Die Schottenberockte und die Wichsleber

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

Es ist eine Zeit her, dass Dirk Ster­mann in der taz von der glück­li­chen Ver­trei­bung einer jun­gen Frau aus der Buch­hand­lung Jel­ler im vier­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk berich­tet hat. So wie er es erzählt, scheint es eine wah­re Hel­den­tat gewe­sen zu sein. Denn die Frau war gefähr­lich, was sich nach den spär­li­chen Anga­ben des Berichts dar­in äußer­te, dass sie einen Schot­ten­rock trug und Jus, also Jura, stu­dier­te. Sie „hät­te einen Schmiss im Gesicht gehabt, hät­ten Frau­en dort fech­ten dür­fen“, heißt es ohne wei­te­re Begrün­dung von ihr. Ande­rer­seits frag­te sie immer­hin nach einem Buch von Phil­ip Roth, aber offen­bar soll­te sie das nicht, ja, durf­te sie womög­lich nicht, weil sie sich in die „Jel­ler­sche Gegen­welt“ nur ver­irrt haben konn­te. Emp­foh­len wird ihr Port­noys Beschwer­den, und sie geht „lang­sam und rück­wärts aus Anna Jel­lers Laden und einer ihr fer­nen Welt raus“. Der Grund liegt allem Anschein nach auf der Hand: Die „Schot­ten­berock­te“ hat­te kei­ne „Affi­ni­tät zu Ona­nie­le­bern“, wäh­rend Frau Jel­ler „die Wichs­le­ber über die Maßen gut gefiel“. Mit einem Schmun­zeln über die ele­gan­te Ver­mei­dung der Wort­wie­der­ho­lung wird sich der Leser oder die Lese­rin an die ent­spre­chen­den Stel­len in Port­noys Beschwer­den erin­nern – oder falls er/sie sich nicht erin­nert, hier sind sie:

„,Ah, schieb ihn mir rein, Gro­ßer‘, schrie der ent­kern­te Apfel, den ich bei die­sem Pick­nick in den sieb­ten Him­mel vögel­te. ‚Gro­ßer, Gro­ßer, gib mir alles, was du hast‘, bet­tel­te die lee­re Milch­fla­sche, die ich in unse­rem Vor­rats­re­gal im Kel­ler ver­steckt hat­te, um sie nach der Schu­le mit mei­nem in Vase­li­ne getauch­ten Stän­der zu beglü­cken. ‚Komm, Gro­ßer, komm‘, kreisch­te das ver­zück­te Stück Leber, das ich in mei­nem Wahn­sinn eines Nach­mit­tags beim Metz­ger erstan­den hat­te und, glau­ben Sie’s oder nicht, auf dem Weg zum Bar-Miz­we-Unter­richt hin­ter einer Rekla­me­ta­fel ver­ge­wal­tig­te.“

Spä­ter im Buch bekennt Alex Port­noy, dass das nicht das ers­te Stück Leber sei, an dem er sich ver­gan­gen habe: „Mein ers­tes Stück hat­te ich unge­stört bei mir zu Hau­se, um halb vier, um mei­nen Schwanz gewi­ckelt – und dann um halb sechs noch ein­mal am Ende einer Gabel, zusam­men mit den ande­ren Mit­glie­dern die­ser mei­nen armen unschul­di­gen Fami­lie. So. Jetzt wis­sen Sie das Schlimms­te, was ich jemals getan habe. Ich habe das Abend­essen mei­ner Fami­lie gevö­gelt.“

Weil das natür­lich ein Ver­gnü­gen ist, redet Dirk Ster­mann mit Frau Jel­ler „noch lan­ge über die Leber“, und als er die Buch­hand­lung „mit einem Roman von Mor­de­cai Rich­ler im Papier­sa­ckerl“ (!) ver­lässt, kann man sei­ne Freu­de zwar nach­voll­zie­hen, ver­steht aber trotz­dem nicht, was genau gesche­hen ist und war­um die jun­ge Frau so böse sein soll.

