La Grande Dame

Von Lju­ba Arn­au­to­vic. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 67
Ljuba Arnautovic © Leonhard Hilzensauer / Zsolnay

Lju­ba Arn­au­to­vic. Foto: Leon­hard Hil­zen­sauer

Die Kor­re­spon­denz mit mei­nen rus­si­schen Freund:innen gestal­tet sich wie zu längst über­wun­den geglaub­ten Zei­ten. Wir ver­mei­den bestimm­te Wor­te, reden um den Brei her­um, schrei­ben übers Wet­ter und hof­fen, dass das Eigent­li­che zwi­schen den Zei­len gefun­den und rich­tig ver­stan­den wer­den möge. Wir schi­cken ein­an­der Gedich­te zum Ent­schlüs­seln. Lyrik hat wie­der ihre Zeit, und sie eig­net sich über­ra­schend gut für die­sen Zweck.

Im Okto­ber war ich in Mos­kau. Ein­ge­la­den hat­te das Öster­rei­chi­sche Kul­tur­fo­rum zu einer Lesung aus mei­nem Roman Juni­schnee. Letzt­lich waren es zwei Lesun­gen in Biblio­the­ken und eine im Gulag-Muse­um. Gewohnt habe ich eine Woche lang in der legen­dä­ren Schrift­stel­ler­ko­lo­nie Per­edel­ki­no. Für mich ein klang­vol­ler Name, ein Sehn­suchts­ort. Mein Kind­heits­idol, einer, der mei­ne inne­re Welt und mei­ne Spra­che geprägt hat, leb­te und arbei­te­te dort, Kor­nej Tschu­kow­ski, Schöp­fer von Gedich­ten, die so musi­ka­lisch sind, dass fast jede:r Sowjetbürger:in sie zeit­le­bens im Gedächt­nis behält, oder eher im Blut­kreis­lauf? Sie klin­gen warm und zärt­lich, auf­re­gend und frech, fröh­lich und tief­sin­nig. Dass die Kin­der­ge­dich­te nur ein klei­ner Teil von Tschu­kow­skis Werk sind, erfah­re ich erst jetzt, beim Besuch sei­nes als Muse­um zu besich­ti­gen­den Hau­ses im ehe­ma­li­gen Dorf Per­edel­ki­no nahe Mos­kau, das mitt­ler­wei­le der gefrä­ßi­gen Stadt ein­ge­mein­det wur­de.

Zu Beginn der 1930er-Jah­re wen­den sich fast zeit­gleich zwei nam­haf­te Per­so­nen an Sta­lin. Maxim Gor­ki wünscht sich einen „Ort, wo 20 bis 25 talen­tier­te Lite­ra­ten in völ­li­ger mate­ri­el­ler Unab­hän­gig­keit leben und arbei­ten kön­nen, am bes­ten an Wer­ken, die sich den sozia­len Fra­gen der Zeit wid­men“.

Eine Grup­pe von Autorin­nen und Autoren rund um Boris Piln­jak ist gera­de dabei, eine „Dat­schen-Genos­sen­schaft“ ins Leben zu rufen. Schrei­ben sei eine ein­sa­me Tätig­keit, da sei­en Begeg­nun­gen und Aus­tausch not­wen­dig für das Flie­ßen von Ideen. Man for­mu­liert eine Anfra­ge an den Obers­ten Sowjet.

Sta­lin befüllt einen staat­li­chen Fond und befiehlt den Bau eines „Städt­chens für Schrift­stel­ler irgend­wo in der Nähe von Mos­kau, wo sie mit ihren Fami­li­en zusam­men­le­ben kön­nen, ohne sich gegen­sei­tig zu stö­ren, und inten­siv schaf­fen kön­nen.“

Das Dorf Per­edel­ki­no und das Wäld­chen rings­her­um wird rasch mit etli­chen Dat­schen, einem Gäs­te­haus, einem reprä­sen­ta­ti­ven „Haus der Küns­te“, einer Biblio­thek und einem Ver­an­stal­tungs­raum bebaut. Ein Para­dies in Zei­ten des rings­um herr­schen­den Man­gels. Eine Mög­lich­keit, aus der grau­en Stadt hin­aus in die fri­sche Natur zu kom­men und Gleich­ge­sinn­te zu tref­fen – oder sich von ihnen fern­zu­hal­ten. Sich eine Zeit­lang nicht um das Beschaf­fen und Zube­rei­ten von Nah­rung zu küm­mern – der Ruf der Kan­ti­ne ist legen­där.

