#da:dortort

Von Rena­te Aichin­ger. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 109
Renate Aichinger © privat

Rena­te Aichin­ger.

#
da.
zwi­schen.
stüh­len. sitzt.
da.
zwi­schen. dei­nen kis­ten. die sich sta­peln wie tel­ler neben der abwasch. weil dir die zeit. weil du dich ver­ga­lop­pierst. seit dich die­sed­ei­ne umwelt so auf trab.

da.
glä­ser.
dort.
krims­krams.
der sich nicht sta­peln. der cha­os in dein schleu­der­le­ben.
magst lie­ber bücher. die las­sen sich gut ein­pa­cken und sta­peln. kan­te auf kan­te. leben neben leben. du lebens­samm­le­rin.

#
drau­ßen grau. in unter­schied­lichs­ten schat­tie­run­gen. die son­ne über der nebel­de­cke. bestimmt. es ist die­ses grau das dich ein­lädt zwi­schen dei­nen kis­ten. das dir zuruft bleib drin­nen ruft es ganz lei­se mach es dir gemüt­lich. in dei­ner zwi­schen­un­woh­nung wo du geschützt vor die­sem zwi­schen­un­le­ben.
mach es dir gemüt­ku­sche­lig. obwohl es zieht. über­all zieht es rein. da. obwohl du die fens­ter. dicht. aber der spalt ist immer noch da. wur­de brei­ter mit den jah­ren. ein gra­ben der sich. dazwi­schen.

#
frü­her hast du gedacht. man kön­ne sich nur ein­mal im jahr ver­lie­ben. dass das jetzt eben wie­der dau­ert bis zum som­mer. du pup­pe. dass man da jetzt durch­tau­chen durch den schnee und die win­ter­dun­kel­heit. in sei­ne­mih­rem wohn­mo­bil. aber dass es dann auch wie­der früh­ling. und knos­pen und du die nase raus. und dann in der som­mer­kleid­chen­schön­zeit da triffst du ihn dann den einen. für die­sen som­mer.
dort.
wo dann neu­es leben an. bricht.
und ihr gemein­sam schau­kelt.

#
aber wo bist du.
da. oder dort.
sollst da und dort. sollst alles unter eine kapu­ze. die du nicht auf. weil du schon genug um die ohren.
du im moment. an die­sem dad­ort­ort.

#
da.
zwi­schen stüh­len. zwi­schen woh­nun­gen.

in der bim neben dir graue gesich­ter blick gesenkt damit ihr stress ver­steckt. weil sie nicht gese­hen wer­den wol­len. oder weil sie stei­ne sta­peln in ihrem han­dy statt am meer. damit sie ein erfolgs­er­leb­nis wenn es so schön blinkt. wol­len nicht dass man sie andurch­schaut. mit druck in den augen. mor­gens.
weil das kind zu spät. weil sie zu spät. weil sie schon dort und erst da.
die kin­der betreut. damit die mamis nicht bereu­en. dass sie wie­der arbei­ten. teil. zeit. home­of­fice plus herd­of­fice. weil sie sich tei­len sol­len. in bei­den wel­ten funk­tio­nie­ren. zwei leben die sich so gar nicht ver­bin­den.
hältst almas hand und ver­suchst ihn fest­zu­hal­ten. die­sen augen­schön­blick.
aber da ist der herr. an der bim­sta­ti­on. wie jeden all­tags­mor­gen. der herr der schon irgend­wie durch. kommt. wenn er sei­ne vie­len schlaf­sä­cke zusam­men­rollt. nach einer kal­ten nacht. aber hil­fe. nein. hil­fe brau­che er kei­ne. sagt er. er habe ein ein­kom­men. wei­ter fragst du nicht.
eigent­lich woll­test du ihm geld. oder kek­se. aber er nimmt nichts. so wie er aus­sieht auch kei­ne dro­gen. dein blick streift über die decken und schlaf­sä­cke. schön zusam­men­ge­legt. neu. denkst du. du hät­test eh genug mit der klei­nen. er kom­me schon allein. zurecht.
wie alma. alma die auch schon so viel allein alma die auch alles sel­ber. schau­keln zum bei­spiel. oder jacke anzie­hen. alma die schon so viel sel­ber und gleich­zei­tig dei­ne hand.
gehst mit alma noch schnell in den kin­der­gar­ten hand in hand bevor auch du in die­se ande­re welt.

