Die Erfindung des Nationalismus

Gus­tav Frey­tag präg­te die bür­ger­li­che Lite­ra­tur der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts. Heu­te ist er ver­ges­sen. Eine Spu­ren­su­che. Von Ste­fan Neu­haus
Gustav Freytag © Adolf Neumann

Ein Libe­ra­ler, der zum Weg­be­rei­ter des Natio­na­lis­mus wur­de: Gus­tav Frey­tag (1816–1895). Zeich­nung von Adolf Neu­mann, 1871.

Wenn man heut­zu­ta­ge Rechts­ra­di­ka­le mit Reichs­flag­gen vor dem Ber­li­ner Reichs­tag ein Demons­tra­ti­ons­recht wahr­neh­men sieht, von dem sie nicht wahr­ha­ben wol­len, dass sie es über­haupt erst durch jenes poli­ti­sche Sys­tem bekom­men haben, das sie bekämp­fen, dann hat dies natür­lich etwas mit der deut­schen Geschich­te zu tun. Von die­ser Geschich­te wer­den die ange­bräun­ten Demons­tran­ten eben­falls wenig wis­sen, denn ihr Deutsch­land­bild ent­spricht dem, was Roland Bar­thes einen Mythos genannt hat: Es hat kei­nen Inhalt und kann gera­de des­halb so leicht instru­men­ta­li­siert wer­den. Die damit ein­her­ge­hen­de, fast schon bewun­de­rungs­wür­di­ge Ver­drän­gungs- und Ver­leug­nungs­leis­tung hat mit einem Ver­lust an his­to­ri­schem Wis­sen zu tun.

Bedenk­lich ist nicht nur der Auf­tritt von Rechts­ra­di­ka­len, bedenk­lich ist auch, dass selbst die Gebil­de­ten kaum noch sagen kön­nen, wie eine sol­che Deutsch­tü­me­lei ent­ste­hen konn­te – und zwar vor der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Wer weiß, dass die Ver­se „Und es mag am deut­schen Wesen / Ein­mal noch die Welt gene­sen“ aus der Feder des berühm­tes­ten Lyri­kers des bür­ger­li­chen Rea­lis­mus stam­men, der Ema­nu­el Gei­bel hieß? (Sie­he VOLLTEXT 2/2018) Wer kennt noch den zu Gei­bels Zeit bekann­tes­ten Roman­cier Gus­tav Frey­tag? Und wes­halb gibt es die­se merk­wür­di­ge Kluft von Unbe­kannt­heit heu­te und Bekannt­heit damals? Claus Holz fasst sie in sei­ner Unter­su­chung zu Frey­tags Roman Die Ahnen knapp zusam­men: „Wohl nur weni­gen deut­schen Schrift­stel­lern wur­de zu Leb­zei­ten so viel Ruhm, Aner­ken­nung und öffent­li­che Ehrung zuteil wie Gus­tav Frey­tag, den das Brock­haus Kon­ver­sa­ti­ons-Lexi­kon von 1902 – sechs Jah­re nach dem Tod des Dich­ters – als den ‚popu­lärs­ten Roman­schrift­stel­ler der neue­ren deut­schen Lit­te­ra­tur‘ aus­weist.“

Lite­ra­tur und Nati­on

Offen­bar gibt es Tei­le der (Literatur-)Geschichte, mit denen man sich nicht so gern beschäf­tigt. Die den Natio­na­lis­mus betref­fen­den Grün­de lie­gen dar­in, dass Natio­nen „ima­gi­ned com­mu­ni­ties“ sind (Bene­dict Ander­son in Die Erfin­dung der Nati­on, dt. 1998), dass sie nur in der Vor­stel­lung exis­tie­ren. „Im Gegen­satz zu dem immensen Ein­fluß, den der Natio­na­lis­mus auf die moder­ne Welt aus­übt, steht es um sei­ne theo­re­ti­sche Bewäl­ti­gung auf­fal­lend schlecht“, hat Ander­son fest­ge­stellt. Man könn­te auch von dem ver­dräng­ten Eige­nen spre­chen, das sich im Natio­na­lis­mus als Hass auf die angeb­lich Ande­ren auf bru­ta­le Wei­se aus­zu­drü­cken pflegt. Es ist die Kehr­sei­te einer Erfolgs­ge­schich­te, an die unse­re viel geprie­se­ne offe­ne Gesell­schaft ungern erin­nert wird.

Die natio­na­le bür­ger­li­che Revo­lu­ti­on hat in zwei Welt­krie­gen ihre eige­nen Kin­der gefres­sen – kein schö­ner Gedan­ke. An den nega­ti­ven Fol­gen der Nati­on­wer­dung hat­te die heu­te weit­ge­hend ver­ges­se­ne Lite­ra­tur einen nicht uner­heb­li­chen Anteil. Die­se Lite­ra­tur ist, wenn es um ihre Qua­li­tät geht, zu Recht ver­ges­sen – aber wenn es um eine not­wen­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit ihren Fol­gen geht, ist ein Blick zurück auf genau die­se Tex­te für kri­tisch den­ken­de Staats­bür­ger (was eine Tau­to­lo­gie sein soll­te) ein loh­nen­des Unter­fan­gen.

