Stamina

Von San­dra Gugic. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXI
Sandra Gugic © Dirk Skiba

San­dra Gugic.
Foto: Dirk Ski­ba

Die Augen öff­nen, auf dem Rücken trei­ben, unter einem rest­los zufrie­de­nen Him­mel, alles an die­ser Situa­ti­on könn­te rich­tig sein, aber im ers­ten Stock öff­nen und schlie­ßen sich uner­müd­lich Fens­ter. Am Mor­gen durf­ten wir zwi­schen vier Far­ben wäh­len. Mei­ne Far­be ist Weiß. Wir sind zu dritt. Die Auf­ga­be von Weiß ist, was immer wir tun, es so lang­sam wie mög­lich zu tun, wäh­rend wir uns frei in der Umge­bung oder im Haus bewe­gen. Alles, jede kleins­te Bewe­gung, das Gehen Trin­ken Uri­nie­ren Duschen, in größt­mög­li­cher Lang­sam­keit aus­zu­füh­ren. Es braucht viel Selbst­be­herr­schung, sich Trop­fen für Trop­fen zu ent­lee­ren. Wahr­schein­lich ist nichts unmög­lich. Ich kann nicht sagen, wie lan­ge ich gebraucht habe, um zum Pool zu kom­men, aber hier bin ich. Obwohl ich mich nur wenig vom Becken­rand ent­fernt habe, muss ich mich anstren­gen, nicht unter­zu­ge­hen.

Weni­ge Meter ent­fernt, hin­ter der Begren­zung des Grund­stücks, ist die Grup­pe Rot damit beschäf­tigt, rück­wärts Rich­tung Wald zu gehen, als Ori­en­tie­rungs­hil­fe die­nen Hand­spie­gel. Sie que­ren das Feld im Son­nen­schein. Ihr Anblick hat etwas Roman­ti­sches. Vor­hin, auf mei­nem Zeit­lu­pen­weg über die Trep­pe in den Pool habe ich ihnen zuge­se­hen, was ein Feh­ler war. Jede Ablen­kung ist ein Feh­ler. Ich wer­de nach­läs­sig in mei­ner Übung. Auch jetzt bewe­gen sich mei­ne Arme und Bei­ne zu schnell. Das unab­läs­si­ge Öff­nen und Schlie­ßen der Fens­ter über mir könn­te zur Grup­pe Blau gehö­ren. Wenn ich die Augen schlie­ße, glau­be ich einen Rhyth­mus zu erken­nen, ein trei­ben­des Stol­pern. Im Augen­blick kann ich nicht sagen, wo sich Grup­pe Gelb befin­det. Ver­mut­lich hin­ter dem Haus. Auch wo der Rest der Grup­pe Weiß sich auf­hält, ist mir nicht bekannt. Ich weiß, dass die Assis­ten­ten ihre Run­den dre­hen, um nach uns zu sehen. Sie ver­zie­hen dabei kei­ne Mie­ne. Lächeln sel­ten, nicken. Ich arbei­te mich an der Lang­sam­keit ab. Der Gedan­ke, dass es im Was­ser leich­ter sein wird, war ein Fehl­schluss. Ich bemü­he mich, Mund und Nase über Was­ser zu hal­ten. Nichts zu den­ken. Und doch: Der Gedan­ke an die Fehl­bar­keit von Erin­ne­rung. Der Gedan­ke, dass es mir unmög­lich sein wird, mich selbst zu über­lis­ten. Im Ver­such, die Ereig­nis­se der letz­ten Minu­ten, Stun­den, Tage zu reka­pi­tu­lie­ren, muss ich fest­stel­len, dass es mir unmög­lich ist, aus der Per­spek­ti­ve von allen zu erzäh­len. Und sei es nur, um die Ein­zel­hei­ten mei­ner Per­son zu ver­schlei­ern, was mir ein Anlie­gen wäre.

Dau­er der Übun­gen: vier Tage. Anzahl der Teil­neh­men­den: zwölf. Für die Dau­er der Übun­gen wird dar­um gebe­ten, weder zu spre­chen noch zu essen. Auch Lesen und Schrei­ben ist nicht erwünscht. Jeden Tag sind Übun­gen in einer vor­ge­ge­be­nen Abfol­ge zu absol­vie­ren. Die Anlei­tung jeder Übung wird unmit­tel­bar vor deren Aus­füh­rung erläu­tert. Der Aus­gangs­punkt: den Kör­per als Haus den­ken. Wir trai­nie­ren den Kör­per, unser Haus, wir rei­ni­gen es und sam­meln Werk­zeu­ge, die uns hel­fen, unser Bewusst­sein zu steu­ern. Die Gren­zen aus­zu­lo­ten. Ein Abbruch der Übun­gen ist nicht vor­ge­se­hen.

