Ischgl – Delirium Alpinum

Ste­fan Gmün­der über die Tiro­ler Part­ner­ge­mein­de von Sodom und Gomor­ra.
Lois Hechenblaikner – Ischgl

Die Bil­der die­ses Bei­tra­ges sind Lois Hechen­blai­k­ners neu­em Foto­buch „Ischgl“ ent­nom­men.

„Das muss ich foto­gra­fie­ren, aus die­ser Per­spek­ti­ve habe ich es noch nicht“, mur­melt Lois Hechen­blai­k­ner, wäh­rend er an einem April­tag des Jah­res 2020 recht hoch­tou­rig einen Schot­ter­weg hin­auf­fährt. Die Schlag­lö­cher schei­nen dem Mann, dem Foto­bü­cher wie „Win­ter Won­der­land“ oder „­Hin­ter den Ber­gen“ den Ruf eines Auf­klä­rers, Auf­de­ckers und Wider­stands­kämp­fers ein­ge­bracht haben, ziem­lich egal zu sein. Gera­de als man beginnt, sich um die Stoß­dämp­fer des Autos Sor­gen zu machen, hält er an und steigt aus, die Tür bleibt offen. Unten im Tal drängt sich ein klei­ner Ort um eine Kir­che: Ischgl, Tirol.

Natür­lich nennt man so etwas hier nicht ein­fach „Gara­ge“, son­dern „Par­king Lounge Ischgl“, das ist man sich als „Life­style-Mek­ka“ schul­dig.

Ruhig sieht das Dorf aus, ver­las­sen, kei­nes­wegs wie ein Tou­ris­mus-­Un­ge­heu­er mit 250 Mil­lio­nen Umsatz jähr­lich und 1,4 Mil­lio­nen Über­nach­tun­gen bei knapp 1.600 Ein­woh­nern. Wie fei­ne Ten­ta­kel span­nen sich die Trag­sei­le drei­er Seil­bah­nen den Berg hin­auf und ver­schwin­den im Nebel, wo wei­te­re vier­zig Lif­te war­ten und ein Ski­ge­biet bis hin­über in die Schweiz erschlie­ßen, das als eines der schöns­ten und bes­ten der Alpen gilt. Am Rand des Ortes indes haben sie ein 220 Meter lan­ges und zwan­zig Meter hohes Beton­ge­bäu­de mit klei­nen Fens­tern hin­ge­baut, das einer Groß­stadt gut zu Gesicht ste­hen wür­de. Es ist die­ser 33 Mil­lio­nen Euro teu­re Klotz, der aus­sieht als wäre er einem vor­bei­ge­hen­den Rie­sen aus der Tasche gefal­len, den Hechen­blai­k­ner foto­gra­fie­ren will. In sei­nen Ein­ge­wei­den birgt der recht­ecki­ge Bau neben einem Bau­hof, dem Gemein­de­amt, einem Bus­termi­nal samt Ver­bin­dungs­tun­nel zur Par­datsch­grat­bahn auch 600 Park­plät­ze. Natür­lich nennt man so etwas hier nicht ein­fach „Gara­ge“, son­dern „Par­king Lounge Ischgl“, das ist man sich als „Life­style-Mek­ka“ schul­dig.

Ein Kun­de ließ den Kell­ner eine Cham­pa­gner­fla­sche mit einem bren­nen­den Golf­schlä­ger köp­fen. Bei der anschlie­ßen­den Explo­si­on fing nicht nur der Arm des Kell­ners, son­dern auch ein Lokal­gast Feu­er. In Ischgl ist der­glei­chen nicht wei­ter der Rede wert.

