Journalgedichte

Von Sabine Gruber.
„Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur“ – Teil XV

Online seit: 28. Mai 2021
Sabine Gruber © privat
Sabine Gruber

 

Letzte Junitage
Brindisi, Via Appia

Die Königin der Straßen steht nur noch
Auf einem Bein, zerzaust vom Wind
Schaut die Säule aufs Meer. Vergil kam
Aus Griechenland zurück, um hier zu
Sterben. Brunda, Brundisium, Brindisi
Einst warst du der Untergang von Taras
Tarent, auf dessen verkommener Insel
Heute Gramscis Enkel Ciao bella statt
Bella ciao singen. Zahnlose Männer
Verrenken den Arm zum römischen
Gruß. In den Fenstern halten Ziegel das
Haus. Aus den Mauern wachsen Kapern
Blüten zum Armenstrauß. Kinder kauen
Kaugummi, kicken im Trikot alter Idole
Die Großväter träumten vom Aufstieg
Vom Leben in der Metropole, von
Erkratzten Gewinnen, vom Obenauf
Schwimmen. Die Mütter gehen längst
Nicht mehr zum Hafen, legen sich wie
Die Königin der Straßen lieber schlafen.

 

Im September
Ravenna, Emilia Romagna

Hier starb einer, der sich zuvor in den Himmel
Geschrieben hatte. Jahrelang versteckten die
Franziskaner seine Gebeine, weil die Florentiner
Darauf Anspruch erhoben. Erst hatten sie den
Guelfen aus der Stadt verbannt, dann wollten sie
Seine Knochen. Ich frage mich, in welchem
Höllenkreis ich gelandet wäre, zu Dantes Zeit,
Und jetzt? Kenn ich nicht auch Francescas Leiden,
Wenn einen im Schweigen Liebeszeilen ereilen.
Elend, wie ich mich an Schönstes erinnere, das
Nie wiederkehrt, wie ich noch immer dem Herbst
Das Sommerkleid glaube, den aufplatzenden
Nußschalen die schwarzen Sterne, und noch
Elender, daß ich die Hoffnungen sammle und
Heimlich verstecke, daß ich sie küsse, wie das
Eichhörnchen die Nüsse, um sie wiederzufinden.
Die Kleider der Toten liegen in meinem Schoß,
Ich probiere Leben, alle eine Nummer zu groß.
So weit bin ich jetzt, fern vom Fluß, und will
Nicht sterben.

 

Mitte Juli
Tarent, Gio Pontis Concattedrale
Gran Madre di Dio

Was gestern war, ist schon Wochen her
Ein Sog aus Licht und Meer, ein Haus
Für die Große Mutter Gottes, wer baute
Das nicht, Zement und Natur ohne Gewicht.
Mit dem Paradiso im Kopf stand ich davor
Groß war die Erwartung, mickrig das Tor
Und statt einer Kuppel wuchs ein Segel
Empor, gebläht oder nicht, im Gestanzten
Behielt es die Sicht, himmelhoch wolken
Frei. Mich empfing kein Mensch, auch
Nicht Gott. Zur Mittagszeit lag das Kirchen
Schiff still am Stadtrand, flankiert von
Desolaten Hochhaushöfen. Kein Wasser
In den Becken, an dem Engel ihre Flügel
Kühlten, keine Kinder, die darin spielten.
Ich lugte durch ein Fenster, Putzkübel
Standen vor dem Altar, meeresboden
Grün flossen die Fliesen dahin. In der
Apsis Erzengel Gabriel und Gottes
Müde Mutter – auch sie ohne Sinn.

 

Sabine Gruber, geb. 1963 in Meran (Italien). Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Lebt in Wien. Zuletzt erschienen: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks Roman C.H.Beck 2016, dtv 2018, Am Abgrund und im Himmel zuhause bibliophiler Lyrikband Haymon 2018.
Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt: Veza-Canetti-Preis 2015; Österreichischer Kunstpreis für Literatur 2016; Preis der Stadt Wien für Literatur 2019. www.sabinegruber.at

„Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” ist ein Gemeinschaftsprojekt von Gerhard Ruiss, Thomas Keul und Claus Philipp und den beitragenden Autorinnen und Autoren. Die Texte der Serie erscheinen wöchentlich, jeweils am Freitag, und können auch als Newsletter abonniert werden. „Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” wurde auf Initiative von Claus Philipp durch Spenden für den Lesemarathon Die Pest von Albert Camus des Wiener Rabenhof Theaters und des ORF-Hörfunksenders FM4 im Frühjahr 2020 ermöglicht. Die Reihe wird von der Stadt Wien aus Mitteln der Literaturförderung unterstützt.