Damit ist die Geschich­te eigent­lich schon zu Ende, aber mich lässt der Gedan­ke nicht los, dass es kei­nes­wegs als sicher gel­ten kann, mit wel­cher Sei­te Phil­ip Roth selbst sym­pa­thi­sie­ren wür­de, müss­te er die­se Sze­ne in einem Roman beschrei­ben. Und tat­säch­lich, je län­ger ich hin- und her­über­le­ge, des­to eher nei­ge ich dazu, dass er der „Schot­ten­berock­ten“ mit ihrer unbe­fan­ge­nen Fra­ge nach einem Buch von ihm womög­lich mehr abge­win­nen könn­te als der Freu­de über die „Wichs­le­ber“, die (die Leber, aber auch die Freu­de) im Jahr 2014 auch nicht mehr ganz so frisch ist wie bei ihrer berühm­ten lite­ra­ri­schen Bear­bei­tung durch den Autor vor fast einem hal­ben Jahr­hun­dert. „Jeder weiß“ ist der ers­te Teil des Romans Der mensch­li­che Makel über­schrie­ben, und Phil­ip-Roth-Leser wis­sen von der ers­ten Zei­le an, dass die Unge­heu­er­lich­kei­ten, die fol­gen wer­den, zum größ­ten Teil fal­sche Behaup­tun­gen sind. Jeder weiß – jeder im Jus­te Milieu des Zum-Glück-nicht-mehr-und-lei­der-doch-noch-Hai­der-Öster­reich –, die „Schot­ten­berock­te“ hät­te einen Schmiss im Gesicht gehabt. Jeder weiß … Klä­ren lässt sich das alles wohl nicht mehr. Bei Phil­ip Roth nach­fra­gen, wie er die Sze­ne dar­stel­len wür­de, geht nicht, und die „Schot­ten­berock­te“ wird sich kaum mel­den, falls sie das liest. Oder, um im Bild zu blei­ben, liest sie es natur­ge­mäß erst gar nicht, weil sie ja, wie jeder weiß, trotz ihres Inter­es­ses für Phil­ip Roth nur die Kro­nen Zei­tung lesen kann. Dabei hät­te mich ihre Dar­stel­lung der Begeg­nung in der Buch­hand­lung min­des­tens eben­so sehr inter­es­siert wie das Ster­mann­sche Hei­li­gen­bild­chen.

Alex Port­noy, übri­gens, inter­es­siert sich auch für Schot­ten­rö­cke: „Habe ich schon erwähnt, dass ich ihn mit fünf­zehn auf einer Fahrt im 107er Bus von New York aus der Hose gezo­gen und mir einen run­ter­ge­holt habe? … Die meis­ten Pas­sa­gie­re waren schon ein­ge­nickt, bevor wir auch nur den Lin­coln Tun­nel hin­ter uns gelas­sen hat­ten – auch das Mäd­chen auf dem Sitz neben mir, an des­sen Schot­ten­rock ich Stück für Stück mit dem Stoff mei­ner Kord­ho­se her­an­rück­te –, und als wir zum Pulas­ky Sky­way hin­auf­fuh­ren, hat­te ich ihn drau­ßen und in der Faust.“ Auf all das kom­me ich über­haupt nur, weil ich in der her­vor­ra­gen­den Bio­gra­fie Roth Unbound von Clau­dia Roth Pier­pont lese, Phil­ip Roth sei 1964, also fünf Jah­re bevor Port­noys Beschwer­den im Ori­gi­nal erschie­nen ist, ein paar Mal mit Jackie Ken­ne­dy aus­ge­gan­gen. Darf er das, möch­te man im Geist des Ster­mann­schen Arti­kels fast fra­gen, hat er das dür­fen? Die „Schot­ten­berock­te“ jeden­falls, heißt es, wür­de nicht für Phil­ip Roth stim­men, „soll­te sie ein­mal in einer Nobel­preis­ju­ry sit­zen“, ohne dass man erfährt, wie aus­ge­rech­net sie mit ihrem Gesichts­pro­blem jemals dort­hin gelan­gen könn­te. Müs­sen aber auch wir jetzt nach die­sen neu­en Erkennt­nis­sen unser Bild von Phil­ip Roth grund­le­gend ändern? Müs­sen Buch­hand­lun­gen, die etwas auf sich hal­ten, die Bücher von Phil­ip Roth aus dem Sor­ti­ment neh­men, wenn sie erfah­ren, dass er sei­ner Bio­gra­fin so ganz und gar unge­gen­welt­lich erzählt, er habe nach dem Abend­essen auf dem Heim­weg in der gro­ßen schwar­zen Limou­si­ne mit dem Secret-Ser­vice-Beam­ten vorn über­legt, ob er die Prä­si­den­ten­wit­we küs­sen sol­le, wäh­rend er gleich­zei­tig Lee Har­vey Oswald und die Kuba­kri­se nicht aus dem Kopf bekam? Zudem erin­nert er sich, wie Jackie Ken­ne­dy ihn vor ihrem Gebäu­de in der Fifth Ave­nue in New York frag­te, ob er mit hin­auf­kom­men wol­le, und, ohne sei­ne Ant­wort abzu­war­ten, ent­schied: „Natür­lich willst du.“ Oben sag­te sie, die Kin­der schlie­fen, was ihn an den klei­nen Jun­gen den­ken ließ, der beim Begräb­nis sei­nes Vaters salu­tier­te, und an das Mäd­chen, das sein Pony Mac­a­ro­ni nann­te, und als er sie schließ­lich küss­te, war es, als wür­de er ein Wer­be­pla­kat küs­sen.

