Im Anfang war das Wort

Von Mar­tin Prinz. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 52
Martin Prinz © Lukas Beck / Suhrkamp

Mar­tin Prinz. Foto: Lukas Beck / Suhr­kamp

Er hat­te ein Ende gesucht, kei­nen Anfang.

Har­mer klapp­te das Notiz­buch zu, nein, schob es ein Stück weg. Rings­um die Papier­tür­me der ver­gan­ge­nen Mona­te. Hun­der­te Sei­ten. Es war frü­her Nach­mit­tag. Auf einem der Sta­pel das kur­ze Sum­men sei­nes Smart­phones. Er blick­te durch das Fens­ter auf das lich­te Weiß des ers­ten Schnees hin­aus, war­te­te auf das Erin­ne­rungs­sum­men. Der Schnee an den Wegen, den Wie­sen, selbst an kleins­ten Obst­baum­ver­äs­te­lun­gen haf­te­te er in unwirk­lich dün­nen Käm­men.
Kein Roman, hat­te Har­mer an die­sem Novem­ber­tag in sein Notiz­buch geschrie­ben. Wie fast an jedem Tag. Sein Gebet nann­te er das in guter Stim­mung. Oft schrieb er tage­lang nicht ein­mal kein Roman, ver­grub sich in das Mate­ri­al, ver­lor sich dar­in, schüt­tel­te sich selbst ab und tauch­te wie­der auf. Zumin­dest dar­in war er ein guter Mönch.
Dar­un­ter eine Zei­le Joseph Brod­skys: Am Ende der Gera­de ist der Punkt immer bes­ser zu sehen. Die ers­ten Spu­ren von Nach­mit­tags­grau lagen am Berg­hang gegen­über. Das wei­ße Schnee­strah­len blieb dar­in unan­ge­foch­ten. Zwei Wel­ten, für Augen­bli­cke, und dar­in alles ande­re als eine Glei­chung. Auch um das zu wis­sen, saß er hier in sei­ner Klau­se, in der er Recher­che­ma­te­ri­al zur Kri­se ange­häuft hat­te – Ein­trä­ge einer Zeit, in der selbst Geräu­sche Rän­der bekom­men, schrieb er an einem die­ser Mor­gen in sein Notiz­buch: Alles davor ist schon Gespenst, und das Begrei­fen bekommt sei­ne Schön­heit zurück.
Ich höre ver­schwun­de­nen Flug­zeu­gen hin­ter­her, zäh­le ein, zwei, drei Men­schen in Stra­ßen­bah­nen, manch­mal kei­ne. Pla­ka­te kün­di­gen Ver­an­stal­tun­gen an, die nicht mehr statt­fin­den. Ich steue­re mei­nen Wagen über Auto­bah­nen und Land­stra­ßen, oft blei­be ich län­ger das ein­zi­ge Fahr­zeug weit und breit, als ich dabei die Luft anhal­ten könn­te. Das weiß ich und weiß es nicht. Ich erle­be das und hät­te es mir nie vor­stel­len kön­nen, und mer­ke, wie mir das eige­ne Davor ver­blasst. Unvor­stell­bar auf ein­mal bei­des, das erin­ner­te Leben und das gera­de Erleb­te.

Kein Roman. Dar­auf ver­zich­te­te er nicht. Obwohl sein Mate­ri­al nun an Form gewann. Zum Glück hat­te er sich von der Unmen­ge und ihrer Wucht nicht abschre­cken las­sen. Irgend­wann nicht ein­mal mehr von sich selbst.
24. Febru­ar 2020: Coro­na­vi­rus. Wollt nur auch was dazu pos­ten.
27. Febru­ar 2020: Beim Hofer war null los, kei­ner mas­kiert, die Rega­le voll. Typisch Gerst­hof.
28. Febru­ar 2020: Beim Gour­met Spar in Wäh­ring ist der Pro­sec­co aus­ver­kauft.
In einem Monat war Weih­nach­ten. Er blick­te sich um. Schreib­tisch, Mate­ri­al, Notiz­buch. Die Nach­mit­tags­schat­ten hat­ten das Klau­sen­fens­ter erreicht, dar­in die Umris­se sei­nes Gesichts.
