richt zu erken­nen. Nicht eigent­lich um Sex ging es in die­sem Traum. Son­dern um Barm­her­zig­keit. Um letz­te Gna­de. Dar­um, nur noch dar­um.
„Hakim, wir ken­nen uns doch jetzt schon eine Zeit lang.“
„Vier­zig Jah­re, mein Freund. Vier­zig­mal Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter.“
Joseph Was­ser­stein nick­te trä­ge.
„Weißt du was, Hakim?“, sag­te er schließ­lich.
„Was denn, mein Alter?“
„Mich freut’s nicht mehr.“
„Was freut dich nicht mehr?“
„Das Leben.“
Hakim stemm­te eine Hand in die Hüf­te. „Bist du dep­pert? Das Leben freut dich nicht mehr? Und das sagst du aus­ge­rech­net, wenn wir mit­ein­an­der ein Bier trin­ken?“
„Ja, aber gleich trin­ken wir es nicht mehr. Dann ist das Schö­ne auch schon wie­der vor­bei für den Tag. Dann kommt nichts mehr.“ Joseph Was­ser­stein blick­te in sei­nen ver­wil­der­ten Gar­ten, als blick­te er in eine ver­stö­ren­de Welt. „Hakim, sei­en wir uns ehr­lich, ich hab’ da ein­fach nichts mehr zu suchen.“
„Wenn du nichts mehr zu suchen hast, kannst du trotz­dem was fin­den. Ich zum Bei­spiel fin­de, du könn­test dei­nen ver­schrum­pel­ten Tat­ter­greis­po­po heben und end­lich wie­der ein­mal foto­gra­fie­ren!“
Joseph Was­ser­stein schüt­tel­te den Kopf. „Ich bring kein gutes Bild mehr zusam­men.“
„Oder du machst es wie alle Pen­sio­nis­ten und ziehst dir ober­fläch­lich lus­ti­ge Seri­en rein, sen­ti­men­ta­le Schnul­zen, Soft­por­nos.“
„Hab schon alles gese­hen. Viel zu viel hab’ ich schon gese­hen.“
„Oder …“ Hakim hob erfreut die Augen­brau­en und setz­te sein mit­rei­ßends­tes Drui­den-Gesicht auf. „Oder du suchst dir ein Weib­chen!“
„Ein Weib­chen“, sag­te Joseph Was­ser­stein matt. „Ein Weib­chen“, wie­der­hol­te er, nun ver­ächt­lich gegen sich. „Ich bin schon froh, wenn ich mit mei­ner Pro­sta­ta halb­wegs zurecht­kom­me und mir in der Nacht nicht in die Unter­ho­se mach’. Was soll ich da mit einer Frau?“
„Nicht für Sex, Joseph. Für“ – Hakim Elve­din brei­te­te die Arme aus – „für Liiiii­ie­be!“
„Unsinn.“
„Ich kann für dich suchen. Ein Weib­chen, Joseph. Im Inter­net. Ein lie­bes. Ich kann das, Joseph. Ich mach das für dich. Ich such dir ein Weib­chen!“
„Nein, such mir lie­ber die Num­mer für den Notar raus, ich ver­mach dir mei­ne Bude. Und davor noch die Num­mer einer Sarg­fir­ma. Ich will einen ordent­li­chen Sarg.“
„Ich will dei­ne Vil­la nicht. Viel zu groß. Da musst schon selbst drin­nen blei­ben. Und in einen klei­nen, gemüt­li­chen Sarg kommst du noch früh genug.“
In die­sem Augen­blick brach ein Son­nen­strahl durch die Wol­ken­de­cke. „Schau!“, jubel­te Hakim. „Die Son­ne kommt zu uns! Jetzt beginnt der Som­mer, dar­auf wett ich mit dir um ein Bier. Gera­de fiel noch Schnee und jetzt … der Som­mer, Joseph! Bald schaust du mei­nen Mädels und mir wie­der beim Tan­zen zu, gut? Gut, Joseph?“ Hakim voll­führ­te eine Dre­hung, schwang die Arme komö­di­an­tisch zum Him­mel, stell­te sich in sei­nen woll­be­sock­ten Flip-Flops en poin­te auf die Zehen, als imi­tier­te er eine Bal­le­ri­na, und such­te wäh­rend die­ser Auf­mun­te­rungs­num­mer ver­ge­bens Joseph Was­ser­steins Blick, Joseph Was­ser­steins mit einem Mal trä­nen­feuch­te Augen.
„Du machst das rich­tig, Hakim, mit dei­ner Kas­pe­rei und Tan­ze­rei und so.“ Joseph lächel­te müde. „Genau­so muss man mit dem Leben umge­hen, Hakim, genau­so wie du. Aber mir, weißt du, mir liegt das nicht. Ich sitz nur noch blöd her­um, immer noch in Schwarz ange­zo­gen, als gäb’s ein Werk zu voll­brin­gen und dabei bring ich nicht ein­mal mehr den Wil­len auf, laut zu flu­chen, wie es sich gehö­ren wür­de, auf die gan­ze Schei­ße.“
„Schei­ße sagt man nicht“, ent­geg­ne­te Hakim, beweg­te rügend den Zei­ge­fin­ger vor Josephs Gesicht. „Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal. Das darfst du sagen, Joseph. Ver­suchs ein­mal. Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal! Na komm, ein­mal nur! Ganz laut und wild! Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal!“
„Joseph … komm schon! Ein­mal wenigs­tens sag es! Kreuz!KümmelNoch!Ein!Mal!“
„Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal“, flüs­ter­te Joseph.

Hakim besah ihn. „Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal, bist du ein schlech­ter Ver­flu­cher.“
„Flu­cher.“
„Was?“
„Flu­cher. Man sagt Flu­cher. Nicht Ver­flu­cher.“
„Flu­cher passt für dich nicht. Du bist ein schlech­ter Ver­flu­cher.“
„Kreuz­küm­mel­noch­ein­mal!“, brumm­te Joseph Was­ser­stein.
„Na also“, sag­te Hakim Elve­din.

Die­ser Text ist der Beginn des im Früh­jahr 2023 bei Picus erschei­nen­den Romans „Nur zwei alte Män­ner“.

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Tho­mas Saut­ner, Jg. 1970, ist Schrift­stel­ler und Essay­ist. Er lebt in sei­ner Hei­mat, dem nörd­li­chen Wald­vier­tel, sowie in Wien. Neben zahl­rei­chen Erzäh­lun­gen erschie­nen von ihm u.a. die Roma­ne Fuch­ser­de, Frem­des Land, Die Ältes­te, Das Mäd­chen an der Gren­ze, Groß­mutters Haus und zuletzt Die Erfin­dung der Welt.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 17. Juni 2022

Zuletzt geän­dert: 17. Juni 2022