Patres und Fratres

Von Mar­tin Amans­hau­ser. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 83
Martin Amanshauser © Heribert Corn

Mar­tin Amans­hau­ser. Foto: Heri­bert Corn

Im Jahr 2001 ver­brach­te Mar­tin Amans­hau­ser als Stadt­schrei­ber zwei Mona­te bei Tiro­ler Mön­chen. Die Auf­zeich­nun­gen aus dem Refek­to­ri­um waren über zwan­zig Jah­re unter Ver­schluss.

An der Pfor­te des Tiro­ler Fran­zis­ka­ner­klos­ters befin­den sich zwei Glo­cken und zwei Schil­der: „1. Glo­cke, hier läu­ten“ und „2. Glo­cke. Hier nur läu­ten, wenn sich Pfört­ner nach dem Läu­ten der 1. Glo­cke nicht mel­det.“ Ein klei­ner Bru­der mit grau­em Haar öff­net. Ich fol­ge sei­nem schlur­fen­den Gang. Er führt mich durch ver­wir­ren­de Flu­re zu einem dicken Mönch, Fra­ter Kili­an, der mich in Emp­fang nimmt und mir mein Zim­mer zeigt: Ich bin Stadt­schrei­ber und woh­ne mit den Mön­chen.

15 m², Dusch­ka­bi­ne in einem tür­lo­sen Bad, Klo am Gang. Ein Schreib­tisch mit grü­ner Lam­pe. Tele­fon. Eis­kas­ten. Wäsche­kas­ten. Plas­tik­bo­den. Blick auf die ande­re Sei­te des Inn­tals. Ein Nacht­käst­chen mit roter Lam­pe, äußerst ungüns­tig zum Lesen. Nur wenn man sie „umwirft“, also flach hin­legt, kriegt man einen Strahl zusam­men. Ich wer­de zwei Mona­te mit einer lie­gen­den Lam­pe zusam­men­le­ben. Schal­tet man am Abend die Beleuch­tung aus, bleibt ein von der Stra­ßen­be­leuch­tung erzeug­tes oran­ge­nes Licht­ge­bil­de an der Decke. Das Fens­ter­kreuz spie­gelt sich im Schein einer Stra­ßen­lam­pe, so ent­steht der Ein­druck eines Gefäng­nis­fens­ters. Im Hin­ter­grund, viel­leicht vom Dach­bo­den, das Geschrei von Eulen.

Das Essen im Saal, dem Refek­to­ri­um, mit zehn Mön­chen. Platz wäre für 150. Der Guar­di­an (Chef) sagt: „Kön­nen Sie sich kurz vor­stel­len?“ Ich: „Ich bin 1968 in Salz­burg gebo­ren …“ Guar­di­an: „Des isch guat.“ Ich: „… und ich lebe in Wien …“ Guar­di­an: „… weni­ger guat.“ Er lacht schal­lend. Lan­ges Essens­ge­bet. Ich bete nicht mit – bin unge­tauft, kann das gar nicht. Ich schaue ihnen beim Beten in die Augen. Der Mönch gegen­über schaut zurück.

Beim Früh­stück habe ich mein Notiz­buch dabei. „Sie sind der ers­te Stadt­schrei­ber mit Notiz­buch“, sagt Fra­ter Clau­dio, einer der jun­gen Brü­der. Klingt wie ein Kom­pli­ment. Ich erklä­re ihm, dass ich mir Träu­me auf­schrei­be, dass beim Traum­auf­schrei­ben Ehr­lich­keit wich­tig sei. „Sehen Sie, drum mach ich sowas nicht“, sagt Clau­dio, „bei mir würd da ein Pent­house raus­kom­men.“

Pater Petrus zeigt mir einen kopier­ten Zet­tel: „Das ist der Text der Gebe­te – zum Mit­be­ten. Man lernt es schnell aus­wen­dig.“ Ich schwei­ge. Ich muss ihm irgend­wann mei­ne Bet-Wei­ge­rung deut­lich mit­tei­len.