Life­style-Mek­ka? Oder doch eher eine Part­ner­ge­mein­de von Sodom und Gomor­ra, wie ein Bekann­ter Hechen­blaikners sagt. Ande­ren gilt der Ort im Paz­naun­tal, der mit dem viel­sa­gen­den Slo­gan „Relax. If you can …“ wirbt, wahl­wei­se als Hoch­burg des schlech­ten Geschmacks, Bal­ler­mann der Alpen – oder als längs­te The­ke Tirols, an der sich die Res­te der aus der gan­zen Welt ange­reis­ten Mit­tel- und immer rei­che­ren Ober­schicht dem Alko­hol­ex­zess hin­ge­ben. Gern erfüllt die Ischgler Ski­gas­tro­no­mie, in der, wie es heißt, der Ken­nen­lern­fak­tor ganz über­wäl­ti­gend sei, auch exzen­tri­sche Wün­sche. So ließ etwa im Jahr 2017 ein Kun­de den Kell­ner eine Cham­pa­gner­fla­sche, die so viel kos­tet wie ein Lang­stre­cken­flug, mit einem bren­nen­den Golf­schlä­ger köp­fen. Bei der anschlie­ßen­den Explo­si­on fing nicht nur der Arm des Kell­ners, son­dern auch ein Lokal­gast Feu­er. In Ischgl ist der­glei­chen nicht wei­ter der Rede wert. Trotz­dem lan­de­te die „bsof­fe­ne Gschicht“ vor Gericht. Wäh­rend beim Gast, der in Ischgl schließ­lich König ist, eine Mit­schuld ver­neint wur­de, erging an den Kell­ner eine zur Hälf­te beding­te Geld­stra­fe von 3.000 Euro und an das Opfer eine Ent­schä­di­gung von 15.000 Euro.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Mit all­dem hat das „Mil­lio­nen­dorf“ recht gut gelebt. Bis zu jenen unse­li­gen Tagen im März 2020. Seit­her gilt das „Tal der sün­di­gen Schnee­ha­sen“ (Bild Zei­tung), wo in Eta­blis­se­ments wie „Tro­fa­na Alm“, „Kuh­stall“, „Nikis Stadl“, „Cham­pa­gner­hüt­te“, „Freeri­de“, „Kitz­loch“ oder „Schat­zi Bar“ zuwei­len die Pup­pen auf dem Tre­sen tan­zen und das Speed­trin­ken prak­ti­ziert wird, als inter­na­tio­na­le Viren­schleu­der und als Covid-19-Hot­spot, von dem aus sich die Seu­che in alle Welt ver­teil­te. Unzäh­li­ge Men­schen aus der gan­zen Welt sol­len sich hier im Gedrän­ge der Bars ange­steckt haben und Tau­sen­de in der Fol­ge erkrankt sein. 25 Men­schen sol­len gestor­ben sein.

Seit­her hat Tirol, ins­be­son­de­re Ischgl, inter­na­tio­nal nicht die bes­te Pres­se, vor allem weil die Bars und Berg­bah­nen selbst als es vie­le Ver­dachts­fäl­le gab, nicht geschlos­sen wur­den. Plötz­lich stan­den die Life­style-Spe­zia­lis­ten aus dem Paz­naun­tal als pro­fit­ma­xi­mie­ren­de Alpen­ka­pi­ta­lis­ten und mäch­ti­ge Lob­by­is­ten da, denen Umsatz und das Sum­men ihrer elek­tro­ni­schen Regis­trier­kas­sen über die Gesund­heit ihrer Gäs­te ging. Man reagier­te mit dem trot­zi­gen Selbst­ver­trau­en von Tou­ris­mus­ma­na­gern, die wis­sen, dass in Tirol direkt oder indi­rekt jeder drit­te Euro mit dem Frem­den­ver­kehr ver­dient wird. Auch die Tiro­ler Lan­des­re­gie­rung beteu­er­te gebets­müh­len­ar­tig, alles rich­tig gemacht zu haben. Ein paar quä­len­de Wochen und eine Qua­ran­tä­ne spä­ter kam man zum Schluss, viel­leicht habe man doch nicht alles rich­tig gemacht, schuld aber sei­en ande­re, Chi­na zum Bei­spiel, Ita­li­en, die Bun­des­re­gie­rung in Wien.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Mit­te Mai 2020 schließ­lich lud Tirols Lan­des­haupt­mann Gün­ther Plat­ter zu einer Video-Pres­se­kon­fe­renz und ver­kün­de­te ernst, nie­mand brau­che in Tirol einen „über­trie­be­nen Par­ty­tou­ris­mus“. Der Mann, der ein paar Stein­wür­fe von Ischgl ent­fernt gebo­ren wur­de, mach­te dabei fast den Ein­druck, das Wort „Par­ty­tou­ris­mus“ noch nie in sei­nem Leben gehört zu haben. Sor­gen mach­te er sich hin­ge­gen über die „irri­tie­ren­den Bil­der“, die in alle Welt hin­aus­ge­tra­gen wor­den sei­en. Viel­leicht mein­te er damit die Fotos von Tou­ris­ten, die sich um Taxis prü­geln oder zu Fuß aus den gesperr­ten Ski­ge­bie­ten flüch­ten.

