Ein Mann sein

Von Nor­bert Gst­rein. Aus dem kom­men­den Roman Vier Tage, drei Näch­te.
Norbert Gstrein © Gustav Eckart

Nor­bert Gst­rein. Foto: Gus­tav Eck­art

Natürlich habe ich irgend­wann ein­mal auch Freun­din­nen gehabt, noch als Schüler, wenn man auf die­ses „gehabt“ nicht zuviel Gewicht legt, zwei Mitschülerinnen, mit denen ich jeweils ein paar Wochen zusam­men­ge­we­sen war, aber die ein­schnei­dends­te Erfah­rung hat­te ich schon damals mit einem Mann gemacht, gegenüber der mir alles ande­re wie Kin­der­kram vor­kommt. Viel­leicht war es Zufall, viel­leicht jedoch nicht, dass es mit einem dop­pel­ten Fehl­schlag bei einem Mäd­chen begann, und es war nicht irgend­ein Mäd­chen, es war Mie­ke, mit der ich mir auch ein paar glücklichste Augen­bli­cke mei­nes Lebens hät­te vor­stel­len kön­nen. Sie war in den Oster­fe­ri­en mit ihren Eltern in unse­rem Hotel gewe­sen, gera­de vier­zehn, ein mil­chig ver­träum­tes Gesicht und schlak­si­ge Glie­der, und allein ihre Spra­che hat­te gereicht, um mich aus dem Lot zu brin­gen, das Hol­län­disch, das mir von da an von allen Spra­chen die liebs­te war, mit sei­nem ewi­gen Reiz, etwas zuerst anschei­nend zu ver­ste­hen und im nächs­ten Augen­blick zu begrei­fen, es doch nicht rich­tig ver­stan­den zu haben. Wir hat­ten kei­ne Woche gebraucht, um uns ohne alles Getän­zel und Geplus­ter, son­dern eher ziel­ge­rich­tet auf­ein­an­der­zu zu bewe­gen, Mie­ke und ich, und waren schließ­lich spät am Abend vor ihrer Abrei­se am nächs­ten Mor­gen oder genau­ge­nom­men lan­ge nach Mit­ter­nacht in der Hotel­hal­le gelan­det. Sie hat­te kein eige­nes Zim­mer, schlief auf einem Zustell­bett bei ihren Eltern, und ich hat­te mei­nes an Stamm­gäs­te abtre­ten müssen, weil mein Vater wie­der ein­mal überbelegt hat­te. Des­halb war das Foy­er der ein­zi­ge Ort, an dem wir eini­ger­ma­ßen unge­stört sein konn­ten, und wir hat­ten uns gera­de erst in der dun­kels­ten Ecke aneinandergedrückt und begon­nen, uns gegen­sei­tig die noch kal­ten Hän­de unter die Pull­over zu schie­ben, als die Drehtür auf- und zuging und pol­ternd ein ande­res Paar her­ein­ge­stol­pert kam.

Um es klar zu sagen, was wir dann in der nächs­ten hal­ben Stun­de erleb­ten, war eine Ver­ge­wal­ti­gung. Die bei­den hat­ten sich am ande­ren Ende der Hotel­hal­le pla­ziert, und es war so dun­kel, dass weder wir sie noch sie uns zu sehen ver­moch­ten, nicht ein­mal die Sil­hou­et­ten oder nur kurz, als sie sich vor den Fens­tern abzeich­ne­ten, aber wäh­rend wir sofort still wur­den, glaub­ten sie sich allein, und wir konn­ten sie hören. Die paar Augen­bli­cke, in denen wir uns noch zu erken­nen hät­ten geben kön­nen, waren schnell vorüber, und schon folg­te eines auf das ande­re, ein Geki­cher, die schmat­zen­den und sau­gen­den Geräu­sche ihrer Küsse, Geflüster, ihre Stim­men betrun­ken, wie­der Geki­cher, und es dau­er­te nicht lan­ge, bis das ers­te „Nein!“ der Frau zu hören war über dem Krat­zen eines Reiß­ver­schlus­ses, dem Klin­geln einer Gürtelschnalle, dem Gera­schel von Klei­dung, das ers­te „Was machst du da?“, das ers­te „Bit­te nicht!“ und das unwil­li­ge, drän­gen­de „Aber ich tu doch gar nichts!“ des Man­nes, sein „Ich pas­se schon auf!“, das er alle paar Augen­bli­cke wie­der­hol­te, und schließ­lich sein „Was glaubst du, wor­um es hier geht?“, sein „Wir sind doch kei­ne Kin­der, ver­dammt!“, sein „Bil­dest du dir ein, du kannst mich den gan­zen Abend zum Nar­ren hal­ten?“, auf das nur mehr ihr Wim­mern und ein trau­ri­ges Schlap­pen und Klat­schen von Fleisch gegen Fleisch folg­te.