Nach dem Abend­essen wer­den die Namen von Mit­brü­dern ver­le­sen, die am betref­fen­den Tag gestor­ben sind, ab dem 16. Jahr­hun­dert. Es sind meist 5 bis 10 Namen. „Ein sanf­ter und ruhi­ger Mit­bru­der, ein hilfs­be­rei­ter Mensch, ein aus­ge­zeich­ne­ter Koch.“ Danach die For­mel: „Die­se und alle nicht genann­ten Mit­brü­der und die See­len aller ver­stor­be­nen Wohl­tä­ter und Ver­wand­ten sol­len ruhen in Frie­den.“

Zwei der Mön­che, die zufäl­lig leib­li­che Brü­der sind, woh­nen nicht im Klos­ter, son­dern in einem Pfle­ge­heim. Sie sind über neun­zig. Bei einem die­ser Brü­der über­le­gen die Ärz­te, ob sie ihm den Fuß abneh­men sol­len. Über die­ses The­ma wird beim Essen viel gespro­chen: Ob sie dem jetzt den Fuß ampu­tie­ren, ob nicht.

Das Tisch­ge­bet beginnt 30 Sekun­den vor dem Essen. Mein Weg ins Refek­to­ri­um dau­ert ca. 40 Sekun­den. Daher ist es nötig, 80 Sekun­den vor 12.15 bzw. 18.30 das Zim­mer zu ver­las­sen. Ich spü­re auch eine ande­re Zeit­ver­schie­bung. Ich fra­ge mich, wie spät es jetzt in Wien ist.

Essens­ri­tu­al: Zunächst das lan­ge Gebet mit der gebe­ne­dei­ten Frucht des Lei­bes (Vor­be­ter und Chor), gegen Schluss das Vater­un­ser. Nach dem Amen wünscht der ers­te Vor­be­ter: „An guatn Appe­tit!“ Fra­ter Franz fährt die Sup­pe auf einem Wagerl her­an. Jeder packt Besteck und Ser­vi­et­te aus einem mit sei­nem Namen ver­se­he­nen Plas­tik­etui („Fr. Fri­do­lin“, oder „P. Chris­toph“, auf mei­nem steht: „Stadt­schrei­ber“). Most und Apfel­saft, sonn­tags Rot­wein. Nach der Sup­pe fährt Fra­ter Franz den Sup­pen­topf weg und holt neue Schüs­seln: Fleisch, Reis, Sala­te. Sie gehen durch die Run­de. Zum Abschluss ser­viert er zwei mit hei­ßem Was­ser und Geschirr­spül­mit­tel gefüll­te Bier­krü­ge, zum Abwa­schen. Jeder Pater/Frater trock­net sein Besteck mit einem Tuch, rollt es in die Ser­vi­et­te und ver­staut es im Etui. Schluss­ge­bet, Dank für das Essen: „Deo gra­ti­as“. Fra­ter Oli­ver setzt meist noch for­mel­haft hin­zu: „Wün­schen, wohl gespeist zu haben“, was mir gefällt. Nach­dem sich die Patres und Fra­tres bei Gott bedankt haben, bedan­ke ich mich bei ihnen.

Ich über­leg­te, ob pas­sie­ren kann, dass sich einer ver­be­tet. Ich kam zu dem Schluss, das sei unmög­lich. Heu­te pas­sier­te es: Pater Petrus ver­be­te­te sich! Fra­ter Fri­do­lin wäre dran gewe­sen, Petrus kam ihm ver­se­hent­lich zuvor und ent­schul­dig­te sich: „Ah, du bischt dran.“ Es war nicht Pater Petrus bes­ter Tag. Nach sei­nem Ver­spre­cher schüt­te­te er noch den Most beim Ein­schen­ken dane­ben, und dann hät­te er fast den Schnitt­lauch (für die Sup­pe) in sein Trink­glas gestreut.

Bei einem Gespräch mit Pater Petrus stel­le ich klar, dass ich nicht Mit­be­ten wer­de. Petrus reagiert freund­lich, man kön­ne ja nie­man­den zum Mit­be­ten „ver­gat­tern“. Das Wort „ver­gat­tern“ kommt häu­fig vor, eben­so wie das Wort „zukeh­ren“ (= vor­bei­schau­en). Unun­ter­bro­chen keh­ren die Patres und Fra­tres irgend­wo zu.