8. März 2020: Die Zah­len in Ita­li­en ges­tern, 8.3.2020: 6.387 Erkrank­te, davon 366 Tote, 622 Gesun­de­te. Heu­te, 9.3.: 7.985 Erkrank­te, davon 463 Tote und 724 Gesun­de­te. Ganz Ita­li­en ist nun Sperr­zo­ne.
8. März 2020: Ich: Love is in the air! Frau: In mei­na ned.
10. März 2020: Mein Bub wird nächs­te Woche 8, sagt aber, er bleibt so lan­ge 7, bis die Omi wie­der mit­fei­ern kann.
10. März 2020: Bekom­me vie­le Absa­ge­mails von Ver­an­stal­tun­gen, von deren Exis­tenz ich auch auf die­sem Weg erfah­re.
11. März 2020: Die Betreffs der heu­ti­gen Mails von den Schu­len der Kin­der: „E‑Learning“, „Lern­platt­form“. Ich habe jetzt 4 gro­ße Packun­gen Klo­pa­pier gehams­tert.
12. März 2020: Wuss­tet ihr schon, dass die Illu­mi­na­ten das Virus aus Atom­müll, Gen­mais und Rotz zusam­men­ge­schraubt und per 5G-Netz ver­brei­tet haben, damit wir alle schwu­le Kom­mu­nis­ten wer­den?

Nichts. Frü­her Mor­gen, kein Mucks. Nur ein wei­te­rer Novem­ber­tag. Das Gerät am Rand der Schreib­tisch­plat­te hielt still. Es hielt die gan­ze Klau­se so still, wie es der tie­fe Schnee drau­ßen mit der noch dunk­len Land­schaft tat. Ähn­li­che Maße wie eine Gefäng­nis­zel­le hat­te der Raum, etwas über zwei mal drei Meter, weiß ver­putz­tes Gemäu­er. Das Bett an der Sei­ten­wand, ein schma­les Ein­zel­bett, unmit­tel­bar dane­ben der Schreib­tisch am Fens­ter, kaum Platz dazwi­schen, um an die Flü­gel zu tre­ten, sie weit zu öff­nen, ganz gleich zu wel­cher Jah­res- oder Tages­zeit, und ein­zu­tau­chen ins Dun­kel oder Mond­licht, in den Wind eines Tages oder in die Hit­ze der Son­ne an der Süd­sei­te des Gebäu­des, die man hin­ter dem dicken Gemäu­er selbst an den hei­ßes­ten Tagen nur ahnen, bes­ten­falls an der erstaun­li­chen Abwär­me der inne­ren Fens­ter­schei­ben füh­len konn­te.
Kein Sur­ren. Seit dem Auf­ste­hen nicht. Wie immer war Har­mer mit dem Auf­bruch der Mön­che zum Chor­ge­bet auf­ge­stan­den und in die Basi­li­ka. Danach setz­te er sich gleich an den Schreib­tisch, um vor dem Früh­stück bereits etwas geschafft zu haben.
An die­sem Mor­gen hat­te Har­mer nicht ein­mal die Schnee­räu­mung gehört. Vor ihm der Stoß der digi­ta­len Stim­men der letz­ten über ein­ein­halb Jah­re und alles übri­ge Mate­ri­al.
12. März 2020: Coro­na­ge­sprä­che. Ich: Also, ab nächs­te Woche bis nach Ostern kei­ne Schu­le. – Kind: Was machen wir da die gan­ze Zeit? – Ich: Wald­spa­zier­gang. – Kind: … – Kind: … – Kind: … ja, fin­det da kei­ner eine Medi­zin??? – Ich: Es wird geforscht. Auch ein ganz berühm­ter Wis­sen­schaft­ler aus Öster­reich ist dabei . – Kind: Adolf Ein­stein?
12. März 2020: Die ers­ten Väter aus der Volks­schu­le mel­den sich für Mi zum Play­sta­ti­on Spie­len an.
13. März 2020: Der Mensch muss wie­der von sei­ner Schwä­che, sei­ner Zer­brech­lich­keit aus­ge­hen, um neue ver­ges­se­ne Din­ge zu ent­de­cken, ohne von der Angst erfasst zu wer­den.