Ich war erst seit weni­gen Tagen sech­zehn, und doch hät­te ich auf­sprin­gen müssen und etwas sagen, aber ich saß nur da und spürte, wie Mie­ke ihre Hand unter mei­nem Pull­over her­vor­zog und mei­ne unter ihrem her­aus­nes­tel­te und sie mir zurückgab wie eine abge­fal­le­ne Pro­the­se, als frös­tel­te es sie nur vom Gedan­ken an eine wei­te­re Berührung, wäh­rend sie von mir abrückte und nach einer viel zu lan­gen Stil­le end­lich die Stim­me der Frau zu hören war.

„Ist es das?“ sag­te sie in ihrem Deutsch, das nicht von hier war, und es klang ver­wa­schen, wie aus einem ande­ren Raum und als wäre sie nicht recht bei Bewusst­sein, und tat­säch­lich bemühte sie sich zu lachen, ein hilf­lo­ser Reflex. „Das …?“

Statt­des­sen wein­te sie plötz­lich, ein laut­lo­ses Wei­nen, das in der Stil­le trotz­dem zu hören war, weil es ihren Atem beschleu­nig­te und sie wie in einem Schluck­auf nach Luft rin­gen ließ.

„Hast du wenigs­tens …?“

Der Mann unter­brach sie brüsk.

„Ich habe dir doch gesagt …“

„Das …?“ sag­te die Frau wie­der.

„Das …? Ist es wirk­lich das, was du gewollt hast? Das …?“

Den Lau­ten zufol­ge schlug sie jetzt auf ihn ein, aber wenn es überhaupt ein Schla­gen war, so eines, das vor Kraft­lo­sig­keit und Ver­geb­lich­keit sofort in sich zusam­men­brach.

„Und dann hast du nicht ein­mal auf­ge­passt!“

„Ich habe dir doch gesagt …“

„Aber ich spüre es! Du kannst mir sagen, was du willst, du rücksichtsloses Schwein! Ich spüre es!“

„Es wird ja nicht gleich etwas pas­siert sein.“

„Hau ab!“ sag­te sie, ihre Stim­me ganz brüchig. „Nicht gleich etwas pas­siert! Ich höre mir dei­nen Schwach­sinn nicht an. Hau sofort ab, oder ich schreie, du Schwein! Ich habe dir doch gesagt, dass es nicht geht! Du weißt genau, was pas­siert ist!“

Die Frau wein­te jetzt laut, und immer wenn der Mann noch mehr zu sagen ver­such­te, fiel sie ihm ins Wort, er sol­le abhau­en oder sie schreie, aber sie schrie nicht, und gleich dar­auf konn­ten wir hören, wie er auf­stand und sich davon­mach­te, ein wütendes Tischerücken, und für ein paar Augen­bli­cke tauch­te sein Schat­ten wie­der vor den Fens­tern auf, rie­sig und schwarz und fast zum Grei­fen nah. Er war ein Ein­hei­mi­scher, jedoch nicht aus dem Dorf, der Sprach­fär­bung nach von irgend­wo zwei oder drei Dör­fer wei­ter, und ich war froh, dass ich ihn nicht an sei­ner Stim­me erkannt hat­te. Ich bil­de­te es mir sicher nur ein, der Raum war viel zu groß dafür, aber ich glaub­te plötz­lich sei­nen Geruch auf­ge­schnappt zu haben, etwas muf­fig Abge­stan­de­nes, süßlich ver­pappt und ver­mischt mit Schweiß und einem Eau de toi­let­te, das die Ausdünstung eher ver­stärk­te als übertönte, und wenn ich Mie­ke schon nicht die Ohren bedeckt hat­te, hät­te ich ihr jetzt am liebs­ten wenigs­tens die Nase zugedrückt. Wäh­rend die Drehtür sich wie­der beweg­te, tas­te­te ich nach ihrer Hand, aber sie zog sie zurück, und als ich es noch ein­mal ver­such­te, ent­fern­te sie sich nur wei­ter von mir, und dann lausch­ten wir, bis die Frau auf­stand und ging, und ich hat­te das Gefühl, dass auch sie lausch­te und mit ihrem Lau­schen der Stil­le immer noch etwas ent­zog und sie dadurch immer unheim­li­cher mach­te.

