Kleine Welt

Von Robert Pros­ser. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 51
Robert Prosser

Robert Pros­ser.

(Aus einem ent­ste­hen­den Roman)

Mor­gens Nebel und der Geruch nach ver­brann­tem Holz. Xaver warf sich die Arbeits­ja­cke über. Knall­rot, mit einem schrä­gen Strei­fen in blit­zen­dem Gelb, auf dem Rücken der sil­ber­ne Schrift­zug: Pis­ten­ret­tung. Das Auto ver­rö­chel­te etli­che Male; lass mich nicht hän­gen, flüs­ter­te Xaver und tät­schel­te, als der Opel Kadett end­lich star­te­te, zufrie­den das Arma­tu­ren­brett. Er wähl­te die Höhen­stra­ße. Hin­ter einem der Gip­fel eine rie­si­ge Wol­ke, ein zor­ni­ges Grau, von dem sich die Lift­säu­len abho­ben und die schwe­ben­den Gon­deln, und wie ver­wun­der­lich, in jeder die­ser Win­zig­kei­ten hock­ten maxi­mal acht Win­ter­sport­ler. Am Feld­rand leuch­te­te das Inne­re auf­ge­hack­ter Erlen saf­tig oran­ge. Schot­ter ersetz­te den Asphalt und führ­te, von Fich­ten begrenzt, bis zur Alm. Als Kind hat­te er sich gewun­dert, wie anders sol­che Höfe im Ver­gleich zum eige­nen Zuhau­se waren, wo ein jeder Ablauf, eine jede Tätigkeit die Urlau­ber mit­be­dach­te und mit die­sen auch ein Bewusst­sein für die Welt außer­halb des Tales ein­trat. Die eins­ti­ge Pen­si­on Ursin, nach der Fami­lie benannt und bewor­ben mit gemüt­li­chem Ambi­en­te, son­ni­ger Lage, unterm Dach die eige­ne Woh­nung. Im zwei­ten und ers­ten Stock je ein­mal Bad und Toi­let­te sowie drei Frem­den­zim­mer. Im Erd­ge­schoss Spei­se­kam­mer und die Stu­be, die für Früh­stück und all­abend­li­chen Umtrunk ver­wen­det wur­de; im Kel­ler die Werk­statt, in der Groß­va­ter Kon­rad nach dem Pen­si­ons­an­tritt noch klei­ne­re Möbel­stü­cke fer­tig­te. Sams­tags war Wech­sel, die vori­gen Gäs­te ver­ab­schie­de­ten sich, fri­sche tra­fen ein, die­ser Rhyth­mus dik­tier­te Xavers Auf­wach­sen. Ein hol­län­di­sches Paar wuss­te um sei­ne Vor­lie­be für Dino­sau­ri­er und brach­te bei sei­nem zwei­ten Urlaub eine T‑Rex-Figur mit. Der Deut­sche, dem er begeis­tert vom Mus­ke­tier­film erzählt hat­te, schick­te ein Zor­ro-Faschings­kos­tüm. Von Anna, sei­ner Mut­ter, wur­de er für sei­ne Leb­haf­tig­keit gerügt. Wie unge­recht es war, er hat­te lei­se zu sein, durf­te unter kei­nen Umstän­den läs­tig wer­den, die Frem­den aber konn­ten tun, was sie woll­ten. Die­se vor­aus­ei­len­de Sor­ge, ja Erge­ben­heit, wur­de beson­ders bei den Stamm­gäs­ten deut­lich. Der Zahn­arzt aus Frank­furt etwa, des­sen Ehe­frau einen wald­grü­nen Trach­ten­jan­ker und um den Hals ein wein­ro­tes Sei­den­tuch trug. Stand eine sol­che Ankunft bevor, saug­te Anna das Stie­gen­haus, scheu­er­te die Bade­wan­ne und putz­te alle Fens­ter, um die per­fek­te Aus­sicht zu garan­tie­ren, die Hand­tü­cher wusch sie bei 60 Grad. Reis­ten sie nicht im eige­nen Auto, erwar­te­te Xavers Vater Vinz die Gäs­te an der Bus­sta­ti­on hin­ter der Kir­che, um sie das fina­le Stück zu chauf­fie­ren. Kon­rad stieg aus der Werk­statt hoch und plat­zier­te die Zither auf der Anrich­te. Die Stim­mung war so gespannt wie zu Weih­nach­ten, bloß kam anstel­le des Christ­kinds das Ehe­paar Wut­t­ke aus Ham­burg. Als Will­kom­menses­sen wur­den Forel­len aus der Kühl­tru­he geholt und von Anna in But­ter gebra­ten. Schurz umge­bun­den, Pfan­ne in der Hand, trat sie in die Stu­be. Ihr müsst mit der Mes­ser­spit­ze die Wan­gen raus­ho­len, sag­te sie, es ist das bes­te, zar­tes­te Fleisch, ein Gedicht. Kon­rad ver­sprach, zum Des­sert die Sai­ten zu zup­fen, und nach­dem Anna die Tel­ler mit den Fisch­grä­ten abser­viert hat­te, war Vinz an der Rei­he; der Herr des Hau­ses, ver­kün­de­te er, Schnaps­fla­sche und Stam­perl­glä­ser auf einem sil­ber­nen Tablett balan­cie­rend. Er stamm­te aus einer nie­der­bay­ri­schen Klein­stadt, und bei man­chen sorg­te sei­ne Her­kunft für Irri­ta­ti­on, schmä­ler­te näm­lich das Ver­gnü­gen, in einem genu­in Tiro­ler Haus­halt zu urlau­ben. Wenn Vinz jedoch beim Spiel der Zither erzähl­te, als Kell­ner ein unste­tes Leben geführt zu haben, ehe er sich in die Toch­ter die­ses musi­ka­li­schen Tisch­lers ver­lieb­te, dann konn­te er die Sym­pa­thien leicht gewin­nen.