Pas­ter­nak, Tschu­kow­ski, Fade­ew, Rosh­dest­wen­ski, Jew­tu­schen­ko, Wos­ne­sen­ski, Ach­ma­du­li­na, Okuds­hawa sind die bekann­tes­ten Namen der ehe­ma­li­gen Bewohner:innen und Besucher:innen. Nicht alle schrie­ben der herr­schen­den Ideo­lo­gie das Wort, wie es ganz sicher der Wunsch des Dik­ta­tors war. Hier fühl­te man sich frei. Zuwei­len war Per­edel­ki­no sogar ein Ort für ver­fem­te und ver­folg­te Dich­ter. Sol­sche­ni­zyn „ver­steck­te“ sich hier – und alle wuss­ten davon.

Ich war mir so sicher, dass nach dem Ende der Sowjet­uni­on die­ses Gelän­de, das einst dem Sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­band gehört hat­te, längst file­tiert und ver­kauft wor­den war. Die Lage in einem Wäld­chen, so nahe der über­be­völ­ker­ten Mega­ci­ty, ist zu attrak­tiv, um nicht Begehr­lich­kei­ten zu wecken. Umso grö­ßer mei­ne Über­ra­schung: Nach­dem ein luxu­riö­ses Aus­flugs­re­stau­rant samt Edel­bor­dell unter­ge­gan­gen war, und nach einem Dasein als Unter­kunft für die moder­nen Arbeits­skla­ven – meist Män­ner aus den ehe­ma­li­gen asia­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken, die als Fern­fah­rer, Ern­te­hel­fer oder am Bau ohne jede sozia­le Absi­che­rung als ille­ga­le U‑Boote leben – fiel Per­edel­ki­no in einen Dorn­rös­chen­schlaf. Den Stra­ßen­be­lag durch­brach strup­pi­ges Gewächs, der Jung­wald stand schon drei Meter hoch, Eigen­tü­mer war immer noch der – jetzt mit­tel­lo­se – Schrift­stel­ler­ver­band.

Super­rei­che Olig­ar­chen las­sen präch­ti­ge Kir­chen bau­en, oder sie kau­fen in Win­des­ei­le in aller Welt wert­vol­le Kunst­wer­ke zusam­men und eröff­nen Gale­rien. Da hat es einem von ihnen doch tat­säch­lich die Lite­ra­tur ange­tan. Dem Schrift­stel­ler­dorf wird gera­de neu­es Leben ein­ge­haucht, es wird geputzt und gebaut und reno­viert und geplant, und von über­all her ruft man Men­schen her­bei, die mit Spra­che arbei­ten. Angeb­lich mischt sich der Mäzen nicht ein, weder in die Per­so­nal­aus­wahl noch in die Pro­gramm­ge­stal­tung.

Neben Resi­den­ci­es, Kon­fe­ren­zen und Work­shops zu allen mög­li­chen lite­ra­ri­schen Gen­res und fächer­über­grei­fen­den Pro­jek­ten, Lesun­gen und Kon­zer­ten inmit­ten der wun­der­ba­ren Wald-Park-Land­schaft bie­tet Per­edel­ki­no der Öffent­lich­keit ein Café, eine Biblio­thek und viel Raum für Begeg­nun­gen und Ver­net­zung.
War­um haben wir so etwas eigent­lich nicht in Öster­reich?

