Ich mag Menschen

Von Mie­ze Medu­sa. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“
Mieze Medusa © Claudia Rohrauer

Mie­ze Medu­sa. Foto: Clau­dia Rohr­au­er

Die Wahr­heit ist: Ich mag Men­schen.

Auch wenn sie manch­mal ner­ven. Mit ihrem Gel­tungs­drang und ihren Egos, emp­find­lich wie Koral­len­rif­fe: schil­lernd, glit­zernd, vol­ler Leben, aber kaum kommst bis­si unbe­dacht mit dem klei­nen Fin­ger an, zer­fal­len sie vor dei­nen Augen zu Asche, tot und grau, wie nur tote und graue Koral­len­rif­fe tot und grau sein kön­nen und nie steigt ein Phö­nix oder ein Fisch aus die­ser toten und grau­en Asche auf.

Ich mag Men­schen, auch die, die blaue Slim-Fit-Anzü­ge mit rosa, von der Mama gebü­gel­ten Hem­den kom­bi­nie­ren.

Ich mag Men­schen, auch wenn sie BWL stu­die­ren. Nicht etwa, weil sie sich für Zah­len oder Wirt­schaft inter­es­sie­ren, son­dern weil ihnen nichts Bes­se­res ein­ge­fal­len ist und für Atom­phy­sik, Alt-Grie­chisch oder eine Leh­re als IT-Fach­kraft hat’s halt nicht gereicht.

Ich mag Men­schen, auch IT-Fach­kräf­te mit ihren zu wei­ten Jeans mit dem Gür­tel zu hoch an der Hüf­te fest­ge­macht und im Gür­tel steckt ein Leder­täsch­chen mit einem Schwei­zer Taschen­mes­ser oder einem Lea­ther­man.

Ich mag Men­schen. Auch wenn sie in ihrer Frei­zeit ger­ne Schmet­ter­lin­ge fan­gen und mit ihren picki­gen, fet­ten Fin­gern auf den Flü­geln rum­tat­schen, nur um zu schau­en, ob es stimmt, dass er dann nicht mehr flie­gen kann …

Ich mag Men­schen, auch wenn sie manch­mal bis­si graus­lig reden und schlecht rie­chen.

Ich mag Men­schen, wenn sie U‑Bahn fah­ren und dabei bis­si graus­lig reden und schlecht rie­chen.

Ich mag Men­schen, auch wenn ich mich manch­mal selbst dar­an erin­nern muss, dass ich Men­schen mag, heu­te zum Bei­spiel, an so einem grau­en Wie­ner Win­ter­tag, vor dem Fens­ter ist alles so tot und grau wie die Asche eines Koral­len­rif­fes und das ein­zig Schö­ne ist der Kater vom Rausch von ges­tern.

Ich mag Men­schen, des­halb gebe ich Work­shops, bei denen ich Eure Tex­te lobe und mil­de läch­le, wenn Ihr mir so gar nicht glau­ben wollt, dass es beim Schrei­ben nicht ums Talent geht, son­dern dar­um, dass man sich hin­setzt und hackelt wie eine Wahn­sin­ni­ge und nie­mals den Stun­den­lohn aus­rech­net.

Ich mag Men­schen.

Aber miss­ver­ste­hen Sie mich bit­te nicht: Ich mag nicht alle Men­schen. Nein. Nein. Fix nicht alle.

Es gibt Men­schen, die mag ich nicht und denen habe ich ein paar Zei­len gewid­met unter dem Titel:

