Kalterer

Von Ste­fan Slu­petz­ky. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 96
Stefan Slupetzky © Julia Maetzl

Ste­fan Slu­petz­ky. Foto: Julia Maetzl

„Ich weiß schon: Einer schreibt über die gan­ze Welt, und her­aus kommt eine Nudel­sup­pe, der ande­re schreibt über Nudel­sup­pe, und her­aus kommt eine gan­ze Welt“, sagt Kal­te­rer in wei­ner­li­chem Ton­fall. „Trotz­dem … Ich schaff’s ein­fach nicht, die wirk­lich gro­ßen The­men fal­len zu las­sen.“ Kal­te­rer ringt die Hän­de, dann besinnt er sich auf deren eigent­li­chen Zweck und greift zu sei­nem Krü­gel.
Kal­te­rer war vor lan­ger Zeit mein Stu­di­en­kol­le­ge, Freund und Mit­be­woh­ner. Jetzt begeg­ne ich ihm nur noch sel­ten, viel­leicht alle zwei, drei Wochen, näm­lich immer dann, wenn ich im Wirts­haus Schnit­zel für das Abend­essen hole. Unver­rück­bar wie das Amen im Gebet, ja wie der Herr­gott selbst sitzt er, der Kal­te­rer, dort im Herr­gotts­win­kel, trinkt sein Bier und brü­tet vor sich hin.

Seit alle öster­rei­chi­schen Kaf­fee- und Wirts­häu­ser zu Bes­se­rungs­an­stal­ten erklärt wur­den und man für jede Ziga­ret­te auf die Stra­ße gehen muss, bin ich zum Bie­der­mei­er­mann und Stu­ben­ho­cker trans­mu­tiert. Zu Hau­se bin ich frei, hier gel­ten mei­ne Regeln. Die gele­gent­li­chen Aus­flü­ge, die ich noch unter­neh­me, blei­ben auf den Super­markt beschränkt, nur manch­mal, an Schnit­zel­ta­gen, lege ich ein zehn Minu­ten kur­zes Zwi­schen­spiel beim Wir­ten ein. Mein schaum­ge­brems­tes Jagd­ver­hal­ten kor­re­liert inzwi­schen auch mit mei­nem fort­ge­schrit­te­nen Alter: Take-away für die Fami­lie statt Rausch und Auf­riss und end­lo­se poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen. Hin und wie­der, zuge­ge­ben, noch ein Rausch daheim, als fer­nes Echo der Ado­les­zenz. Die Lust auf einen Auf­riss aber hat die Zeit geschluckt, und Wirts­h­aus­dis­kus­sio­nen waren auch schon in mei­ner Jugend frucht­los. Psy­cho­lo­gisch auf­schluss­reich, das ja, aber so gut wie nie erhel­lend. Man war ohne­hin fast immer einer Mei­nung.

