Ein verschollener Apostel der Schönheit

Robert Hamerling (1830–1889) beeindruckte das weibliche Lesepublikum seiner Zeit wie kein Zweiter. Germanisten mochten ihn schon damals nicht. Von Karl Wagner

Online seit: 8. September 2019

Rupert Hammerling, später: Robert Hamerling, war zu seinen Lebzeiten einer der meistgelesenen und berühmtesten Autoren. Der in Not und Elend im Waldviertel geborene Sohn eines Leinenwebers schaffte allen Widrigkeiten zum Trotz den Bildungsaufstieg und brachte es zum Gymnasiallehrer. Elf Jahre unterrichtete er in Triest, wo er auch für die Triester Zeitung Artikel schrieb und aus dem Italienischen übersetzte (Gedichte Leopardis). Aus Krankheitsgründen gab er seinen Beruf auf, zog nach Graz (1866) und wurde zum umschwärmten Idol ästhetischer Teekränzchen, nachromantischer Sehnsüchte übervoll.

„Häufig belästigt wurde Hamerling
von der Zudringlichkeit fremder Leute
weiblichen Geschlechtes.“

Die Spuren und Folgen solchen Ruhms ließen nicht auf sich warten und sie beschränkten sich nicht auf den Bereich des Ästhetischen: „Häufig belästigt wurde Hamerling von der Zudringlichkeit fremder Leute weiblichen Geschlechtes. Da lasen sie seine ungestillte Sehnsucht nach Schönheit und Liebe und wollten beispringen, aushelfen. […] Ich habe Weiber gesehen, […] die ihn außer im Bilde nie gesehen, außer in seinen Dichtungen nie sprechen gehört hatten und die von einer Art Liebesraserei für ihn erfüllt waren. Da kamen sie denn geflogen, die schwärmerischen, duftigen Briefchen, die getrockneten Rosen und Vergißmeinnichte, die Handstickereien und Federzeichnungen, selbst Haarlocken dabei, welche unter Tauschbedingung gegeben wurden, und die Angebote von Besuchen und Stelldichein, von Wärterdiensten, unter den Schwüren, daß sie ihr Leben und Blut für ihn lassen wollten!“ So steht es in P. K. Roseggers Persönlichen Erinnerungen an Robert Hamerling, 1891 bei Hartleben in Wien erschienen.

Robert Hamerling © Doris Raab
Robert Hamerling: Leserinnen schickten ihm Locken und schworen, Blut und Leben für ihn zu lassen.
Illustration: Doris Raab

Weitaus kruder liest sich Roseggers Protokoll über Hamerlings Ménage à trois mit der Lebensgefährtin Clothilde Gstirner und Bertha Seeger, Gattin eines Grazer Papierwarenhändlers: „1865 mit Familie S. bekannt worden, Frau gescheidt, Anfangs fesselte ihn ihr Sinn für Poesie, wusste ihn an sich zu locken, wurde ihm unentbehrlich. Herr Seeger das Verhältniss stillschweigend zugegeben, weil er selber nicht fähig, sie phisisch zu befriedigen, ihr Freizügigkeit gestattet. Erstes Kind der Frau S. aus einer Zeit, da H. noch nicht mit ihr verkehrte; spätere Knaben wahrscheinlich seine Söhne, obwohl Frau S. ihrem Manne weissgemacht, sie von ihm – im Rausch – empfangen zu haben. H. im Hause S. wie daheim, verbrachte ganze Tage dort, arbeitete dort. Ein nun fast 7jähriges Mädchen ist da; die Schwangerschaft der Mutter nahm ihr Mann gleichgiltig hin, zur Entbindung ging sie aus dem Hause, u. ging selbe im Landhause H.s vor sich.“

