Rede, die niemand redet die Rede

Von Lydia Hai­der. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 56
Lydia Haider © Apollonia Theresa Bitzan

Lydia Hai­der. Foto: Apol­lo­nia The­re­sa Bitz­an

Und sie­he und sie­he und sie­he und schaust jetzt end­lich mit Augen oder muss man das sin­gen für dich damit es ein­geht unter dein Dach da wie oft drang­sa­liert es die Fres­se (noch sagen Schnapp) her­zu­neh­men dich am Genick rein­drü­ckend ins Wah­re mit dem Gesicht vor­an zum Wahr­haf­ten rein dich Pudel dass es staubt vor Locken so ein Häu­sel so eine Thea­ter­hüt­te drei­mal selbst ins Knie ficken soll­te zur Erhal­tung der eig’nen Wür­de nun sei gesagt, Fickt euch halt 3x ins Knie des Tages, die ihr nur den Tag kennt und nie die­se Nacht wo her­um­zu­wür­meln in denen die man nicht sieht sie des Tages und nicht jene im Dun­keln sieht man nicht für eine alte Lei­er so ein Hut den man beim Rein­ge­hen schon leicht­fü­ßig von der Bir­ne schnippt und das ist nicht ein­mal eine Ansa­ge noch eine Her­aus­for­de­rung denn das nicht nötig hey nötig wo lebst du mit sol­chen lebt eben kein Mensch nor­ma­ler nur sol­che wo so jemand sagt da jemand jetzt was dazu ich höre dass jemand jetzt und hier tat­säch­lich ruft ich höre es wie einer ganz laut schreit und es spielt euch ein klei­nes Orches­ter dazu eine Unter­ma­lung eine eh klei­ne nur so, dass es nicht pathe­tisch wirkt was hört man da echt es weicht schon ab von dem Gewohn­ten, was gut ist und alle mögen das ich mag das auch wo so eine neue Sache spielt kann die Sache gut sein bei einem Denk-Sprech einer Wesens­art, die dir auf den Tag, die Woche, das Moment, das Jahr will es ist eine Krux wo reku­rier’ jetzt auf das, befrei’ es und sprich es los von zu losem Sein, das uns alle rui­niert und letzt­lich umbringt und nie­man­den etwas bringt außer die­sen Thea­tern die­sen wie sie sich Thea­ter nen­nen selbst­est bit­te hast du gera­de 2x du hast gera­de 2x Thea­ter gesagt hast du das als Thea­ter da sind wir zurück wir sind zurück im Wah­ren ihr Babys, Bus­sis, Mäu­se und all die Schat­zis ich wir du er sie es zäh­le jetzt ein mache mit und mach mit hier und mach das jetzt und go for it und tue das jetzt was du willst du willst es direct­ly so adesso lei­wan­dest so viel in der Art nur allein komm tu mir bit­te ich bit­te dich jetzt geh mit mir her und geh in das was ich dir sage das da ist 10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 und jetzt sind wir im Häu­sel drin so schnell es tut ja auch nicht weh stell dir vor wir könn­ten es nicht denn das ist so nein kei­ner kann Thea­ter sein weil kei­ner das Thea­ter ver­steht denn die­ses hat es schwer wo wir gehen muss es gehen wo wir schau­en muss es schau­en wo wir pis­sen muss es pis­sen wenn das wüss­te wo ich heu­te gepisst hab, um zu ihm zu gelan­gen – den­ke­risch – ich gelan­ge, das Wesen ist stets den­ke­risch bei den Thea­tern, weil wir ihr Trau­er­spiel sicher­lich ja so sicher wie das Amen im Gebet ver­ste­hen, wir SIND in Wahr­heit die Thea­ter auch von daher, wir leben sie mit, wir füh­ren sie durch, weil wir wis­sen, was ihnen ange­tan und woge­gen sie arbei­ten stets müs­sen sie etwas des Tages – willst du sagen Aktu­el­les sowas Fri­sches wie ein öster­rei­chi­sches Schnit­zel – her­aus­bra­ten so her­aus­ba­cken und ganz genau wis­sen, ob es rech­tens und echt ist dar­in und rich­tig her­ge­wa­schen mit des Schnit­zel­pra­ckers grind­pein­li­cher Mus­ter­spit­zen her­ge­haut das wis­sen sie ja auch nicht und schrei­ben und den­ken und spie­len sich in ihren Thea­tern die Fin­ger wund sie sind gleich wund am Arsch und am Arm wie die Hän­de von des armen Schnit­zel­pra­cker­füh­rers Kochsau­schä­del da sie lei­den nie mehr als wir auch nichts lei­den die­se ihr alle ihr Thea­ter ihr guten und ihr schlech­ten wahr­lich man sage euch nun man sage es euch zu hören mit Ohren die hören und Augen wie sie sehen kön­nen, denn das ist kein Spa­ßß, was wir hier machen das ist echt nichts ande­res als Nicht-Spa­ßß und ganz allein ziem­lich ver­dammt erns­te Tat­sa­chen­schei­ße also zu war­nen euch hier und heu­te und es wer­de die­se War­nung eures gan­zen Lebens kein ein­zi­ges mal wie­der­ho­let da ist es ein­zig hier und heu­te und nie wie­der so gesagt so machet auf Augen wie die­se eure Ohren –