Wir sehen: Die Umris­se einer Land­schaft. Insek­ten­ge­räu­sche. Das Pochen von Hit­ze in den Glied­ma­ßen, bis in die Fin­ger­spit­zen, unter der Haut. Der Kör­per abge­kämpft von der Rei­se, dabei hell­wach, das Herz sinn­los rasend. Vor dem Tor des Grund­stücks stei­gen wir aus, stol­pern vor­wärts, auf die ande­ren zu, hal­ten einen Augen­blick inne. Eine Hand­voll Men­schen, die meis­ten sehen jung aus. Ich ver­wer­fe den ers­ten Gedan­ken: lächer­lich jung. Ein paar älte­re, zwei ziem­lich alte. Der Impuls aus­zu­wei­chen, den Bli­cken und erwart­ba­ren ers­ten Sät­zen. Auto­ma­tis­men set­zen ein, die All­ge­mein­plät­ze, das stum­me Ver­glei­chen. Die eige­ne Ver­än­de­rung, im Ton, in der Hal­tung, das Trig­gern von unsicht­ba­ren Punk­ten. Was wir sehen, wenn wir jeman­den zum ers­ten Mal sehen ist das, was gewor­den ist. Oder. Wie­viel mehr Zeit braucht es, die mög­li­chen Leben dahin­ter zu erken­nen. Der Gedan­ke, dass sich die Zel­len im Kör­per alle sie­ben Jah­re erneu­ern. Dass man sich irgend­wann gegen­über­ste­hen müss­te, neu trans­for­miert und dass es doch nicht so pas­siert. Die Vor­stel­lung, nicht die ein­zi­ge denk­ba­re Ver­si­on von uns selbst zu sein, hat etwas Tröst­li­ches.
Die unaus­ge­spro­che­nen Fra­gen. Wer wird durch­hal­ten? Ist auf­ge­ben eine Opti­on? Was sieht das Gegen­über an einem? Wie muss die Gegen­wart beschaf­fen sein, um sich zu erfül­len? Das ers­te und das letz­te Glied einer Ket­te inein­an­der­grei­fen­der Bege­ben­hei­ten. Zwi­schen Rou­ti­ne und Rup­tur. Wir stel­len Fra­gen in dem beru­hi­gen­den Wis­sen, dass wir kein Gespräch zu Ende füh­ren müs­sen. Wir sind hier, um zu schwei­gen. Hier, im Plu­ral, suchen wir die Stil­le für den Auf­bruch. Wir fol­gen dem Anfang von etwas, das wir für einen Weg hal­ten. Weni­ge Schrit­te wei­ter, vor dem Haus, klafft ein schwar­zes Loch in der Erde. Ein Pool ohne Was­ser.

Das Sur­ren von Ven­ti­la­to­ren erfüllt die Räu­me, der Geschmack von Ver­brann­tem in der Luft und der Geruch nach Zitro­ne. Es ist ein ande­res Haus als das im Wer­be­trai­ler und doch scheint alles selt­sam ver­traut. In Gedan­ken wie­der­ho­len sich die Bil­der, Moment­auf­nah­men aus den Übun­gen, Clo­se-ups kon­zen­trier­ter Gesich­ter, Land­schaft, Emo­ti­on, Atmo, Natur.
Das Ers­te, was zu tun ist: Wir legen alles Per­sön­li­che und alles Elek­tro­ni­sche, das wir bei uns tra­gen, ab. Ord­nen die glei­chen Din­ge den ver­schie­de­nen Wan­nen zu, eine für die Tele­fo­ne, eine für Bücher, eine für Uhren, eine für Tablets, eine für alles ande­re. Die Bewe­gung der Kör­per und Hän­de über den Wan­nen. Wenn das alles wäre, was von uns bleibt, Relik­te einer unter­ge­gan­ge­nen Zivi­li­sa­ti­on. Wir haben kei­ne Mög­lich­keit, zu Hau­se anzu­ru­fen. Ich emp­fin­de kei­nen Wunsch danach. Alle Ver­bin­dun­gen sind frei­wil­lig gekappt.
Das Lächeln des Assis­ten­ten: You are free now. You should be hap­py.
Ein­mal möch­te ich so lachen, dass Wider­stand zweck­los ist.