Vor der Alm stand Peter, in Gum­mi­stie­feln und blau­em Man­tel. Wirst nicht glau­ben, was ich erfah­ren hab, sag­te er und deu­te­te auf das Dach des Neben­ge­bäu­des. Eter­nit, haben doch alle ver­wen­det. Aber jetzt heißt’s, es ist Asbest drin und muss ent­sorgt wer­den, ohne dass es staubt. Wie soll das klap­pen, wer soll das zah­len, frag­te er mit fins­te­rem Blick auf die moo­si­gen Schin­deln.
Muss sein, du willst doch nicht mit Gift leben.
Aus dem Hand­schuh­fach kram­te Xaver das Mes­ser, eine zwan­zig Zen­ti­me­ter lan­ge, hauch­dünn geschlif­fe­ne Klin­ge.
Als ob ich je krank bin, erwi­der­te Peter, vier­und­sech­zig wer­de ich, aber nix fehlt mir, nix.
Neben dem Kel­ler­fens­ter bau­mel­te an einem vio­let­ten Krepp­band der Unter­kie­fer eines Hir­schen, ein Kno­chen­kamm mit schwarz gema­ser­ten Zähnen. Hab ich im Wald gefun­den, sag­te Peter und gab dem Kie­fer einen Stoß. Er kicher­te, sag­te: Kein Drei­eck, trotz­dem.
Ein­mal war Xaver mit einer Freun­din hier gewe­sen. Fas­zi­niert vom Aus­blick auf den höchs­ten Berg hat­te sie, die Tou­ris­tin aus Dort­mund, Peter gebe­ten, an den fol­gen­den Tagen ihre Staf­fe­lei auf­stel­len zu dürfen. Die Luft war ungewöhnlich klar, mit frei­em Auge waren Geröllhalden und Fels­za­cken zu erken­nen. Schließ­lich zeig­te die Lein­wand ein Drei­eck. Schwar­ze, fet­te Stri­che, mit dem Line­al gezo­gen. Xaver fand es beein­dru­ckend. Nicht, weil er ver­liebt war (das war er), son­dern weil es eine Bedeu­tung dar­stell­te, die über das Sym­bol eines Ber­ges hin­aus­ging. Das Kunst­werk bewies die durch­schla­gen­de Kraft der ein­fachs­ten Ges­te; fest­ge­hal­te­ne inne­re Wahr­heit, auf die aller­nö­tigs­te Form redu­ziert, rät­sel­haft wie eine chi­ne­si­sche Kal­li­gra­fie (rück­bli­ckend muss­te er zuge­ben, wirk­lich sehr ver­liebt gewe­sen zu sein). Tage­lang malen und aus dem Berg hat sie nichts als ein Drei­eck raus­ge­holt, sin­nier­te Peter, ich hoff, ihre Bil­der ver­kau­fen sich wenigs­tens.