„Irri­tie­ren­de Bil­der“ macht auch Lois Hechen­blai­k­ner. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Plat­ter sie kennt. Immer­hin doku­men­tiert sein Lands­mann seit fast drei Jahr­zehn­ten die Ver­wer­fun­gen einer Tou­ris­mus-Indus­trie in Ischgl und anders­wo, deren Mot­to sich grif­fig auf ein paar Nen­ner brin­gen lässt: grö­ßer, popu­lä­rer, schril­ler, höher – und mehr. Mehr Gewinn vor allem – und mehr Kon­sum. Wer an die­ser Spi­ra­le der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie, sie hat die Medi­en mitt­ler­wei­le eben­so ergrif­fen wie den Kunst­be­trieb, mit­dre­hen will, ver­dammt sich zum Wei­ter­ma­chen, zur Schrill­heit und zu Kom­pro­mis­sen, was die Qua­li­tät der Arbeit oder sei­nes Pro­dukts betrifft. Der Neo­li­be­ra­lis­mus ver­wen­det für die­se Dyna­mik gern das Wort „alter­na­tiv­los“.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Lois Hechen­blai­k­ner spricht mit Blick auf Ischgl lie­ber von „Deli­ri­um Alpi­num“. Der Ter­mi­nus ist viel­schich­tig und ver­weist auf eine sehr viel umfas­sen­de­re gesell­schaft­li­che Gleich­ge­wichts­stö­rung als allein der Alko­hol sie aus­zu­lö­sen ver­möch­te. Die rausch­haf­ten Ober­flä­chen­phä­no­me­ne, die Hechen­blai­k­ners Foto­gra­fien zei­gen, zie­len auf das unter dem Sicht­ba­ren Ver­bor­ge­ne ab. Sie blen­den in Tie­fen­schich­ten einer Spaß-Fata-Mor­ga­na, die sich oft genug als Chi­mä­re ent­puppt. Oder als ver­kehr­te Welt, in der alle in die­sem Spiel Gefan­ge­nen Antrei­ber und Getrie­be­ne zugleich sind. Zau­ber­lehr­lin­ge, aus­ge­lie­fert den Geis­tern, die sie rie­fen und dem Gol­de­nen Kalb, um das sie tan­zen. Die Fra­ge, die der Foto­graf stellt, lau­tet nicht: „Was habt ihr?“, son­dern viel­mehr: „Was fehlt euch?“ Schon der arme Par­zi­val stell­te sie einst auf sei­ner Suche nach dem hei­li­gen Gral.

