Singen im Wald

Von Olga Flor. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 111
Olga Flor © Marko Lipus

Olga Flor. Foto: Mar­ko Lipus

Pflan­zen duck­ten sich: es herrsch­te Wind, der umso wüten­der wur­de, je näher man der Meer-Land-Gren­ze kam. Hai­schwär­me trie­ben ver­mehrt Okto­po­den ans Ufer. Für den Schlaf wähl­te Arman­da den Rück­zug in den Nacht­be­reich, in die Tro­cken­struk­tur des Wal­des, die Vege­ta­ti­on war auch aus dem Tritt gekom­men, irgend­wo war immer Herbst. Arman­da such­te nach geeig­ne­ten Stel­len für Lie­ge­plät­ze in der Hoff­nung auf Rücken­de­ckung, die Mög­lich­keit, sich in eine Mul­de, eine Laub­höh­le zu drü­cken, den Aus­gang stets im Blick. Die Füße taten weh. Die Ein­sam­keit mach­te ihr nur gele­gent­lich zu schaf­fen, das Bewusst­sein, in sich mit sich ganz allein zu sein, das mit stei­gen­dem Alter gewach­sen war, such­te nach Ord­nun­gen im Äuße­ren, die sie in ihren regel­mä­ßi­gen Wan­de­run­gen fand, deren Umkehr­punk­te sich ein­gru­ben, wenigs­tens eine Zeit lang. An Feu­ern in Wind­schat­ten­zo­nen traf sie auf ande­re, deren Lebens­rhyth­men halb­wegs mit ihrem kor­re­lier­ten. Land­ein­wärts war die Luft ruhi­ger. Wind­parks hat­ten sich als mit­tel­fris­tig eini­ger­ma­ßen sta­bi­le Geld­an­la­ge her­aus­ge­stellt, sofern man sich auf den Wert der Wäh­rung eini­gen konn­te und die Räder nicht umge­ris­sen wur­den, was vor­kam. Auch die Zer­stö­rung aus schein­bar rei­ner Freu­de war ein ver­brei­te­tes Phä­no­men, des­sen Poten­ti­al nur zu leicht unter­schätzt wur­de, das fei­ne Gefühl für die Din­ge, die Angst gene­rie­ren, macht sich bezahlt.

Es war also ein vor­sich­ti­ges Her­an­tas­ten, da Vor­teil, dort Gefahr, das gemein­sa­me Essen gab den Betei­lig­ten ein wenig Halt, flüch­tig zwar, und das wuss­ten alle, doch unmit­tel­bar inten­siv. Man kon­su­mier­te auch ver­go­re­ne Früch­te, ein Sucht­ver­hal­ten, das Men­schen mit bestimm­ten Tie­ren teil­ten, man muss­te ihren Spu­ren nur fol­gen, um fün­dig zu wer­den. Manch­mal, sel­ten, kam es zu sexu­el­len Inter­ak­tio­nen, manch­mal auch zum Auf­flam­men von Busch­brän­den. Immer ein biss­chen ris­kant, sich auf ande­re ein­zu­las­sen. Auf die Grup­pen­grö­ße kam es an, fand Arman­da, doch auch das bei­lei­be nichts, auf das man sich ver­las­sen konn­te. Sie hat­te ein Kon­den­sa­ti­ons­zelt auf­ge­baut und woll­te eben das Rohr­sys­tem zum Ablei­ten des Was­sers anbrin­gen, wäh­rend rund­her­um ein paar älte­re Men­schen saßen, die eine lose Gemein­schaft zu for­men schie­nen, als eine Rei­he von Quad­bikes ange­fah­ren kam, und der Lärm und die infan­ti­le Wucht die­ser Maschi­nen ver­hieß nichts Gutes. Man wuss­te schließ­lich auch nie, wer wie bewaff­net war, die Quad­bikes dros­sel­ten das Tem­po, als sie sich annä­her­ten, eines hin­ter dem ande­ren in kla­rer Hor­den­hier­ar­chie. Einer der Män­ner am Feu­er begann zu sin­gen, eine Melo­die, die man zu ken­nen schien, ohne nach­zu­den­ken (es war eine Wer­be­jing­le, die Arman­da spä­ter aus dem Gedächt­nis rekon­stru­ier­te). Ande­re san­gen mit, und das in unter­schied­li­chen Spra­chen, die blo­ße Exis­tenz die­ses Lie­des schuf eine hauch­dün­ne Hül­le, die über der Grup­pe waber­te und sie zu beschüt­zen schien. Das ers­te Quad­bike beschleu­nig­te, zu wenig zu holen hier, der Mühe nicht wert, die ande­ren folg­ten und ver­schwan­den aus dem Blick­feld, wenn auch das Geräusch der Moto­ren noch lan­ge nach­hall­te.