Ver­trock­ne­te Träu­me & stein­har­tes Brot

Dem Men­schen, der für die Indus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung arbei­tet und neu­lich zu mir gesagt hat, dass ich als Künst­le­rin ja sowie­so kei­ne Ahnung von Wirt­schaft hab und nicht immer so auf die Par­tei-Pro­pa­gan­da rein­fal­len soll, nur weil ich mich für Arbeitnehmer*innenrechte stark gemacht hab, wün­sche ich abso­lut nichts Schlim­mes. Ich wün­sche ihm, dass ihm ein paar rich­tig gute Gedich­te gelin­gen und dann schreibt er Ver­la­ge an. Nach den übli­chen 142 Absa­gen bekommt er die Mög­lich­keit einen schma­len Band zu ver­öf­fent­li­chen, auf den er stolz ist. Die Ver­öf­fent­li­chung geht nicht voll­stän­dig unter … Nein, das wünsch ich ihm nicht! Ich wün­sche ihm, dass er zwei Rezen­sio­nen in wenig gele­se­nen Fach­zeit­schrif­ten bekommt. Ich wünsch ihm sogar einen Lite­ra­tur­preis, kei­nen bedeu­ten­den und sicher kei­nen hoch­do­tier­ten. Der Preis ist gera­de so groß, dass die Lokal­pres­se eine Kurz­no­tiz bringt, mit Foto und ohne Aus­wir­kung auf die Ver­kaufs­zah­len. Jetzt wis­sen auch die Nach­barn, dass er Gedich­te schreibt. Wenn er jetzt wie­der­mal groß­spu­rig sei­ne Mei­nung kund­tut, dann sagen alle: „Was pudelst dich denn so auf, du schreibst doch Gedich­te! Und willst mit uuuuuns über uuuuun­se­re Steu­er­gel­der reden, geh, sei stüüüüüü, schreib lie­ber a poar Gedich­terl!“

Dem Men­schen, der mir nach einem Auf­tritt bis ins Detail gesagt hat, wor­über ich mei­nen nächs­ten „Slam“ schrei­ben soll, wünsch ich ein Leben, zwei­di­men­sio­nal und mit knall­gel­ber Haut. Genau­ge­nom­men wünsch ich ihm ein gan­zes Leben zusam­men­ge­loopt aus dem Vor­spann der Simpsons und wie Bart steht er an der Tafel und muss unend­lich mal schrei­ben

„Man kann kei­nen Slam schrei­ben, nur einen Slamt­ext.“
„Man kann kei­nen Slam schrei­ben, nur einen Slamt­ext.“
„Man kann kei­nen Slam schrei­ben, nur einen Slamt­ext.“

Den Men­schen, die ihren Mit­men­schen so sehr miss­trau­en, dass sie Iro­nie in ihren Aus­sa­gen damit kenn­zeich­nen, dass sie mit den Fin­gern Anfüh­rungs­zei­chen in die Luft malen, wün­sche ich … nichts Schlim­mes. Ist nicht rasend ori­gi­nell, aber so schlimm ist es auch wie­der nicht und man muss sich nicht wegen jedem Scheiß auf­re­gen, nur weil vor dem Fens­ter alles grau und tot ist wie ein Koral­len­riff, das gestor­ben ist, weil ihr die Memes von Green­peace, Glo­bal 2000 und Fri­days for Future wie­der nur auf face­book geteilt habt, aber weder habt ihr gespen­det, noch wart ihr auf einer Demo, noch habt ihr die Hei­zung zurück­ge­dreht, noch habt ihr mit eurem Nach­barn dar­über gere­det, dass es echt nicht okay ist, wenn er Alt­bat­te­rien in die Bio­ton­ne schmeißt.

Dem Men­schen, der im Bil­la laut „Zwei­te Kas­sa“ geru­fen hat, wün­sche ich ein drin­gen­des Bedürf­nis in einem Raum voll mit Men­schen und es gibt nur ein Klo. Also war­ten, war­ten, in der Schlan­ge ste­hen, Bei­ne zusam­men­pres­sen, war­ten, das Bes­te hof­fen … Der Schweiß steht ihm auf der Stirn! War­ten, war­ten, end­lich, Tür zu, absper­ren, Hosen run­ter und hin­set­zen und erleich­tert aus­at­men. Atmen in einer Tie­fe und einem Rhyth­mus, den Frau­en bei Press­we­hen ein­set­zen und: „Aaaaaaaaaah!“

Ich wünsch dem Men­schen nicht, dass dann kein Klo­pa­pier da ist.

Nein!

Ich wünsch ihm ein­la­gi­ges Klo­pa­pier und dass er Angst hat, dass man die Spu­ren an sei­nen Hän­den sehen kann, wenn er zum Wasch­be­cken geht, sich die Hän­de waschen. Dort ist der Sei­fen­spen­der leer und das Was­ser ist eis­kalt und den Rest des Tages schnüf­felt er miss­trau­isch, ob man eh nichts rie­chen kann.