„Der Tou­ris­mus, erson­nen, um sei­ne Anhän­ger von der Gesell­schaft zu erlö­sen, nahm sie auf die Rei­se mit. Von den Gesich­tern ihrer Nach­barn lasen die Teil­neh­mer fort­an ab, was zu ver­ges­sen ihre Absicht war. In dem, was mit­fuhr, spie­gel­te sich, was man zurück­ge­las­sen hat­te. Der Tou­ris­mus ist seit­her das Spie­gel­bild der Gesell­schaft, von der er sich abstößt“, schreibt Hans Magnus Enzens­ber­ger 1958 in sei­ner immer noch lesens­wer­ten „Theo­rie des Tou­ris­mus“. Nicht zuletzt die­ser gesell­schaft­li­che, sozio­lo­gi­sche und somit poli­ti­sche Bedeu­tungs­rah­men macht Hechen­blai­k­ners Bil­der so radi­kal, beun­ru­hi­gend – und oft trau­rig. Manch­mal, kurz nur, aber lan­ge genug, um den Betrach­ter zu ver­zau­bern, glimmt in den Bil­dern eine tief­grün­di­ge, archai­sche Schön­heit der Natur auf, ein Blick in eine Anders­welt, die sich nicht rich­tig in das Ras­ter richtig/falsch, schwarz/weiß, gut/böse fügen will. Was aber ansons­ten in den Bil­dern auf­glimmt: viel Alko­hol, Hor­mon­stau, Abfall, Cha­os.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Man kann die Arbei­ten des 62-Jäh­ri­gen als Gewis­sens­prü­fung lesen, die er in den katho­li­schen Echo­raum Ischgl wirft, oder man kann sie als Spie­gel sehen, den er Tou­ris­ti­kern und Kon­su­men­ten, sprich Gäs­ten vor­hält. Dass das geschäfts­schä­di­gend sein könn­te, ist eini­gen früh auf­ge­fal­len. Vie­len gilt Hechen­blai­k­ner als Nest­be­schmut­zer, Mies­ma­cher, Spaß­ver­der­ber. Zu Aus­stel­lun­gen wird er vor allem im Aus­land ein­ge­la­den, kaum in Tirol.

Dem aus dem Tiro­ler Alp­bach­tal gebür­ti­gen Foto­gra­fen, des­sen Eltern eine Pen­si­on führ­ten, war das nicht egal, wei­ter­ge­macht hat er trotz­dem. Zynisch ist er dar­über nicht gewor­den. Obwohl er mit visu­el­lem Spreng­stoff han­tiert, will Hechen­blai­k­ner nicht ver­nich­ten oder zer­stö­ren. Stö­ren hin­ge­gen will er schon, kürz­lich hat ihn das Han­dels­blatt des­we­gen einen foto­gra­fi­schen Tho­mas Bern­hard genannt.

Ange­lehnt an den 1989 ver­stor­be­nen „Dich­ter des Unruhe­standes“ Tho­mas Bern­hard, der sei­ne Freu­de an „Ischgl“ gehabt hät­te, ist jedoch der Zugang Hechen­blai­k­ners distan­zier­ter und dadurch viel­leicht noch radi­ka­ler. Das spürt man, wenn man mit ihm in die­sem April 2020 durch Ischgl geht. Erst kürz­lich wur­de die Qua­ran­tä­ne über den Ort auf­ge­ho­ben. Die Atmo­sphä­re im Dorf ist dicht, kein Hund bellt, kein Kind lacht, die Gesich­ter der Men­schen sind ver­schlos­sen. Irgend­wo irr­lich­tert das Team eines Fern­seh­sen­ders her­um, das den Ein­druck macht, nach Sen­sa­tio­nen zu suchen. Man hat auch bei Hechen­blai­k­ner per E‑Mail um ein Inter­view ange­fragt, er lehnt ab, obwohl er zufäl­lig genau die­sem Tag in Ischgl wäre. Jour­na­lis­ten, die für einen Tag anrei­sen, um auf der Jagd nach der schnel­len Geschich­te nur das zu suchen, was sie bestä­tigt sehen wol­len, sind ihm ein Gräu­el. Dass es unter den Ein­hei­mi­schen schon lan­ge Wider­stand gegen die Par­ty­ex­zes­se gibt, wird in sol­chen „Sto­rys“ eben­so wenig erwähnt, wie dass das Dorf ver­sucht, mit erst­klas­si­gen Hotels und acht Gour­met­lo­ka­len gegen­zu­steu­ern. Mit beschränk­tem Erfolg: Die ein­mal ent­wi­che­nen, lukra­ti­ven Fla­schen­geis­ter las­sen sich so schnell nicht wie­der ein­fan­gen.