Pater Petrus spricht über das Ver­be­ten: Jede Woche wird eine Betord­nung fest­ge­legt. In jenem Moment habe er einen Teil des Gebets zu spre­chen begon­nen, der erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt gekom­men wäre. Beim Beten kom­me es manch­mal zu unwill­kür­li­chen Ver­be­tun­gen, im Prin­zip müs­se, laut Petrus, „drin sein, dass ein­mal ein Mit­bru­der unter dem Beten in unbän­di­ges Lachen aus­bricht – auch das gibts.“

Petrus erzählt von der einst stark hier­ar­chi­schen Ord­nung im Klos­ter, als der Unter­schied zwi­schen einem stu­dier­ten Pater und einem Fra­ter als der­ar­tig groß emp­fun­den wur­de, dass sie an getrenn­ten Tischen mit einem Leer­tisch dazwi­schen saßen. Für einen Theo­lo­gie­pro­fes­sor sei es damals über­haupt unvor­stell­bar gewe­sen, mit einem Gärt­ner oder Koch zu reden. Aller­dings sei die­se Tren­nung gegen den fran­zis­ka­ni­schen Gedan­ken, der Gleich­heit der Brü­der unter­ein­an­der vor­schrei­be. Vie­le jün­ge­re Patres wol­len als „Bru­der“ ange­spro­chen wer­den, nicht als Pater. Frü­her lie­ßen sich die Patres von den Fra­tres bedie­nen, vom Holz aufs Zim­mer Brin­gen bis zum Schuh­put­zen. Bis heu­te sei­en die Unter­schie­de zu spü­ren. Das sei auch die Schuld von ihm und den ande­ren Patres, die sich manch­mal aus Unauf­merk­sam­keit oder Faul­heit bedie­nen las­sen.

Was mir vage bewusst war, wird nun klar: Die ande­ren mob­ben Fra­ter Franz. Das ist der Pfört­ner, ein klei­ner, ser­vi­ler, etwas unge­schick­ter Mönch mit grau­wei­ßer Beat­les-Fri­sur.
Szene1: Fra­ter Franz: „Man soll sich jetzt gegen Grip­pe imp­fen las­sen, Influ­en­za heißt die Imp­fung.“ Pater Chris­toph, halb lächelnd: „Also soll man sich jetzt gegen Grip­pe oder gegen Influ­en­za imp­fen las­sen, kennscht du da an Unter­schied?“ Fra­ter Franz: „Bei der Apo­the­ke steht Influ­en­za.“ Pater Chris­toph: „Also i lass mi nur gegen was Deut­sches imp­fen, net gegen was Latei­ni­sches, was sagst du, Franz?“.
Sze­ne 2: Franz teilt Pud­din­ge aus, Pater Chris­toph bekommt kei­nen hin­ge­stellt. Pater Chris­toph: „Und ich?“ Franz: „I hab ma denkt, du willst nie…?“ Er läuft mit einem Pud­ding zu Chris­toph. Pater Chris­toph lehnt den Pud­ding mit einer unge­dul­di­gen Hand­be­we­gung ab: „Will i eh kei­nen. Aber gfragt möcht i wer­den.“
Sze­ne 3: Franz ser­viert die Tel­ler und Glä­ser ab. Vor Fra­ter Lukas steht ein vol­ler Pud­ding, den die­ser nicht berührt hat. Franz nimmt ihn. Lukas: „Jetzt lassn halt da ste­hen!“ Franz: „Ent­schul­di­ge, ich hab gedacht …“ Lukas zischt, fast mit geschlos­se­nem Mund: „Lassn stehn, Herr­schaft­seitn!“

Ges­tern Abend stör­te mich der Jesus über mei­nem Bett, ein Holz­kreuz mit „INRI“, dar­un­ter die lackier­te Holz­fi­gur, Nägel durch Hän­de und Füße, ver­wisch­tes Blut. Unter sei­nen Füßen ein Toten­kopf, statt einer Kinn­la­de ein län­ge­rer Kno­chen. Als Ungläu­bi­ger benö­tigt man beträcht­li­che Tole­ranz für die­se blut­rüns­ti­ge Lei­dens­re­li­gi­on.

Einer der Brü­der aus dem Alters­heim, Pater Anselm, starb vori­ge Nacht, 94-jäh­rig. Er ist der leib­li­che Bru­der von jenem Pater Pla­ci­dus, dem letz­te Woche ein Fuß abge­nom­men wur­de. Nach dem Essen wird ein mehr­stim­mi­ger Gesang ange­stimmt. Trau­ri­ges Lied.