Dem Dea­ler, der an der U6 unwis­sen­den Möch­te­gern­kid­dies, getrock­ne­tes Gras ver­kauft hat, und mit Gras mei­ne ich: Gras. Das Gras, das in U6-Nähe am Gür­tel wächst, auf das alle Hun­de und Men­schen mit Harn­drang und ohne Hem­mun­gen gepin­kelt haben und das des­halb wahr­schein­lich eh biss­chen psy­cho­ak­tiv ist … dem Dea­ler wün­sche ich, dass Kif­fen lega­li­siert wird und er für sei­ne Geschäf­te Steu­ern zah­len muss und Sozi­al­ab­ga­ben und wenn die Qua­li­tät nicht passt, dann kann man „help – das Kon­su­men­ten­ma­ga­zin“ kon­tak­tie­ren. Er bekommt dafür, falls die Welt bis dahin nicht unter­geht, das glei­che wie wir: Eine Pen­si­on, von der man nicht leben kann und wenn er Pech hat, kommt so ein Slim-Fit-Anzug­trä­ger und pfuscht an der Min­dest­si­che­rung rum.

Den Men­schen, die weder sich selbst gegen, noch ihre Kin­der imp­fen las­sen wol­len, weil sie über­zeugt davon sind, dass man die Masern mit homöo­pa­thi­schen Glo­bu­li hei­len kann, wünsch ich: dass sie mehr Glück als Ver­stand haben und ihr Kind weder krank wird, noch ande­re Kin­der ansteckt, denn das Pro­blem ist ja: Bei so fie­sen Krank­hei­ten, wie den Masern, Mumps, Röteln oder Covid, brau­chen wir mög­lichst hohe Durch­imp­fungs­ra­ten, man könn­te das auch Soli­da­ri­tät nen­nen, und ich weiß, das ist ein Wort, das in Zei­ten von diver­sen Slim-Fit-Anzug­trä­gern hart unter Beschuss steht, aber es ist schon eine schö­ne Sache, die­se Soli­da­ri­tät, glit­zernd und bunt wie ein Koral­len­riff, bevor so ein Husch-Pfusch-Gesetz mit dem klei­nen Fin­ger ankommt und der Zusam­men­halt in der Gesell­schaft zer­brö­selt zu Asche …

Den macht­gei­len Men­schen, die unse­ren sozia­len Zusam­men­halt weg­ra­tio­na­li­sie­ren, strei­chen und kür­zen wol­len, wünsch ich ein Volk mit Inter­es­se und mehr als einem Zei­tungs­abo und einem lan­gen Gedächt­nis. Auf dass wir alle zur Wahl gehen. Sonst haben wir ein Leben, lau­warm, mit zu Asche zer­brö­sel­ter Soli­da­ri­tät.

Lau­ter Tage, an denen das Schöns­te der Kater ist, der Kater vom Rausch der Jah­re davor.

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Mie­ze Medu­sa, gebo­ren 1975, heißt im bür­ger­li­chen Leben Doris Mit­ter­ba­cher und lebt in Wien. Sie steht als Rap­pe­rin und Spo­ken Word Per­for­me­rin seit 2002 auf inter­na­tio­na­len Büh­nen und hat ihren MC-Namen in die Pro­sa mit­ge­nom­men. Ihr Debüt­ro­man Frei­schnor­cheln erschien 2008.
Zuletzt erschie­nen: Du bist dran (2021), Was über Frau­en gere­det wird (2022). Jahr­zehn­te­lan­ger Ein­satz für die Poet­ry Slam Sze­ne, Orga­ni­sa­ti­on der Öster­rei­chi­schen Meis­ter­schaft in den ers­ten 7 Jah­ren. Regel­mä­ßi­ge Poet­ry Slam Ver­an­stal­tun­gen in meh­re­ren Bun­des­län­dern, aber auch: Ein­satz für die Ver­net­zung der Poet­ry Slam Sze­ne mit dem Lite­ra­tur­be­trieb mit dem Schaf­fen von Kon­takt­mög­lich­kei­ten in Form von avan­cier­ten For­ma­ten an ver­schie­de­nen Häu­sern. Gemein­sa­mes Musik­pro­jekt mit Phil­ipp „Ten­der­boy“ Die­sen­rei­ter, sowie mit Julie Ana­st­as­siou und Ste­fan Tha­ler. Slam­team MYLF (Mothers You’d Like to Flow with) mit Yas­min Hafedh aka Yas­mo. Mie­ze Medu­sa ist Mit­glied der GAV.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 18. Novem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 18. Nov. 2022