Vier Viertel Literatur

Von Mar­kus Köh­le. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 85

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Anfän­ge sind über­be­wer­tet

„Alles steht und fällt mit dem Anfang. Steht am Anfang eine Lei­che, ist es eher ein Kri­mi. Steht am Anfang ein Begräb­nis, ist es eher E‑Literatur. Ist die Lei­che doch nicht tot, ist es die Bibel. Ist die Lei­che bloß eine Alko­hol-Lei­che, ist es ein Anti-Hei­mat­ro­man. Steht am Anfang ein Zitat, ist es oft ein Essay.“, ist ein guter Anfang für einen Bei­trag zum The­ma „Posi­tio­nen Öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“.

Markus Köhle @ Doris Mitterbacher

Mar­kus Köh­le. Foto: Doris Mit­ter­ba­cher

„Frü­her, also viel, viel frü­her, wur­den Tisch­ge­be­te gespro­chen. Heu­te, also auch schon seit vor-vor­ges­tern, wer­den beim Mit­tag­essen Mails gecheckt.“, ist ein Anfang für eine kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Abhand­lung, die von mir nicht zu krie­gen ist.

„Ener­gie­ein­spa­run­gen von 40 bis 80 Pro­zent sind mög­lich, ohne Ver­lust an gesell­schaft­li­chem Wohl­erge­hen!“, ist ein guter Anfang für einen Kom­men­tar zum The­ma „Hier und Heu­te“.

„Du bist Herz-Hirn-Ganz­kör­per erwär­mend und patent wie eine Pel­let­hei­zung.“, könn­te der Anfang einer erfolg­rei­chen Tipp­ge­mein­schaft in einem Handwerker*innen-Chatroom sein.

„Was ist die wich­tigs­te Bewe­gung in Arbeits­um­ge­bung? Die Gewerk­schaft. Was ist der bes­te Rat in Sachen Arbeit und Bewe­gung? Der Betriebs­rat. Wie bringt man Bewe­gung und Arbeit auf einen gemein­sa­men Nen­ner? Durch Kopf­schüt­teln.“, ist ein mög­li­cher Anfang für einen poli­tisch-sati­ri­schen Bei­trag über Bewe­gung am Arbeits­platz.

„Büro­ar­beit ist auch kör­per­li­che Arbeit. Büro­ar­beit kann sogar Sport sein. Läuft das Busi­ness, wird Büro­ar­beit zu einem regel­rech­ten Hono­rar­no­ten­bank­drü­cken.“, könn­te ein Anfang sein für ein Selbst­mo­ti­va­tions- und Erfolgs­rat­ge­ber­buch, das den Titel „IBAN ist mein Bank­nach­bar“ tra­gen könn­te und das ich weder lesen, noch schrei­ben, kau­fen, ver­schen­ken oder in Aus­la­gen ste­hen sehen möch­te.

„Nei­disch blickt er in frisch bal­ko­ni­sier­te Hin­ter­hö­fe. Er hat kei­nen.“, ist ein Anfang, dem sowohl ein Sozi­al­dra­ma als auch eine Ent­wick­lungs- und Auf­stiegs­ge­schich­te fol­gen könn­te.

„Sein Hin­tern leuch­te­te. Nein, sein Hin­tern blink­te rot. Er hat­te das Hemd um die Hüf­ten gegür­tet und die Ärmel so ver­kno­tet, dass die Knopf­leis­ten­bauch­sei­te über den Sat­tel und das Rück­licht an der Sat­tel­stan­ge hing und leuch­te­te, nein, stoff­ge­dämpft rot blink­te. Es mach­te sei­nen Hin­tern zur roten Blink­bo­je.“, ist ein Anfang, der wer weiß wohin führt.

„Öster­reich hat Grant und Gemüt­lich­keit, Charme und Hin­ter­fot­zig­keit, Schmäh und Selbst­kri­tik­fä­hig­keit / Öster­reich hat Kep­pel­kom­pe­tenz, Dorf­kai­ser­prä­po­tenz und Wohn­bau­zer­sie­de­lungs­de­ka­denz / Öster­reich ist eine Extra­wurst / Öster­reich ist ein Stru­del / Öster­reich ist aber auch ein Sta­nit­zel / Öster­reich ist aber vor allem ein Schnit­zel / Und Schnit­zel haben gro­ße Brü­der / Und Öster­reich hat Töch­ter und Söh­ne und Strö­me und Ber­ge vor Köp­fen“, kann gut ein Anfang eines Spo­ken-Word-Tex­tes über Öster­reich sein.