Danach woll­te Mie­ke bloß noch ins Bett. Ich weiß nicht, ob sie mir nicht ver­zieh, dass ich nicht ver­sucht hat­te ein­zu­schrei­ten, ob sie von der Sache selbst so abge­sto­ßen war oder ob sie in mir ein­fach nur einen Mann sah, einen Ver­tre­ter des Geschlechts, das imstan­de war, so etwas zu tun, aber wir wech­sel­ten nur mehr ein paar Wor­te, bis sie sich ver­ab­schie­de­te, und als ich sie fünf Mona­te spä­ter in Ams­ter­dam besuch­te und sie mir im letz­ten Augen­blick mit­tei­len ließ, sie wol­le mich nicht sehen, wur­de ich den Gedan­ken nicht los, dass sie mich damit bestraf­te. Wir hat­ten uns ein paar­mal geschrie­ben, doch an ihrer Adres­se öff­ne­te nie­mand, und als ich von einer Tele­fon­zel­le aus anrief, war ihr Vater dran und sag­te, sie kön­ne gera­de nicht, es tue ihm leid, sie kön­ne auch mor­gen und übermorgen nicht, was klang, als gäl­te das genau­so für alle ande­ren Tage ihres Lebens, und ich stand da wie in Erwar­tung des­sen, was in Wirk­lich­keit bereits gesche­hen war.

Ich hat­te kein Hotel, aber eine knap­pe Stun­de danach fand ich mich im Rot­licht­vier­tel wie­der und beob­ach­te­te dort lan­ge von einem Pol­ler an einer Gracht aus ein Mäd­chen in sei­ner Aus­la­ge. Sie war viel­leicht Anfang zwan­zig, trug einen lachs­far­be­nen Biki­ni, der sich hell auf ihrer Haut abzeich­ne­te, saß auf einem Bar­ho­cker und dreh­te an einem Zauberwürfel her­um, ruckel­te manch­mal an ihrer Bril­le, die sie von Zeit zu Zeit abnahm und betrach­te­te, als könn­te sie nicht glau­ben, was sich ihr durch die Glä­ser dar­bot, und manch­mal leg­te sie den Würfel bei­sei­te, trat ganz vor in das Schau­fens­ter und spreiz­te Arme und Bei­ne zu per­fek­ten Dia­go­na­len, die sich über ihrer Vul­va exakt in ihrem Bauch­na­bel schnit­ten, mehr eine Art gelang­weil­ter Gym­nas­tik als eine Zur­schau­stel­lung. Ich konn­te sehen, wie sie die Mus­keln ihrer Ober­schen­kel und ihre Bizep­se anspann­te, ich konn­te ihre Bauch­mus­keln sehen, und dann schlen­ker­te sie ihre Glie­der aus und tän­zel­te leichtfüßig vor und zurück, bevor sie sich wie­der hin­setz­te und von neu­em ihrer Beschäf­ti­gung nach­ging. Zwi­schen­durch tat ich ein paar Schrit­te, und wenn ich wie­der mei­nen Platz ein­nahm, schenk­te sie mir mit­un­ter einen Blick, ein­mal ein Lächeln, ein­mal ein Kopfschütteln. Um zu ihr zu gelan­gen, muss­ten die Män­ner eine klei­ne Trep­pe hin­auf­stei­gen, und ich hoff­te jedes­mal, sie würde sie abwei­sen, und wenn doch einer ein­trat und sie den Vor­hang zuzog und er nach einer Vier­tel­stun­de wie­der her­aus­kam, stell­te ich mir vor, wie ich hin­ter ihm her­ge­hen und ihn im Schutz der Dun­kel­heit in die Gracht schub­sen und ihm davor noch ein Mes­ser in den Rücken sto­ßen würde.