Das ist schon –
Das ist schon –
Nichts kommt mehr her­für eines dies genau sol­ches wenn es so sein soll dann nur SO immer und immer und immer und immer und bis wie es zu uns sag­te es sag­te es zu uns immer und immer wie­der ihr Liebs­ten ihr tut das jetzt und ihr tut das bis zur Ver­ga­sung tut ihr das und nur so und für immer bis zu dei­nem Grab seid ihr her­aus­ge­kro­chen an einem Ort wo ihr das tut bis zur Ver­ga­sung und ihr geht fort von hier und ihr tut das dort egal wo ihr seid für immer und bis zur Ver­ga­sung tut ihr das und egal wo ihr je hin­geht und wo ihr je glaubt anzu­lan­den und von wel­chem Land ihr je glaub­tet dass es euer Land sei nie sei ein Land eures da ihr immer tun müsst was ihr tun müsst bis zu eurer letzt­li­chen zu bis zu eurer gan­zen und letzt­li­chen bis ganz egal zu wel­cher da sie ist die völ­li­ge und all­um­fas­sen­de eure eige­ne from the begin­ning bis zum aller­letz­ten Ton an eurem ver­schis­se­nem Grab eine ein­zi­ge näm­lich die euri­ge Ver­ga­sung von euch selbst da ihr von so einem Thea­ter seid und ihr seid vom schlimms­ten Thea­ter her, das es gibt, von einem KZ-Thea­ter, von einem KZ-Maut­hau­sen-Thea­ter, von einem Nazi-KZ-Maut­hau­sen-Scheiß­drecks­thea­ter, seid von einem KZ-Thea­ter aus Maut­hau­sen dort aus dem Lei­be eurer Mut­ter gekro­chen und hat euch also gemacht zu einem letzt­lich Tief­wurz­ler dort mit einer Tie­fe der Geschich­te päh es ist unaus­sprech­lich Wäh pfui ich will es nicht sagen, das haben mei­ne Freun­de sind die Töne die besof­fe­nen schon wie­der die Har­mo­nien­wech­sel immer die unge­wis­sen wo nie­mand weiß, ob es nun in den Film geht, den wir ken­nen und uns selbst spie­len kennst du das eh auch so viel Film Bauch­al­Bauch­al­Prost und Zicke­za­cke­zi­cke­zack­e­Heyheyhey auf dem Platz und anders­wo zur Hal­tung ein Maß konn­test immer hal­ten und sehr vie­le wei­te­re sie zu bere­den so sie unter den Tisch zu sau­fen mit aller Kraft so sie in Kar­ten­spie­len zu schla­gen zu spä­tes­ter Stun­de so ihnen die Nase zu bre­chen aus dem Hin­ter­halt so in dei­nen Rudeln etwas zu sagen, das du dach­test und so mit ihnen zu gehen und dich leh­ren zu las­sen, wie man etwas sagt, dich leh­ren zu las­sen, wie man aus dem Hin­ter­halt manch’ Nase bricht, dich leh­ren zu las­sen, wie du zu spä­tes­ter Stun­de noch jedes Kar­ten­spiel auf höchs­tem Ein­satz gewinnst, dich leh­ren zu las­sen, wie du es genau machen trai­nie­ren dir aneig­nen kannst die­se Vie­len dann unter einen Tisch zu sau­fen, sag wer hat dich gelehrt, die­se zu bere­den wie man jeman­den bere­det und wie du seit du den­ken kannst alle bere­dest – wer hat dich das gelehrt?
Es war das Thea­ter, ja sicher, es war das ewi­ge Thea­ter da.
Lass dich nur ja nicht pro­vo­zie­ren oder glaubst das gin­ge über­haupt dass du über­haupt irgend­was siehst oder schaust oder begrei­fen ist weit ent­fernt von dir ein Scherz ein ein­zi­ger.

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Lydia Hai­der, *1985, Schrift­stel­le­rin, lebt in Wien und Ber­lin. Chef­pre­di­ge­rin der Musik­ka­pel­le gebe­ne­deit. Stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie, ist Mut­ter zwei­er Kin­der und orga­ni­siert mit Kolleg*innen die Lese­rei­he Blu­men­mon­tag. Schreibt mit der Wie­ner Grippe/KW77 Rei­se­be­rich­te. Haus­au­torin am Volks­thea­ter Wien und Autorin und Per­for­me­rin auch für ande­re Thea­ter, etwa die Volks­büh­ne Ber­lin. Div. Aus­zeich­nun­gen und Prei­se, zuletzt Bach­mann­preis-Publi­kums­preis 2020. Bücher u.a.:
Kon­gre­ga­ti­on, Roman 2015 und rot­ten, Roman 2016, bei­de Müry Salz­mann Ver­lag, Am Ball, Roman, rd-edi­ti­on 2019, Wort des leben­di­gen Rot­tens. Gesän­ge zum Aus­trei­ben, para­si­ten­pres­se 2020.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 11. März 2022

Zuletzt geän­dert: 19. Juli 2023