„Utopie und Entzauberung zugleich“

Ste­fan Gmün­ders Dan­kes­re­de zur Ver­lei­hung des Staats­prei­ses für Lite­ra­tur­kri­tik

Viel­leicht hat Ernst Bloch recht, und Hei­mat ist kein Ort, son­dern eine Per­spek­ti­ve. Ich bin in einer klei­nen Stadt im Wes­ten der Schweiz auf­ge­wach­sen, durch die ein Fluss fließt. Als Kind stand ich oft an des­sen Ufer und schick­te segel­lo­se Holz­schei­te auf die Fahrt ins Unge­wis­se. Das ande­re Ufer war unend­lich weit weg, fast gleich weit weg wie Öster­reich, wobei ich mein Wis­sen über das Land im Osten vor allem aus Schi­ren­nen, beson­ders Abfahr­ten, bezog. Es schien ein Land zu sein, das, wenn es berg­ab geht, unschlag­bar sein will. Wie die Schweiz, das war mir trotz aller Kon­kur­renz sym­pa­thisch, als 14-jäh­ri­ger erwei­ter­te sich dann mein Öster­reich-Bild, als ich bei einer Kapel­le am Rand der Stadt auf eine Grab­ta­fel mit einer kur­zen Inschrift stieß: Charles Seals­field, 1793 bis 1864: Bür­ger von Nord­ame­ri­ka. Nord­ame­ri­ka? Ich ging in die Biblio­thek. Mit rich­ti­gem Namen hieß die­ser Seals­field also Carl Anton Postl. Ein Öster­rei­cher, ein Flücht­ling und Whist­le­b­lower, der zunächst Geist­li­cher war, dann aber in Kon­flikt mit sei­nem Gewis­sen und dem Gesetz geriet, die Kut­te ableg­te und nach Ame­ri­ka ging, wo er Roma­ne ver­fass­te – und Spott­schrif­ten, die er zurück nach Hau­se schick­te. Was mich jedoch am meis­ten inter­es­sier­te: Seals­field hat­te auch einen India­ner­ro­man geschrie­ben: Häupt­ling Toke­ah und die wei­ße Rose.

Häupt­ling Toke­ah wur­de 1828 publi­ziert, im sel­ben Jahr war auch Seals­fields Pam­phlet Aus­tria as it is erschie­nen, das mit dem auf Kor­rup­ti­on, Zen­sur und Des­in­for­ma­ti­on auf­ge­bau­ten Sys­tem des Staats­kanz­lers Met­ter­nich abrech­net. Ich dach­te, die Bücher müss­ten zusam­men­hän­gen und las bei­de. Ver­stan­den habe ich sie nicht. Und trotz­dem hat mich der Öster­rei­cher Charles Seals­field, der nach Ame­ri­ka floh, dann auf den alten Kon­ti­nent zurück­kehr­te und in der Schweiz starb, zum Leser gemacht. Weil ich spür­te, dass es Orte waren, die sei­ne Lite­ra­tur bestim­men. Orte an denen er war, oder zu denen er noch hin­woll­te. Orte, an denen er glück­lich war. Orte, die ihm zu eng gewor­den waren. Orte, die er sich selbst erober­te. Orte, in denen er sich schul­dig mach­te. Und Orte, das muss­te ich fest­stel­len, als ich mit 19 inspi­riert von Wim Wen­ders nach Paris in Texas fuhr, sind in der Kunst immer auch Nicht-Orte, Mög­lich­keits­räu­me, also Uto­pien, die sich zuwei­len in Alp­träu­me ver­wan­deln. „Weiß nicht mehr, wo ich bin, wer ich bin, was ich bin“, sagt einer der vie­len Gestran­de­ten in Seals­fields letz­tem Roman Süden und Nor­den. Es ist ein ame­ri­ka­kri­ti­sches Buch, weil des­sen Autor sei­nen Traum, dass im Wes­ten eine neue, eini­gen­de Demo­kra­tie ent­ste­hen könn­te, durch Raff­gier, Geld­wirt­schaft und den Raub­bau an der Natur ver­ra­ten sah. Süden und Nor­den ist ein Roman der Ent­zau­be­rung, der das stahl­har­te Gehäu­se einer unbarm­her­zi­gen Öko­no­mie beschreibt, in das die Welt ein­ge­schlos­sen ist. Doch die Art, wie Seals­field die Far­ben der Land­schaft, den Duft der Wie­sen, das Gewim­mel von Frau­en, Män­nern und sozia­len Schich­ten beschreibt, wider­legt gleich­zei­tig die­se Dia­gno­se. Es ist eine unge­heu­re Fül­le, kei­ne Knapp­heit, in die­sem Buch, das von einer sprö­den Glücks­er­war­tung durch­zo­gen ist, die, obgleich im Lauf der Jah­re Lügen gestraft, unter Zit­tern und Beben wei­ter­lebt.