Es war halb drei Uhr am Mor­gen, als ich selbst die Trep­pe hin­auf­stieg, vie­le von den benach­bar­ten Aus­la­gen schon dun­kel und nur mehr weni­ge Pas­san­ten unter­wegs. Ich hat­te die obers­te Stu­fe erreicht, als sie aus dem Fens­ter trat und mir die Tür öff­ne­te. Es war käl­ter gewor­den, und sie hat­te sich einen Kimo­no übergezogen, ein gro­ßes, blau­es Blät­ter­mus­ter auf wei­ßem Grund, nahm die Bril­le ab, wie um mich bes­ser ins Auge zu fas­sen, setz­te sie wie­der auf, nahm sie gleich danach aber von neu­em ab und leg­te sie auf das Fens­ter­sims. Über ihre Schul­ter sah ich in das Inne­re des klei­nen Raums, den fast zur Gän­ze ein gro­ßes, mit einer bunt­sche­cki­gen Decke überzogenes Bett ausfüllte, auf dem ein wei­ßer Ted­dy­bär in XXL-Grö­ße lag, wie man sie an den Schieß­bu­den von Jahr­märk­ten als Haupt­ge­winn bekam, und davor auf dem Boden eine lee­re Wein­fla­sche und ein Tablett mit schmut­zi­gem Geschirr.

„Du scheinst dir das ja sehr gründlich überlegt zu haben“, sag­te sie und wisch­te ihre Hand­flä­chen anein­an­der, die Fin­ger so abge­spreizt, dass sie sich nicht berührten. „Brauchst du für alles ande­re auch so lan­ge? Du bist vol­le fünf Stun­den auf dem Pol­ler geses­sen. An dei­ner Aus­dau­er scheint es nicht zu hapern. Was willst du machen?“

Ich sag­te nichts, und als sie lächel­te, sah ich, dass ihr ein Eck­zahn fehl­te, was ihrem Gesicht sofort einen här­te­ren Aus­druck ver­lieh.

„Die gan­ze Nacht hast du nicht Zeit. Ich will gleich schlie­ßen. Also denk nicht lan­ge nach und sag schon.“

Ihre Stim­me klang gereizt, und als ich sie frag­te, wie sie hei­ße, erwi­der­te sie, ich sei wohl ein Roman­ti­ker und gin­ge wahr­schein­lich noch zur Schu­le.

„Such dir einen Namen aus, aber beeil dich.“

Ich hat­te kaum „Mie­ke“ gesagt, als sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich und dann wie­der vor­trat. Dabei sah sie mich an, als ver­such­te sie zu ergründen, ob sie mich schon ein­mal irgend­wo gese­hen hat­te, und erkun­dig­te sich, woher ich käme, fass­te aber nicht nach, als ich nicht ant­wor­te­te. Erst dar­auf sag­te sie, das sei der ein­zi­ge Name, der nicht in Fra­ge kom­me, und als ich wis­sen woll­te, war­um, hat­te ich einen Augen­blick den Ein­druck, dass sie das wütend mach­te.

„Dar­um“, sag­te sie dann mög­lichst ruhig, aber mit einer Bestimmt­heit, die unmiss­ver­ständ­lich war. „Viel­leicht, weil ich so hei­ße. Viel­leicht, weil du in die­ser Woche bereits der Drit­te bist, der mich Mie­ke nen­nen will, und ich die­se Phan­ta­sie­lo­sig­keit nicht aus­hal­te. Viel­leicht, weil ich den Namen nicht mag.“

„Oder viel­leicht, weil du ihn magst?“

„Du hältst dich wohl für beson­ders schlau“, sag­te sie. „Hör auf, her­um­zu­re­den, und komm zur Sache. Ich bin nicht dafür da, dir Nach­hil­fe zu ertei­len. Sag end­lich, was du machen willst.“

„Du hältst dich wohl für beson­ders schlau“, sag­te sie. „Hör auf, her­um­zu­re­den, und komm zur Sache. Ich bin nicht dafür da, dir Nach­hil­fe zu ertei­len. Sag end­lich, was du machen willst.“

„Wir könn­ten spa­zie­ren­ge­hen.“

„Ich habe kei­ne Ahnung, was du für einer bist, aber lang­sam beginnst du mich zu lang­wei­len“, sag­te sie. „Willst du mich ver­ar­schen? Ich soll her­aus­kom­men und mit­ten in der Nacht mit dir spa­zie­ren­ge­hen. Bist du blöd, oder was?“