Mir ist in den Wochen der Still­stän­de so rich­tig bewusst gewor­den, dass eine Schrift­stel­le­rin mehr braucht als einen Tisch und – je nach Vor­lie­be – Stift und Papier, Schreib­ma­schi­ne oder Note­book. Kein Kaf­fee­haus, kein Muse­um, kei­ne Biblio­thek. Kein Ort zum Aus­wei­chen. Kein Ort der Ruhe. Womög­lich ein Part­ner im Home­of­fice, Kin­der im Home­schoo­ling, da blo­ckiert es schon mal Herz und Hirn und Hand.

Bil­den­de, tan­zen­de, musi­zie­ren­de Künstler:innen haben ihre Ate­liers und Pro­ben­räu­me. Was haben wir? Es fehlt ein Ort des Aus­tau­sches mit ande­ren Literat:innen als unab­ding­ba­re Quel­le von Inspi­ra­ti­on. Ein In-der-Welt-sein, wo sonst bekom­men wir unser Mate­ri­al her? Öster­reich braucht drin­gend eine Schrift­stel­ler­ko­lo­nie!

Im Wie­ner Augar­ten steht seit Jah­ren ein Objekt leer, das gera­de­zu danach schreit: das ehe­ma­li­ge Ambro­si-Ate­lier, spä­ter Thys­sen-Bor­ne­mis­za Art Con­tem­po­ra­ry, mit auf­wen­dig aus­ge­bau­ten Ausstellungs‑, Ver­an­stal­tungs- und Arbeits­räu­men, mit ver­stau­ben­den Artist-in-Resi­dence-Apart­ments, an einem öffent­lich zugäng­li­chen Ort.
Etwa im Zwei­jah­res­ab­stand ver­kün­det eine kur­ze Pres­se­mel­dung, man sei auf der Suche nach einer „kul­tu­rel­len Nut­zung“. Wir zei­gen auf und rufen „Hier!“, aber nie­mand hört uns. Es will nicht ein­mal gelin­gen her­aus­zu­fin­den, wer eigent­lich zustän­dig ist für die­ses „Hier!“ (Burg­haupt­mann­schaft? Minis­te­ri­um? Bel­ve­de­re?), son­dern es wird in öster­rei­chi­scher Tra­di­ti­on im Krei­se her­um­ge­schickt zwi­schen den Insti­tu­tio­nen, bis die Müdig­keit ein­tritt – eh wurscht.

Neben dem Gebäu­de steht eine mäch­ti­ge, ehr­wür­di­ge, denk­mal­ge­schütz­te Pla­ta­ne, die sogar einen Namen hat, „La Gran­de Dame“. Die alte Dame lässt ihre Fin­ger­spit­zen über Dach und Ter­ras­se tan­zen und war­tet womög­lich seit 250 Jah­ren dar­auf, dass eines Tages die Lite­ra­tur hier ein­zieht? Viel­leicht hät­te sie auch gleich einen Vor­schlag für den Namen parat: Frie­de­ri­ke May­rö­cker-Haus?

Das Kul­tur­fo­rum in Mos­kau plan­te ab die­sem Som­mer gemein­sam mit Per­edel­ki­no ein Aus­tausch­pro­gramm für Schriftsteller:innen und Übersetzer:innen. Seit dem 24. Febru­ar ist alles anders.

* * *

* * *

Lju­ba Arn­au­to­vić wur­de 1954 als Toch­ter einer Rus­sin und eines Öster­rei­chers in Kursk (UdSSR) gebo­ren. Nach Mos­kau und Mün­chen lebt sie seit 1987 in Wien. Sie stu­dier­te Sozi­al­päd­ago­gik, war Mit­ar­bei­te­rin beim Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des Öster­rei­chi­schen Wider­stands, Über­set­ze­rin und Rund­funk­jour­na­lis­tin. Ihr ers­ter Roman Im Ver­bor­ge­nen war 2018 für den Öster­rei­chi­schen Buchpreis/Debüt nomi­niert. Ihr zwei­ter Roman Juni­schnee ist 2021 erschie­nen.

* * *

„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 27. Mai 2022

Zuletzt geän­dert: 20. Juli 2023