Das Mes­ser leg­te Xaver auf die Mau­er des Mist­hau­fens. Er schob den Rie­gel der Stall­tür zur Sei­te, die Glo­cken der Zie­gen klan­gen schreck­haft auf. Geruch nach fri­schen Spä­nen, im tier­war­men Dun­kel schim­mer­te der Boden; Peter hat­te gera­de aus­ge­mis­tet. Ein Schwall eigen­tüm­lich dich­ten Gestanks wall­te ihnen ent­ge­gen. Er glaub­te über den Bret­tern eines Ver­schlags ein tie­fe­res Schwarz zu erken­nen, eine Gestalt mit lan­gen, geschwun­ge­nen Hör­nern. Der Grund der Aus­düns­tun­gen. Peter drück­te den Schal­ter und an der spinn­web­ver­han­ge­nen Stall­de­cke leuch­te­te die nack­te Glüh­bir­ne auf. Am Rand des Licht­ke­gels das graue Tier. Hal­lo Lex, grüß­te Xaver und kraul­te den Hals des Bocks. Der schüt­tel­te genervt den Kopf, die Hör­ner­schat­ten fla­cker­ten über die Wän­de. Ein frei­lau­fen­des Kitz sprang ihn an, ver­spielt bäum­te es sich auf. Er nahm es hoch, strei­chel­te das weiß gemus­ter­te, brau­ne Fell.
Das Klei­ne, ja, war­um nicht, sag­te Peter und pack­te eine Zie­ge am Horn, schüt­tel­te ihr den Schä­del. Na, rief er, na, bist ruhig. Die hier sei eines Tages abge­hau­en. Nach über einem Jahr habe er sie wie­der auf­ge­spürt, ver­wil­dert wie eine Gams wäre sie gewe­sen. Ehe er die Zie­ge frei­ließ, sag­te er ihr mit offen­sicht­li­chem Stolz: Du Sau­viech. Er deu­te­te auf eine ande­re, groß und unbe­hornt und mit wei­ßem Fell, ange­ket­tet an der Wand: Die trägt nicht, es gibt kei­nen Nach­wuchs. Aus sei­ner Man­tel­ta­sche hol­te er zerknüllte Schei­ne. Sech­zig, wie aus­ge­macht. Xaver zögerte: Ist nicht dein Cou­sin Mecha­ni­ker? Mein Opel spinnt, weißt. Peter steck­te das Geld wie­der ein, nick­te. Du schaust dann auf einen Kaf­fee zu mir, ja?
An der Tür dreh­te er sich noch­mals um und hielt Xaver einen Zwan­zi­ger hin: Für die Umstände nimmst zumin­dest den hier, sag­te er.

