Alles ist möglich

Von Moni­ka Hel­fer.
Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur
Monika Helfer © Salvatore Vinci

Moni­ka Hel­fer. Foto: Sal­va­to­re Vin­ci

„Alles ist mög­lich“, stand auf einer Rekla­me­ta­fel, als das Lie­bes­paar die Apo­the­ke betrat. Sie kauf­ten einen Schwan­ger­schafts­test.

Zuvor hat­te der Mann, ein jüdi­scher Schau­spie­ler, bei einem Cas­ting gute Chan­cen für eine Rol­le in einem Holo­caust-Film gehabt, sein Eng­lisch klang dem Pro­du­zen­ten schluss­end­lich zu eng­lisch, mit zu wenig deut­schem Akzent, und so wur­de ihm abge­sagt. Er hät­te so gut gepasst, von der Sta­tur, der Phy­sio­gno­mie. Er hat­te sei­ner Liebs­ten vor der Absa­ge davon erzählt und gesagt, „lei­der kön­nen wir uns dann drei Mona­te nicht sehen“, und sie hat­te gejam­mert und Trä­nen ver­gos­sen. Nach der Absa­ge tra­fen sie sich, und er sag­te zu ihr:

„Ich blei­be bei dir, muss nicht ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“, und sie lach­ten bei­de. Er mach­te ger­ne Wit­ze über den Holo­caust, das war sei­ne Art, mit der Ver­gan­gen­heit umzu­ge­hen, sei­ne Groß­el­tern und sei­ne Tan­ten waren im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger umge­bracht wor­den.

Der Schau­spie­ler war in der Mas­ke, als er sei­ne Liebs­te ken­nen­ge­lernt hat­te, denn sie war die Mas­ken­bild­ne­rin gewe­sen. Er hat­te zu ihr gesagt: „Mach mich jüdi­scher, als ich bin, noch jüdi­scher.“ Da schmink­te sie sein Gesicht bleich, denn sie war der Mei­nung, er müs­se ein Bücher­ju­de sein, der nie sein Zim­mer ver­lässt und immer am Stu­die­ren ist, sie stri­chel­te sei­ne Augen­brau­en dich­ter und schwär­zer und beton­te sei­ne Unter­lip­pe. Ihm war alles recht, so ange­nehm fand er ihre Hand in sei­nem Gesicht. Sie soll­te nicht auf­hö­ren, ihn zu model­lie­ren. Sie sprach kein Wort. Das gefiel ihm beson­ders, und er frag­te sie, was er tun müs­se, falls er vor­hät­te, sie ein­zu­la­den, zum Bei­spiel auf ein fei­nes Abend­essen oder nur auf einen süßen Küchen, ange­nom­men, sie wür­de wol­len, was er wol­le – Kon­junk­tiv folg­te auf Kon­junk­tiv.

Sie war eine Fran­zö­sin und rei­zend, wie man sich eine jun­ge Fran­zö­sin in der Phan­ta­sie aus­malt, ein Gespinst, sie war viel jün­ger als er, denn er war schon ziem­lich alt.

Er hol­te weit aus, sag­te, es sei alles ohne Hin­ter­ge­dan­ken, könn­te auch nur ein blo­ßes Sich-Anschau­en wer­den und blei­ben, und sie lach­te und sag­te zu.
Dar­aus folg­te eine gemüt­li­che Lie­bes­be­zie­hung. Sie styl­te ihn um, er klei­de­te sich nach ihren Vor­stel­lun­gen, wei­che, teu­re Jacken und Hosen aus guter Wol­le, eine Müt­ze auf sei­ne wei­ßen Haa­re – sei­ne Haa­re waren dicht und lockig, was sie lieb­te. Sie war glück­lich, dass er die KZ-Rol­le nicht bekom­men hat­te.

Sie brach­te einen Buben zur Welt, der schön war wie sie, „und so klug wer­den wird wie du“, sag­te sie. Er nahm sich vor, auf sei­ne Ernäh­rung zu ach­ten, Sport zu trei­ben, er woll­te ver­mei­den, wie ein Groß­va­ter aus­zu­se­hen.

Der Bub ist inzwi­schen ein jun­ger Mann. Vater und Sohn woh­nen zusam­men, in vie­lem sind sie sich ähn­lich. Lei­der ist die Mut­ter irgend­wann ver­schwun­den. Das Leben mit den bei­den war ihr zu ein­tö­nig gewor­den.

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Moni­ka Hel­fer lebt und arbei­tet in Hohen­ems. Sie ist seit ihrem zwan­zigs­ten Lebens­jahr Schrift­stel­le­rin und ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Dreh­bü­cher, Hör­spie­le, Thea­ter­stü­cke und Kin­der­bü­cher.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 30. April 2021

Zuletzt geän­dert: 30. Apr. 2021