13. März 2020: Es ist so weit, ich hab mit dem Ein­rexen ange­fan­gen.
13. März 2020: Nice move! „Porn­hub is Giving Ita­li­ans Free Pre­mi­um Access During Coro­na­vi­rus Qua­ran­tä­ne“, pcmag.com
13. März 2020: Mir ver­gam­melt grad der Hams­ter­kauf von vor­ges­tern.

Als er das ers­te Mal an eine sol­che Klau­sur gedacht hat­te, vor gut zwei­ein­halb Jah­ren, war von den Gescheh­nis­sen noch nichts zu erah­nen gewe­sen. Har­mer hat­te einen Roman fer­tig­ge­schrie­ben gehabt, an dem er über zehn Jah­re gear­bei­tet hat­te. Danach woll­te er sich Zeit las­sen, Abstand gewin­nen, die lee­ren Tage genie­ßen, nichts zu tun. Bis er nachts auf­wach­te. Zuerst nicht jede Nacht und auch noch nicht län­ger wach lie­gend. Dann aber began­nen Nacken- oder Kopf­schmer­zen, die er auf den Wein schob. Bis sie auch ohne Wein auf­tra­ten und nicht erst mit­ten in der Nacht, son­dern bereits mit dem Nie­der­le­gen ein­her­gin­gen.
Tags­über hall­ten die Par­ket­ten, die Wän­de, die Flä­chen. Drau­ßen die hel­le Kraft des Früh­lings, her­in­nen eine Art der Schat­ten, die gera­de aus dem All­täg­lichs­ten wuch­sen.
Wel­che Halt­lo­sig­keit ihn hier erreich­te, erkann­te er erst, als er nachts hoch­schrak, wie er das nur aus den Alp­träu­men sei­ner Kind­heit kann­te: Rund um ihn ein rie­si­ger Schacht und er dar­in in die Boden­lo­sig­keit eines Welt­raums stür­zend. Schrei­end war er davon als Bub auf­ge­wacht und laut­hals in Panik durchs Haus gelau­fen, als lie­ße sich die­sem Fal­len mit gel­len­der Laut­stär­ke und rasen­der Bewe­gung etwas ent­ge­gen­set­zen.
Doch da waren im Schlaf­zim­mer nur mehr Wör­ter und Sät­ze. Sobald er am Ein­schla­fen war, stan­den sie da, muss­ten nicht ein­mal schrei­en, um ihn aus dem Schlaf zu rei­ßen, es genüg­te, dass sie ihn jedes Mal wie­der glau­ben mach­ten, sie allein wären jene ent­schei­den­den Klip­pen, die ein für alle Mal geor­tet und umschifft wer­den müss­ten, bevor es end­lich auf das offe­ne Meer hin­aus gin­ge.
Er saß im Bett und nichts war da, kei­ne Klip­pen, kaum Wör­ter, hal­be Sät­ze. Kein Roman.
14. März 2020: Unser Hams­ter ist tot. Kein Witz.
14. März 2020: Gehen uns zaus schon ganz bis­si am Arsch.
14. März 2020: Ernst­haft: drin­blei­ben. Man­che bit­te dau­er­haft, aber das ist ein ande­res The­ma.
15. März 2020: Kind rülpst nachm Essen in die Arm­beu­ge

Sein letz­tes Mal in der Stadt lag lan­ge zurück. Anstatt in sei­ner Woh­nung hat­te Har­mer im Hotel über­nach­tet. Hoch über der Stadt, nur von der dicken, so gut wie jeden Schall schlu­cken­den Glas­wand vom wei­ten Stadt­pan­ora­ma getrennt.
Auf­ge­wacht war er allein. Drau­ßen die nied­ri­ge Son­ne, ihr lan­ges Strah­len über die Stadt. Licht­ro­sa, licht­gelb, licht­blau. Für einen Augen­blick mein­te er, ein Han­dy­sur­ren gehört zu haben. Er griff nicht hin, war­te­te, doch nichts kam, kein Wie­der­ho­lungs­sur­ren. Nur ein Rau­schen mein­te er wahr­zu­neh­men, so weit ent­fernt, dass er zu den dicken Schei­ben hin­aus­blick­te. Auf den Kanal, die Brü­cken, die Häu­ser, auf ein Bild völ­li­ger Geräusch­lo­sig­keit. Er dach­te an die Schuss­waf­fe eines Freun­des, die er sich bereits vor Jah­ren zuge­legt hat­te. Jetzt belä­chel­te er ihn nicht mehr.