Im Gegen­satz zu dem immensen Ein­fluss, den der Natio­na­lis­mus auf die Welt aus­übt, steht es um sei­ne theo­re­ti­sche Bewäl­ti­gung auf­fal­lend schlecht.

Der Umschlag von Patrio­tis­mus in Natio­na­lis­mus und die Radi­ka­li­sie­rung des Bür­ger­tums beginnt viel­leicht nicht mit dem Krieg gegen Napo­le­on, er erreicht aber mit ihm eine neue Stu­fe und hat Fol­gen für die gan­ze wei­te­re Ent­wick­lung. Napo­le­on ist inter­es­san­ter­wei­se Feind­bild und ver­leug­ne­tes Vor­bild zugleich, denn er hat gezeigt, wie man einen schlag­kräf­ti­gen Natio­nal­staat auf­bau­en und ande­ren Län­dern zu dem Glück ver­hel­fen kann, wie die Fran­zo­sen zu wer­den.

In den soge­nann­ten Befrei­ungs­krie­gen, die zum Wie­ner Kon­gress von 1815 führ­ten, hat­te sich die bür­ger­li­che Schicht der deutsch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung eine Nach­fol­ge des 1806 auf­ge­lös­ten Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches deut­scher Nati­on in Gestalt eines geein­ten, mit einer Ver­fas­sung ver­se­he­nen Natio­nal­staa­tes gewünscht – und bekam statt­des­sen den Deut­schen Bund, der wei­ter­hin aus feu­dal regier­ten Ein­zel­staa­ten bestand. Doch waren bereits in den Krie­gen gegen Napo­le­on natio­na­lis­ti­sche Ten­den­zen laut gewor­den. Davon zeugt Ernst Moritz Arndts (1769–1860) popu­lä­res Lied Was ist des Deut­schen Vater­land? von 1813 eben­so wie Theo­dor Kör­ners (1791–1813) Gedicht­band Ley­er und Schwerdt, der 1814 erschien, als der jun­ge Kör­ner bereits auf dem angeb­li­chen Feld der Ehre gefal­len, also einen bru­ta­len Tod im Krieg gestor­ben war. Doch vie­le ande­re jun­ge Män­ner tru­gen Kör­ners Bänd­chen bei sich, als sie zu Fel­de zogen, und nah­men sich die „Zueig­nung“ zu Her­zen, in der es heißt (man ach­te auf die Ver­bin­dung von reli­giö­ser, Frei­heits- und Kriegs­me­ta­pho­rik):

So bleibt mir hold! – Des Vater­lan­des Fah­nen, / Hoch flat­tern sie am deut­schen Frei­heit­sport. / Es ruft die heil’ge Spra­che uns­rer Ahnen: / „Ihr Sän­ger, vor! und schützt das deut­sche Wort!“ / Das küh­ne Herz läßt sich nicht län­ger mah­nen, / Der Sturm der Schlach­ten trägt es brau­send fort; / Die Lei­er schweigt, die blan­ken Schwer­ter klin­gen. / Her­aus, mein Schwert! magst auch dein Lied­chen sin­gen.

Die feu­da­len Macht­ha­ber – neben den preu­ßi­schen Köni­gen vor allem der Archi­tekt des Deut­schen Bun­des, der Wie­ner Staats­kanz­ler Kle­mens Wen­zel Lothar von Met­ter­nich (1773–1859), und spä­ter der Archi­tekt des Zwei­ten Deut­schen Kai­ser­reichs, Otto von Bis­marck (1815–1898) – tak­tier­ten eben­so rück­sichts­los wie klug. Ent­we­der unter­ban­den sie (durch Zen­sur) radi­ka­le Ten­den­zen, wenn sie anti­feu­dal und früh­de­mo­kra­tisch waren, oder mach­ten sie sich zunut­ze, wenn sie ein natio­na­les Wir-Gefühl stär­ken hal­fen und sich in die eige­ne Stra­te­gie von Macht­er­halt und Macht­aus­bau ein­bin­den lie­ßen.

Dies gilt bei­spiels­wei­se für lite­ra­risch äußerst dürf­ti­ge, aber poli­tisch bri­san­te Dich­tun­gen wie Niko­laus Beckers soge­nann­tes Rhein­lied, das nach sei­nem Erschei­nen 1840 zu einer inof­fi­zi­el­len Hym­ne einer noch nicht exis­tie­ren­den Nati­on wur­de – und den Hass auf