Die Berühmtheit Hamerlings war allerdings ein Glücksfall für Rosegger. Der Ende der 1860er-Jahre noch weitgehend unbekannte Bauernsohn aus der Obersteiermark, der in Graz die vorenthaltene Bildung mehr schlecht als recht nachholte, und, gefördert von Grazer Autoritäten wie Adalbert V. Svoboda, seines Zeichens Redakteur der Grazer Tagespost, wollte Schriftsteller werden. Seine Juvenilia hat er 1868 an den damals bereits berühmten Dichter Hamerling geschickt, der sie gelesen und den Verfasser zu sich eingeladen hat. Hamerling befürwortete eine Auswahl aus dieser frühen Lyrik. Wichtiger für den Werbeeffekt war nur, dass der künstlichste aller zeitgenössischen Autoren diesen steirischen Dialektgedichten ein Vorwort widmete und dem im gleichen Jahr erschienenen Geschichtenband Tannenharz und Fichtennadeln eine Rezension, in der er den noch weitgehend Unbekannten den „obersteirischen Burns“ nannte – nach dem schottischen Dialektdichter Robert Burns, dessen Lob von Goethe abwärts angestimmt worden ist, nicht zuletzt von den berühmtesten Komponisten wie Beethoven, Haydn, Mendelssohn-Bartholdy oder Robert Schumann, die seine Lieder vertont haben.

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Die solcherart erfolgreich eingefädelte Karriere führte bald dazu, dass Rosegger als Kalendermann (Das Neue Jahr) und Zeitschriftenherausgeber (Heimgarten, ab 1876) seinen Mentor um Beiträge ersuchte. Mit zunehmender freundschaftlicher Nähe wird Rosegger in die komplizierten und unübersichtlichen Lebens- und Liebesverhältnisse Hamerlings eingeweiht. Briefe und Memorabilien belegen eindrücklich, dass Rosegger von Hamerling für die Verwaltung des Nachruhms eingesetzt worden ist. Mehr noch: als Freund und Kenner soll er für die unverfälschte Rezeption einstehen. In einer denkwürdigen Verkehrung der Mentorrolle tritt Rosegger gegenüber Hamerlings Hamburger Verleger als Befürworter einer Volksausgabe von Hamerlings Werken auf. Diese kommt auch zustande, mit einleitenden Worten Roseggers versteht sich.

Dabei sollte man nicht übersehen, dass mit Hamerlings Tod die Gegenstimmen zu seinem Erfolg, die es immer schon gegeben hat, deutlicher werden. Für die Generation der Naturalisten steht seine Literatur für all das, was zum Abgetanen einer vergangenen Epoche und obsoleten Schreibregel gehört. Dispute blieben auch beim Denkmalsetzen nicht aus. Noch im Todesjahr erging von Graz aus der Aufruf zu einem Hamerling-Denkmal, der einen prominenten Gegner fand.

Ein 1993 in Kirchberg gegründetes  Hamerling-Museum ist seit längerem wegen Neubaus der Raiffeisenbank geschlossen.

Exponiert hat sich der bedeutende Germanist Erich Schmidt, der längere Zeit in Graz und Wien gelebt und gearbeitet hatte, bevor er in Berlin Nachfolger Wilhelm Scherers wurde. Schmidt hatte sich nämlich, in einem privaten Schreiben, geweigert, den Aufruf eines Grazer „Denkmal-Comités“ zur „Errichtung eines Standbildes für Robert Hamerling zu unterzeichnen“. In diesem Brief an den Grazer Bürgermeister, der Vorsitzende dieses Comités, habe er seine Absage damit erklärt, dass sein „persönliches Verhältnis zu Hamerlings gesammter Poesie sehr kühl sei und der Verstorbene nach meiner unmaßgeblichen Meinung nicht zu den monumentalen Erscheinungen zähle, denen die deutsche Nation Standbilder zu gründen habe“. Als diese Nachricht in einer Reihe von Zeitungen mitgeteilt und kommentiert wird, tritt Schmidt den Gang an die Öffentlichkeit an und spielt eine schroffere, satirische Version seiner Weigerung durch.

