Vereitelter Anschlag in „Punktlandung“ von Ute-Christine Krupp

Zwi­schen Frei­heit und Sicher­heit, Pri­va­tem und Poli­ti­schem, digi­ta­ler und ana­lo­ger Lebens­wirk­lich­keit oszil­liert der neue Roman der deut­schen Autorin Ute-Chris­ti­ne Krupp, er stellt die gro­ßen Fra­gen unse­rer Zeit und bleibt dabei doch nur an der Ober­flä­che. Von Sophie Wei­landt
Die­ser Bei­trag ent­stand im Zusam­men­hang mit dem Online-Semi­nar „Lite­ra­tur- und Kul­tur­kri­tik schrei­ben“.

Mar­cel Reich-Rani­cki hat zwar ein­mal gera­ten, es tun­lichst zu unter­las­sen, dem Klap­pen­text eines lite­ra­ri­schen Werks Auf­merk­sam­keit zukom­men zu las­sen, han­delt es sich dabei doch häu­fig nur um den Wer­be­text des Ver­lags. Hier soll trotz­dem damit der Anfang gemacht wer­den: „Ter­ro­ris­mus und Lie­be im digi­ta­len Zeit­al­ter“ lau­tet da die Über­schrift – wur­de der Bogen damit nicht ein wenig zu weit gespannt?

Stel­len Sie sich vor, ganz Deutsch­land wird von einer isla­mis­ti­schen Ter­ror­grup­pe in Angst und Schre­cken gehal­ten, es gibt einen Aus­stei­ger aus dem al-Quai­da-Netz­werk, der die Poli­zei recht­zei­tig vor geplan­ten Anschlä­gen warnt, und Sie sind der­je­ni­ge, der mit­ver­ant­wort­lich ist, die­se zu ver­hin­dern. Mit die­sen Koor­di­na­ten schickt Ute-Chris­ti­ne Krupp ihre Leser­schaft ins Ren­nen und legt damit mög­li­cher­wei­se gleich zu Beginn eine fal­sche Fähr­te. Span­nungs­ge­la­de­ne Ver­fol­gungs­jag­den, Kampf­sze­nen um Leben und Tod und groß­an­ge­leg­te Ret­tungs­ak­tio­nen blei­ben uns (zum Glück) erspart. Erzählt wird aus der Sicht eines Ber­li­ner Regie­rungs­be­am­ten, Abtei­lung Öffent­li­che Sicher­heit. Paul Jost wur­de kürz­lich damit beauf­tragt, die Fahn­dung nach den Ter­ro­ris­ten zu über­neh­men. Der wenig spek­ta­ku­lä­re Büro­all­tag der obe­ren Beam­ten­li­ga mit sei­nen Kon­fe­ren­zen, Pres­se­ter­mi­nen und Kan­ti­nen­ge­sprä­chen ist über wei­te Stre­cken Aus­tra­gungs­ort des Ter­ror-Dra­mas.

Paul Jost ist im Kon­text sei­ner Arbeit vor allem damit beschäf­tigt, sich Grund­satz­fra­gen zu sei­ner neu­en beruf­li­chen Auf­ga­be zu stel­len: „Habe ich nicht Jura stu­diert, um die Frei­heits­rech­te zu wah­ren, die Grund­rech­te des Ein­zel­nen zu schüt­zen?“, „wie weit darf ein Staat gehen bei der Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten?“ und „Was ist der Mensch im Zeit­al­ter neu­er Tech­no­lo­gien?“ Das sind zwar hoch­bri­san­te Fra­gen, die nicht nur die Gesell­schaf­ten nach 9/11, son­dern auch unse­re pan­de­mi­sche Gegen­wart im Kern berüh­ren, doch auf ihre Ver­tie­fung war­tet man ver­geb­lich. Der Prot­ago­nist grü­belt, ob tele­fo­ni­sche Über­wa­chung ohne drin­gen­den Tat­ver­dacht gerecht­fer­tigt sei, oder ob die Unschulds­ver­mu­tung bei Ter­ror­ge­fahr ein­fach umgan­gen wer­den kann, und kommt doch über das Grü­beln nicht hin­aus. Letzt­lich kann er sich gegen die Posi­ti­on sei­nes Chefs Gie­se – „Sicher­heit um jeden Preis“ – nicht durch­set­zen, ver­sucht es aber auch nur halb­her­zig. Wie viel Kon­flikt­po­ten­zi­al wür­de die­ses demo­kra­tie­po­li­ti­sche Dilem­ma doch bie­ten – eine Mög­lich­keit, die Krupp im Roman ein­fach ver­strei­chen lässt. Viel­leicht geht es ihr aber auch in Wahr­heit um ande­res. Und damit kommt das zwei­te Schlag­wort der Klap­pen­text-Über­schrift ins Spiel: die Lie­be.

In fast naht­lo­sen Über­gän­gen steu­ert der Prot­ago­nist sei­nen Gedan­ken­strom zwi­schen Beruf und Pri­vat­le­ben, die bei­den Lebens­be­rei­che, die vor allem von den Figu­ren Gie­se, sei­nem Vor­ge­setz­ten und Gesi­ne, sei­ner Ex-Frau, domi­niert wer­den. Ein klei­ner Kunst­griff gelingt Krupp, indem sie ein bei­na­he-Ana­gramm für die bei­den Namen wählt. Mit der Kar­rie­re geht es berg­auf, als Lie­ben­der hat Paul Jost aller­dings ver­sagt. Die Ehe ging in die Brü­che, die Kin­der sieht er jedes zwei­te Wochen­en­de. Vom Vater, einem ange­se­he­nen Archi­tek­ten, bleibt die ersehn­te Aner­ken­nung auch im Erwach­se­nen­al­ter noch aus. Und so begibt er sich in diver­sen Online-Foren auf die Suche nach einer neu­en Lie­be.