#
fin­dest kei­nen platz. alles besetzt. vol­ler lee­rer augen. auch die klei­nen die auch schon star­ren. müde. oder quen­geln. weil sie ihnen zu wenig auf­merk­sam­keit schen­ken wäh­rend sie den kin­der­wa­gen durch die ste­hen­de meu­te. auf der lenk­stan­ge der bam­bus­be­cher to-run. der ihnen das gefühl dass es wei­ter. haupt­sa­che es tut sich. was.
stellst dich in die türe die nicht zu. mit dei­ner topf­pflan­ze im blau­en rie­sen­plas­tik­sack.

#
erin­nerst dich an dei­ne oma die immer gesagt. dass du eine hau­be. gera­de in der über­gangs­zeit. weil man sich in der soge­nann­ten über­gangs­zeit weil man frau hat sie nicht gesagt weil man sich da leicht ver­kühlt. wenn man leicht­sin­nig. und leicht ange­zo­gen. wenigs­tens die kapu­ze. dass der märz eben noch ein r. aber dass auch bald mai und dann ist alles anders­neu. dann gibts erd­bee­ren. und die hau­be. die kannst du dann auch zuhau­se. wel­ches zuhau­se.
noch so fern. die­ses dort. fühlst es noch so nicht. so gar nicht. hast noch kein gefühl wenn du an dort. obwohl wenn du ganz genau rein­horchst in dei­nen see­len­pan­zer­wohn­ko­kon kannst du es schon spü­ren die­ses neue nah­da. hier an die­sem dazwi­schen­ort. ob die­ser dort­ort mal ein nah­da irgend­wann­dann.

#
erst mal weg.
weil du zu wenig geld. weil du genug. von die­sen schim­mel­spo­ren. aber die sind weder weiß noch edel. außer rote augen machen die nur hus­ten­aua.

- mor­gen­bes­ser.
sagt alma dann immer. wenn was nicht so gut. wenn du ein aua.

klar das pro­blem ver­ste­he man natür­lich und natür­lich wer­de man sich dar­um küm­mern klar aber dass man halt auch hei­zen. da müs­se man dann eben in den sau­ren apfel.
und natür­lich lüf­ten. dass man schon öfter. alle zwei stun­den. wär gut.
wie man das mit job. und kind. das kön­ne er jetzt auch nicht sagen. aber jeden­falls habe er jetzt ja das gröbs­te besei­tigt. kei­ne gefahr. in ver­zug. der lie­be rest. ein­tei­lungs­sa­che. und wenn sie jetzt hier bit­te unter­schrei­ben.
dass es ohne­hin rein­zieht weil die fens­ter so undicht und du den gar­ten mit­heizt. also das sei nicht das pro­blem weil er habe alles rich­tig gemacht er habe sich das auch bestä­ti­gen las­sen. von einem exper­ten. und der wird es ja wohl wis­sen. sonst wäre er ja kein exper­te.
du schaust auf dein notiz­buch. die noti­zen ver­schwom­men. da hat sich jetzt ein blau­es punk­te­n­etz drü­ber­ge­legt.
da kön­ne er lei­der nichts machen das gehö­re nicht zum gebäu­de. dafür sei er nicht zustän­dig er wün­sche aber einen schö­nen tag noch. klar.
du magst kei­ne sau­ren äpfel. wie alma. ihr seid team gala.

#
sitzt inmit­ten dei­ner bücher. die­ser vie­len leben. die unge­le­sen vor sich hin­mo­dern.
da.
zwi­schen tage­bü­chern die aus­kunft über omas leben.
die du nicht lesen willst. weil du dei­ne nase nicht in ihre ver­staub­te ver­gan­gen­heit. weil wer gibt dir das recht da. zu. hät­test du sie mal frü­her gefragt. bei einem dei­ner vie­len tele­fo­na­te. die dir immer zu lang. die oma immer zu kurz.