Kal­te­rer sitzt tag­ein, tag­aus beim Wir­ten und starrt grü­belnd auf sein Krü­gel. Er hat schon vor Jah­ren mit dem Rau­chen auf­ge­hört, es ist nur noch sein Kopf, der raucht. Er wälzt und kne­tet die Gedan­ken wie ein Bäcker sei­nen Brot­teig. Kal­te­rer denkt über sein nächs­tes Buch nach.
Eines hat er schon geschrie­ben. Er hat es gewis­ser­ma­ßen aus­ge­streut, es ist ihm aus der Hand gefal­len wie die Saat dem Bau­ern. Kal­te­rer hat nicht hin­ge­se­hen, nicht über­legt, er hat nur ein­fach zu Papier gebracht, was es durch ihn geschrie­ben hat. „Die Brunft der Engel“ war der Titel des Romans, der von einer im Nach­kriegs­wi­en ver­lo­re­nen Kind­heit han­del­te. Er wur­de nicht nur in den Zei­tun­gen hym­nisch gefei­ert, son­dern auch ver­kauft wie war­me Sem­meln. Und das war ein Unglück für den Kal­te­rer. Denn an die­sem Punkt hat er begon­nen, hin­zu­se­hen, zu über­le­gen. Er hat sei­ne Saat nicht mehr ver­streut, er hat sie ange­starrt. Sie ist in sei­ner Hand ver­trock­net.
Drei­ßig Jah­re ist das her.
Ich selbst habe fast zeit­gleich mit dem Kal­te­rer zu schrei­ben ange­fan­gen. Damals wohn­ten wir ja noch zusam­men, und so saßen wir in unse­ren Zim­mern, er über der „Brunft der Engel“, ich über einem noch titel­lo­sen Manu­skript, das mir unwil­lent­lich zum Kri­mi­nal­ro­man geriet. Es war gar nicht mein Ziel gewe­sen, mich als Kri­mi­nal­au­tor zu pro­fi­lie­ren. Es ist mir ein­fach so pas­siert, der Text ist eben so gewach­sen, wie es ihn durch mich geschrie­ben hat. „Die Fal­le der Lemu­ren“, wie das Buch schluss­end­lich hieß, soll­te ein klei­ner Kas­sen­schla­ger wer­den, und in man­cher Hin­sicht war auch das ein Unglück. Denn im deut­schen Sprach­raum ist das so genann­te Kri­mi­gen­re als Tri­vi­al­li­te­ra­tur gebrand­markt, und so galt auch ich fort­an als künst­le­risch bedeu­tungs­lo­ser Schrei­ber­ling. Das Stig­ma wur­de ich nie wie­der los, da konn­te ich schrei­ben, was ich woll­te. Zuge­ge­ben: Um mei­ne Fami­lie mit Schnit­zeln durch­füt­tern zu kön­nen, ließ ich mei­nem ers­ten Kri­mi­nal­ro­man noch wei­te­re fol­gen, brann­te mir das Kains­mal also selbst noch tie­fer in die Stirn. Die ande­ren Bücher aber, die ich schrieb, die „ech­ten, lite­ra­ri­schen“, blie­ben medi­al weit­ge­hend unbe­ach­tet, und so habe ich das mitt­ler­wei­le chro­ni­sche Gefühl, von den Kul­tur­kri­ti­kern igno­riert oder im bes­ten Fal­le unter­schätzt zu wer­den.
Kal­te­rers Pro­blem sind nicht die Rezen­sen­ten, die seit drei­ßig Jah­ren auf ein neu­es Werk aus sei­ner Feder war­ten. Kal­te­rer macht sich sei­ne Schwie­rig­kei­ten selbst.

„Ein drei­vier­tel Jahr­hun­dert ohne Krieg und Kata­stro­phen“, sagt er jetzt. „Wor­über soll man da noch schrei­ben?“
Heu­te Abend hat er mich am Weg zur Budel abge­fan­gen, hat mich zu sich an den Tisch gezerrt, und nun lässt er mich nicht mehr gehen. Er sitzt vor sei­nem Bier, ich habe mir wohl oder übel ein Glas Wein bestellt.
„Wie meinst du das?“, fra­ge ich ihn.
„Na, so, wie ich es sag! Die gan­ze Welt strotzt vor Geschich­ten, wo man hin­sieht, herr­schen Cha­os, Fol­ter, Mord und Auf­ruhr. Wir­bel­stür­me und Tsu­na­mis löschen gan­ze Län­der, Ter­ro­ris­ten und Tyran­nen löschen gan­ze Völ­ker aus. Die Men­schen sehen tag­ein, tag­aus ihr Dasein und ihr Dablei­ben bedroht, sie kämp­fen einen pau­sen­lo­sen exis­ten­zi­el­len Kampf. Geschich­ten ohne Ende! Etwas Bes­se­res kannst du dir als Schrift­stel­ler ja gar nicht wün­schen: Wo du hin­schaust, spie­len sich die fun­da­men­tals­ten Dra­men ab. Und was geschieht bei uns in Öster­reich? Wir lüm­meln fett und satu­riert auf unse­rer Frie­dens­in­sel wie die alten Römer auf den siche­ren Tri­bü­nen der Gla­dia­to­ren­a­re­na. Wir sit­zen weit oben auf den Rän­gen, um nur ja nicht mit dem Blut der Ster­ben­den bespritzt zu wer­den, und den­ken dar­über nach, ob wir zum Abend­essen lie­ber einen Wei­ßen oder einen Roten trin­ken wol­len. Ist das ein Bio­top, in dem bedeu­ten­de Lite­ra­tur ent­ste­hen kann?“
„Hät­test du es lie­ber anders? Wenigs­tens müs­sen wir nicht bei Ker­zen­licht im Bun­ker schrei­ben.“

