Nacht im März, zersplittert

Von Petra Piuk. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 63
Petra Piuk © Alain Barbero

Petra Piuk. Foto: Alain Bar­be­ro

Und du liegst im Bett und starrst an die Decke, an der Decke Ris­se. Die Dür­re in Ost­afri­ka und die Regen­fäl­le in Aus­tra­li­en und der Hit­ze­re­kord in der Ant­ark­tis und. Du ver­folgst den Krieg live auf Twit­ter. Und das Kran­ken­haus­per­so­nal ist erschöpft, fällt immer öfter aus und ruft und ruft um Hil­fe und nie­mand hört. Die vie­len Men­schen, die ein­ge­schlos­sen. Und du atmest ein, atmest aus, atmest Saha­ra­sand. Und dein Dea­ler schwärmt dir von einer Dro­ge vor, sie ver­spricht Leich­tig­keit. Es sind Pil­ze, die wie Schach­fi­gu­ren, du kaufst drei Sprin­ger, in dei­ner Hand wer­den die Pil­ze zu Pul­ver wer­den zu Pil­len. Und du traust die­ser sich stän­dig ver­wan­deln­den Dro­ge nicht, schluckst alle Pil­len auf ein­mal. Eine Sturz­flut spült dich aus dei­nem Traum. Es gibt 60.000 Neu­in­fek­tio­nen, ein Freund sagt, du wür­dest über­trei­ben, es wären nur. Und eine Frau bit­tet dich, ihre Groß­mutter aus Mariu­pol zu holen, sie sagt, dass doch irgend­je­mand ihre Groß­mutter. Eine ande­re hat seit einer Woche kei­nen Kon­takt mehr zu ihrem Baby. Die Poli­tik reagiert auf die Hil­fe­ru­fe in den Kran­ken­häu­sern, vul­nerable Per­so­nen brau­chen Schutz. Um rechts­extre­me Eso­te­ri­ker auf Glo­bu­li, die mit Russ­land­flag­ge gegen die öster­rei­chi­sche Dik­ta­tur demons­trie­ren, wei­ter­hin lie­be­voll betreu­en zu kön­nen, dür­fen Kran­ken­haus­an­ge­stell­te auch krank arbei­ten gehen. Dei­ne Kat­ze nimmt ein Schaum­bad. Und du fragst dich, war­um die Pil­len noch nicht. Im Fern­se­hen gibt es eine neue Cas­ting-Show, powered by Fes­tung Euro­pa: Guter Flücht­ling, schlech­ter Flücht­ling. Wer kommt eine Run­de wei­ter? Wer hat das freund­lichs­te Lächeln? Die hells­te Haut­far­be? Hei­di sagt: Heu­te habe ich lei­der kein Foto für dich, dan­ke, dass du dabei gewe­sen. Ein Mit­ar­bei­ter beglei­tet die Lei­der-Nein-Kan­di­da­ten nach drau­ßen. Nach einer Wer­be­pau­se geht es wei­ter. Neu im Kühl­re­gal: Geschmol­ze­nes Grön­land­eis in der Dose, mehr Erfri­schung geht nicht. Und du schläfst wäh­rend der Wer­be­pau­se ein, bist am Strand, Son­nen­schir­me, Kin­der­la­chen, läufst über den hei­ßen Sand hin­un­ter zum Meer. End­lich ein erhol­sa­mer Traum, denkst du wäh­rend des Träu­mens, doch ein Strand­be­su­cher hält eine Fern­be­die­nung in Rich­tung Son­ne, eine sehr brei­te Jalou­sie fährt am Hori­zont hin­un­ter, es wird fins­ter. Die­je­ni­gen, die es nicht in die mit dem Frie­dens­no­bel­preis aus­ge­zeich­ne­te Show geschafft haben, erhal­ten ein kos­ten­lo­ses Rück­flug­ti­cket ins Kriegs­ge­biet oder kön­nen sich die Show im gefro­re­nen Wald hin­ter dem Sta­chel­draht­zaun. Und du schreibst den Alb­traum in dein Alb­traum­ta­ge­buch. Und dein Bett beginnt zu ruckeln, ruckelt