Fra­ter Franz wur­de von Pater Petrus zurecht­ge­wie­sen („Schlaf­st jetzt ein im Ste­hen?“), heu­te wird Franz von den ande­ren rüde ange­fasst.
Ein Kind habe län­ge­re Zeit an der Pfor­te gewar­tet, habe sich nicht getraut zu läu­ten, sei wie­der gegan­gen.
„Das ist schon gut, wenn sie ler­nen, dass ein Pfört­ner nicht immer bei der Pfor­te sitzt, son­dern auch woan­ders im Haus zu arbei­ten hat“, sagt Fra­ter Franz.
Pater Chris­toph mit tiro­ler „R“: „Der Pfört­ner arbei­tet nicht an der Pfor­te? Das ist ja, wie wenn der Gärt­ner nicht im Gar­ten arbei­tet!“
Alle lachen, der Guar­di­an wie­hernd.
Fra­ter Franz ist halb­wegs schlag­fer­tig: „Horch, Chris­toph, jetzt lacht dich der Guar­di­an aus.“

Beim Abend­essen kommt die gro­ße Stun­de von Fra­ter Franz. Ein zivi­ler Gast isst mit, Zvo­ni­mir aus Kroa­ti­en, des­sen Bru­der offen­sicht­lich Fran­zis­ka­ner ist. Schwie­ri­ge Ver­stän­di­gung, schlech­tes Eng­lisch, kein Deutsch. Fra­ter Franz bemerkt, dass er Slo­we­nisch spricht, weil er in einem zwei­spra­chi­gen Gebiet auf­wuchs. Als ein­zi­ger kann er sich mit Zvo­ni­mir ver­stän­di­gen.

Begräb­nis Pater Anselms, die ers­te kom­plet­te Mes­se mei­nes Lebens. Pater Petrus hält die Ein­füh­rung und führt die Mes­se. „Er war ein beschei­de­ner, selbst­lo­ser Mit­bru­der, des­sen fröh­li­che, humor­vol­le Art ihn lie­bens­wert mach­te.“ Der ers­te Satz in der dar­auf fol­gen­den Rede des Guar­di­ans geht schief, er bezeich­net Anselm als „Ans­gar“, ver­bes­sert sich. Ich krie­ge beim Guar­di­an das Gefühl der feh­len­den Authen­ti­zi­tät nicht los. Mit sei­nem ble­cher­nen Lachen und sei­ner Umgäng­lich­keit hat er etwas Ame­ri­ka­ni­sches, Schau­spie­le­ri­sches. Pater Petrus könn­te die Num­mer 1 glaub­haf­ter reprä­sen­tie­ren, allein sein Gesicht ist mön­chi­scher – wäh­rend der Guar­di­an einem Schi­leh­rer ähnelt.
Erst­mals sit­zen Frau­en im Refek­to­ri­um. Es gibt Nudel­sup­pe, zwei Sor­ten von Würst­chen, Bier in Fla­schen. Patres aus ande­ren Klös­tern sit­zen unter uns. Es herrscht Fest­stim­mung, oder, wie Pater Petrus in der Ein­lei­tung mein­te: Der Tod eines Pries­ters sei immer auch ein fröh­li­ches Ereig­nis.

Zum ers­ten Mal bin ich zum Essen knapp zu spät gekom­men; selt­sa­mer­wei­se began­nen die Brü­der heu­te drei­ßig Sekun­den frü­her als üblich mit dem Gebet. Wer­de künf­tig nicht mehr so knapp kal­ku­lie­ren.

Pater Petrus lässt zu Mit­tag einen bemer­kens­wer­ten Satz fal­len: „Der Mensch ist der furcht­bars­te Irr­tum der Schöp­fung.“ Lässt man die Mög­lich­keit bei­sei­te, dass Petrus es iro­nisch gemeint hat, dann sagt er hier etwas, was im Wider­spruch zu jeder christ­li­chen Auf­fas­sung steht.
Petrus über Mari­en­bild­nis­se: Eine Maria ohne Kind wür­de „irgend­wie nackert“ aus­se­hen; eine Maria mit gefal­te­ten Hän­den gin­ge ja noch. Aber wenn die ein­fach nur dasitzt, „schaut das nix gleich.“ Inter­es­sant die männ­li­che Per­spek­ti­ve auf die Flag­ship-Frau die­ser Reli­gi­on. Eine Maria ohne Kind und ohne Hän­de­fal­ten wäre ent­re­li­gio­siert und auf ihre weib­li­chen Eigen­schaf­ten zurück­ge­wor­fen. Das erregt ästhe­ti­schen und prak­ti­schen Unmut.