„Ich mag ihn nicht, das ist mein Katechismus.“

Demnach hätte er also gesagt: „[M]ein Sieb – ihr mögt feinere Haarsiebe führen! – hat aus Hamerlings Lyrik nur ein paar Goldkörner des Sinnens und Minnens ausgeschwemmt; die vollen, brennenden Farben und die gepeitschte Sinnlichkeit der Epen peinigen meine Augen und Nerven; der Roman ‚Aspasia‘ ödet mich an; ‚Danton und Robespierre‘ bereichern nach meinem schon im Studententheater befestigten Eindruck nur das Schattenvolk der ehemals grassirenden Revolutionshelden um eine Schiffsladung neuer Schemen; ‚Amor und Psyche‘ scheinen mir ihrer Thumannischen Bilderchen [gemeint ist der überaus erfolgreiche Illustrator und Porträtmaler Paul Thumann] werth, die ‚Sieben Todsünden‘ eine Todsünde gegen den heiligen Geist der Poesie; ‚Teut‘ und satirische Genossen halten mit aller Bitterkeit schiefgewickelter Menschen den deutschen Zuständen einen Hohlspiegel vor, dem ich schleunig den Rücken kehre, weil der Verzerrung der Reiz fehlt, den ein großes Talent auch in Absurdes und Widriges legen kann.“ Der satirischen Prägnanz dieser kleinen Werk-Revue ist nichts hinzuzufügen. Bemerkenswert ist jedoch das radikal subjektive ästhetische Bekenntnis, das sich von jeglicher „akademischen Jurisdiktion“ fernhält. Es lautet: „Ich mag ihn nicht, das ist mein Katechismus“.

In einem Nachwort zu diesem Artikel berichtet Erich Schmidt von den vielen Schmähungen und Anwürfen, die er sich wegen seiner Haltung in der Denkmal-Frage gefallen lassen musste. Er lenkt zwar nicht ein, aber dieser Nachsatz ist ihm wichtig: „Der Voreingenommenheit gegen österreichische Dichter darf mich niemand zeihen; jeder meiner Zuhörer könnte ihn kurzweg widerlegen. Ich habe Anzengruber gesucht und gefunden, habe in Steiermark den Dichter und Menschen Rosegger mit Freude kennen gelernt, und es verschlägt mir gar nichts, wenn jetzt irgend ein Strudelkopf mich bei Bier und Taback als einen Feind der Poesie und der deutschen Sache niederdonnert, weil mir Hamerling zum Schutzheiligen dieser Mächte viel zu klein ist.“

Schon die zeitgenössische Literaturkritik assoziierte zu Hamerling Homer, um so seinem antiken Formen- und Themenrepertoire die Ehre zu erweisen, ohne sie zu begründen.

Dennoch wurden Hamerling auch in der Zeit schwindenden Ruhms Denkmäler und Museen errichtet, die heute aber funktionslos werden, wie es den Anschein hat. Der radikale Deutschnationale und Antisemit Georg Ritter von Schönerer (dem Hamerling ein Spottgedicht gewidmet hat: „Ich achte dich, dieweil es zwar nicht Schlimm’re / Als du bist, giebt, doch, was noch schlimmer: Dümm’re“) ließ Hamerlings Geburtshaus im niederösterreichischen Kirchberg am Walde niederreißen , um an dessen Stelle das Haus der Hamerling-Stiftung zu errichten, in dessen Garten, zumindest bis vor wenigen Jahren, ein Bismarck-Denkmal stand. Ein 1993 in Kirchberg gegründetes Hamerling-Museum ist seit längerem wegen Neubaus der Raiffeisenbank geschlossen; nach einem geeigneten Ort wird offenbar noch immer gesucht. Einen papierenen Erinnerungskult hat der einst von Hamerling geförderte Rosegger für den Nachruhm seines Förderers inszeniert: Neben den erwähnten Persönlichen Erinnerungen gab er ein Hamerling-Album heraus und publizierte im Heimgarten den (purgierten) Briefwechsel mit dem verehrten Freund; noch zu Lebzeiten erschien in Ros­eggers Zeitschrift Hamerlings lesenswerte Selbstbiografie Stationen meiner Lebenspilgerschaft.