In ihren bes­ten Momen­ten, dar­auf hat der Ger­ma­nist Clau­dio Magris hin­ge­wie­sen, spricht Lite­ra­tur immer von Uto­pie und Ent­zau­be­rung zugleich. Don Qui­jo­te ist groß, weil er ent­ge­gen aller Tat­sa­chen glaubt, dass eine Schüs­sel ein Helm sei und die gro­be Aldon­za eine bezau­bern­de Dul­ci­nea. Hät­te er nicht Sancho Pan­sa an sei­ner Sei­te wäre der Don aller­dings gefähr­lich, weil sei­ne Uto­pie die Wirk­lich­keit mit einem Traum ver­wech­selt und so der Rea­li­tät Gewalt antut. Der Don braucht Sancho, nicht nur weil die­ser den Wahn durch­schaut, son­dern weil Sancho begreift, dass die Welt weder wahr noch voll­kom­men wäre, wenn man in ihr nicht den Zau­ber­helm und strah­len­de Schön­heit sucht. Das­sel­be gilt in ande­rer Aus­prä­gung auch für Wolf­ram von Eschen­bachs eben­falls in Fik­tio­nen ver­rann­ten Par­zi­val, der durch den Ein­sied­ler Tre­vri­zent um die Ent­de­ckung rei­cher wer­den muss, dass es nicht die rit­ter­li­che Regel, son­dern eine Fra­ge ist, die ihm beim ver­letz­ten Gral­skö­nig den Gral ein­bringt. Sie lau­tet: Onkel, was fehlt euch? Es ist eine Fra­ge des Mit­leids. Und eine Fra­ge unter Ver­wand­ten. Ver­wandt nicht nur im bio­lo­gi­schen Sinn, son­dern, wie Adolf Muschg sagt, ver­wandt mit jeg­li­cher Krea­tur, ver­wandt mit allem, was in der Welt anders ist und sich dem Ras­ter richtig/falsch, schwarz/weiß, gut/böse ent­zieht.

Glaubt man der Lite­ra­tur, dann soll­ten in Kri­sen- und Umbruchs­zei­ten, in Zei­ten der Infla­ti­on von Kata­stro­phen­er­war­tun­gen, in Zei­ten der Angst, Unge­wiss­heit und gesell­schaft­li­chen Spal­tung Uto­pie und Ent­zau­be­rung Hand in Hand gehen. Sancho und der Don, Tre­vri­zent und Par­zi­val brau­chen ein­an­der. Gera­de weil sie unter­schied­lich sind, gera­de weil sie mit einer Ver­gan­gen­heit kon­fron­tiert sind, die nicht zurück­kommt und mit einer Zukunft, die nicht abseh­bar ist. End­gül­ti­ge Rezep­te für sol­che Situa­tio­nen gibt es weder im Leben noch in der Lite­ra­tur, man kann nur gemein­sa­men nach ihnen suchen. Uto­pie und Ent­zau­be­rung stütz­ten sich daher nicht nur, sie nüt­zen sich durch wech­sel­sei­ti­ges Berich­ti­gen auch. In die­sem Sinn habe ich Kri­tik nie als Richt­spruch ver­stan­den, son­dern als einen Ver­such, als Pro­zess der Annä­he­rung, der begrün­de­ten Wer­tung und als eine von meh­re­ren mög­li­chen Sicht­wei­sen, die hin­ter­frag­bar und ihrer­seits kri­ti­sier­bar zu blei­ben haben. Kri­tik, die ihren Namen ver­die­ne, sagt Fou­cault, habe mit „allen Blit­zen der Gewit­ter des Denk­ba­ren“ gela­den zu sein. Er bezog sich dabei nicht nur auf die Kunst, son­dern auch auf den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Aber das ist jetzt ein ande­res The­ma.

Ich dan­ke Ihnen für Ihre Auf­merk­sam­keit. Ich dan­ke der Jury und die­sem Land, in dem ich seit 30 Jah­ren lebe, es gewähr­te mir Gast­freund­schaft, eröff­ne­te mir Mög­lich­kei­ten und ein neu­es Leben. Ich dan­ke mei­nen Freun­den und Ver­wand­ten und mei­ne damit die Schwes­tern und Brü­der im Geis­te, ohne deren Hil­fe und Geduld ich heu­te nicht hier wäre. Ich dan­ke Paul Nizon, der ein­mal in einem Inter­view sag­te, sein Wunsch wäre, dass sich sei­ne Tex­te im Leser öff­nen wie japa­ni­sche Papier­blu­men im Was­ser. Und ich dan­ke Dan­te Andrea Fran­zet­ti, des­sen Erzäh­len dem Leben dien­te, auch dem Leben der Toten, dem Leben der Schat­ten. Ich bin heu­te etwas läs­tig mit Zita­ten, möch­te aber trotz­dem mit einem Gedicht von Ger­hard Mei­er enden, auf den Peter Hand­ke als einer der ers­ten hin­ge­wie­sen hat. Ger­hard Mei­er arbei­te­te 30 Jah­re in einer Fabrik, bevor er den Beruf des Schrift­stel­lers wähl­te, einen Beruf also, in dem man – wie als Kri­ti­ker – ein Leben lang Anfän­ger bleibt. Das Gedicht heißt: „Einem Kind“

Wirst dir eini­ge Figu­ren zule­gen
Hans im Glück
zum Bei­spiel
Mann im Mond
St. Niko­laus
zum Bei­spiel
und ler­nen
dass die Stun­de sech­zig Minu­ten hat
kur­ze und lan­ge
dass zwei mal zwei vier ist
und vier viel oder wenig
dass schön häss­lich
und häss­lich
schön ist
und
dass his­to­ri­sches Gelän­de
etwas an sich hat

Zuwei­len
som­mers oder so
begeg­net dir in einem Duft von Blu­men
eini­ges des­sen
was man Leben nennt
Und du stellst fest
Dass
was du fest­stellst
etwas an sich hat

 

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Online seit: 6. Novem­ber 2021

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Zuletzt geän­dert: 8. Nov. 2021