Xaver lief zum Auto, fand auf der Rück­bank das Stahl­rohr mit der Beschrif­tung Blit­zer. Das Kitz hielt er wäh­rend­des­sen im Arm. Zurück beim Mist­hau­fen stell­te er es zu Boden, setz­te ihm den Appa­rat mit­tig auf die Stirn. Er drück­te ab, mit einem Plop­pen schoss der Bol­zen raus. Ein Zucken wie von einem Strom­schlag, die jun­ge Geiß gab einen kla­gen­den Laut von sich, der schnell erstarb. Es roch metal­lisch, nach Kord­it. Xaver tausch­te den Blit­zer gegen das Mes­ser. Ein Stich in die Keh­le, die Schnei­de nach vorn gerich­tet, eine rasche Bewe­gung, vom Blut blie­ben dunk­le Sprit­zer auf der Mau­er. Er press­te das Tier nie­der, war­te­te, bis das Zit­tern aus den Ner­ven war. Im Aus­geis­tern scharr­ten die Hin­ter­bei­ne und der Kopf ver­such­te, sich nach oben zu recken; aus der klaf­fen­den Wun­de tropf­te es in den Mist.
Im Stall band er der gro­ßen, wei­ßen Zie­ge das Glöck­chen ab. Die ers­te ließ sich immer leicht füh­ren, die zwei­te aber ver­stand. Sie stemm­te sich dage­gen, plärr­te, die Zun­ge gestreckt. Er zerr­te sie an der Hals­ket­te zum toten Kitz, das in einer schwar­zen Pfüt­ze lag. Die schrei­en­de Geiß zwi­schen den Knien fluch­te er, denn er hat­te ver­ges­sen, neu zu laden. Er riss die Ket­te zurück und das Meckern wur­de tie­fer, mit der ande­ren Hand fin­ger­te er in der Tasche nach einer Patro­ne. Nicht die mit dem gel­ben Punkt, wie für das Klei­ne, kei­ne rote, die er noch nie ver­wen­det hat­te, denn damit konn­te man einen hun­der­te Kilo schwe­ren Stier erle­gen, er brauch­te eine mit grü­ner Mar­kie­rung.
Gelernt hat­te er es von Anna. Sie wie­der­um war von Kon­rad unter­rich­tet wor­den. Fehl­ten die Gäs­te, ver­dien­te man mit dem Schlach­ten das Nötigs­te. Manch­mal hat­te sich eine Zie­ge oder ein Schaf zu sehr gewehrt und den Kopf frei­be­kom­men, sodass der Bol­zen nur die Wan­ge erwisch­te. Xaver auf dem ver­letz­ten Tier, dane­ben Anna, die ner­vös den zwei­ten Schuss vor­be­rei­te­te; er hat­te es gehasst, das ein­ge­trock­ne­te Blut unter den Fin­ger­nä­geln, der Geruch, der sich noch am fol­gen­den Tag nicht abwa­schen ließ.
Er wuch­te­te sich die Zie­ge auf die Schul­tern. Je käl­ter ein geschos­se­nes Tier, umso mehr wog es. Als wäre das die letz­te Stra­te­gie, eine kläg­li­che Art von Wei­ter­le­ben: sich als fina­len Wider­stand so schwer wie mög­lich zu machen. Unter lei­sem Schimp­fen trug er sie zum Neben­ge­bäu­de. Wenn du erwach­sen bist, möch­te ich von den Toten wie­der­keh­ren, hat­te Kon­rad gern gesagt, nur für ein paar Minu­ten, um zu sehen, was aus dir gewor­den ist. Er wür­de sich wun­dern, dach­te Xaver.
Von sei­nen Schul­tern glitt die Zie­ge in den Schnee. Mit der Mes­ser­spit­ze ritz­te er ihre Hin­ter­bei­ne bis zu den Hufen auf, zog die Haut von den blas­sen Seh­nen. Er öff­ne­te die Metall­tür. Die Fern­be­die­nung an der Wand gedrückt und von der Decken­winde rat­ter­te ein dop­pel­ter Haken. Er schleif­te die Zie­ge über die Schwel­le, steck­te je eine Haken­spit­ze durch die Waden­kno­chen. Ras­selnd fuhr die Ket­te wie­der rauf. Mit gebläh­tem Bauch hing das Tier in der Luft. Xaver schnitt ihm die gel­ben Kenn­mar­ken aus den Ohren. Dar­in ein­ge­stanzt die Num­mer, unter der es bei der Behör­de erfasst war. Die Mar­ke ver­schwand im Müll. Laut EU-Ver­ord­nung durf­te eine für den Ver­kauf bestimm­te Schlach­tung nicht am eige­nen Hof statt­fin­den, son­dern muss­te dem ört­li­chen Tier­arzt gemel­det und in einem regis­trier­ten Betrieb nahe der Lan­des­haupt­stadt erle­digt wer­den. Die Bau­ern nah­men kei­nen Ein­fluss mehr auf die Bedin­gun­gen, zu denen das eige­ne Vieh starb. Ihr Unwil­len gegen die­se Bevor­mun­dung erklär­te