hef­tig. Es gibt dafür drei mög­li­che Erklä­run­gen. A. Du ver­lierst den Ver­stand. B. Du hast dich wie­der in der Meta­ebe­ne eines Traums ver­irrt. C. Es war ein Erd­be­ben. Und du des­in­fi­zierst die Hän­de, des­in­fi­zierst das Gesicht, nimmst die Aug­äp­fel aus den Augen­höh­len, legst sie in die Scha­le mit dem Des­in­fek­ti­ons­mit­tel. Die Träu­me blei­chen aus wie die Koral­len. Und ein Pin­gu­in treibt allein auf einer Eis­schol­le. Dein Zahn­arzt sagt dir, dass dein Herz schmilzt, das Herz, sagt er, müs­se durch ein Plas­tik­herz ersetzt. Er kippt den Zahn­arzt­stuhl nach hin­ten. Siri erklärt den Ablauf: Snea­k­er aus­zie­hen, FFP2-Mas­ke abneh­men. Und du siehst die Viren im Raum her­um­schwir­ren, bist dir nicht sicher, ob das der geeig­ne­te Ort für eine Herz-OP. Und auf Twit­ter fra­gen sich alle, ob das Ruckeln ein Erd­be­ben war oder ob sie lang­sam den Ver­stand ver­lie­ren wür­den, und du bist erleich­tert, dass du nicht die Ein­zi­ge bist, die dabei ist, den Ver­stand. Du tanzt mit einer Frau im Spie­gel, ihr pros­tet ein­an­der zu, ver­ab­re­det euch für ein wei­te­res Date.  Und der Auf­zug schießt in die Höhe, hält nicht, egal, auf wel­chen Knopf du drückst, er hält nicht, hält erst im hun­derts­ten Stock, im hun­derts­ten Stock geht die Tür auf, vor dir der Abgrund. Und die Wäl­der bren­nen und über die Wie­sen ergießt sich Beton. Und in der U‑Bahn schreit dich eine Frau an, sie habe durch­schaut, was hier mit uns pas­sie­re, du wür­dest auch noch durch­schau­en, was hier mit uns. Und du schreckst nicht mehr so oft hoch, wenn im Traum jemand ohne Mas­ke. Und im Rei­se­ma­ga­zin sind die Ozea­ne nicht mehr blau, sind die Ozea­ne grau-braun, hie und da ein Farb­tup­fer, ver­wa­sche­nes Coca-Cola-Rot, Nest­le-Blau, McDo­nalds-Gelb. Und es gibt eine neue Virus­va­ri­an­te und Kali­um-Jod-Tablet­ten sind aus­ver­kauft, die Alb­träu­me begin­nen sich zu ver­mi­schen. Und du schlüpfst ins iPho­ne, machst ein Sel­fie am Insta­gram-Strand, hin­ter dir das Meer, und du legst einen Fil­ter über das Foto, damit man die Plas­tik­tü­te über dem Schild­krö­ten­kopf nicht sieht und die Res­te vom Schlauch­boot. Und am Hotel­buf­fet streichst du dir Betrof­fen­heit aufs Brot, erstickst bei­na­he dar­an. Und eine Frau möch­te ihr Ball­kleid spen­den, sie weiß, dass die Klei­der­la­ger voll sind, weiß, dass ein Ball­kleid kei­ne geeig­ne­te Flucht­klei­dung. Aber es wäre doch so scha­de um das schö­ne Kleid. Und ein Mann will in sei­ner Woh­nung drei oder vier Sin­gle-Frau­en einen Schlaf­platz. Der Kater kotzt in dein Bett. Es klin­gelt und du öff­nest die Tür, vor der Tür ist nie­mand, nur eine offe­ne Fla­sche Cham­pa­gner, dar­auf ein Post-it: Haus-Par­ty, kon­takt­los. Und du nimmst einen Schluck aus der Fla­sche, scha­ler Geschmack. Viel­leicht ist es der mit MDMA ver­gif­te­te Cham­pa­gner aus dem Super­markt, du hoffst es sehr, nimmst noch einen Schluck, stellst