Der Son­ne nach muss­te er seit dem ers­ten Auf­wa­chen noch ein­mal ein­ge­schla­fen sein. Ein ein­zel­ner Wagen fuhr über eine der Kanal-Brü­cken und bog auf die völ­lig lee­ren Kai-Fahr­bah­nen. Har­mer sah, wie das Luft­kis­sen­boot der täg­li­chen Schnell­ver­bin­dung in die fluss­ab­wärts gele­ge­ne Haupt­stadt des Nach­bar­lan­des anleg­te, und auf ein­mal stau­ten sich unter den Ampeln der Kai-Fahr­bah­nen auch die gewohn­ten Auto­pulks wie­der.
Bis irgend­et­was irgend­wo flat­ter­te, wie von einem gera­de auf­flie­gen­den Vogel. Er sah sich um, doch weder im hell­lich­ten Zim­mer noch drau­ßen an der Glas­wand rühr­te sich etwas – statt­des­sen hör­te er das Rau­schen wie­der, hör­te es immer deut­li­cher, doch um kei­nen Deut näher. Har­mer ging ins Bade­zim­mer, trat an den Spie­gel, sah sich an. Auch hier nichts. Er such­te sein Gesicht nach einer Regung ab. Die Augen, die Wan­gen, den Mund. Kei­ne Bewe­gung, nicht ein­mal an den Wim­pern. Nur das Rau­schen. Beweg­te er jetzt sei­ne Augen, sei­nen Mund oder auch den gan­ze Kopf ‒ es starr­te ihn ein­fach nur wei­ter an.
Dann habe er, wie er sich spä­ter sagen hör­te, Was­ser ins Becken ein­ge­las­sen, das Mes­ser glatt gestri­chen und den Pin­sel ein­ge­schäumt. Er habe das Mes­ser gespürt, das Rau­schen und dahin­ter einen Schmerz, einen stän­di­gen Schmerz, der so weit ent­fernt war, dass er ihn wohl selbst mit größ­ter Gewalt nie erreich­te.
Fürch­te­te er sich allein vor dem Mes­ser, soll­te Har­mer leicht­hin sagen, sei alles gut, fürch­te­te er sich vor sei­ner Hand, dürf­te er sich nicht rasie­ren. All das hör­te er, wann immer es wirk­lich gesagt wor­den war, oder zu wem, hör­te es näher rücken, näher und näher und schon war es wie­der uner­reich­bar an ihm vor­bei. Jedes Mal wie­der. Nur Wör­ter, Echos und das Rau­schen danach.
Das eige­ne Blut. So nah und gleich­zei­tig so weit ent­fernt, wie der Hall und Hauch von Gebirgs­bä­chen im Früh­ling. Die­ses Rau­schen kön­ne man nicht hören, sag­te Har­mer, ein sol­cher Höl­len­lärm sei es. Es sei wie ein Phan­tom­schmerz, füg­te er noch hin­zu, ohne dass einem selbst etwas feh­le, da einem rund­um alles feh­le. Eine Art Fahrt­wind, in dem sich nichts mehr bewe­ge.
Dann sei es so weit, ant­wor­te­te ihm sein Gegen­über im Spie­gel: Die Augen, die Nase, der Mund. Nur Wör­ter. Sein Gesicht und ein Wort. Und noch eines. Hotel. Im Spie­gel lach­te es, doch auch Spie­gel war nur ein Wort. Danach hol­te er die letz­ten Din­ge aus sei­ner Woh­nung.
Das war im Febru­ar. Es war Nach­mit­tag, es wur­de Abend. Er stand an der Glas­front des Hotel­zim­mers und schau­te hin­aus. Kurz dar­auf ver­schwan­den die Men­schen. Die Stra­ßen leer­ten sich, Schu­len und Geschäf­te schlos­sen, es war März und der Him­mel blieb jeden Tag blau. Stra­ßen­bah­nen fuh­ren ohne Pas­sa­gie­re durch die nächt­li­che Stadt. Was war gesche­hen?, schrieb er: Kein Roman.