Kal­te­rer wirft die Arme hoch. „Genau das ist es, was uns unter­schei­det!“, ruft er. „Ich hab mein gesam­tes Leben lang nach nack­ten Wahr­hei­ten gesucht – nach einem lite­ra­ri­schen Sub­strat unse­res Daseins auf der Welt, wenn du so willst. Und du hast für ein Ach­tel und ein Wie­ner Schnit­zel dei­ne lächer­li­chen Kri­mi­nal­fäl­le erfun­den.“
Jetzt fällt er mir wie­der ein, der Grund dafür, dass mei­ne Freund­schaft mit dem Kal­te­rer damals so ver­küm­mert und zu einer erst noch unter­kühl­ten, bald schon anti­pa­thi­schen Bekannt­schaft ero­diert ist. Sei­ne Schreib‑, nein, sei­ne Denkblo­cka­de ist mit einer wach­sen­den Her­ab­las­sung ein­her­ge­gan­gen, einer Nicht­ach­tung all jener, die noch phan­ta­sier­ten und erzähl­ten, statt sich tot zu grü­beln, die noch etwas – sei es auch nur etwas Klei­nes – schu­fen, statt am Gro­ßen zu ver­zwei­feln. Kal­te­rer ist zum muf­fi­gen Apo­lo­ge­ten unse­res dün­kel­haf­ten kul­tu­rel­len Wert­sys­tems gewor­den.
„Leck mich“, sage ich und mache Anstal­ten, den Herr­gotts­win­kel zu ver­las­sen.
„War­te!“ Kal­te­rer hebt den Kopf und schenkt mir einen Dackel­blick. „Ent­schul­di­ge, das war nicht so gemeint. Du weißt wenigs­tens, was die Leu­te lesen wol­len.“
„Nein. Ich weiß vor allem, was ich sel­ber lesen will.“
„Ach? Und das wäre? Mord im Vil­len­vier­tel?“
„Wenn es der Geschich­te dient, auch das“, sage ich fros­tig. „Aber ich will eine Hand­lung, die mich fes­selt, und ich will sie so erzählt bekom­men, dass ich nicht über die Spra­che stol­pe­re. Je leicht­fü­ßi­ger, bild­rei­cher, sen­si­bler, über­ra­schen­der, humor­vol­ler und ele­gan­ter, des­to höher springt mein Herz. Beim Lesen und beim Schrei­ben.“
„Eine Hand­lung, die dich fes­selt? Und wo, bit­te, fin­dest du so was? Ich mei­ne, bis vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren hat man wenigs­tens noch über alte Nazis schrei­ben kön­nen, und wie unser ach so ent­na­zi­fi­zier­tes Land mit ihnen umgeht. Oder über ihre Opfer, und wie unser Land mit denen umgeht. Aber was bewegt dich heu­te noch? Per­sön­li­che Befind­lich­kei­ten? Schwin­den­de Potenz und Hämor­rhoi­den? Zahn­pas­ta und Kat­zen­fut­ter in der düs­te­ren Zeit der Infla­ti­on? Das ewi­ge poli­ti­sche Hick­hack in unse­rem Zwer­gerl­par­la­ment? Oder womög­lich doch die wirk­lich gro­ßen The­men, über die wir wei­ßen alten Mit­tel­eu­ro­pä­er aber gar nicht schrei­ben kön­nen, schrei­ben dür­fen, weil es ja, ver­dammt noch­mal, nicht unse­re The­men sind? Es inter­es­siert mich wirk­lich, was dich heu­te noch bewegt!“
„Drei Schnit­zel“, sage ich. Ich sage es zum Wir­ten, der gera­de an den Tisch gekom­men ist. „Mit Brat­kar­tof­feln.“
„Noch ein Krü­gel“, fügt der Kal­te­rer hin­zu. „Und eine Nudel­sup­pe.“

* * *

* * *

Ste­fan Slu­petz­ky, 1962 in Wien gebo­ren, schreibt Roma­ne, Kurz­ge­schich­ten, Lied­tex­te und Büh­nen­stü­cke. Er erhielt eine Rei­he euro­päi­scher Lite­ra­tur­prei­se, so den Fried­rich-Glau­ser-Preis, den Burg­dor­fer Kri­mi­preis, den Radio-Bre­men-Kri­mi­preis und den Leo-Perutz-Preis. 2010 grün­de­te Slu­petz­ky ein Wie­ner­lied­trio, das „Trio Leps­chi“, mit dem er seit­her als Tex­ter und Sän­ger durch die Lan­de tourt. Sein letz­tes ver­öf­fent­lich­tes Buch: Nichts als Gutes – Grab­re­den, Picus Ver­lag 2021.

* * *

Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 16. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 17. Dez. 2022