Auch das Wis­sen um die Armut, die unter den Bau­ern in vie­len der spä­ter reich gewor­de­nen Tou­ris­mus­ge­gen­den herrsch­te, schwingt in Hechen­blai­k­ners Foto­bü­chern mit. Kei­ne hun­dert Jah­re ist es her, dass man Kin­der aus dem Paz­naun­tal und ande­ren Regio­nen aus purer Not als Billig­arbeiter nach Süd­deutsch­land schick­te, wo sie wenigs­tens eine war­me Mahl­zeit auf den Tisch beka­men. Eine wei­te­re Ein­nah­me­quel­le erschloss man mit dem Schmug­gel zwi­schen Öster­reich und der benach­bar­ten Schweiz.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Man schrieb die frü­hen 1960er-Jah­re, als Bür­ger­meis­ter Erwin Aloys und ein paar ande­re Visio­nä­re, vie­le von ihnen Bau­ern, ihr Leben und viel geborg­tes Geld ein­setz­ten, um einen Traum Rea­li­tät wer­den zu las­sen. Es war der Traum von einem eige­nen Ski­ge­biet. Die Wider­stän­de waren beträcht­lich, man hielt die Män­ner für Ver­rück­te. Schon am 16. März 1963, der März scheint für Ischgl ein Schick­sals­mo­nat zu sein, hät­te alles jäh zu Ende sein kön­nen. Beim Pro­be­be­trieb der Anla­ge und im Bei­sein von Beam­ten des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ver­kehr stürz­te die Gon­del ab. Die Seil­bahn­pio­nie­re mach­ten wei­ter und konn­ten die Bahn im Dezem­ber des­sel­ben Jah­res eröff­nen. Der Rest ist eine lan­ge Geschich­te, heu­te gel­ten Ischgls Bah­nen und Lif­te, auch weil der erwirt­schaf­te­te Gewinn hart­nä­ckig direkt in die Anla­gen reinves­tiert wird (bis­lang 600 Mil­lio­nen Euro), als die moderns­ten der Welt. Ganz zu schwei­gen vom Ski­ge­biet der Sil­vret­ta Are­na, das selbst Kri­ti­ker des Ischgl-Rum­mels beein­druckt.

Erwin Aloys’ Sohn wird sich drei­ßig Jah­re spä­ter mit Visio­nen der ande­ren Art her­vor­tun. Etwa als Schöp­fer von Event­kon­zep­ten, die danach trach­ten, Ischgl zum „Epi­zen­trum tou­ris­ti­scher Uto­pien“ zu machen. Unter ande­rem glaub­te er erkannt zu haben, dass der „neue Gast“ ein „eit­ler, kör­per­be­wuss­ter, unge­hor­sa­mer, schön­heits­fa­na­ti­scher Ego­ist“, sein wer­de, „der nicht mehr weiß, was er will“. Er for­der­te Mana­ger dazu auf, „mit dem Penis zu den­ken“ und tat als Hote­lier und Bar-Betrei­ber alles dafür, genau die­sen „neu­en Gast“ zu errei­chen. Dazu war es zunächst not­wen­dig, sich wie ein „Ele­fant im Por­zel­lan­la­den“ auf­zu­füh­ren und mög­lichst viel Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. So karr­te er etwa im Jahr 2002 für ein paar Stun­den den kri­sen­ge­stähl­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Ex-Prä­si­den­ten Bill Clin­ton nach Ischgl (Kos­ten­punkt: 200.000 Dol­lar), der aus der hol­den Berg­welt eine „Mes­sa­ge from the Moun­ta­ins“ an die Welt­ju­gend rich­te­te. Der Inhalt der Nach­richt lässt sich recht kurz zusam­men­fas­sen: Von Ame­ri­ka ler­nen, heißt sie­gen ler­nen.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Ein paar Jah­re zuvor schon hat­te man mit den mitt­ler­wei­le legen­dä­ren „Top of the Mountain“-Konzerten begon­nen, die auf 2.320 Metern statt­fin­den und von Zehn­tau­sen­den besucht wer­den. Bob Dylan hat hier gespielt, Elton John, Tina Tur­ner, Rob­bie Wil­liams, Zuc­che­ro und vie­le ande­re, deren Namen in der Bran­che einen guten Klang haben. Die Stones konn­ten nicht, ihre Ver­stär­ker­an­la­ge war angeb­lich zu groß. Micha­el Jack­son hat­te zuge­sagt, war aber ein paar Tage vor dem Auf­tritt unpäss­lich.