Wahr­schein­lich lie­ße sich her­aus­fin­den, ob Jackie Ken­ne­dy einen Schot­ten­rock beses­sen hat, aber es muss ja auch kein Schot­ten­rock sein. Sie könn­te genau­so gut in einem Cha­nel-Kos­tüm, weiß oder hell­blau, mit einem kecken Hüt­chen und hoch­ha­ki­gen Schu­hen die Jel­ler­sche Buch­hand­lung betre­ten und nach einem Roman von Phil­ip Roth fra­gen. Zufäl­lig könn­te Dirk Ster­mann wie­der ein­mal anwe­send sein, schließ­lich ist es sei­ne Lieb­lings­buch­hand­lung, wie er schreibt, und er könn­te der armen Jackie Ken­ne­dy sagen, dass der Autor nichts für sie sei, sie sol­le sich etwas ande­res aus­su­chen oder noch ein­mal über­le­gen, ob es über­haupt ein Buch sein müs­se oder nicht doch lie­ber ein Mode-Acces­soire, das ihr noch feh­le, eine teu­re Hand­ta­sche, ein Dia­mant-Col­lier – oder wenn schon ein Buch, Die Strudl­hof­stie­ge oder Die Dämo­nen von Dode­rer und eine sechs­schwän­zi­ge Peit­sche dazu.

„Wie mei­nen Sie das, etwas ande­res?“

„Es ist nicht Ihre Welt. Das ist alles fern von Ihnen, fern für Sie, ver­ste­hen Sie? Es ist die Gegen­welt.“

„Die Gegen­welt?“

„Phil­ip Roth. Wis­sen Sie, was der schreibt? Ein Jude.“

„Ich ken­ne ihn.“

„Es sind schmut­zi­ge Geschich­ten. Das ist nichts für Sie in Ihrem Kos­tüm­chen. Schmut­zig, wie Sie es sich gar nicht vor­stel­len kön­nen.“

„Ach Kind, ich sage Ihnen doch, ich ken­ne Phil­ip. Ich habe ihn schon gekannt, da waren Sie noch in den Win­deln oder nicht ein­mal auf der Welt. Ich kann mir alles bei ihm vor­stel­len. Wenn Sie wüss­ten, wie man mit ihm lachen kann. Er ist der amü­san­tes­te Mann, den ich je getrof­fen habe. Sie müs­sen sich kei­ne Sor­gen machen, dass er mich ver­dirbt, er hat mich nur geküsst. Ich lie­be sei­ne Geschich­ten.“

Es könn­te noch lan­ge so wei­ter­ge­hen, aber wahr­schein­lich wür­de Dirk Ster­mann spä­tes­tens an der Stel­le anfan­gen, von der „Wichs­le­ber“ zu spre­chen, und, um die Abschre­ckung voll­stän­dig zu machen, in Dia­lekt ver­fal­len. Der Erfolg wür­de ihm recht geben, denn kurz dar­auf wäre ohne Zwei­fel neu­er­lich eine Ver­trei­bung geglückt. Zum zwei­ten Mal hät­te er die „Gegen­welt“ rein­ge­hal­ten und könn­te sich mit sei­nem Papier­sa­ckerl mit der Jel­ler­schen Auf­schrift „Ver­las­sen Sie das Land“ auf den Heim­weg machen.

Ich bin ja ein Lieb­ha­ber von para­do­xen Geschich­ten, aber das Inter­es­se an Büchern von Phil­ip Roth aus­ge­rech­net mit einem Buch von Phil­ip Roth ban­nen zu wol­len … ich weiß nicht. Über zwei oder drei Ecken erin­nert mich das an einen Car­toon, den ich in der jüdi­schen Unter­grund­zeit­schrift Dav­ka gefun­den habe. Dar­in wird eine schla­fen­de Frau immer wie­der von einem Vam­pir über­fal­len. Meh­re­re Näch­te lang ver­sucht sie ihn mit dem Kreuz zu ver­trei­ben. Es hilft nicht, und als sie schließ­lich zu einem ande­ren Mit­tel greift und ihm den David­stern ent­ge­gen­hält, gelingt es ihr, den Vam­pir augen­blick­lich in die Flucht zu schla­gen. Die Sprech­bla­se dazu lau­tet: „Ah, ein jüdi­scher Vam­pir!“ Was das alles bedeu­ten soll? Die „Schot­ten­berock­te“ viel­leicht gar … Unmög­lich! Die „Schot­ten­berock­te“ … Ich wür­de lie­ber noch ein­mal nach­den­ken.

 

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2014 (28. Febru­ar 2014)

Online seit: 29. Janu­ar 2018

Online seit: 28.2.2014

Zuletzt geän­dert: 29. Jan. 2018

Kor­rek­tur: Der Titel die­ser Kolum­ne in der Print­aus­ga­be 1/2014 lau­te­te ursprüng­lich „Ganz ein­fach wirr“. Für die Online-Ver­si­on des Bei­tra­ges wur­de der seit Aus­ga­be 2/2014 ver­wen­de­te Titel „Wri­ter at Lar­ge“ über­nom­men.