Nachts erreich­ten selbst Gesprä­che aus hoch­ge­le­ge­nen Woh­nun­gen so deut­lich die Gas­sen und Geh­stei­ge, als befän­den sich alle im sel­ben Raum. Küchen­ge­räu­sche, Stüh­le­krat­zen. Am hell­lich­ten Tag hör­te man die Gang­schal­tun­gen der Fahr­rä­der in der Stadt eben­so wie die Schrit­te von Tau­ben. Die Men­schen auf Abstand, auf Plät­zen im Gespräch, beim Ziga­ret­ten­rau­chen oder mit Bier in der Hand. Zwei Meter, drei Meter. Genug, dass nach­ein­an­der aus­ge­streck­te Arme hilf­los aus­ge­se­hen hät­ten.
15. März 2020: Ok, ihr habt es ja so gewollt: mor­gen lese ich live aus mei­ner Bade­wan­ne alle 23 Hil­bert­schen Pro­ble­me plus ihre Lösung per Live­stream vor!
15. März 2020: Ok. Also ich sing heu­te Abend um 18.00 die Inter­na­tio­na­le aus dem Fens­ter. Wer ist dabei?
16. März 2020: Ich habe eine Fra­ge, die nicht block­wart­mä­ßig rüber kom­men soll, es inter­es­siert mich nur: Am Nach­bar­grund­stück einer mir bekann­ten Dame wohnt eine recht wohl­ha­ben­de Fami­lie. Heu­te waren dort eini­ge Arbei­ter zugan­ge, die den Zaun gestri­chen haben, die Hecke geschnit­ten etc. Es ist kei­ne Repa­ra­tur eines Was­ser­rohr­bru­ches oder sowas. Fällt das unter Arbeit, die getan wer­den muss, also ist das im Rah­men? Oder müss­ten die Arbei­ter für so einen Gar­ten­ver­schö­ne­rungs­ter­min nicht daheim blei­ben?
16. März 2020: Seit 18:00 sin­ge ich laut auf dem Bal­kon „Fang das Licht“, noch immer kein Applaus.

Zer­brech­lich kamen ihm die Stei­ne vor. Seit acht Jahr­hun­der­ten anein­an­der gefügt. Plat­ten und Blö­cke, unter­schied­li­cher Grö­ße und Form, behau­en wie unbe­hau­en. Man­che rund, wie rie­sen­haf­te Kie­sel­stei­ne, mit­ten im Gefü­ge, als hät­te sich jemand einen Spaß gemacht und eine Fla­schen­post aus Stein ins Mau­er­werk ver­such­ter Ewig­keit geschickt. Dann wie­der klum­pi­ge Bro­cken.
Immer wie­der war Har­mer wäh­rend der Früh­lings­wo­chen nach sei­ner Ankunft in der Basi­li­ka, im Kreuz­gang oder an ande­ren Stel­len des Stifts­kom­ple­xes gestan­den und hat­te gestaunt. Ob Böden, Wän­de, Säu­len oder Por­ta­le, Tor- oder Fens­ter­bö­gen. Man­ches erschüt­tert von Brän­den und Krie­gen, zer­stört und wie­der auf­ge­schich­tet. Man­ches seit dem Jahr 1230 so fest gefügt, als wäre es für alle Zei­ten. Längst hat­te Har­mer die Bau­ge­schich­te des gan­zen Klos­ter­kom­ple­xes abzu­ru­fen ver­mocht, die unter­schied­li­chen Abschnit­te aus­wen­dig zu ertas­ten. Doch früh­mor­gens, in den Halb­schat­ten des Weges von der Klau­sur hin­un­ter, und durch den Kreuz­gang in die Basi­li­ka, kamen ihm all die Stei­ne zer­brech­lich vor. Die Geräu­sche sei­ner Schrit­te und gleich­zei­tig eine Stil­le, in der ihn die Stim­men der Mön­che weit vor jenen Momen­ten erreich­ten, in denen das zitt­ri­ge Chor­ge­bet der weni­gen ver­blie­be­nen Geist­li­chen in Wirk­lich­keit erst zu hören sein dürf­te.