Schon die zeitgenössische Literaturkritik assoziierte zu Hamerling Homer, um so seinem antiken Formen- und Themenrepertoire die Ehre zu erweisen, ohne sie zu begründen. Der späterhin feindselig argumentierende Ferdinand Kürnberger verknüpfte mit Hamerlings Epos Ahasver in Rom, das begeisterte Aufnahme fand, einen anderen großen Namen: „hier ist Tennyson“, also der gefeierte „poet laureate“ des viktorianischen Zeitalters. Mit Ahasver hat Hamerling die romantische Gestalt des „ewigen Wanderers“ ein weiteres Mal als Epochenfigur bemüht. Ahasver ist der Legende nach einer, der Jesus auf dem Kreuzweg Hilfe verweigert hat und dafür zu einem unstet-nomadischen, „modernen“ Leben verurteilt worden ist. Hamerlings episches Gedicht identifiziert den römischen Kaiser Nero mit Ahasver, der Dekadenz und Degeneration repräsentiert.

Andere Zeitgenossen erkannten vor allem Hamerlings Nähe zu Hans Makart, der sich übrigens mit dem Plan befasste, den Ahasver zu illustrieren: Historismus zur Potenz also. Hamerlings formale Versatilität, sein Kult antiker und germanischer Formensprache erzeugt prächtige Geschichts-Bilder. Dieser Erfolg aufwändiger kulturgeschichtlicher Beutezüge durch alle Epochen – bevorzugt: Epochenschwellen und -übergänge – schützte indes nicht vor Rat- und Orientierungslosigkeit. Prunk und Pracht wurden gerne als Kompensation dieses Vakuums angesehen, aber der in dieser Bilderflut entfesselte Historismus konnte auf Dauer seine Leere nicht verbergen. „Reichtum! Fülle! Überfluß! das ist das Feldgeschrei unserer Zeit“ heißt es in Kürnbergers Feuilleton „An der Wiege von Kaulbachs ‚Nero‘“ von 1873. Es erinnert daran, dass Hamerlings Nero-Figur (im Ahasver) nicht nur in der Literatur wie in der Bildenden Kunst und Malerei eine thematische Serie auslöste, sondern dass Hamerling selbst, wie der Maler Wilhelm Kaulbach auch, eine Epochengestalt war.

Im Rosegger-Jubiläumsjahr 2018 wurde dessen kompletter Briefwechsel mit Hamerling ediert; dass er Auftakt für eine Hamerling-Gesamtausgabe sein soll, ist immerhin erstaunlich. Vergessen kann ein komplizierter Vorgang sein.

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Die Serie „Zu Recht vergessen – die besten schlechten Dichter aller Zeiten“ widmet sich dem Phänomen der Berühmtheit zu Lebzeiten, die durch keinerlei ästhetische oder poetologische Qualität gerechtfertigt ist. Der zu Recht vergessene, einst aber bekannte und gefeierte Autor ist mentalitätsgeschichtlich grundsätzlich interessanter als das zu Lebzeiten verkannte Genie, das „seiner Zeit voraus“ war. Im Unterschied zum „allzeit gültigen“ Werk des Klassikers stellt sich am Beispiel der Produktion des schlechten Autors oder der schlechten Autorin die Frage nach der historischen Kontingenz ästhetischer Werte und Wertungen. – Daniela Strigl, Karin S. Wozonig

Karl Wagner ist Prof. em. für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Ausgewählte Publikationen: Weiter im Blues. Bonn 2010; Moderne Erzähltheorie. 2. Aufl. Wien 2015 (Hg.); Der Held im Schützengraben. Führer, Massen und Medientechnik im Ersten Weltkrieg. Zürich 2014 (Mithg.); Peter Rosegger: Ausgewählte Werke in [vier] Einzelbänden. Wien etc. 2018 (Mithg.).

Quelle: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

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