Die Vor­stel­lungs­run­de bleibt aus und damit das Auf­zäh­len mög­li­cher Hal­tun­gen, Grün­de, und alles, was damit zusam­men­hängt, Schick­sals­mo­no­lo­ge, Kind­heits­träu­me und Trau­ma­ta. Der vor­sorg­lich vor­be­rei­te­te Satz, den ich nicht aus­spre­chen muss: Ich kann das Gewicht mei­ner eige­nen Vor­stel­lungs­kraft nicht ertra­gen. Ein ande­rer, ver­wor­fen: Ich will die Ganz­heit der Welt ver­tei­di­gen. Nie­mand hat vor uns zu fra­gen, war­um wir hier sind.

Das Öl, das wir ein­neh­men, ist ein Rezept des Hau­ses, weder bit­ter noch sal­zig, son­dern eben­so farb- wie geschmack­los. Als uner­wünsch­te Neben­wir­kun­gen des Fas­tens kön­nen auf­tre­ten:
Kreis­lauf­be­schwer­den
Hypo­to­nie
Kopf­schmer­zen oder Migrä­ne
Müdig­keit
Mund­ge­ruch und Mens­trua­ti­ons­stö­run­gen
Mus­kel­krämp­fe
aku­te Rücken­schmer­zen
Ver­än­de­run­gen im Schlaf­ver­hal­ten
Vor­über­ge­hen­de Stö­run­gen des Seh­ver­mö­gens
vor­über­ge­hen­de Flüs­sig­keits­re­ten­ti­on
Die Schlaf­ko­jen öff­nen und schlie­ßen sich bis spät in die Nacht. Das Öl tut sei­ne Wir­kung, immer wie­der steht jemand eilig auf. Bis zum Mor­gen dür­fen wir noch flüs­ternd spre­chen. Ich den­ke so lan­ge über einen letz­ten Satz nach, einen wirk­lich guten letz­ten Satz, bis nie­mand mehr wach ist, zu dem ich ihn sagen könn­te. Es dau­ert lan­ge, bis mein Kör­per reagiert, dann geht es sehr schnell. Den schwach beleuch­te­ten Flur hin­un­ter Rich­tung Gemein­schafts­bad, die Hän­de tas­ten an der rau­en Mau­er ent­lang. Im Bad auf dem Boden knien, in Stü­cke zer­fal­len. Schwit­zend und zit­ternd aus nas­sen Klei­dern schä­len, ganz flach an die Flie­sen gepresst lie­gen blei­ben. Als ich das Bad wie­der ver­las­sen kann, brennt kein Licht mehr im Haus, nir­gends. Ich flüs­te­re mei­nen Satz in die schwar­ze Lee­re.

Das Rau­schen von Was­ser geht über in das Läu­ten einer Glo­cke. Ich wache auf ohne Hun­ger. Das Läu­ten nähert sich, ent­fernt sich lang­sam wie­der, jemand läuft auf dem Flur vor den Kojen auf und ab. Ich höre, wie die ande­ren auf­ste­hen, das Öff­nen und Schlie­ßen von Fens­tern und Türen, höre, wie jeman­dem ein Guten Mor­gen her­aus­rutscht und nie­mand ant­wor­tet, drif­te zurück in Traum­bil­der, schre­cke hoch. Ich weiß nicht, wie viel Zeit seit dem ers­ten Auf­wa­chen ver­gan­gen ist. Klet­te­re aus der Koje ins Licht, fol­ge den Geräu­schen erst den Gang, dann die Trep­pe hin­un­ter und wei­ter nach drau­ßen, wo sich alle ver­sam­melt haben. Ich bin die Letz­te, die dazu­stößt. Alles ist zu hell.
Ich kann mich an kei­nes der Gesich­ter erin­nern, es ist, als wür­de ich die Grup­pe zum ers­ten Mal sehen. Das schwar­ze Loch hat sich in einen mit Was­ser gefüll­ten Pool ver­wan­delt. Es steht uns frei, Bade­klei­dung zu tra­gen. Die meis­ten stei­gen nackt ins Was­ser.
Klei­der abstrei­fen, sich Zeit las­sen, den Blick auf die ande­ren ver­mei­den wol­len und doch nach­ge­ben, der Gewohn­heit fol­gen, die Kör­per ein­zu­ord­nen in alt jung weich fest anzie­hend absto­ßend, wäh­rend ein Kör­per nach dem ande­ren mit jedem Schritt mehr mit der eige­nen Spie­ge­lung ver­schwimmt. Das Was­ser ist eis­kalt und klar, kein Chlor­ge­ruch. Das Haus liegt abge­schie­den, auf dem höchs­ten Punkt einer Stu­fen­land­schaft, unter uns der Wald. Ich stel­le mir den Quer­schnitt vor, die leicht geneig­ten, fast par­al­lel über­ein­an­der lie­gen­den Schich­ten der Gestei­ne unter uns. Es ist kurz nach Son­nen­auf­gang, noch ist es kühl, im Lau­fe des Tages wer­den die Tem­pe­ra­tu­ren rasch stei­gen, bis die Hit­ze kaum zu ertra­gen sein wird. Die Gegend erfüllt eine der wich­tigs­ten Bedin­gun­gen: Es muss zu kalt oder zu heiß sein.