Arman­da spür­te wie­der Schmer­zen im Fuß­ge­wöl­be, setz­te sich hin, zog die Schu­he aus und mas­sier­te die Fuß­soh­len, die ärgs­ten Bla­sen waren abge­heilt. Sie dach­te an Nora, ihre ein­zi­ge Toch­ter, eine star­ke und schö­ne jun­ge Frau, wie sie fand, aber das war eben die Wahr­neh­mung einer Mut­ter, aus Stolz gebo­ren. Der Sän­ger ver­stumm­te. Eine weib­li­che Stim­me füll­te die Stil­le mit Infor­ma­tio­nen über die Fil­te­rung von Was­ser mit­hil­fe von Gras, Moos und Holz­koh­le­res­ten vom Vor­tag, was Arman­da an ihren Koh­le­ta­blet­ten­man­gel erin­ner­te. Und Sand natür­lich, setz­te die Frau hin­zu. Arman­da erhob sich aus ihrem Schnei­der­sitz, die Bei­ne schon ein wenig ein­ge­fro­ren, der Gang toll­pat­schig, bis wie­der aus­rei­chend Blut in die Glied­ma­ßen kam, sie ging zu einem pro­vi­so­risch errich­te­ten Tisch, auf dem noch die Res­te des gemein­sam Gekoch­ten her­um­stan­den. Das Vega­ne war übrig geblie­ben, und sie nahm sich noch ein­mal davon. Sie setz­te sich wie­der und betrach­te­te ihre behos­ten Ober­schen­kel. Der Stoff hat­te auch schon bes­se­re Tage gese­hen.

Der Gestank des Anfangs war ver­flo­gen, die Bio­mas­se ver­form­te sich stän­dig, was zu ver­ar­bei­ten war, wur­de wie­der in den Kreis­lauf ein­ge­speist, und ein wenig ver­mu­te­te Arman­da, dass sich der Geruchs­sinn ein­fach anpass­te an die Gege­ben­hei­ten. Sie nahm an, dass sie die Gren­zen des­sen, was sie gera­de noch erträg­lich fand, vor sich her­schob wie eine Bug­wel­le. Sie dach­te wie­der an Nora, die so begeis­tert gewe­sen war, als sie die­ses neue Wort gelernt hat­te: Ho-se, dass sie es mehr­fach wie­der­holt hat­te, so gut hat­te es ihr gefal­len. Das Bild des fröh­li­chen Klein­kin­des, das Nora gewe­sen war, ver­weh­te nicht. Sie sah das zwei­jäh­ri­ge kurz­ge­lock­te Mäd­chen ganz deut­lich vor sich, das ange­sichts neu­er Erleb­nis­se erst ein­mal abwar­te­te, was auf es zukam, das ruhig wur­de beim Anblick ele­men­ta­rer Din­ge wie des anrol­len­den Mee­res, schwei­gend die Kraft der mate­ri­el­len Über­wäl­ti­gung ein­sau­gend, noch ohne den Ein­druck in Spra­che ver­wan­deln zu kön­nen. Dann hat­te sie – sich in urmensch­li­cher Manier hin­ho­ckend, die Unter­ar­me auf die Ober­schen­kel gestützt, ohne mit dem Hin­tern den Boden zu berüh­ren – älte­ren Kin­dern dabei zuge­se­hen, wie die von einer Kai­mau­er ins Was­ser spran­gen, durch die Bran­dung hüpf­ten, an Land zurück­lie­fen, um erneut zu sprin­gen, und die Mus­keln in Noras klei­nem Kör­per hat­ten gezuckt, die Abläu­fe ansatz­wei­se imi­tiert, Bewe­gungs­mus­ter vor­be­rei­tet, die sie erst spä­ter wür­de umset­zen kön­nen. Schließ­lich hat­te sie nicht mehr an sich hal­ten kön­nen, war auf und ab gehüpft und hat­te vor Freu­de gequietscht. Da waren sie noch zu viert gewe­sen. Nora hat­te es beson­de­res Ver­gnü­gen berei­tet, sich beim Gehen an den Bei­nen ihres Vaters fest­zu­hal­ten, er war lang­sam und mit wei­ten Schrit­ten geschlen­dert, wäh­rend sie um ihn herum­pen­del­te. Die Leich­tig­keit eines Som­mer­ta­ges: Som­mer­tag, das Wort konn­te man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen.

Aus­zug aus einem in Arbeit befind­li­chen Roman mit dem Arbeits­ti­tel „Welt fällt“.

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Olga Flor, gebo­ren 1968 in Wien, auf­ge­wach­sen in Wien, Köln und Graz. Nach dem Abschluss eines Phy­sik­stu­di­ums Arbeit im Mul­ti­me­dia-Bereich. Seit 2004 freie Schrift­stel­le­rin. Roma­ne, Kurz­pro­sa, Essays, Thea­ter – und Musik­thea­ter­ar­bei­ten. Publi­ka­tio­nen in Tages­zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, z.B. Stan­dard und Ber­li­ner Zei­tung. Lehr­tä­tig­keit, Kura­to­rin, Sym­po­si­en­bei­trä­ge, Key­notes und Reden. Zahl­rei­che Prei­se und Sti­pen­di­en, u.a.: Anton-Wild­gans-Preis 2012, Out­stan­ding Artist Award 2012, Veza-Canet­ti-Preis 2014. Dros­te-Preis der Stadt Meers­burg 2018. Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz 2019. Publi­ka­tio­nen, Aus­wahl: Die Köni­gin ist tot, Zsol­nay 2012, Ich in Gelb, 2015, und Klar­traum, Jung und Jung, 2017 (Short­list Öster­rei­chi­scher Buch­preis), Poli­tik der Emo­ti­on, Resi­denz Ver­lag,  2018, Mori­tu­ri, Jung und Jung, 2021 (Short­list Öster­rei­chi­scher Buch­preis). Kon­takt: http://www.olgaflor.at/die-autorin/

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 31. März 2023

Zuletzt geän­dert: 1. Apr. 2023