die Fla­sche vor die Nach­bar­tür, läu­test an, läufst in die Woh­nung zurück. Und durch die Decke dringt Was­ser, das Schlaf­zim­mer bald über­schwemmt, dei­ne Matrat­ze wird zum Floß, du fährst damit ins Wohn­zim­mer, wo dir dei­ne Nach­ba­rin einen Joy­stick in die Hand. Im Video­spiel sollt ihr als Poli­ti­ke­rin­nen den Kli­ma­wan­del stop­pen. Was tun Sie? A. Sagen, dass gehan­delt wer­den muss. B. Sagen, dass wirk­lich gehan­delt wer­den muss. C. Han­deln. Ihr zuckt mit den Schul­tern. Und du schläfst wie­der ein. Und du sitzt im Flug­zeug, neben dir sitzt die Flug­scham, du siehst sie nicht an, siehst aus dem Fens­ter, ein Kampf­jet fliegt vor­bei, noch einer. Eine Flug­be­glei­te­rin sagt mit freund­li­cher Stim­me: Ladys and Gen­tle­men, es könn­te etwas unge­müt­lich. Ihre kugel­si­che­re Wes­te befin­det sich unter Ihrem Sitz, die Sau­er­stoff­mas­ken fal­len bei Beschuss auto­ma­tisch. Und die Inseln ver­sin­ken im Meer. Und eine Jugend­li­che zer­trüm­mert mit einem Base­ball­schlä­ger das Auto, in dem ihre Ängs­te. Eine ande­re kriecht in den Fern­se­her, ver­steckt sich im Prin­zes­sin­nen­schloss eines Dis­ney­films, zieht den Ste­cker hin­ter sich. Und Face­book fragt dich: Sol­len dei­ne Face­book-Kon­tak­te nach dei­nem Tod an dei­nen Geburts­tag erin­nert. Und du bist wie­der am Strand und eine Was­ser­wand kommt auf dich zu. Und im Traum sagst du zu dir: Samm­le dei­ne Träu­me ein, damit du sie nicht ver­lierst, einen hast du noch wäh­rend des Träu­mens ver­lo­ren. Und du bist auf der Tanz­flä­che, die Tanz­flä­che voll, du atmest den Rauch ein, atmest den Schweiß ein, reibst dir den Schweiß der ande­ren Tan­zen­den auf dei­ne Haut, dei­ne Lip­pen. Und du denkst: End­lich wir­ken die Pil­len aus einem frü­he­ren Traum. Und die Plas­tik­in­seln im Indi­schen Oze­an wer­den zu güns­ti­gen Urlaubs­de­sti­na­tio­nen. Auf den Plas­tik­in­seln gibt es Plas­tik­ho­tels und Plas­tiksträn­de, auf denen Kin­der Plas­tik­bur­gen. Und ein Schü­ler schreibt Hoff­nung mit einem f. Und du fragst dich, in wel­ches sozia­le Netz­werk du zie­hen wirst, wenn es die Welt nicht mehr, fragst dich, mit wel­chem dei­ner Ichs du am bes­ten klar­kom­men wür­dest. Und die Ris­se brei­ten sich aus, die Decke stürzt ein. Du wachst auf, müde, kannst dich nicht an dei­nen Traum. Du schaust aufs Han­dy. Auf Insta­gram blü­hen die Bäu­me.

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Petra Piuk, gebo­ren 1975 in Güs­sing, lebt in Wien. Schreibt Roma­ne, Kurz­pro­sa, Thea­ter­tex­te. Zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen, u.a. Wort­mel­dun­gen-Lite­ra­tur­preis 2018. Zuletzt sind die Las Vegas-Novel­le Wenn Rot kommt (Kre­mayr & Sche­ri­au 2020) und das Kin­der­buch Rot­käpp­chen ret­tet den Wolf (Ley­kam 2022) erschie­nen. Web­sei­te: www.petrapiuk.at

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 29. April 2022

Zuletzt geän­dert: 30. Apr. 2022