„Wir könn­ten …“

„Ich wer­de dir sagen, was wir könn­ten! Weißt du überhaupt, wor­um es hier geht? Wir könn­ten genau das machen, wofür du hier her­auf­ge­kom­men bist, und wenn du spa­zie­ren­ge­hen willst, musst du dir eine ande­re suchen!“

Mein nächs­tes „Wir könn­ten …“ unter­brach sie damit, dass sie sag­te, wenn ich mit mei­nen Per­ver­sio­nen nicht auf­hör­te, rufe sie die Poli­zei, um mir gleich dar­auf die Tür vor der Nase zuzu­schla­gen und den Vor­hang vor ihr Fens­ter zu zie­hen. Ich blieb ste­hen und schau­te zu dem Pol­ler hin­un­ter, auf dem ich den gan­zen Abend geses­sen war, und als hät­te es das gebraucht, wur­de mir bewusst, was für eine Figur ich all die Stun­den für sie abge­ge­ben haben muss­te. Es konn­ten kei­ne zwei Minu­ten ver­gan­gen sein, seit ich die Trep­pe zu ihr hin­auf­ge­stie­gen war, und doch schien ein Riss in der Welt zu sein, als ich sie jetzt wie­der hin­un­ter­stieg und in dem Moment der Licht­schein, der trotz des Vor­hangs aus ihrem Fens­ter gefal­len war, erlosch und ich so auf das plötz­lich schwar­ze Pflas­ter trat, als wäre es nicht mehr fest und ich könn­te in ihm ver­sin­ken.

Ich ließ mich trei­ben, und es wur­de längst hell, als ich ein Café betrat, das gera­de auf­mach­te, mich an die The­ke setz­te und über kurz mit dem Kell­ner ins Gespräch kam, und so begann die Woche mit mei­nem ers­ten Mann. Es war noch nicht zehn, als er mir ein Bier hin­stell­te, und natürlich blieb es nicht bei dem einen, er wech­sel­te immer ein paar Wor­te mit mir, wenn er nichts zu tun hat­te, und zapf­te mir ein neu­es, und nach sei­nem Dienst­schluss um zwei zogen wir durch die Loka­le, und ich ver­moch­te kaum mehr die Augen offen zu hal­ten, als wir bei Ein­bruch der Dun­kel­heit in sei­nem mit Büchern voll­ge­stell­ten Man­sar­den­zim­mer lan­de­ten. Er war Stu­dent, aber als ich dann auf sei­nem ein­zi­gen Stuhl saß und er mir auf dem Boden sit­zend sei­ne Gedich­te vor­las, wuss­te ich augen­blick­lich, dass es das war, was ihn umtrieb. Zwi­schen­durch schau­te er manch­mal hoch, und ich ver­such­te sei­nen Blick auf­zu­fan­gen, hat­te aber nicht den Ein­druck, dass er mich sah. Danach saß er ver­le­gen da, und als ich nichts sag­te, dreh­te er sein Gesicht weg und frag­te, ob ich es mir auch mit einem Mann vor­stel­len kön­ne, und ich frag­te zurück, was er mit „es“ mei­ne, und er sag­te: „Lie­be“, er sag­te: „Na ja“, er sag­te: „Ich will es nicht Sex nen­nen“, und weil ich moch­te, wie er mich ansah, und von ihm so ange­se­hen wer­den woll­te, wie ich das Mäd­chen in sei­nem Schau­fens­ter ange­se­hen hat­te, sag­te ich, was ich gar nicht zu sagen vor­ge­habt hat­te, ich sag­te die Wahr­heit, ich sag­te, ich müsste es erst ver­su­chen, ich wis­se es nicht, und er zog mei­nen Kopf auf das Kis­sen und küsste mich.

Bei dem Text han­delt es sich um einen Aus­zug aus Nor­bert Gst­reins kom­men­dem Roman Vier Tage, drei Näch­te, der am 22. August bei Han­ser erscheint.

© 2022 Carl Han­ser Ver­lag GmbH & Co. KG, Mün­chen

* * *

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Als ich jung war (Han­ser, 2019) und Der zwei­te Jakob (Han­ser, 2021).

Nor­bert Gst­rein: Vier Tage, Drei Näch­te
Roman. Han­ser, Mün­chen 2022.
352 Sei­ten, € 26 (D) / € 26,80 (A).
Erschei­nungs­ter­min: 22.08.2022

Online seit: 14. August 2022

Zuletzt geän­dert: 18. Nov. 2022