Auf dem Rücken trei­ben, die Augen geschlos­sen, der Kör­per erin­nert sich an die Fahrt hier­her, die schlin­gern­de Bewe­gung des Taxis ent­lang der Ser­pen­ti­nen in der Däm­me­rung, unter einem ver­lö­schen­den Him­mel. Das Was­ser ist zäh wie Honig. Ich tau­che auf und schnap­pe nach Luft. Ertas­te den Becken­rand, zie­he mich rasch hoch und glei­te auf die war­men Stei­ne. Ich bin allein, über mir das fort­dau­ern­de Öff­nen und Schlie­ßen der Fens­ter, der Rhyth­mus hat gewech­selt, scheint har­mo­ni­scher gewor­den zu sein. Wo war ich? Nach­läs­sig, ich war nach­läs­sig. Wahr­schein­lich, viel­leicht hat nie­mand mei­nen Lap­sus bemerkt. Der Blick sucht und fin­det die Grup­pe Rot im Rück­wärts­gang, jetzt schon näher am Wald. Die­ser hei­li­ge Ernst, mit dem wir unse­re Auf­ga­ben erle­di­gen, nicht auf­be­geh­ren, wei­ter­ma­chen. Wann war ich zuletzt so folg­sam. Auf dem Boden neben dem Becken­rand lie­gen mei­ne Klei­der sorg­fäl­tig zu einem Bün­del gefal­tet, so wie ich sie hin­ter­las­sen habe. T‑Shirt, Hose, Wäsche ent­spre­chen den Richt­li­ni­en: schlicht, gera­de geschnit­ten, nicht zu kör­per­nah, in gedeck­ten Far­ben, ohne Auf­dru­cke oder sicht­ba­re Label. Wir glei­chen uns den spär­lich ein­ge­rich­te­ten Räu­men des Hau­ses an, fügen uns in die frei­en Flä­chen. Der Ver­such, die Beharr­lich­keit eines Gegen­stands anzu­neh­men. Nichts zu den­ken. Aus­dau­er bezeich­net die Wider­stands­fä­hig­keit des Orga­nis­mus gegen Ermü­dung sowie die schnel­le Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit nach einer außer­or­dent­li­chen Belas­tung. Agu­an­te, Izdržl­jivost, Stami­na. Des­we­gen sind wir hier. Wir arbei­ten uns an den Wider­stän­den ab. Die Mensch­heit ist eine mess- und nach­zähl­freu­di­ge Spe­zi­es. Viel­leicht kommt daher der Zwang, die Sum­me der ein­zel­nen Tage zusam­men­zu­tra­gen, die Din­ge in mei­nem Kopf zu ord­nen. Obwohl ich mir sicher bin, dass die Tage hier weder begin­nen noch enden, sie simu­lie­ren. Wie ich.

