„Der Mittelpunkt seines Lebens ist jetzt ein leerer Ort“

Von Ste­fan Kat­zen­bach
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Ute-Chris­ti­ne Krupp hat einen neu­en Roman geschrie­ben. In Punkt­lan­dung erzählt sie von der Gefahr eines isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlags auf den deut­schen Bun­des­tag und dem Ver­such des Prot­ago­nis­ten Frei­heit und Sicher­heit zu bewah­ren.

Auf den ers­ten Blick scheint das Leben von Paul Jost per­fekt zu sein. Der Mit­vier­zi­ger arbei­tet im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Inne­re Sicher­heit und ent­wirft in sei­nem Büro­job eigent­lich Aus­stei­ger­pro­gram­me für Isla­mis­ten. Doch als ein Anschlag auf den deut­schen Bun­des­tag ange­kün­digt wird, der im Ver­lauf des Romans als dif­fu­ses Bedro­hungs­sze­na­rio prä­sent ist, wird er in den Kri­sen­stab beför­dert und wit­tert die Mög­lich­keit, sein beruf­li­ches Ziel zu errei­chen: Mit sei­nem Chef Gie­se auf der glei­chen Ebe­ne zu arbei­ten. Die neue Posi­ti­on birgt aller­dings Kon­flik­te: Gie­se steht für das Mot­to „Sicher­heit um jeden Preis“, wäh­rend Jost in sei­nem Han­deln „Frei­heit und Sicher­heit“ ver­bin­den will.

Auch Jos­ts pri­va­tes Leben ist nicht frei von Span­nun­gen, er will aus sei­nem bür­ger­li­chen Fami­li­en­um­feld aus­bre­chen aber auch die Ach­tung sei­nes Vaters gewin­nen, der ihm oft vor­hält: „Du zögerst zu lan­ge, stellst zu vie­le Fra­gen.“ Die Kon­flik­te auf fami­liä­rer Ebe­ne haben tra­gi­ko­mi­sches Poten­zi­al, etwa wenn Jost sich an einen Besuch bei sei­nen Eltern in Bonn erin­nert, die ihn längst durch die Kat­ze ersetzt haben.

Aller­dings wer­den die The­men wie Frei­heit, Sicher­heit und pri­va­ter wie beruf­li­cher Erfolg, von Jost eher kon­ven­tio­nell und kli­schee­haft reflek­tiert, als wirk­lich tief­ge­hend: „Wir las­sen seit ges­tern Ver­bin­dungs­da­ten aus­wer­ten und Pro­fi­le erstel­len von Men­schen, die ver­mut­lich nicht vor­ha­ben, einen Anschlag aus­zu­füh­ren. Sie ent­spre­chen aber einem Ras­ter. Und: Die­se sind für mich kei­ne Basis für Maß­nah­men. Gibt es eine ande­re Mög­lich­keit?“, heißt es an einer Stel­le.

Dies sind grund­le­gen­de Fra­gen, die durch­aus legi­tim sind, ange­sichts der beruf­li­chen Posi­ti­on, in der sich Paul Jost befin­det, in der dar­ge­stell­ten Form bei mir als Leser aller­dings eher den Ein­druck einer Ober­fläch­lich­keit des Prot­ago­nis­ten erwe­cken als eine kri­ti­sche Refle­xi­on des­sen, was in sei­nem beruf­li­chen Umfeld pas­siert. Das ist eine Schwä­che des Romans, in ihm wer­den offen­sicht­li­che Din­ge zu deut­lich aus­for­mu­liert. Die Erzähl­per­spek­ti­ve fokus­siert sich auf Jost, der in einer Art Selbst­be­fra­gung sein beruf­li­ches und pri­va­tes Leben anhand der immer glei­chen The­men reflek­tiert. Zur Zur-Schau-Stel­lung der augen­schein­li­chen Ober­fläch­lich­keit des Prot­ago­nis­ten mag dies hilf­reich sein, auf mich wirkt es aller­dings ermü­dend.

Lite­ra­ri­sches Coming-of-Age und wei­ße Stel­len an der Wand

In Sachen Cha­rak­ter­fin­dung und Iden­ti­täts­ent­wick­lung hat der Roman an eini­gen Stel­len inter­es­san­te Ansät­ze. Bei­spiels­wei­se wenn sei­ne Ex-Frau Gesi­ne Jost vor­hält, er sei, wie „alle West­ler“ kein eigen­stän­di­ges „Sub­jekt“, son­dern „Pro­jekt“ und damit das west­li­che Kon­zept der Selbst­op­ti­mie­rung kri­ti­siert. Und tat­säch­lich ist der „Mög­lich­keits­mensch“ Jost nach Ber­lin gezo­gen, weil ihn „das Unfer­ti­ge, Vita­le“ reiz­te, auch der Zufall, den er pri­vat so ver­misst. „Die rich­ti­ge Lebens­form“ fin­den, das scheint das Pro­gramm zu sein, das anhand der Figur Jost durch­ex­er­ziert wird. Sprach­lich ist das teil­wei­se glän­zend gefasst, so heißt es über Jos­ts Abwen­dung von Gesi­ne: „Der Mit­tel­punkt sei­nes Lebens ist jetzt ein lee­rer Ort.“ Lee­re scheint im Roman gene­rell wich­tig zu sein, zumin­dest wird dies ange­deu­tet, schließ­lich hängt Jost sei­ne Bil­der in der Woh­nung ab (unter ande­rem eines sei­nes Vaters) und es blei­ben über­all nur „ein­fa­che wei­ße Flä­chen“ zurück, auf dem anschlie­ßen­den Kon­zert lernt er dann sei­ne neue Freun­din Cla­ris­sa ken­nen. Wei­ße Flä­chen als Sym­bol eines Neu­an­fangs und Hap­py Ends? Soweit die kit­schi­ge Vari­an­te.

Oder ent­wirft die bereits mit meh­re­ren Sti­pen­di­en und För­der­prei­sen geehr­te Ute-Chris­ti­ne Krupp hier anhand der Lee­re ein lite­ra­ri­sches Ver­fah­ren und fragt, ob das ange­deu­te­te Hap­py End in Rom wirk­lich eines ist? Dies wäre ein inter­es­san­ter, ambi­tio­nier­ter Ansatz, der aller­dings wohl der­art sub­til daher­kä­me, dass er leicht über­se­hen wer­den könn­te. So bleibt beim Lesen von Punkt­lan­dung ein Ein­druck der Ober­fläch­lich­keit von Inhalt und Form, der die posi­ti­ven Ein­drü­cke lei­der größ­ten­teils über­deckt.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023