Seit­her herrscht in Ischgl per­ma­nen­te Par­ty­lau­ne. Ischgl ist der Ort, der den Beat vor­gibt, der Platz an der Son­ne, an dem die Musik spielt und Alko­hol und Go-Go-Girls müde Män­ner­kno­chen mun­ter machen. Hier las­sen sich, wie in Poli­zei­be­rich­ten nach­zu­le­sen ist, Freund- oder Feind­schaf­ten fürs Leben schlie­ßen und Leis­tungs­trä­ger beim Enten­tanz beob­ach­ten. Sol­chen, die es eher ruhig mögen, bie­tet der Ort – jeden­falls im Win­ter, denn im Som­mer ist er fast leer – hin­ge­gen einen Selbst­mord-Anreiz aller­ers­ter Güte, wie es David Fos­ter Wal­lace in sei­ner Kreuz­fahrt-Repor­ta­ge Schreck­lich amü­sant – aber in Zukunft ohne mich aus­drückt.

An Spit­zen­ta­gen trinkt das Par­ty­volk in der „Tro­fa­na Alm“ in ein paar Stun­den hun­dert Fäs­ser Bier (à 50 Liter pro Ein­heit) leer, dazu kom­men diver­se ande­re erfri­schen­de Geträn­ke.

Lois Hechen­blai­k­ner hat die­sen pro­fit- und event­ge­steu­er­ten Unter­hal­tungs­fu­ror, die­sen per­ma­nen­ten Kar­ne­val samt sei­ner öko­lo­gi­schen Kol­la­te­ral­schä­den visu­ell beglei­tet. Für das vor­lie­gen­de Foto­buch konn­te er auf die Arbeit von 26 Jah­ren und auf 9.000 Bil­der zurück­grei­fen, die eine zur blo­ßen Kulis­se degra­dier­te Natur eben­so zei­gen wie die High­tech-Logis­tik, die hin­ter den ver­meint­li­chen Hüt­ten­flairs steckt, die der Foto­graf „Rus­ti­kal­kar­zi­no­me“ nennt. Wäre er Jour­na­list, müss­te man Hechen­blai­k­ners Zugang als inves­ti­ga­tiv bezeich­nen. Sei­ne Bil­der sind teil­neh­men­de Beob­ach­tun­gen, der Foto­graf setzt sich aus und geht dort­hin, wo es weh­tut. Die dabei ent­stan­de­nen Foto­gra­fien sind Grenz­gän­ge – und Her­aus­for­de­run­gen. Sie spre­chen für sich. Das macht ihre Wucht aus.

Und Coro­na? Der Virus ist in „Bier­form“ auf dem letz­ten, 2015 ent­stan­de­nen Bild die­ses Foto­bu­ches bereits prä­sent. Das Über­druck­ven­til Alko­hol, dar­an lässt Hechen­blai­k­ner kei­nen Zwei­fel, ist ein wesent­li­cher Treib­stoff in Ischgl. Vor ein paar Jah­ren mach­te sich ein Repor­ter des Han­dels­blatt die Mühe, als Aus­hilfs­kraft in der Ischgler „Tro­fa­na Alm“ am Zapf­hahn zu arbei­ten. Er notier­te flei­ßig mit. An Spit­zen­ta­gen trinkt das Par­ty­volk dort in ein paar Stun­den hun­dert Fäs­ser Bier (à 50 Liter pro Ein­heit) leer, dazu kom­men diver­se ande­re erfri­schen­de Geträn­ke. Ist die Hüt­te voll, darf man mit einem Umsatz von 120.000 Euro rech­nen, pro Tag. Peter Zell­mann vom Wie­ner Insti­tut für Frei­zeit- und Tou­ris­mus­for­schung meint dazu: „Mit Mas­sen, die viel trin­ken, ver­dient man ein­fach am meis­ten.“ Zu einem ähn­li­chen Schluss kommt auch Andre­as Pich­lers Doku­men­tar­film Alko­hol – Der glo­ba­le Rausch. Unter ande­rem geht es dar­in um die Alko­hol­in­dus­trie, die jähr­lich 1,2 Bil­lio­nen Euro umsetzt und jene drei Mil­lio­nen Men­schen, die pro Jahr an den Fol­gen von Alko­hol­miss­brauch ster­ben. Dage­gen nimmt sich Coro­na wie ein Krip­pen­spiel aus.