#
ein paar erin­ne­run­gen gelöscht. ein paar lösen sich. auf. ein paar für müll­ton­ne. ein paar fürs alt­pa­pier. so viel zeit muss sein.
obwohl die zeit davon­läuft wie der letz­te schnee. weißt dass eines mor­gen­danns der umzugs­wa­gen dass der dann vor dei­ner tür und du noch nicht fer­tig. mit dem gar­ten. weil du den noch umgra­ben. auf der suche nach den zwie­beln.
weil die erd­bee­ren. die musst du unbe­dingt.
ziehst um. in eine klei­ne­re woh­nung. weil die fix­kos­ten. die schon lang nicht mehr fix. weil die in schwin­deln­de höhen und du höhen­angst.

wie das alles wird. wenn.
fragst du dich wäh­rend du eigent­lich mit alma. wäh­rend du mit ihr. im schön­mo­ment. aber du kannst nicht. im moment. weil du schon wie­der an dem ande­ren dort­ort.

#
die­se dazwi­schen­nicht­zeit die kennst du nicht erst seit jetzt eben. die beglei­tet dich schon immer. auch wenn du grad nicht umziehst. kennst sie. die­se zeit in der du dich zurück. um dann wie­der durch­zu­star­ten.
dein han­dy gemu­tet. in der hoff­nung dass dich nie­mand anruft. weil dich der mut. weil der dich ver­las­sen. im herbst. mit den letz­ten war­men son­nen­strah­len.
– mor­gen bes­ser.

#
der umzug in ein ande­res leben hat­te eigent­lich schon viel frü­her begon­nen. klar da war der umzug nach wien. zum stu­die­ren. mit einer klei­nen sport­ta­sche haben dich dei­ne eltern. abge­ge­ben. im stu­den­ten­heim. damals. ohne innen. von she/they noch kei­ne spur. damals im stu­den­ten­heim. als die tür zuging und die stim­men aus der küche. viel­leicht dein aller­ein­sams­ter moment ever. damals konn­test du dir nicht vor­stel­len an jenem da dass du da jemals raus. drau­ßen wur­de gefei­ert. die waren so fröh­lich dass du am liebs­ten geheult. du konn­test von dei­nem fens­ter direkt in die küche schau­en. hat­test sie im blick. die­ses pral­le leben. das du gar nicht sehen. hast das licht ab. damit die zumin­dest dich nicht sehen.
lang bist du dort in die­sem frem­den bett gele­gen. das irgend­wann dei­nes. drau­ßen wur­de min­des­tens eben­so lang gelacht. du hast dir die alte decke über den kopf gezo­gen. und dich im ange­strahl­ten zim­mer umge­schaut. aus­pa­cken kannst du ja auch mor­gen. und ein­kau­fen musst du. und dann bist irgend­wann raus aus dei­ner kom­fort­bubble und hast hal­lo gesagt zu die­sem neu­en leben.

#
hörst den früh­lings­vo­gel der nur zwit­schert wenn der früh­ling ver­läss­lich jedes jahr trotz kli­ma und wan­del auch wenn du ihn nicht siehst du weißt dass es nicht mehr lang dau­ert und wenn du ganz genau schaust siehst du schon die ers­ten knos­pen. die die füh­ler. aber dein blick starrt auf die­se hand. grau vom schutt und blau­grün vom tod. und die ver­krampf­ten fin­ger des vaters. der sie nicht los­las­sen kann. und du fragst dich ob dich das bild ob dich das auch so beschäf­ti­gen wür­de wenn die toch­ter wenn die nicht für immer.

dort. wo du nicht bist. was aber wenn die her­kommt. die­se kri­se. weil wo erst mal eine da kommt dann auch noch gleich die ande­re. anran.

#
dort. zwi­schen posi­tio­nen. zwi­schen leben.
du weißt dass die­ses eines mor­gen­danns schon mor­gen.

#
wenn du heu­te hun­ger bekommst nimmst du dein han­dy weil du auch dei­nen bei­trag. to good.
wenn dir kalt ist heizt du halt so. da. hin. weil der tag der abrech­nung weil der erst kommt. zahl­tag ist spä­ter. wär­me. pump.
trock­nest halt so vor dich. hin. bis du ver­trock­net. innen­drin.
weil du schon lang nicht mehr gewäs­sert. wie die müde topf­pflan­ze vor dir.
weil die trä­nen ein­aus­ge­trock­net.
weil du doch kei­ne heul­su­se.