„Ande­re mögen einen Lenz haben, Öster­reich hat Ambi­va­lenz“, ist ein Anfang, Öster­reich zu ver­ste­hen.

„Was betrübt dich so? Möd­ling an einem Sams­tag­nach­mit­tag. Nein, Möd­ling eigent­lich immer.
Das Klein­stadt­elend über­kommt mich schon am Bahn­hof: Pier­cing-City, Tat­too-Stu­dio und Kebab-Land.“, könn­te der Anfang eines lieb­lich verhatsch­ten Pro­vinz-Kri­mis sein.

„Leit­plan­ke und Weg­war­te tref­fen sich in einer Auto­bahn­rast­stät­te“, könn­te sowohl der Anfang eines Kin­der­bu­ches, also auch der Anfang eines expe­ri­men­tel­len Pro­sa­tex­tes mit Schwer­punkt Semio­tik sein.

„Wer weiß schon, dass die Über­kopf­an­zei­gen auf Auto­bah­nen auch Schil­der­brü­cken hei­ßen?“, ist immer­hin ein als Fra­ge getarn­ter Anfang, der einen Vor­sprung durch Wis­sen hat.

„Wer Xylo­phon beherrscht, kann im Prin­zip auf jedes ver­que­re Ding pfei­fen.“, ist mit 61 Buch­sta­ben ein guter Anfang für eine Pan­gramm-Satz-Opti­mie­rung. „Im Prin­zip bin ich soft ver­we­gen, Fan jeder Qual, aber kein Axt­typ.“, ist mit 55 Buch­sta­ben schon eine Pan­gramm-Satz-Ver­bes­se­rung. „Bei­nah jede zyni­sche Qua­li­fi­ka­ti­on hat per se nix Ver­we­ge­nes.“, ist mit 52 Buch­sta­ben schon fast Pan­gramm-Satz-mit-Sinn-Per­fek­ti­on. „Just bei Xylo­phon­mu­sik quält Ver­zicht auf dich weni­ger.“, zählt über­haupt nur mehr 47 Buch­sta­ben und könn­te auch der Anfang einer sehn­suchts­ge­tränk­ten Lie­bes­ge­schich­te sein. Frei­lich gin­ge da aber noch mehr, also weni­ger.

„Im Ange­sicht des Dach­steins / Gedicht keins / Nur Ehr­furcht / Und Rat­rack-Gepiep­se / Steh­tisch im Glet­scher­re­stau­rant / Schlad­min­ger im Anschlag / Huner­ko­gel 2700 m / Wenn’s wahr ist / Blick auch Hoch­kö­nig: 2941 m / Wies­bach­horn 3564 m / Groß­glock­ner 3798 m / Klein bin“, könn­te der Anfang eines stei­len Aus­tria-Alpin-Poems sein.

„Die Gunst- und Ungunst­la­gen ver­schie­ben sich. Der Kli­ma­wan­del macht die Alpen insta­bi­ler.“, ist ein Anfang vom Ende der Glet­scher.

„Poet­ry Slam ist ein Wett­le­sen um die Gunst des Publi­kums“, ist der Anfang vie­ler Slam-Anmo­de­ra­tio­nen.

„Fang was an, trau dich! / Hau dich rein in den Pool der Mög­lich­kei­ten / Gönn dir Mög­lich­keits­sinn / Gönn dir Unsinn / Gönn dir Sinn­frei­heit / Und kraul rum im Pool der Mög­lich­kei­ten / Schau dich um / Mach dich schlau / Trau dir was zu / Aber trau nicht allen / Lass dir nicht alles gefal­len / Aber lass dir was ein­fal­len, was ganz dein Fall ist / Du bist 1. Fall, Sub­jekt und Prä­di­kat dei­ner Zukunft / Du hast alles in der Hand / Lass es dir nicht neh­men / Nimm dir dei­ne Frei­hei­ten / Nimm dir Zeit / Nimm dich nicht zu ernst / Aber nimm dir, was dir zusteht / Fang was an, trau dich!“, könn­te der Anfang eines Tex­tes der Post-Coro­na-Poet­ry-Slam-Gene­ra­ti­on sein.