Die ers­te Übung beginnt mit der Anwei­sung, an einer lan­gen Tafel Platz zu neh­men. Das Gedeck besteht aus einem wei­ßen Blatt, einem Blei­stift, Lärm­schutz­kopf­hö­rern. Ein Gemisch aus Reis und Lin­sen wird auf den Tisch geleert, pro Teil­neh­mer geschätzt ein hal­bes Kilo. Es geht dar­um, Reis und Lin­sen zu tren­nen, jedes ein­zel­ne Korn zu zäh­len, alles auf­zu­schrei­ben. Wir haben alle Zeit, die wir brau­chen, um die Übung zu been­den.
Eini­ge machen sich sofort an die Arbeit. Fla­che brau­ne Hül­sen­früch­te, hel­le Reis­kör­ner glei­ten durch geschäf­ti­ge Fin­ger. Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren. Die Kopf­hö­rer schlu­cken alle Geräu­sche. Auch ich soll­te jetzt anfan­gen. Im Augen­win­kel die Bewe­gun­gen der Hän­de und Stif­te. Das wei­ße Blatt vor mir. Die ein­ge­ris­se­ne Nagel­haut mei­nes Sitz­nach­barn, der laut­los mit den Lip­pen Zah­len formt. Die Frau mir gegen­über, die mit dem Stift auf den Tisch tippt, als wür­de sie einem bestimm­ten Rhyth­mus fol­gen, ich kann das Geräusch nicht hören und doch. Mein Blick will den Raum erkun­den, die Gesich­ter der ande­ren lesen. Die Assis­ten­ten haben den Raum ver­las­sen. Wahr­schein­lich wer­den wir beob­ach­tet, es ist bes­ser, die Übung ohne wei­te­ren Auf­schub zu begin­nen.
Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren.
You should be hap­py. Der letz­te Satz vor dem Schwei­gen, der an mich gerich­tet war. Eigent­lich hat­te ich mir das anders gedacht, mich gefreut, in Erwar­tung einer Ruhe, einer Lee­re, die sich anfühlt wie Aus­at­men. Dabei haben sich Gedan­ken und Bil­der in Gang gesetzt, wie Stei­ne, einer bewegt sich nur ein biss­chen und alles beginnt zu fal­len. Seit das Schwei­gen begon­nen hat, wird es mit jeder Minu­te lau­ter in mei­nem Kopf. Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren. Ver­ges­sen geglaub­te Lied­tex­te rei­hen sich an Gedicht­stro­phen, Rei­me. If you’re hap­py and you know it, clap your hands. Clap-clap. If you’re hap­py and you know it clap your hands. Clap-clap. Wäh­rend ich noch zöge­re, hat mein Sitz­nach­bar eine eige­ne Tech­nik ent­wi­ckelt, im Takt eines unsicht­ba­ren Metro­noms schiebt er Reis­korn für Reis­korn mit der Spit­ze sei­nes Blei­stifts nach rechts. If you’re hap­py and you know it and you real­ly want to show it if you’re hap­py and you know it, clap your hands. Einen Satz, eine Melo­die abschüt­teln, um ins Nächs­te zu kip­pen. Clap-clap. Dun­kel war’s, der Mond schien hel­le. Dun­kel war’s, der Mond schien hel­le. Dun­kel war’s, der Mond – Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren. Mein Sitz­nach­bar reißt mit den Zäh­nen ein Stück Nagel­haut ab. Der Blei­stift rutscht in mei­ner schweiß­nas­sen Hand. Clap-clap. Ich bin vier Jah­re alt und zeich­ne, aber eigent­lich spie­le ich, dass ich zeich­ne. Wenn ich einen Strich zie­he, tue ich nur so, als wür­de ich zeich­nen. Ich spie­le für die Kame­ra, ein Kind zu sein, das zeich­net. Immer sehe ich aus, als wäre ich nicht ganz bei dem, was ich gera­de tue. Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren. If you’re hap­py and you know it, pat your head. Pat-pat. If you’re hap­py and you know it, pat your head. Pat-pat. Das Bild von John Len­non und Yoko Ono, wie sie dar­auf war­ten, dass das Zim­mer­mäd­chen das Bett in ihrer Suite, wo sie seit Tagen für den Welt­frie­den demons­trie­ren, neu bezieht. Pat-pat. Dun­kel war’s, der Mond schien hel­le. Dun­kel war’s, der Mond schien hel­le. Dun­kel war’s, der Mond – Ein Blick im Nacken, läs­tig wie ein Insekt. Auf­stei­gen­der Zorn, der aus dem Gedächt­nis des Kör­pers kommt, nicht kon­kret wer­den will. Was ist, wenn Zeit ein Gegen­stand ist, der sich nicht bewe­gen lässt und in dem wir zugleich gefan­gen sind. Wie die­ser Raum. Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren, schwit­zen. Der Gedan­ke an Schnee, dar­an, Schnee immer schon gehasst zu haben. Ein Bild von mir in Ano­rak und Müt­ze, geschützt unter mei­nem bun­ten Kin­der­schirm, als wäre ich eine alte Dame, empört über die Zumu­tung mei­ner Exis­tenz. Ich bli­cke direkt in die Kame­ra, hin­ter mir ein Geh­weg, ein Stück Wie­se, dich­ter Schnee­fall. Tren­nen, zäh­len, notie­ren, durch­strei­chen. Tren­nen, zäh­len, notie­ren, durch­strei­chen. Ein Loch ins Papier ste­chen. Im Raum staut sich die Hit­ze, es könn­te Mit­tag sein. Ist auf­ge­ben eine Opti­on? Der Impuls, den Lärm aus mir her­aus­zu­spei­en, als einen end­lo­sen Satz, der in jedem Raum, an jedem Ort, in jeder Umge­bung etwas ande­res bedeu­tet. Dun­kel war’s, der Mond schien hel­le. Dun­kel war’s, der Mond – Nichts von all dem ist mir anzu­se­hen. Ich bin 41 Jah­re alt und spie­le für ein unsicht­ba­res Publi­kum, wie ich mit hin­ge­bungs­vol­ler Kon­zen­tra­ti­on Lin­sen und Reis tren­ne, die ein­zel­nen Kör­ner zäh­le, laut­los die Zah­len mit den Lip­pen for­me. Das Publi­kum kann mei­ne Angst wit­tern wie ein Hund, es kann wahr­neh­men, ob ich wirk­lich DA bin oder nicht. Mir zuse­hen, wie ich etwas notie­re, etwas ande­res durch­strei­che. Das Papier vor mir liegt unver­letzt. Wie­der­ho­lung und Erin­ne­rung als glei­che Bewe­gung, in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen aus­ein­an­der­stre­bend. Für einen Augen­blick glau­be ich zu sehen, wie mein Sitz­nach­bar beginnt, mit der Spit­ze sei­nes Blei­stifts gegen die Ord­nung zu sor­tie­ren, die schon säu­ber­lich getrenn­ten Häuf­chen gedul­dig zu zer­stö­ren, Reis­korn für Reis­korn zurück in das Gemisch schiebt. Irgend­wann rückt der ers­te Stuhl, jemand steht auf und ver­lässt den Raum. Wei­ter jetzt. Tren­nen, zäh­len, sor­tie­ren. Auch der ande­re Platz neben mir ist leer. Sekun­den, Minu­ten, Stun­den spä­ter berührt mich jemand an der Schul­ter, das Zei­chen, dass alle die Übung been­den dür­fen, unab­hän­gig davon, wie weit sie gekom­men sind. Ich bli­cke nicht auf, will nicht sehen, wie vie­le noch übrig sind. Es ist unmög­lich, jetzt auf­zu­ge­ben. Irgend­wann lege ich den Stift end­lich zur Sei­te. Die Zeit, die mir ein Assis­tent auf einen Zet­tel notiert: sie­ben Stun­den und fünf­und­zwan­zig Minu­ten.
Vor­sich­tig ste­he ich auf, stre­cke mei­ne Bei­ne. Hin­ter mei­ner Stirn ist nur noch ein lei­ses Rau­schen. Jemand ent­fernt die Stüh­le, den Tisch. Ich gehe ans Fens­ter, nach­se­hen, was von der Welt noch übrig ist. Auf dem frei­en Feld unten vor dem Grund­stück bewegt sich eine grin­sen­de Micky Maus im rasen­den Zick­zack über das Gelän­de. Micky grinst mich vom Rücken eines Over­si­zed Hoo­dies an. Kapu­ze auf, dar­un­ter ver­steckt sich wohl ein Kind, wahr­schein­lich aus der Umge­bung, wobei die nächs­te Ort­schaft ein gan­zes Stück ent­fernt sein muss. Das Kind bremst sein Fahr­rad scharf ab, der Hin­ter­rei­fen wir­belt tro­cke­ne Erde hoch, bevor es sein Gesicht in mei­ne Rich­tung dreht, einen Augen­blick inne­hält, dann wei­ter, bar­fuß in den Peda­len ste­hend, bis es im Wald ver­schwin­det.