Frei­tags ser­vie­ren sie dies­mal Fisch­laib­chen. „Des isch der ersch­te Fischmäc, den ma hier im Klos­ter essen“, sagt Pater Chris­toph. Ein Tru­bel ent­steht, alle spre­chen durch­ein­an­der. Es geht nicht nur um Fisch. „Wenn die Eli­sa­beth nicht so schö­ne Bei­ne hätt“, singt Fra­ter Lukas beim Aus­tei­len des Essens.

Fra­ter Franz sagt im Gespräch: „Zum Teu­fel!“. Fra­ter Lukas: „Jetzt hast den Namen des Teu­fels aus­ge­spro­chen – in einem Klos­ter. Das ist ganz schlecht. Jetzt musst schon sagen, dass du das nicht so gmeint hast.“ Fra­ter Franz: „Also, Herr Teu­fel, ich wollt zu dir gar nicht ´zum Teu­fel´ sagen! Ich habs nicht so gemeint.“ Fra­ter Lukas (mit Ent­set­zen): „Jetzt hat er sogar noch mit dem Teu­fel gere­det!“

Fra­ter Oli­ver erzählt, Pater Pla­ci­dus (jener mit dem ampu­tier­ten Fuß, der Bru­der des ver­bli­che­nen Pater Anselm) gin­ge es „gar nicht gut“. Ich mach mir Sor­gen, dass auch Pater Pla­ci­dus noch wäh­rend mei­ner Stadt­schrei­ber-Zeit ins Jen­seits über­geht. Bin ich ihre Lain­zer Todes­schwes­ter?

Fra­ter Franz erzählt mir, er sei als „Spät­be­ru­fe­ner“ mit 27 in den Orden ein­ge­tre­ten. Vor­her war er im Gast­ge­wer­be. Nach einem „Gespräch mit einem Bibel­for­scher“ hät­te ihn zuneh­mend der spi­ri­tu­el­le Weg inter­es­siert. Nach eini­ger Zeit bei den Fran­zis­ka­nern habe er daher das Novi­zi­at gemacht. 10 Jah­re lang war er Koch in einem ande­ren Klos­ter, doch „hier hab ich schon geschluckt, als ich die gan­zen alten Mit­brü­der gese­hen habe“. Mönch zu wer­den sei die rich­ti­ge Ent­schei­dung gewe­sen. Sei­ne Fami­lie ver­steht sie bis heu­te nicht ganz.

Mit­tags wie­der eini­ge Sekun­den zu spät. Sie haben nicht um 12.15 ange­fan­gen, son­dern um 12.14. Wer­de noch frü­her erschei­nen: 2 Minu­ten vor dem Ter­min.

Pater Petrus ist in der Sitz­ord­nung auf­ge­rückt! Er sitzt jetzt auf dem Platz am Tisch­ende, direkt gegen­über vom Guar­di­an. Er fin­det sei­nen unge­wohn­ten Platz kaum. „Muass er si erscht dran gwöh­nen“, sagt jemand.
Und auch sein dun­kel­grü­nes Besteck­etui hat eine neue Auf­schrift: Nicht mehr „P. Petrus“, son­dern „Pater Pro­vin­zi­al“!
Wein wird aus­ge­schenkt, wie sonst nur am Sonn­tag.
Spä­ter ver­kün­det der Guar­di­an, wie scha­de es sei, dass Pater Petrus uns für höhe­re Auf­ga­ben ver­las­sen wür­de. „Aber hier ist immer Platz für dich, in eini­gen Jah­ren, wenn du zurück­kom­men willst“, alle bre­chen in Geläch­ter aus, am lau­tes­ten der Guar­di­an selbst. Das „zurück­kom­men“ bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang offen­bar: Alter und Pfle­ge.