„Lie­be im digi­ta­len Zeit­al­ter“ heißt also der ande­re gro­ße The­men­kom­plex, dem Ute-Chris­ti­ne Krupp bereits eine Erzäh­lung gewid­met hat, mit dem Titel „Nacht.de“. „Lie­be ist kein Zufall mehr?“ „War es nicht immer Zufall, wem man begeg­net? War es nur frü­her so?“ heißt es in Punkt­lan­dung, und dabei fällt einem der Phi­lo­soph Alain Badiou ein, der in sei­nem Essay „Lob der Lie­be“ Lie­be als ein „Ver­trau­en auf den Zufall“ defi­niert, der durch die online Part­ner­ver­mitt­lung an Wirk­kraft ver­lo­ren habe. Auch die Sozio­lo­gin Eva Ill­ouz kommt einem in den Sinn, die Dating-Apps und digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on für die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Bezie­hun­gen ver­ant­wort­lich macht. Und so erscheint es nur logisch, dass die ein­zi­ge Bezie­hung, die für Paul Jost zu glü­cken scheint, dann eben kei­ne Inter­net­be­kannt­schaft ist.

Der Roman wird dort plas­tisch, wo es ech­te Begeg­nun­gen gibt, und sei­en es auch nur die miss­ra­te­nen Online-Dates, die nicht fort­ge­setzt wer­den, weil nach der ers­ten Nacht klar wird, dass man im weni­ger hip­pen Teil der Stadt wohnt. Wenn sich Paul Jost an das Ken­nen­ler­nen mit Gesi­ne erin­nert, einer jun­gen Frau aus dem Osten, die im Wes­ten „dau­ernd das Gefühl (hat), so viel falsch zu machen“, wenn er einer sin­nie­ren­den Fuß­pfle­ge­rin am Ende ihres Arbeits­le­bens im Aka­zi­en­kiez sein Ohr leiht, die dem alten Ber­lin nach­trau­ert, dann atmet man hoch­som­mer­li­che Ber­li­ner Luft, dann wird man von der Erzäh­lung gepackt und end­lich mit­ge­nom­men.

Die in Ber­lin leben­de Autorin Ute-Chris­ti­ne Krupp gehört nicht gera­de zu jenen, die man als Viel­schrei­be­rin bezeich­net könn­te – man muss schon genau­er nach ihren Tex­ten suchen. Bei­trä­ge in aus­ge­wähl­ten Antho­lo­gien, eini­ge Hör­spie­le für ver­schie­de­ne Sen­de­an­stal­ten und mitt­ler­wei­le drei Roma­ne lie­gen vor. Mit lyri­scher Pro­sa mach­te sie den Anfang, in den 1990er-Jah­ren war Krupp, Jahr­gang 1962, in der Köl­ner Lite­ra­tur­sze­ne rund um den Dich­ter Mar­cel Bey­er aktiv und 2001 wur­de sie zum Bach­mann-Wett­be­werb nach Kla­gen­furt ein­ge­la­den.

Von lyri­scher Pro­sa ist in Krupps aktu­el­lem Roman auf den ers­ten Blick kaum noch etwas spür­bar, und doch wird man fün­dig, stellt man Punkt­lan­dung in den Kon­text ihres Gesamt­werks. Die viel­fach kur­zen, stac­ca­to­ar­ti­gen Haupt­wort­sät­ze, die sprach­li­che Reduk­ti­on auf das Not­wen­di­ge, das Dia­lo­gi­sche und Mono­lo­gi­sche, das satz­zei­chen­los inein­an­der über­geht – all das kann mit dem lite­ra­ri­schen Wer­de­gang der Autorin, dem Weg über Lyrik und Hör­spiel, in Zusam­men­hang ste­hen. Sät­ze, die man zwar ger­ne liest, die aber in ihrer fast wort­glei­chen Wie­der­ho­lung an Wirk­kraft ver­lie­ren, lau­ten: „Ich möch­te wie­der mehr den Zufäl­len des Lebens aus­ge­setzt sein“ und 40 Sei­ten spä­ter: „Ich woll­te ein Leben, das wie­der mehr Zufäl­len aus­ge­setzt ist“.

Zurück zu den Aus­gangs­pa­ra­me­tern Ter­ro­ris­mus und Lie­be: die Erwar­tung, mit Punkt­lan­dung eine lite­ra­ri­sche Folie für rechts­phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen zum The­ma Ter­ro­ris­mus gelie­fert zu bekom­men, anhand derer man mög­li­cher­wei­se sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen von Moral und Ethik durch­de­kli­nie­ren kann, muss ent­täuscht wer­den. Das haben ande­re bereits publi­kums­wirk­sa­mer gemacht, denkt man etwa an das Stück Ter­ror von Fer­di­nand von Schi­rach. Auch das Nach­den­ken über die Bedeu­tung von Lie­be und Bezie­hun­gen heu­te, bleibt nur ange­deu­tet. Was gelun­gen ist, ist das glaub­wür­di­ge Por­trait eines soge­nann­ten Durch­schnitts­cha­rak­ters, in der Mit­te sei­nes Lebens, etwas ver­klemmt, ehr­gei­zig und Ich-bezo­gen, der zu füh­len ver­lernt hat, höchs­tens sei­nen Nei­gun­gen noch Aus­druck ver­lei­hen kann, und der dann doch im Lau­fe des Romans Schritt für Schritt ins Leben zurück­fin­det.

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Online seit: 31. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 1. Mai 2023