Nicht ein­mal mehr zu zehnt waren sie, zusam­men­ge­sun­ken in ihren kabi­nen­ar­tig von­ein­an­der abge­trenn­ten Plät­zen im Chor­ge­stühl, des­sen dop­pel­te Sitz­rei­hen aus kunst­voll gedrech­sel­tem Holz ein Viel­fa­ches an Beten­den zulie­ßen. Alte Stim­men, die bra­chen, und selbst jene der Jun­gen klan­gen dünn. Har­mer konn­te nicht sagen, wann und wie und wo sie in ihm zu klin­gen began­nen, wuss­te nur, dass er ihrer auf eine Wei­se gewahr wur­de, als hät­ten sie ihn jedes Mal wie­der seit dem Ver­las­sen sei­ner Klau­sur hin­un­ter beglei­tet.
Als Nächs­tes dann, auch das jeden Mor­gen seit Mona­ten, die Luft des Win­ters, sobald er die Basi­li­ka betrat. In den meis­ten Jah­ren, so hat­te ihm der Abt erklärt, spü­re man den Win­ter in den Win­keln selbst im Hoch­som­mer noch. Har­mer muss­te an sein ers­tes Auf­wa­chen im Febru­ar, den ers­ten Gang durch das Halb­dun­kel des Stie­gen­hau­ses, des Kreuz­gangs und der Basi­li­ka den­ken. Drau­ßen die Nacht, her­in­nen das Auf­set­zen sei­ner Schrit­te auf den Stei­nen und die Stim­men. Damit hat­te das Tas­ten begon­nen, das Klin­gen und eine Bewe­gung, die namen­los war.
Er kön­ne jeder­zeit mit­be­ten, sei im Chor­ge­stühl will­kom­men, hat­te die Ein­la­dung an ihn gelau­tet, und Har­mer konn­te noch immer nicht. Viel­leicht gera­de weil er bereits im Augen­blick der Fra­ge nichts als Sehn­sucht danach gespürt hat­te. Er sprach im Stil­len mit und tat es, ohne einen Blick in die Gebet­bü­cher. Es war ein­fach da, wie eine lan­ge Zeit nicht mehr gespro­che­ne Spra­che. Woher es kam, wuss­te er nicht. So müss­te man erzäh­len. Wenn er es je wie­der täte.
16. März 2020: Nur ein­mal kurz lesen, erst dann toben. Es ist genau das, was über kurz oder lang sowie­so kommt. Denn der Lock­down müss­te mona­te­lang durch­ge­hal­ten wer­den, um zu funk­tio­nie­ren, dann nächs­ten Win­ter wie­der. Das wird nicht pas­sie­ren. („Coro­na­vi­rus: Kon­trol­lier­te Infi­zie­rung ist die bes­te Stra­te­gie“, welt.de)
16. März 2020: Also wir haben 492 Bade­zim­mer Flie­sen

Kein Mor­gen­ge­bet hat­te Har­mer seit sei­ner Ankunft im Klos­ter aus­ge­las­sen. Kein ein­zi­ges Mal hat­te er all die Mona­te dafür den Wecker gebraucht. Kurz nach fünf Uhr setz­ten in den benach­bar­ten Zel­len die ers­ten Geräu­sche ein. Klo­spü­lun­gen, das kur­ze Quiet­schen von der Stel­le gerück­ter Ses­sel, Schrit­te, sogar vom Was­ser­gur­geln in den Lei­tun­gen war er bereits auf­ge­wacht.
Für nicht weni­ge der Hand­grif­fe und Ver­rich­tun­gen hat­te er die Geräu­sche und Ver­läu­fe wie auto­ma­tisch abspiel­ba­re Echos im Ohr. Anstatt dass er sich über das Lang­sa­me, Schlep­pen­de vie­ler die­ser Augen­bli­cke noch im gerings­ten wun­der­te, oder dies, wie in den ers­ten Tagen, gar als unheim­lich emp­fand, waren all die Abfol­gen in der Zwi­schen­zeit zu einem brei­ten Rhyth­mus gewor­den, inklu­si­ve sei­ner eige­nen Bewe­gun­gen dar­in.