Nach dem Abend­essen ent­deckt Fra­ter Franz im Refek­to­ri­um eine Rie­sen­spin­ne. Unter den Brü­dern ent­steht ein mitt­le­rer Tru­bel. Kei­ner will dem Tier zu nahe kom­men. „Nicht umbrin­gen, das bringt Unglück.“ – „Raus muass sie aber schon.“
Mei­ne gro­ße Stun­de! Behut­sam stül­pe ich ein Glas über die Spin­ne. Ihre lan­gen Bei­ne pas­sen gera­de unter das Glas. Fra­ter Kili­an gibt mir einen Kar­ton, ich tra­ge sie hin­aus.
Die Brü­der sind erleich­tert, man dankt mir.

Fra­ter Kili­an: „Heu­te Nacht ist wie­der ein Pater gstor­ben.“ Gegen 3 Uhr früh ist Pater Pla­ci­dus, wie sie sagen, „hin­über­ge­gan­gen“. Fra­ter Oli­ver erzählt, zwi­schen 1 und 2 Uhr sei das Gesicht des Ster­ben­den „ganz schwarz“ gewor­den, am Ende sei er fried­lich gestor­ben. Der Tod sei genau zwei Wochen nach dem Pater Anselms ein­ge­tre­ten.
„Jetzt bist du der ältes­te Kärnt­ner Fran­zis­ka­ner in der Pro­vinz, Franz!“ – Alle lachen.
Franz ist jedoch wirk­lich geschockt: „Schon unheim­lich, wenn zwei Kärnt­ner in so kur­zer Zeit ster­ben.“

Das Begräb­nis von Pla­ci­dus gleicht jenem von Anselm fast aufs Haar, wie Pop­stars zie­hen sich die Mön­che zwi­schen­durch um, zuerst sind sie vio­lett, am Ende alle weiß geklei­det, außer dem Guar­di­an mit Pracht­man­tel. Der Trick mit dem Weih­rauch, der rund um den Sarg ver­sprüht wird, funk­tio­niert dies­mal schlech­ter. Weni­ger Rauch.
Ich erken­ne einen ein­deu­ti­gen Fokus auf die Mut­ter des Pro­phe­ten. Einer der wun­der­ba­ren, fast bedroh­li­chen Gesän­ge am Grab ist das mir schon bekann­te „Ulti­ma“. Er hat so unge­fähr den Refrain „dass wir selig schei­den hin – Jung­frau Mut­ter Köni­gin“. Zuerst wird der Text auf Latein gesun­gen, dann auf Deutsch. Er kreist um den Tod, die Melo­die ist getra­gen, fei­er­lich. Irgend­wie rüh­rend, auch scho­ckie­rend, wenn erwach­se­ne Män­ner, die, zumin­dest theo­re­tisch, nie sexu­el­le Bezie­hun­gen füh­ren, in inbrüns­ti­gem Gesang eine Frau anbe­ten.
Auch im Mit­tags­ge­bet ist Maria über­re­prä­sen­tiert, sie wird unter ande­rem als „Hei­li­ge Got­tes­ge­bä­re­rin“ ange­spro­chen, was auf mich blas­phe­misch wirkt, wegen „Got­tes­an­be­te­rin“.
Kaum reden sie von Maria, regt sich Mit­leid in mir. Am liebs­ten wür­de ich die Mön­che tät­scheln: Das wird schon mit den Frau­en!

Fra­ter Franz ver­hält sich unge­schickt, er setzt z.B. mit dem Reden an, wenn das Gebet begin­nen soll, fällt ande­ren ver­se­hent­lich ins Wort, formt ver­le­gen Sät­ze, die ins Nichts füh­ren. Dau­er­the­ma ist der Vor­wurf an den Pfört­ner, nicht in sei­ner Pfor­te zu sit­zen. Wür­de Fra­ter Franz jedoch dort sit­zen, wür­de ihm Faul­heit vor­ge­wor­fen. Alle „Beschul­di­gun­gen“ sind spaß­ar­tig vor­ge­bracht, den­noch nicht lus­tig. Fra­ter Franz ist der ein­zi­ge wirk­lich hart Arbei­ten­de. Manch­mal ver­zich­tet er aufs Essen, weil er noch her­um­zu­räu­men hat.
Lei­der glaubt Franz, allen ande­ren über sei­ne Tätig­kei­ten Rechen­schaft schul­dig zu sein. Er agiert naiv ehr­lich. Das Resul­tat: Kri­tik, Demü­ti­gung, Selbst­er­nied­ri­gung.
Kei­ner springt Bru­der Franz je bei, nur er selbst fin­det manch­mal ori­gi­nel­le Aus­we­ge aus dem Geläch­ter. Ich muss auf­pas­sen, dass sich mein Mit­leid nicht zu sehr auf Franz kon­zen­triert. Es soll­te eher Fra­ter Lukas tref­fen, der dar­auf ange­wie­sen ist, sein Selbst­be­wusst­sein mit Hil­fe des Schwächs­ten auf­zu­po­lie­ren.