„Und am Fließ­band in der Schnit­zel­ab­tei­lung wer­den Schnit­zel in die Gefrier­ma­schi­ne gesteckt und vom Nach­bar­tisch dringt Dramaturgieassistent*innen-Gequassel und Geschwis­ter sind poten­zi­el­le Zank­stel­len, Zwist­ga­ran­ten und Maul­zer­würf­nis­se und die Puber­tät ist Sturm und Drang und Akne­zank und nein, nicht schon wie­der so ein Home­of­fice-Wackel­vi­deo mit Bücher­re­gal im Hin­ter­grund und per­sön­li­chen Ein­bli­cken in das Leben der Auf­neh­men­den“, ist der Anfang eines aus­ufern­den Work-Life-Balan­ce-Rants, einer aus Pan­de­mie, Infla­ti­on und per­sön­li­cher Situa­ti­on genähr­ten Tira­de, die geschrie­ben, gedruckt, gehört gehört.

„Haupt­sa­che Anfang erle­digt und wei­ter im Text“, ist natür­lich auch eine Mög­lich­keit einen Essay über „Posi­tio­nen Öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ hin­ter sich zu brin­gen.

2
Zita­ten wohnt ein Zau­ber inne

„Schrei­ben ist ein Kon­troll­ver­lust. Die Sät­ze muss man kom­men las­sen.“, sagt er.
„Wie bit­te?“, frag ich nicht. Ich frag nichts, sag nichts. Ich wun­der mich nur, dass mir da ein Satz über das Schrei­ben vor den Latz geknallt wird, wäh­rend ich gera­de dabei bin, dar­an zu den­ken, was das Schrei­ben im All­ge­mei­nen und Posi­tio­nen in der Lite­ra­tur im Spe­zi­el­len heut­zu­ta­ge sein kön­nen. Unge­wöhn­lich, aber wohl Zufall.
„Außer­ge­wöhn­li­che Fak­ten leh­ren uns nichts.“
Was ist los mit dem? Schaut eigent­lich ganz harm­los aus. Also kein Wahn­sinn in den Augen und wenn ich das eben rich­tig ver­stan­den hab, war das ja auch nicht wahn­sin­nig, nur etwas zusam­men­hang­los. Er ist wohl in Gedan­ken und kann die­se schwer bei sich behal­ten. Long-Covid-Scha­den? Bes­ser mal nicht drauf ein­ge­hen und noch ein Lächeln nach­le­gen.
„In Ost­eu­ro­pa gibt es Wel­pen­zucht­fa­bri­ken.“
Ein Wachträu­mer viel­leicht? Wie geht man mit Wachträu­mern um? Schlaf­wan­deln­de soll man nicht wecken. Was macht man mit Wachträu­men­den? Ein­fach lächeln und lau­schen, was da so daher kommt? Mit­schrei­ben?
Das Gegen­über knackst.
„Ande­re pflan­zen sich fort, wir set­zen uns fort, wir satz­en uns fort, wir schrei­ben uns fest.“
Oder Dro­gen? Aber vor­mit­tags, im Zug nach Stai­n­ach-Ird­ning, im Spei­se­wa­gen?
„Das Feuil­le­ton hat immer was gegen Kon­ven­tio­nen­bruch.“
Zuhö­ren und Lächeln ein­stel­len? Ihn kom­men las­sen? Ist Wachträu­men ein Kon­troll­ver­lust? Muss man Wachträu­men­de kom­men las­sen?
„No more hum­ble­brag­ging, kein Beschei­den­wir­ken­wol­len mehr!“
Und vor dem Zug­fens­ter der Meid­lin­ger Fried­hof. Wien Haupt­bahn­hof – Wien Fried­hof und am Spei­se­wa­gen­tisch ein rät­sel­haf­tes Sprach­rohr, das alles kom­men und raus lässt.
„Visio­nen!“
Das ist Unter­hal­tung.
„Ganz gro­ßes Kino!“
Das ist ein­sei­ti­ge, aber tadel­lo­se Unter­hal­tung.
„Pio­nier­pflan­zen bestäu­ben sich meist selbst, so kön­nen sie allei­ne eine Popu­la­ti­on auf­bau­en.“
Das ist ein vor­erst äußerst will­kom­me­ner Zeit­ver­treib.
„Zum Bei­spiel Toma­ten und Schnee­glöck­chen.“
Die Fahrt ist noch lang.
„Des Ligus­ter­schwär­mers Rüs­sel ist der längs­te. Der Woll­schwe­ber rüs­selt auch län­ger als die gemei­ne Bie­ne.“
Wien – Stai­n­ach-Ird­ning, umstei­gen in Leo­ben, da kann man einen guten Gesprächs­part­ner brau­chen. Gesprächs­part­ner, haha!
„Der Wind ist ein guter Bestäu­ber.“
Viel­leicht eine Art von Tour­et­te-Syn­drom?
„Eichel­hä­her beherr­schen 25 Rufe.“
Einen gefähr­li­chen Ein­druck macht der Visio­nie­ren­de jeden­falls nicht.