Er gab ihnen stets Vor­sprung und folg­te ihnen mit Abstand, sodass er sich beim Absper­ren sei­ner Klau­se eigent­lich jedes Mal sicher war, das Domi­ne, labia mea ape­ries et os meum annu­tia­bit lau­dem tuam, mit dem das nächt­li­che Schwei­ge­ge­bot auf­ge­ho­ben wur­de, zu ver­pas­sen. Doch das Klim­pern sei­ner Schlüs­sel, das Auf­set­zen der ers­ten Schrit­te, der Weg durch die Gän­ge, durch das Stie­gen­haus und den Kreuz­gang in die pracht­vol­le Basi­li­ka füg­te sich stets so genau in den Sog der Vor­an­ge­gan­ge­nen, in den letz­ten Hall eines Schneu­zens oder Räus­perns, in die Abfol­ge der gänz­lich unter­schied­li­chen Schritt­wei­sen der Alten und ganz Alten, die er stets viel deut­li­cher als jene der bei­den Jung­mön­che wahr­nahm, dass er an jedem Mor­gen wie­der zumin­dest zum Abschluss der ers­ten Vigi­lie zurecht kam.
Er nahm in einer der hin­te­ren Bank­rei­hen der Basi­li­ka Platz, mur­mel­te unwill­kür­lich den gespro­che­nen Sing­sang der Gebe­te mit, kann­te jedes Wort dar­in und kann­te kei­nes, ohne sich über die Unmög­lich­keit einer sol­chen Kom­bi­na­ti­on zu wun­dern, war es doch jenem Gefühl nur zu ähn­lich, mit dem er in den ent­schei­den­den Momen­ten nicht nur sein Schrei­ben wahr­nahm, son­dern eben­so sich selbst. Das Eige­ne, das Frem­de, das Erleb­te, das Erin­ner­te, Schmerz und Erleich­te­rung, es ver­misch­te sich nicht nur, bekam nicht allein durch die jewei­li­ge Zusam­men­set­zung Stim­me und Klang, son­dern tat es bereits in der blo­ßen Vor­stel­lung. Dar­in tauch­te er hier ein. Schritt für Schritt. Stein für Stein.
16. März 2020: „IS warnt Ter­ro­ris­ten vor Ein­rei­se nach Euro­pa: Der Coro­na­vi­rus hält die gan­ze Welt im Griff. Auch Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen zei­gen sich unsi­cher gegen­über der Krank­heit.“ – Das berich­ten „Poli­ti­co“, „Home­land Secu­ri­ty Today“ und auch die „New York Post“. So wur­de Ter­ro­ris­ten tat­säch­lich vom Isla­mi­schen Staat eine Rei­se­war­nung erteilt. Auf­grund des Coro­na­vi­rus, soll­ten sie nicht nach Euro­pa gehen. IS-Sol­da­ten, die krank sind, sol­len nicht zurück­keh­ren. Sie haben im „Land der Epi­de­mie“ zu blei­ben und mög­lichst vie­le Men­schen anzu­ste­cken.
16. März 2020: Frau blockt Annä­he­rungs­ver­su­che mit Fake-Hus­ten ab
17. März 2020: Auf­grund der all­ge­mei­nen Beliebt­heit geis­ti­ger Krank­hei­ten (nicht anste­ckend) mache ich ein Fol­ge­for­mat, und zwar indem ich die Her­lei­tung der Rela­ti­vi­täts­theo­rie auf eine Rol­le Klo­pa­pier schrei­be und per Live­stream lesend abrol­le. Fun fun fun!

Das Klos­ter war eine ande­re Welt. So fremd sie ihm war, genug wäre das dies­mal nicht gewe­sen. Trotz aller Regeln und Beschrän­kun­gen, die er sich vom ers­ten Tag an auf­er­legt hat­te – wie etwa der auch im Ruhe­mo­dus akti­vier­te Timer am Smart­phone-Dis­play, das Gerät am Schreib­tischrand, am Tisch das auf­ge­schla­ge­ne Notiz­buch:
Sechs Minu­ten hat­te das Gerät in sol­chen Augen­bli­cken etwa ange­zeigt, vier waren ver­gan­gen. Meist hat­te er dann noch kein Wort geschrie­ben, doch zumin­dest auch kein ein­zi­ges Mal auf Ein­gän­ge in sei­nem Gerät geschaut. Mit zehn Minu­ten, so hat­te sein Vor­ha­ben vom ers­ten Mor­gen an gelau­tet, woll­te er begin­nen. Zehn Minu­ten schrei­ben, und wenn es nur dem Birn­baum galt, der Wie­se oder den Fens­ter­kreu­zen, doch zumin­dest ohne Nach­rich­ten, ohne ein Bild, ohne Video, ohne Gier, so hat­te er begon­nen.
