Keine Gartenlaube

Gedich­te von Syl­via Treudl. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“
Sylvia Treudl © Peter Willensdorfer

Syl­via Treudl. Foto: Peter Wil­lens­dor­fer

 

geheim­nis

letzt­hin
nachts
als es äußerst war
: da hat­te ich besuch
still
grub ein mond­strahl
sei­ne sanf­te schie­ne
in den gar­ten
teich
erde
pflan­zen
matt­sil­bern pati­niert
geborgt aus den
scha­tul­len
voll alten fei­er­tags­be­stecks
das sich lang­weilt
auf edlem samt
: so war das grün
beschla­gen
& dann
viel­leicht
: ein kobold­chen
flitzt sehr
behend
die him­mels­rut­sche run­ter
um arm zer­broch­nes
spiel­zeug
ganz lie­be­voll
zu kit­ten

& nach geta­nem werk
des schau­kel­pferd
ganz­ma­chers
tön­te der huf­schlag einer
däm­me­rung
& eine kam
zu löschen
die lupi­nen

 

besuch der freun­din­nen

in näch­ten
die wir
sorg­fäl­tig jahr­über
auf blaue fla­schen zie­hen
& dann ent­kor­ken als
gold­was­ser der freun­din­nen
erzäh­len wir ein­an­der
fun­keln­des
ein­ge­rahmt von deka­den
him­mels­be­schirmt
: und wenns blit­ze
reg­nen mag oder per­len
in die arme genom­men
von freund­li­chen
nacht­schat­ten
am mor­gen
essen wir para­dei­ser
dann
säu­men wir den tag
mit fin­ger­hut­vor­sicht
& hän­gen uns
pom­pon­dah­li­en­köp­fe
an die ohren
wie
vor­zei­ti­gen christ­baum­schmuck

näch­te
sorg­sam auf
blaue fla­schen gezo­gen
tage
als ein
klang

 

er hat

er hat
stets freund­lich mei­nem
gruß gedankt
er hat
mir den vor­tritt gelas­sen
am wagen der
mobi­len bäcke­rin
am dorf­platz
er hat
beschei­den sei­ne
sem­meln in den korb
gelegt
er hat
immer recht blass gewirkt
er hat
allein gelebt
er hat richard
gehei­ßen
er hat
sei­ne din­ge geord­net
er hat
(so sagen sie)
alles sehr ordent­lich her­ge­rich­tet
im haus
er hat
vis-à-vis gewohnt
er hat
kei­ne kat­ze gehabt
die ver­geb­lich am fens­ter
hät­te krat­zen müs­sen
er hat
tage­lang sei­ne post nicht
aus­ge­ho­ben
er hat
wohl sei­ne grün­de gehabt

er hat­te ein gewehr

 

epi­taph für einen mist­kran

hin­ter der
nach­bars­mau­er
ist es aus
gestor­ben
: das blau
: das rost­lü­cki­ge
dino­sau­ri­er
getier
kei­ne schwal­ben­ver­samm­lung mehr
auf schräg­seil­zü­gen
kei­ne greif­kral­le mehr
mist
ist mist
: aus
schrott ist
schrott
aus­ge­mus­tert
wie der nach­bar
wenn schluss ist
dann …
wohin hän­ge ich
ab jetzt
den fet­ten mond
lam­pi­on
paper­moon
für fle­der­mäu­se
taub & leer
glotzt mich
der sei­den­blau­him­mel an
dem die sil­hou­et­ten­gra­vur abgeht
: ja, gra­vi­tä­tisch ist er
dage­stan­den
im rost­buck­li­gen blau
& hat­te cha­rak­ter
der mist­kran
hin­ter der nach­bars­mau­er
: er fehlt
mir

 

opti­mie­rung

in zukunft
(ab sofort also)
: weg­las­sen
: die kuh
allein das
kuh­gro­ße euter
bleibt im stall
kriegt
hör­ner mon­tiert
(falls städ­ter zu besuch kom­men
schaut’s aus wie kuh)
hat aber kein
arsch­loch
: furzt also
die welt nicht zu tode
& die milch
kommt nach wie vor
ausm tetra­pack
win­win
won­derful

 

tetris­him­mel

unrun­des rum­peln
hol­pern
wim­mel­bild
stak­ka­to­stö­ckel
rol­lengrol­len
kof­fer stopft
die trep­pe zu
unmuts­ge­ru­ckel
tal­wärts
ins ein­ge­wei­de
mei­ner stadt
der zug
fährt ab / fährt ein
fährt durch
fährt mir ins mark
: es ist ein dröh­nen
het­zen
: bin ich das wild?
nach wochen schon
ent­wöhnt / ent­fernt
ganz dis­lo­ciert?
& ist sie jetzt doch
auf­ge­gan­gen
ins kraut geschos­sen
die­se saat
: ich bin ein land­ei
das sich nur stets
ver­klei­det hat
in bobo­ville?
soll sein
: ich tau­che auf
aus einem schlund
der mich beläs­tigt
die trep­pe schiebt mich
him­mel­wärts
stair­ways to hea­ven
für die g‘scherte
und stau­ne
auf ein fir­ma­ment
das blau exakt
scharf ein­ge­passt
in sky­li­ne­kan­ten
tetris-stein
da steckt er fest
& war­tet auf die nacht

 

* * *

Syl­via Treudl, gebo­ren 1959 in Krems/NÖ; Stu­di­um in Wien; Pro­mo­ti­on 1984; von 1985 bis 1997 Ver­le­ge­rin im Wie­ner Frau­en­ver­lag, ers­te Ver­öf­fent­li­chun­gen von Lyrik & Pro­sa; 2000 gemein­sam mit Micha­el Stil­ler Grün­dung des Unab­hän­gi­gen Lite­ra­tur­hau­ses NÖ, seit­her Mit­be­trei­be­rin des Hau­ses; Mode­ra­to­rin, Rezen­sen­tin; Vor­stands­mit­glied der IG Autorin­nen Autoren; Publi­ka­tio­nen u.a.: BLICK.DICHTE. Gedich­te – gemein­sam mit Bea­trix Kram­l­ovs­ky (Zeich­nun­gen), Lite­ra­ture­di­ti­on NÖ 2018; PODIUM Por­trät 100, aus­ge­wähl­te Gedich­te, mit einem Vor­wort von Ger­hard Ruiss; in Arbeit: Lyrik­zy­klus, Arbeits­ti­tel „Stadtbetrachtung/Landbetrachtung“.

* * *

Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 2. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 2. Sep. 2022