Weiß. Mei­ne Far­be ist Weiß. Die Auf­ga­be von Weiß ist, was immer ich tue, es so lang­sam wie mög­lich zu tun. Die Son­ne ist wei­ter­ge­wan­dert. Der Schat­ten des Hau­ses ist bis an den Becken­rand gekro­chen. Es ist nichts zu hören. Die Fens­ter im Stock über mir sind jetzt geschlos­sen, der Boden unter mir ist immer noch warm. Mei­ne Klei­der am Becken­rand, sorg­fäl­tig gefal­tet. Mehr­mals hin­ter­ein­an­der öff­ne und schlie­ße ich den Mund so weit ich kann, las­se mei­nen Kie­fer kna­cken. Ich muss aus­se­hen wie ein Fisch. Ich dre­he den Kopf zur Sei­te. Im Was­ser zap­peln Insek­ten. Drau­ßen auf dem frei­en Feld vor dem Grund­stück hat jemand Stüh­le auf­ge­stellt, immer zwei ein­an­der gegen­über, ver­streu­te Inseln. Dazwi­schen tum­meln sich ein paar Zie­gen, das Gebim­mel der Glöck­chen, die sie um den Hals tra­gen, beglei­tet jeden ihrer Schrit­te. Sonst ist nie­mand zu sehen. Für einen Augen­blick ist die Stil­le voll­kom­men und tröst­lich.
Das trä­ge schnal­zen­de Geräusch von Flip-Flops, ich blinz­le ins Gegen­licht, ver­su­che ver­geb­lich ein Gesicht aus­zu­ma­chen. Jemand, wahr­schein­lich ein Assis­tent, reicht mir ein wei­ßes Blatt: Fünf­und­zwan­zig Minu­ten Pau­se.