Er schau­te auf, hat­te den Birn­baum vor sich, es war Spät­früh­ling oder Früh­som­mer, es wur­de Herbst, und er hör­te es in sei­nem Kopf: Jetzt der Birn­baum. Alles ande­re war Echo. Fünf Minu­ten, hat­te das Dis­play ange­zeigt. Oder sie­ben oder drei. Egal. Erst ein Wort. Oder keins. Im Birn­baum­schat­ten und am Hecken­rand der Wie­se waren Schnee­res­te gele­gen. Im Grün die ers­ten, bei­na­he grell strah­len­den Blu­men, wie hin­ge­streut. Bei­na­he vor­ei­lig hat­te es aus­ge­se­hen, nicht nur ange­sichts der Schnee­fle­cken.
18. März 2020: Lie­be Leu­te! Mei­ne Lesung aus der Rela­ti­vi­täts­theo­rie ist wegen fami­liä­rer Hilfs­tä­tig­keit auf MORGEN VERSCHOBEN.
18. März 2020: Mei­ne Frau und ich sind auf Tin­der
Drei Minu­ten. Sie­ben waren geschafft. Die Schnee­res­te, die grel­len gel­ben Blu­men, der Birn­baum. So hat­te er noch jeden Mor­gen hier begon­nen, das Notiz­buch auf­ge­schla­gen, das Gerät im Ruhe­mo­dus. Wochen, Tage. Im Gang einer der sie­ben Mön­che beim Trai­ning.

Wie Wochen war es ihm vor­ge­kom­men, seit­dem er wie­der zu schrei­ben begon­nen hat­te. Dabei war es kaum mehr als ein Dut­zend Tage her. Alles ande­re war Wunsch­den­ken, war Sehn­sucht nach Bestän­dig­keit, nach Ablen­kung, nach einem lang und breit aus­schwin­gen­den Rhyth­mus und Strom der Tage, in dem das Eige­ne, nichts als das Eige­ne, all­mäh­lich wie­der so selbst­ver­ständ­lich wur­de wie das Amen im Gebet.
19. März 2020: Ich fra­ge mich, ob da drau­ßen noch Leben ist. Vom Bal­kon sehe ich eine alte Dame, die so aus­sieht, dass es die Fra­ge nicht beant­wor­tet. Ich ver­su­che, zu Don­ners­tag einen Meter Abstand ein­zu­hal­ten. Hier singt kei­ner, dafür hört man von der Stra­ße ein Hus­ten, ver­mut­lich von den Amseln.
20. März 2020: „Echt jetzt? Hast du mir gera­de in den Mund gespuckt?“ – Die Kin­der dürf­ten wach ein.
Har­mer blick­te auf. Sein Han­dy surr­te, oft genug hat­te es das in sol­chen Augen­bli­cken bereits getan, dass er nicht sagen konn­te, ob er auf das Sur­ren reagier­te, oder das Sur­ren bereits auf ihn. Drau­ßen der Tag, doch in sei­nem Blick ein ande­rer. Viel­leicht mit Schnee, sicher mit dem Berg­hang, ver­mut­lich auch dem Birn­baum, dar­über das Stück Him­mel.

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Mar­tin Prinz, * 1973, auf­ge­wach­sen in Lili­en­feld, stu­dier­te Thea­ter­wis­sen­schaft und Ger­ma­nis­tik, lebt als Schrift­stel­ler in Wien. Publi­ka­tio­nen: Der Räu­ber. Roman 2002, Pup­pen­stil­le. Roman 2003, Ein Paar. Roman 2007, alle Jung und Jung, Über die Alpen. C. Ber­tels­mann 2010, Die letz­te Prin­zes­sin 2016, Die unsicht­ba­ren Sei­ten 2018, Der Weg zurück 2019, alle Insel. Aus­zeich­nun­gen (u.a.): För­de­rungs­preis für Lite­ra­tur der Stadt Wien, Aner­ken­nungs­preis des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich, Out­stan­ding Artist Award, Nomi­nie­rung zum Öster­rei­chi­schen Film­preis und Dreh­buch-Preis des Film­fes­ti­vals in Gijon für die Ver­fil­mung des Romans Der Räu­ber.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 11. Febru­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 11. Feb. 2022