Lois Hechenblaikner – Ischgl

Den Medi­en gilt Ischgl mitt­ler­wei­le als Sym­bol: für Gier, Rea­li­täts­ver­lust, Lob­by­in­ter­es­sen und den Hang, Gewin­ne zu pri­va­ti­sie­ren und Schä­den, zumal gesund­heit­li­che, auf dem Kon­to der All­ge­mein­heit abzu­bu­chen. Das stimmt, doch ein Ein­zel­phä­no­men ist der „Fall Ischgl“ nicht. Er spielt sich vor der Folie eines zu Wachs­tum und immer mehr Pro­fit ver­damm­ten Wirt­schafts­sys­tems ab, das von den Fol­gen und den see­li­schen Prei­sen, die es dafür zu ent­rich­ten gilt, nichts wis­sen will. Sopho­kles sag­te vor einer Wei­le in sei­nem König Ödi­pus: „Am schmerz­lichs­ten aber sind jene Qua­len, die man frei sich selbst erschuf“. Ödi­pus, an dem schon Sig­mund Freud einen Nar­ren gefres­sen hat­te, ist einer, der eigent­lich alles wis­sen müss­te, lei­der aber nicht hin­se­hen will. Er ist ein Meis­ter der Nega­ti­on – die Ursa­che für die Pest, die sei­ne Stadt heim­sucht, ist er selbst.

© 2020 Steidl Ver­lag, Göt­tin­gen, © Bil­der: Lois Hechen­blai­k­ner,  © Text: Ste­fan Gmün­der
Text und Bil­der stammt aus dem eben erschie­ne­nen Bild­band Ischgl von Lois Hechen­blai­k­ner.

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Ste­fan Gmün­der, gebo­ren 1965, ist Lite­ra­tur­kri­ti­ker in der öster­rei­chi­schen Tages­zei­tung Der Stan­dard. 2015 bis 2019 war er in der Jury des Inge­borg-Bach­mann-Prei­ses. Er ist u.a. Her­aus­ge­ber des Ban­des Die Repu­blik Nizon. Eine Bio­gra­phie in Gesprä­chen (Edi­ti­on Sele­ne) und ver­fass­te zusam­men mit dem Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Klaus Zey­rin­ger die Streit­schrift Das wun­de Leder. Wie Kor­rup­ti­on und Kom­merz den Fuß­ball kaputt machen (Edi­ti­on Suhr­kamp).

Lois Hechen­blai­k­ner, gebo­ren 1958, ist im Tiro­ler Alp­bach­tal auf­ge­wach­sen, wo er auch lebt. Seit den 1990er Jah­ren setzt er sich in sei­nem Werk mit den Vor­der- und Hin­ter­büh­nen des alpi­nen Mas­sen­tou­ris­mus aus­ein­an­der, wel­che er in doku­men­ta­ri­sche und künst­le­ri­sche Posi­tio­nen umsetzt. Hechen­blai­k­ners Arbei­ten sind in zahl­rei­chen Grup­pen- und Ein­zel­aus­stel­lun­gen zu sehen, u.a. im Musée d’Ethnogaphie de Neu­châ­tel, im H2-Zen­trum für Gegen­warts­kunst in Augs­burg, im Kunst­Haus­Wi­en, in den Deich­tor­hal­len Ham­burg, im Foto­gra­fie Forum Frank­furt, im Alpi­nen Muse­um der Schweiz in Bern und im Kunst­haus Zürich. Bei Steidl erschie­nen von ihm bereits Win­ter Won­der­land (2012), Hin­ter den Ber­gen (2015) und Volks­mu­sik (2019).

Lois Hechen­blai­k­ner: Ischgl
Mit einem Text von Ste­fan Gmün­der
Steidl, Göt­tin­gen 2020
240 Sei­ten, € 34 (D) / € 35 (A)

Quel­le: Volltext.net

Online seit: 9. Juni 2020

Online seit: 9. Juni 2020

Zuletzt geän­dert: 9. Juni 2020