Die Schneidmangel / Die Selbstgarne

Von Rapha­e­la Edel­bau­er. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 114
Raphaela Edelbauer © Victoria Herbig

Rapha­e­la Edel­bau­er. Foto: Vic­to­ria Herbig

 

Die Schneid­man­gel

Senk­recht auf einer eisen­ge­gos­se­nen Rohr­kreu­che aus zwei Hemi­sphä­ren ragt ein Bund­pfratt genann­ter Holm aus geschlif­fe­ner Lin­de oder Kie­fer auf. An der Scher­ge, einer mit Kugel­ge­lenk ver­se­he­nen Spreu­ze, sind vier Och­sen befes­tigt, die mit roher Gewalt die Blatt­gö­pel genann­ten Klin­gen bewe­gen, indem sie kraft­voll hin und her zie­hen. Man heißt dies Bewe­gen die Knis­pre­sche, und die Wie­se singt wie eine sau­sen­de Näh­ma­schi­ne, wenn die Schneid­man­gel über sie geket­telt wird. Das ist näm­lich so: Ein Vaku­um ent­steht, sowie die Rin­der die höl­zer­nen Knir­bel bewe­gen – und das Gras wird dar­ob von unten in das als Saug­bin­se bekann­te Rohr ein­ge­schmaut – in die tra­pez­för­mi­ge Pfrat­te, wie man sagt – in den Zer­klei­ne­rungs­ap­pa­rat der Hack­sch­leu­che.
Her­aus fällt der soge­nann­te Schnapp­mu­sel, zer­klei­ner­tes Wei­de­werk, geschnit­te­nes Gras: Die­ses fres­send erhal­ten die Och­sen gera­de so viel Kraft, wie die Schneid­man­gel benö­tigt.

 

Die Selbst­gar­ne

Die Selbst­gar­ne ist in ihrer ein­fachs­ten Form eine Näh­ma­schi­ne, die statt zur Ver­schnei­de­rung von Geweben/Gesticken/Gewirken dazu gebaut wur­de, Garn/Faden/Zwirne/Flusen zu nähen; und zwar welch­sol­che, die sie selbst wie­der­um ver­wen­den kann.
Sie ent­hält das welt­weit ein­zi­ge umlau­fen­de Grei­fer­sys­tem; denn oben rechts wird an her­kömm­li­cher Stelle/Punkten/Orten ein Sta­pel­fi­la­ment ein­ge­hängt ein – so sagt man: Aus­gangs­garn.
Das zwirnt sich nach links – von Faden­sch­lin­ge im Spleiss und ab schießt der Zug zum Näh­fuß, wo sich die Zwir­bel-Fachen wie­der auf­tren­nen. An einer geschärf­ten Kleinst­klin­ge, an der Schmeu­se wird zwie­fach, was ein­fach war. Bei­de Teilfäden/Partialgarne/Halbzwirne wer­den durch die Stich­plat­te sodann ein­ge­schwen­kelt. Dort­zu­tief wirkt der Unter­trans­por­teur. In Norm­ma­schi­nen zum Schie­ben von Geweben/Gesticken/Gewirken ver­säu­melt, ist er hier als Ver­schmei­chungs­ma­schi­ne ein­ge­setzt; das heißt, er facht die Fasern wie­der zu einer Dop­pel­he­lix, als­wie­so sie im Durch­lauf­ver­fah­ren wie­der aus der schma­len Öse/Halftel/Gatt, der Kreu­se flie­ßen; ein Auf­rau­hungs­mes­ser dort – Struk­tur­stre­ben. Er muss gut geker­belt sein, um in den Aus­zub nach oben zurück gelenkt zu wer­den und zum Aus­gangs­fa­den zurück­zu­mu­tie­ren. Doch ist auch das ein Ver­häng­nis – denn gera­de durch die­sen schneid­frat­ten Aus­bau kann die Selbst­gar­ne nie Gewebe/Gesticke/Gewirke fabri­zie­ren, ohne sie gleich wie­der zu zer­tren­nen – nur eben: Garn.

Raphaela Edelbauer – Die Selbstgarne

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Rapha­e­la Edel­bau­er wur­de 1990 in Wien gebo­ren, wo sie heu­te noch lebt. Zuletzt, 2023, erschien von ihr Die Inkom­men­sur­a­blen bei Klett-Cot­ta.

Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 21. April 2023

Zuletzt geän­dert: 21. Apr. 2023