„Die Welt kennt kei­ne Ver­si­che­rung für mich.“ Knacks.
Viel­leicht ein mit über­sinn­li­chen Fähig­kei­ten Aus­ge­stat­te­ter, ein Medi­um? Wenn, dann ein Medi­um mit Knacks.
„Du rade­brichst mir kei­nen Zacken aus mei­ner Zahn­kro­ne.“
Lächeln! Lächeln und abwar­ten.
„Die Gunst- und Ungunst­la­gen ver­schie­ben sich.“
Hop­pa­la, viel­leicht doch nur nicken.
„Du Krie­chen­der Gün­sel, hät­te ich ger­ne zu ihm gesagt.“
Soso. Wer oder was ist ein Gün­sel?
„Allein, mir schien, er konn­te damit nichts anfan­gen.“
Wie wahr. Wie stran­ge auch. Aber schon auch inter­es­sant. Mach wei­ter Kryp­to-Ora­kel. Ich zie­he vor­sich­tig mei­ne Jacke aus und hof­fe, das Gegen­über nicht aus sei­nem Tran­ce­zu­stand zu holen. Ich habe kei­ner­lei Erfah­rung mit der­ar­ti­gen Phä­no­me­nen.
„Uns geht es um den DAZ, den dümms­ten aller Zuschau­er.“ Knacks.
Ich habe mich noch nie auf eine Scha­ma­ni­sche Rei­se bege­ben, hab noch nie mei­ne Wahr­neh­mung mit che­mi­schen Sub­stan­zen ver­stärkt.
„Ich will dei­nen Hin­tern for­dern!“
Oha!
„Ich will, dass du nicht mehr weißt, wo Hin­tern und was for­dern ist!“
Dop­pel-Oha! Eine Art Coach viel­leicht! Und das der Beginn einer Moti­va­ti­ons­re­de?
„Ich weiß, dass der Wurm­farn­we­del frü­her ein Haus­mit­tel gegen Ein­ge­wei­de­wür­mer war.“
Huch, jetzt kriegt das Gan­ze einen Coro­na-Twist. Ent­wur­mung. Iver­mec­tin. Eigen­hei­lung. Ein Guru, ein Quer­den­ker, ein für sei­nen Mut Gejag­ter?
„Die Feu­er­wan­ze lebt gesel­lig unter Laub­bäu­men und saugt Pflan­zen­säf­te.“
Insek­ten­freund?
„Die Stink­wan­ze saugt an Bee­ren und wird auch Schus­ter­kä­fer genannt.“
Hob­by­bio­lo­ge?
„Eine Super­markt­fi­li­al­lei­te­rin muss ihr Bücher­re­gal im Rücken­mark tra­gen.“ Knacks.
Oder doch bloß Bücher­wurm, dem das Ange­le­se­ne ent­schwappt, der unkon­trol­liert über­geht und aus­satzt, was in ihm ist?
„Eine Feu­er­wehr­frau muss ihre Sire­nen in den Hosen­stulp ein­schif­fen.“
Was ist eigent­lich die Defi­ni­ti­on von Tour­et­te-Syn­drom?
„Nein, ich mag nor­mal nicht und gesund ist mir ver­däch­tig.“
Tour­et­te ist eine Art Schluck­auf. Schluck­auf mit Wör­tern.
Knacks.
„Skru­pu­lös und skru­pel­los sind sich viel zu nah.“
Das Ner­ven­sys­tem hat einen Knacks und ent­lässt irr­ge­lei­te­te Wör­ter. Jona­than Lethem hat in Mother­less Brook­lyn das Tour­et­te-Syn­drom lite­ra­risch per­fekt in Sze­ne gesetzt.
„Der rech­te, klei­ne Fin­ger ist der Enter­ha­ken der Digi­tal Nati­ves.“
Edwart Nor­ton dann in der Ver­fil­mung. Von einem Sprach­kunst­werk eines Sprach­ge­stör­ten war da in den Kri­ti­ken die Rede.
„Köf­te­kö­der am Fal­af­fel­feld und Mono­kul­tur­fich­te fällt.“
Aber auch von einem Werk, das in der Tra­di­ti­on des klas­si­schen, moder­nen Erzäh­lens steht.
„Das Unvor­her­seh­ba­re ist der Beginn allen Erzäh­lens.“
Jeden­falls erstaun­lich, was da alles aus dem raus­spru­delt. Oder ist das doch etwa alles bloß in mir?
„Karg­los kapri­zi­ös.“ Knacks.
Wie war das am Anfang? Schrei­ben ist ein Kon­troll­ver­lust?
„Kri­mi-Krims­krams.“
Ja, ein Kri­mi ist Mother­less Brook­lyn auch noch. Tour­et­te ist defi­ni­tiv ein Kon­troll­ver­lust.
Knacks.
„Was ich mir wün­sche: Einen Ein­pfle­ge­ro­bo­ter mei­ner Gedan­ken­flö­he.“
Was ich mir wün­sche: Wuchern­de Fan­ta­sie und Sprach­rausch­blü­ten.
„Sie wün­schen?“, fragt die Spei­se­wa­gen­be­diens­te­te und mein selt­sa­mes Gegen­über und mein noch selt­sa­me­res Ich schre­cken hoch, und wir wis­sen bei­de nicht, wer wir sind.