Fra­ter Franz erzählt, ein Bett­ler habe an der Pfor­te geklin­gelt und von ihm Wurst erhal­ten. Aber eigent­lich sei die Armen­kü­che oben bei den Non­nen. Die Non­nen hät­ten heu­te nur mehr Reis gehabt. Der Guar­di­an: „Da siags­tas, Franz, ich möch­te ja nix sagen, aber wenn du immer so freund­lich bist, dann kom­men die dau­ernd.“ Franz: „Was soll i tuan. Er hat halt gfragt.“

Ich zei­ge den Brü­dern die neue Wäh­rung: Eine neue 1‑Eu­ro-Mün­ze und einen 10-Euro-Schein. Sie haben das noch nicht gese­hen. Sie sind begeis­tert. Es kommt zu einer Bal­ge­rei zwi­schen Petrus und dem Guar­di­an, der laut­stark Wit­ze macht: „Dan­ke, ich nehm mas gleich mit“, etc. – Net­ter Anblick, wenn sie her­um­tol­len.

„Bru­der Franz, du hast die Damen ja lie­ber als den Guar­di­an!“
Franz genießt den zwei­fel­haf­ten Ruf, sich all­zu ger­ne mit Frau­en zu unter­hal­ten, sie nen­nen sie „Wei­ber­leut“ oder „Damen“, wobei ich an die Toi­let­te den­ken muss.
Der ange­grif­fe­ne Fra­ter ant­wor­tet über­ra­schend: „Das stimmt schon, da bin ich ehr­lich.“ – Ent­set­zen und Geläch­ter unter den Brü­dern. Franz: „Ist eh wahr. Aber es heißt nicht, dass das, was man lieb hat, einem auch guat tuat.“ Der Guar­di­an: „Und da hascht gar nicht an mi dacht?“ Franz, sim­pel und cha­ris­ma­tisch: „An dich hab ich als letz­tes dacht!“
Unter­drück­tes Gejoh­le.
Ich weiß nicht, wie­so mir immer vor­kommt, dass Franz jener ist, der den Idea­len des hei­li­gen Fran­zis­kus am nächs­ten kommt. Wenn einer der Brü­der irgend­wann ein­mal hei­lig oder zumin­dest selig wird, dann Fra­ter Franz.

Mei­ne letz­te Woche im Klos­ter. Noch ein­mal kon­zen­trie­re ich mich, um wäh­rend dem Beten ihre Gefüh­le und Gedan­ken zu erra­ten. Aber sie sind ein­fach Pro­fis.

Fra­ter Bert­rand fei­ert Geburts­tag – schon beim Früh­stück bekam er ein Tisch­tü­cherl unter sei­nen Tel­ler. Wir sto­ßen mit Wein an. Der Guar­di­an über­reicht ein Geschenk. Plötz­lich, total über­ra­schend, stim­men die Brü­der „Ulti­ma“ an, jenes Lied, das bei Todes­ta­gen und offe­nen Grä­bern zum Ein­satz kommt.
Pater Petrus muss mei­ne Ver­stö­rung bemerkt haben. Er nimmt mich bei­sei­te und erklärt, dass es ein Brauch der Fran­zis­ka­ner sei, mit­ten unter einem fröh­li­chen Fest inne­zu­hal­ten und die­ses „Ulti­ma“ zu sin­gen. Beim Fei­ern hält man sich den bevor­ste­hen­den Tod vor Augen.
Petrus zeigt mir auch den Spruch „Cer­ta sed igno­tus“, eine Inschrift auf der Uhr im Refek­to­ri­um, die ich zwar ver­stan­den hat­te, aber nie so recht inter­pre­tie­ren konn­te. „Sicher, aber unbe­kannt“, der Spruch bezieht sich auf die Todes­stun­de, könn­te laut Petrus aber auch bedeu­ten, dass die Uhr tod­si­cher falsch gehe.