den Bedarf an Xaver und dem Schuss­ap­pa­rat. Des­halb bot er sei­ne Diens­te an. Nicht wegen der zusätz­li­chen Ein­nah­me­quel­le. Son­dern weil er gebraucht wur­de, und nicht nur das, er wur­de dafür geschätzt. Unge­setz­lich und ver­schwie­gen, exakt mit dem Blit­zer und flink mit dem Mes­ser, so sah er sich, auch wenn er um den viel prag­ma­ti­sche­ren, eigent­li­chen Grund wuss­te: Er war einer der letz­ten, die es noch beherrsch­ten. Die alten Metz­ger waren senil oder längst ver­stor­ben und von den Jün­ge­ren inter­es­sier­te es nie­man­den, das Schlach­ten schien eine fast ver­ges­se­ne, obso­let gewor­de­ne Pro­fes­si­on wie Bäcker oder Schin­del­ma­cher.
Der Schä­del fiel in den Eimer. Dann der Euter. Mit der Lin­ken zerr­te Xaver an der Haut. Die Rech­te zwäng­te er zwi­schen Fell und Gewe­be, eine leich­te Wär­me war zu spü­ren, er schob mit der Schul­ter nach, es klang, als ob Papier zer­reißt, bald war der Kör­per frei­ge­schält. Ein Stich knapp am Brust­bein, ein Schnitt, Blut und Schei­ße und Magen­flüs­sig­keit quol­len mit den Där­men raus, ein Klat­schen, auf­wal­len­der Gestank, ein Plät­schern, es stimm­te, dass die­se Zie­ge nie ein Kitz hat­te, mil­chi­ge Fett­schlie­ren bedeck­ten ihr Inne­res, eine Mut­ter wäre viel abge­zehr­ter. Vor­sich­tig lös­te er die Gal­len­bla­se, ging einen Schritt zurück. War­te­te. Lan­ge schon mach­te er die­se Arbeit, doch der ent­blöß­te Leib setz­te ihm zu. Das fahl­ro­te Herz, die bläu­li­chen Lun­gen, die braun schim­mern­de Leber und unter­halb der Rip­pen die dun­kel­vio­let­ten Nie­ren. Er wuss­te, es war naiv, dar­über nach­zu­den­ken. Aber wie schnell es ging und wie ein­fach, und wie selt­sam, dass er dafür ver­ant­wort­lich war.
Wind feg­te kör­ni­gen Schnee in die Kam­mer. Das hoh­le Kna­cken anein­an­der schla­gen­der Äste, Böen jag­ten durch den nahen Wald. Zumin­dest garan­tier­te das schlech­te Wet­ter Tar­nung. Manch­mal kreuz­ten Wan­de­rer auf, Tou­ris­ten, die foto­gra­fier­ten oder film­ten, weil sie glaub­ten, etwas Ursprüng­li­ches oder Anek­do­ten­haf­tes ent­deckt zu haben. Alles bereits pas­siert. Was Xaver dar­an stör­te, war nicht, dass ein unge­setz­li­cher Akt fest­ge­hal­ten wur­de, son­dern dass er sich in ande­rer Wei­se ertappt fühl­te, oder ent­tarnt, als wäre er tat­säch­lich ein Mör­der, was die Dort­mun­der Male­rin ihm vor­warf zu sein, nach­dem er ihr von die­ser Ver­dienst­quel­le erzählt hat­te.
Als auch das Kitz auf­ge­ar­bei­tet war, spritz­te er den Raum mit einem Schlauch ab; röt­li­ches Was­ser sicker­te krei­send durch den Abfluss. Die bei­den Kada­ver hin­gen neben­ein­an­der; die dünn­häu­ti­ge Fett­schicht ver­lieh ihrem Fleisch im ein­fal­len­den Licht eine vio­let­te Fär­bung; die Gelenk­kno­chen und Hals­wir­bel schim­mer­ten wie Perl­mutt. Er säu­ber­te Mes­ser und Blit­zer, schloss die Tür. Tas­te­te hin­ter dem Trog nach der Bürs­te, schrubb­te, bis unter den Fin­ger­nä­geln kein schwar­zer Rand mehr war. Das Schar­ren der Zie­gen drang durch die Stall­wand, die gele­gent­li­chen Stö­ße, wenn zwei anein­an­der gerie­ten, das Klin­geln ihrer Glo­cken.

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Robert Pros­ser, gebo­ren 1983 in Alpbach/Tirol. Ver­öf­fent­lich­te u.a. die Roma­ne Phan­to­me und Gem­ma Habi­bi (Ull­stein 2017, resp. 2019), sowie zuletzt die Repor­ta­ge Bei­rut im Som­mer (Kle­ver 2020). Eini­ge Aus­zeich­nun­gen, u.a.: Wri­ter-in-Resi­dence der One World Foun­da­ti­on in Sri Lan­ka 2021, Long­list Deut­scher Buch­preis 2017. Mehr Infos: www.robertprosser.at

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 4. Febru­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 4. Feb. 2022