Wir sol­len einen Platz auf dem Feld fin­den und eine Hal­tung auf dem Stuhl ein­neh­men, in der wir ver­wei­len kön­nen, ohne uns zu bewe­gen. Die Regeln sind ein­fach: Die Hän­de nicht heben, kei­ne Zei­chen machen, nicht spre­chen. Die ande­re Auf­ga­be ist, den Blick zu hal­ten. Mein Gegen­über ist männ­lich, weiß, mit­tel­alt, mit­tel­groß, etwas farb­los. Ein Gesicht, das nicht auf­fällt. Nie­mand, dem ich unter all­täg­li­chen Bedin­gun­gen einer Begeg­nung mehr als ein paar Sekun­den Auf­merk­sam­keit schen­ken wür­de. Wir rich­ten uns ein, gehen auf Posi­ti­on. Nach weni­gen Augen­bli­cken schon klebt die fri­sche Klei­dung feucht auf der Haut. Die Luft schmeckt süß­lich. Obwohl wir hier drau­ßen sind, kann ich mei­nen Schweiß rie­chen und den mei­nes Part­ners. Es heißt, wenn wir unser Gegen­über lan­ge genug betrach­ten, wird es nach und nach schö­ner häss­li­cher zor­ni­ger trau­ri­ger ver­trau­ter bis das Gesicht kei­ne Bedeu­tung mehr hat. Das lin­ke Auge des Man­nes zuckt leicht, dann das rech­te. Ich spü­re die Träg­heit mei­nes eige­nen Kör­pers und zugleich mei­ne Unru­he. Nach einer Wei­le begin­nen auch mei­ne Fin­ger unwill­kür­lich zu zucken. Ich ken­ne die For­schungs­be­rich­te, die die­sen Effekt beschrie­ben haben, den gegen­sei­ti­gen Blick, die­se stum­me Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen zwei Frem­den, die dazu führt, dass die Gehirn­wel­len sich nach einer Wei­le anglei­chen und iden­ti­sche Mus­ter beschrei­ben. Aber sie schrei­ben nichts von: Schmer­zen im Steiß­bein, im Becken, zwi­schen den Rip­pen, in den Schul­tern. Die Anstren­gung, die es braucht, etwas zu tun, das so nah am Nichts­tun scheint. Die Pupil­len des Man­nes schei­nen sich zu wei­ten, der Blick wird wei­cher, durch­läs­si­ger. Der gegen­sei­ti­ge Blick als Rei­se auf unbe­kann­tem Gebiet, unter der Ober­flä­che der Land­schaft ein Rhi­zom aus Zufall und Unglück. Ich fra­ge mich, wo die Zie­gen hin sind. Wie all das hier aus­se­hen muss, aus der Vogel­per­spek­ti­ve, wir auf unse­ren Stüh­len, über das Feld ver­streut. Auf drei Uhr beginnt jemand zu schluch­zen. Wei­nen ist anste­cken­der als Lachen. Ein Gebot, das ich mir selbst auf­er­legt habe: nie­mals in der Öffent­lich­keit wei­nen. Die Mus­keln in mei­nen Waden kramp­fen. Mit Schmer­zen habe ich nicht gerech­net. Eine Flie­ge setzt sich auf die Stirn mei­nes Gegen­übers, reibt die Bein­chen anein­an­der. Er reagiert nicht. Ich erin­ne­re mich an mei­ne ers­te Begeg­nung mit dem Ver­ge­hen von Zeit: Du bleibst jetzt hier ganz still sit­zen und denkst dar­über nach, was du getan hast. Ich unter­drü­cke auf­stei­gen­des Lachen. Wie­so den­ken wir, wenn wir unglück­lich sind, dass wir auf ganz eige­ne Wei­se unglück­lich sind? Das Gesicht mei­nes Part­ners, des­sen Züge sich schein­bar deh­nen, wie­der zusam­men­zie­hen. Ich ver­su­che, mei­nen Kör­per als Haus zu den­ken. Schrei­te alle Zim­mer ab, öff­ne die Türen und Fens­ter nach drau­ßen. Mir fällt ein, dass ich die Namen der ande­ren nicht ken­ne, auch den mei­nes Part­ners nicht. Mein Blick, der das Gegen­über über­win­det, sich in der Fer­ne dahin­ter ver­liert. Wir könn­ten uns inein­an­der ver­lie­ben. Die Din­ge tun, die Ver­lieb­te machen, Geschich­ten, Bli­cke, Kör­per­flüs­sig­kei­ten aus­tau­schen und das Wich­tigs­te: von allem Fotos machen, alles fest­hal­ten wol­len. Ich glau­be, eine Bewe­gung im Wald zu erken­nen, ein sich wie­der­ho­len­des Mus­ter. Einen Satz wie­der­ho­len, bis er kei­nen Sinn mehr ergibt. Ich den­ke an mei­ne Woh­nung, der ver­trau­te Geruch, all die Din­ge dar­in, die mich bezeich­nen, die Bücher Fotos Plat­ten Fil­me Nota­te voll­stän­dig ver­sam­melt, schon bedeckt von fei­nem Staub. Die merk­wür­di­ge Tat­sa­che, dass da drau­ßen die Wirk­lich­keit wei­ter besteht und damit all die Din­ge einer greif­ba­ren Welt, die wir trotz­dem nie ganz erfas­sen kön­nen. Was war zuerst da, die Spra­che oder die Bil­der. Ich fra­ge mich, ob das Haus und der Pool hin­ter uns noch da sind, aber ich wer­de mich auf kei­nen Fall umdre­hen. Mein Kör­per hat alles ver­ges­sen, ist jetzt nutz­los und leicht. Nichts mehr den­ken. Das Laut­wer­den der Insek­ten, kaum merk­li­che Bewe­gun­gen in der Erde unter unse­ren Füßen, feuch­te Küh­le, die aus dem Wald zu uns auf­steigt. Wir mer­ken nicht, wie die Däm­me­rung ein rotes Band über die Hügel spannt und erst der Wald vom Dun­kel ver­schluckt wird, schließ­lich wir.

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San­dra Gugic *1976, schreibt Pro­sa, Lyrik und Essays. Stu­di­um an d. Univ. f. Ange­wand­te Kunst / Sprach­kunst und am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig. Ihr Debüt­ro­man Astro­nau­ten (2015, C.H.Beck) erhielt den Rein­hard-Priess­nitz-Preis. 2019 erschien ihr Lyrik­de­büt Pro­to­kol­le der Gegen­wart im Ver­lags­haus Ber­lin, im Herbst 2020 ihr zwei­ter Roman Zorn und Stil­le bei Hoff­mann und Cam­pe. Zuletzt erhielt sie das Hein­rich-Hei­ne-Sti­pen­di­um. www.sandragugic.com

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 17. Sep­tem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 17. Sep. 2021