3

Mär­chen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Ein Bedau­er­mein­nicht und ein Lies­mi­ch­ge­dicht heisch­ten um Auf­merk­sam­keit.
„Sehr geehr­te Text­ver­sehr­te, die Gunst- und Ungunst­la­gen ver­schie­ben sich!“, hob das Bedau­er­mein­nicht an.
Das Lies­mi­ch­ge­dicht rümpf­te die Nase, das war nicht ihre Spra­che, das war nicht ihr Ton.
Das Bedau­er­mein­nicht fuhr frei­lich fort: „Lasst uns expe­ri­men­tel­le Poe­sie-Boots schus­tern, unge­schnürt, aber gestie­felt und gewichst. Natur­ge­mäß darf ein­ge­näht, gesteppt und gefüt­tert wer­den. Alle nach ihrer Fas­son. Alle wie sie wol­len. Alles wie wir wol­len. Alles in flau­schi­ge Wunschwol­le ver­dicht­packt.“
Das Lies­mi­ch­ge­dicht pieps­te: „Hör nicht hin, lies mich, es lohnt sich!“
Das Bedau­er­mein­nicht hau­te auf die Pau­ke und flu­te­te die Dicht­roh­re: „Gute Nach­rich­ten aus dem Kuchen­ge­bir­ge / die Tor­ten­land­schaft ist fett / Der beman­tel­te beam­te­te Ungustl / Han­tel­te sei­ne Loden­wam­pe ins Gegen­wart­s­ab­seits / Dort ist der Hort der Ver­weh­ten / Aber K.O.-Kobold old King Cold macht Rabatz / Auch der Taxi-Axt-Aktio­nist hackt wie­der“
Das Lies­mi­ch­ge­dicht schüt­tel­te den Kopf und ver­lor etwas Zwi­schen­den­zei­len­sinn, fieps­te aber wei­ter: „Ach, lass dich nicht von Hohl­wort­krach beein­dru­cken, hör nicht hin, son­dern auf dei­ne inne­re Stim­me und lies mich!“
Wor­auf das Bedau­er­mein­nicht das Lies­mi­ch­ge­dicht mit einem Satz ver­schluck­te, würg­te, rülps­te und bestä­tig­te: „Ich Bedau­er­mein­nicht.“

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Auf Wie­der­ho­lun­gen ist wie immer Ver­lass

Hier und Heu­te – Posi­tio­nen Öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur: Die Gunst- und Ungunst­la­gen ver­schie­ben sich.

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Mar­kus Köh­le kommt aus Nas­se­reith und lebt in Wien. Er ist Autor und Mode­ra­tor, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Lite­ra­tur­ver­mitt­ler, Otto-Grün­mandl-Preis­trä­ger und Papa Slam Öster­reichs. Er schreibt, um gehört zu wer­den. Zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen, zuletzt: Zurück in die Her­kunft. Ein Nabel­schau­lauf zu den Text­quel­len (Son­der­zahl 2021) und Schnel­ler, höher und so wei­ter. Fak­ten, Fan­wis­sen, Fik­tio­nen zu den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len 2021 (mit Peter Clar, Son­der­zahl 2021). www.autohr.at

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 30. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 30. Sep. 2022