#
nein
denkst du wütend.
was dich genau wütend macht. fragst du dich. aber natür­lich erst viel spä­ter. im moment grum­melt alles in dir und du wür­dest am liebs­ten laut auf­schrei­en. und ein­fach gehen. zurück. in dei­ne wohl­fühl­bubble. dich zuweg­ver­ste­cken. wie alma die ein­fach ihr köpf­chen an den baum und weg ist. in ihrer phan­ta­sieb­unt­welt. mit ph.
aber du stehst dei­ne frau in der bim und dann in dei­nem neu­en teil­zeit. job der kein beruf.

#
strahlst. wenn du end­lich wie­der alma. bist ein biss­chen auf­ge­regt wenn du die tür zum kin­der­gar­ten öff­nest. ob sie dir in die arme. ob ihre augen zurück­leuch­ten. ob du auch die rich­ti­ge jau­se. ob sie see­len­frei am karus­sell. ob ihre minischau­kel frei. die sie so gern.

#
ganz oben auf der schau­kel ein biss­chen schwind­lig vor dir nur das blitz­blau weil die wol­ken am hori­zont
siehst grad so wenig von die­ser welt. die du mal erobern. nichts kann uns stop­pen habt ihr euch gesagt und jetzt. ganz oben. still. wäh­rend die welt wei­ter­rast. und dich ver­liert.

leben. tot. punkt. die­ser zwin­ker­mo­ment. wenn alles ganz still. die­se mini­pau­se. wenn du ganz oben. die­ser moment. der still. steht. für die­sen augen­blick.
willst die­sen blitz­mo­ment fest­hal­ten. weil du weißt was kommt weil du nicht zurück.
willst was ändern. mit dei­nen pos­tings
willst im regen tan­zen
willst bunt über die grau­en häu­ser­wän­de
willst dich am liebs­ten fest­kle­ben hier oben
willst was bewe­gen obwohl du stimm­still.
zwi­schen den wel­ten.
vor. zurück. bevor es wie­der zurück. bevor es wie­der zurück.

#
du weißt dass das jetzt eine über­gangs­zeit du weißt dass die son­ne mit dir um die wet­te. dass auch du wie­der strah­len wirst.
bald.
dass du dann ver­liebt. und die­ses dort zu dei­nem da.

#
war­test. dass du auf­wachst. dass der herr eines­ei­ne woh­nung. das mäd­chen noch am leben. damit du die bil­der über­malst. die sich ein­ge­brannt.
hoffst dass du ganz im schön­mo­ment. mit alma. dass ihr zusam­men. ange­kom­men. an eurem dad­ort­ort.

#
mor­gen­bes­ser. oder ganz mor­gen dann.
es läu­tet.

* * *

* * *

Rena­te Aichin­ger, gebo­ren 1976, lebt schon lang in Wien. Schrift­stel­le­rin, Regis­seu­rin, Kura­to­rin, Kul­tur­Brü­cken­baue­rin. Bücher & Abdru­cke; Tex­te & Auf­füh­run­gen u.a. Offe­ne Burg (Lei­tung), Bürgertheater/Landestheater Nie­der­ös­ter­reich (Lei­tung), Jun­ge Burg, Jun­ges Schau­spiel­haus Zürich; Rau­ri­ser För­de­rungs­preis, Nes­troy-Spe­zi­al­preis, Schwa­zer Stadt­schrei­be­rin, Jubi­lä­ums­fonds­sti­pen­di­um Lite­rar Mecha­na, Pro­jekt­sti­pen­di­um Stadt Wien; Resi­den­zen u.a. in Kra­kau, Vene­dig, Palia­no, Tri­est; VER­SO­PO­LIS-Poe­tin (Lviv/Ukraine, Antwerpen/Gent, Bra­tis­la­va, Bel­grad), Über­set­zun­gen ein­zel­ner Gedich­te u.a. ins Eng­li­sche, Ukrai­ni­sche, Spa­ni­sche, Nie­der­län­di­sche & Slo­we­ni­sche; 2021 erschien ihr vier­tes Buch #flir­ren (Edi­ti­on Lau­rin).

* * *

Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 17. März 2023

Zuletzt geän­dert: 18. März 2023