Heu­te fährt Zvo­ni­mir zurück nach Zagreb. Er hat es geschafft, wäh­rend sei­nem gesam­ten Auf­ent­halt zu jedem Essen im glei­chen Pull­over zu erschei­nen – dun­kel­rot mit einem ver­wa­sche­nen Mus­ter.
Der Guar­di­an trägt (ich weiß nicht, ob wegen Zvo­ni­mirs bevor­ste­hen­dem Abschied oder wegen dem sich nähern­den Weih­nachts­fest) eini­ge Zei­len aus einem Buch vor. Dann bedankt er sich bei Zvo­ni­mir für des­sen Arbeit und wünscht ihm eine gute Rei­se, „aber die kann eh nur guat wer­den, weil sie durch den Pinz­gau geht. Dort bin ich gebo­ren!“

Guar­di­an: „Franz, an wel­chem Tag ist Ser­vi­et­ten­wech­sel?“ (Die Stoff­ser­vi­et­ten in den Etuis wer­den ein­mal pro Woche gewech­selt.) Franz: „Am Sams­tag.“ Guar­di­an: „Und wel­cher Tag ist heu­te, Franz?“ Franz: „Heu­te ist Sams­tag, Guar­di­an.“ Guar­di­an: „Und wann wer­den die Ser­vi­et­ten gewech­selt?“ Franz: „Am Sams­tag.“ Danach betre­te­ne Stil­le. Dar­auf­hin Lukas, zu Franz gewandt: „Das ist ja unglaub­lich, wie unhöf­lich du zum Guar­di­an bist. Das klingt ja, als wür­dest du dich lus­tig machen über ihn. Sams­tag, Sams­tag! Sag halt gleich, du hast es ver­ges­sen und tu nicht so blöd.“
Der Guar­di­an weist nicht etwa Lukas zurecht, wegen die­ser Anma­ßung. Bru­der Franz ist zu schwach für eine Ant­wort. Er steht auf und holt die Ser­vi­et­ten.
Dies­mal bin ich nahe dar­an, Bru­der Lukas zurecht­zu­wei­sen: Das Auf­po­lie­ren des eige­nen Selbst­be­wusst­seins auf Kos­ten des Schwächs­ten der Grup­pe ist eine beschä­men­de Stra­te­gie, lie­ber Lukas.
Nach dem Essen sage ich zu Franz: „Heu­te Abend ist mein letz­tes Essen.“
„Letz­tes Abend­mahl“, ant­wor­tet Franz und lächelt.

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Mar­tin Amans­hau­ser, geb. 1968 in Salz­burg, Autor und Über­set­zer aus dem Ame­ri­ka­ni­schen und Por­tu­gie­si­schen, jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten (Pro­fil, Der Stan­dard, Die Pres­se, Die Zeit, Die Welt, Süd­deut­sche Zei­tung), Prei­se u.a.: Georg-Tra­kl-För­de­rungs­preis für Lyrik 1992, Max von der Grün-För­de­rungs­preis 1998, Rau­ri­ser För­de­rungs­preis 2011, Son­der­preis beim Feld­kir­cher Lyrik­preis 2013. Bücher, u.a.: Im Magen einer kran­ken Hyä­ne, 1997, Erd­nuss­but­ter, 1998, NIL, 2001, 100.000 ver­kauf­te Exem­pla­re 2002, Chi­cken Christl 2004, Alles klappt nie 2005, Log­buch Welt 2008, Viel Genuss für wenig Geld 2009, Das Rogner Bad Blu­mau 2013, Falsch Rei­sen 2014, Der Fisch in der Streich­holz­schach­tel 2015, Typisch Rei­sen 2016, Die Ame­ri­ka­fal­le oder: Wie ich lern­te, die Welt­macht zu lie­ben, 2018, Es ist unan­ge­nehm im Son­nen­sys­tem 2019.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 16. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 16. Sep. 2022