Literatourismus

Von Cor­ne­lia Trav­nicek.
Viel­leicht wür­de uns noch ein Fah­rer fin­den. Es war ein klei­ner Flug­ha­fen und wir waren immer­hin die ein­zi­gen bei­den Wei­ßen, die um die­se Uhr­zeit ange­kom­men waren.
Cornelia Travnicek © Helmut Lackinger

Cor­ne­lia Trav­nicek: Natür­lich hat­te ich nicht „Nein“ gesagt, als mich die Kol­le­gen gefragt hat­ten, ob ich mit zu die­sem Fes­ti­val nach Indi­en kom­men wür­de, weil ich noch nie „Nein“ gesagt habe, wenn mich jemand ins Aus­land ein­la­den woll­te.
Foto: Hel­mut Lack­in­ger

Manch­mal, da fragt man sich am Mor­gen, wie das ein oder ande­re Pro­blem im nicht vor­han­de­nen Licht der Nacht über­haupt so rie­si­ge Schat­ten hat wer­fen kön­nen.

Es ist 08:30 Uhr in Ost­in­di­en. Ich sit­ze in der Lob­by eines Hotels und hal­te mich mit der lin­ken Hand an einer Liter­fla­sche Was­ser und mit der rech­ten an mei­nem Smart­phone fest. Das ist alles, was ich habe. Mein Gepäck ist im Kof­fer­raum eines Wagens, in dem mei­ne Freun­din sitzt, mit ihrem Tou­ris­ten­füh­rer auf dem Weg zu meh­re­ren Sehens­wür­dig­kei­ten in der nicht ganz so nahen Umge­bung. Es ist das ers­te Mal, dass ich mit Beglei­tung auf einem Lite­ra­tur­fes­ti­val bin.

Komm mit nach Indi­en, hat­te ich gesagt, bei sol­chen Fes­ti­vals küm­mert man sich immer aus­ge­zeich­net um die Gäs­te, hat­te ich gesagt …

Die Kurz­bio­gra­fien man­cher Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen haben Ein­trä­ge wie „Lesun­gen in“ und dann wer­den ver­schie­de­ne Län­der auf­ge­zählt. Aus­ge­nom­men Öster­reich schaf­fe ich mitt­ler­wei­le fünf­zehn – ohne die Staa­ten zu zäh­len, in denen ich rein zu Film­vor­füh­run­gen oder Über­set­zungs­work­shops war. Dabei habe ich schon so eini­ges bewohnt: Vom her­un­ter­ge­kom­me­nen sozia­lis­ti­schen Pres­ti­ge­ho­tel in der süd­ost­eu­ro­päi­schen Pro­vinz bis zum Gäs­te­zim­mer eines poly­amo­rö­sen schwu­len Qua­dru­pels in New Mexi­co. Die­ses Jahr kom­men drei neue Län­der dazu, zwei wie­der­ho­len sich. Aktu­ell also: Indi­en. Flug­kos­ten und Visum: Freund­li­cher­wei­se über­nom­men vom P.E.N. Öster­reich. Auf­ent­halt und Ver­pfle­gung: Wäh­rend der Dau­er des Fes­ti­vals auf Kos­ten der Ver­an­stal­ter.

In neun­zig Minu­ten soll das drei gan­ze Tage dau­ern­de inter­na­tio­na­le Fes­ti­val mit gut fünf­zig teil­neh­men­den Autorin­nen und Autoren – haupt­säch­lich Inder und Inde­rin­nen – mit der Ver­lei­hung eines Poe­sie­prei­ses eröff­net wer­den. Außer den ande­ren drei Leu­ten aus Öster­reich sind noch wei­te­re inter­na­tio­na­le Gäs­te auf der Red­ner­lis­te: zwei aus den Nie­der­lan­den und einer aus Slo­we­ni­en. Ich habe noch kei­nen davon gese­hen.

Ges­tern in der Nacht hat einer der Män­ner, die irgend­wie etwas mit der Orga­ni­sa­ti­on des Fes­ti­vals zu tun haben (oder auch nicht), gemeint, es wür­de mich mor­gens jemand abho­len. Hier. Wann, woll­te ich wis­sen. Dazu wird sich noch jemand bei dir mel­den, war die Ant­wort. Und ich habe es geglaubt. Bis mich ein Auto abholt, wer­den ab die­sem Zeit­punkt noch genau drei Stun­den ver­ge­hen, ich wer­de über zehn Anru­fe machen, wo nur beim aller­ers­ten jemand abhe­ben wird, ich wer­de an ver­schie­de­ne Men­schen SMS schrei­ben und Face­book-Nach­rich­ten, ich wer­de mein Han­dy zwi­schen­durch am Strom anste­cken und ich wer­de alle fünf­zehn Minu­ten mei­ne Freun­din auf dem Lau­fen­den hal­ten: Immer noch nichts.

Som­mer­la­ger­at­mo­sphä­re

Mit drei­und­zwan­zig war ich das ers­te Mal auf einem Lite­ra­tur­fes­ti­val im Aus­land. Damals fand ich, eigent­lich gera­de erst die­sem Alter ent­wach­sen, die bei jener Ver­an­stal­tung auf­kom­men­de Som­mer­la­ger­at­mo­sphä­re zuerst etwas befremd­lich: In einem Bus stun­den­lang über Land kut­schiert wer­den, sich in man­chen Näch­ten ein Zim­mer mit einer Frem­den tei­len, unter Grup­pen­zwang am Abend nach den Lesun­gen unbe­dingt noch irgend­wie Par­ty machen, ver­se­hent­lich die Zim­mer­kol­le­gin beim Sex mit ihrem jün­ge­ren Flirt über­ra­schen. Aber wenn man am Ende nach dem letz­ten Schnaps doch mit­ge­tanzt und sich mit irgend­je­man­dem um drei Uhr mor­gens ohne Besteck ein fet­ti­ges Nah­rungs­mit­tel aus einem eben­so fet­ti­gen Ein­schlag­pa­pier geteilt und dabei Kom­pli­men­te zur Lesung am Abend ange­nom­men hat, und sich nicht mehr über die „Weißt du noch, damals in“ und die „Kommst du nächs­tes Jahr dann nach“ wun­dert, die zwi­schen den ande­ren nur so hin- und her­flie­gen, ist man auch schon ganz dabei, ist man selbst schon Teil der Sache.

Vor genau elf Stun­den, also gegen halb zehn Uhr abends, waren wir am Flug­ha­fen ange­kom­men und hat­ten gewar­tet. Genau einen Schritt hat­ten wir aus dem Aus­gang getan, mit unse­ren Bli­cken die gedruck­ten Namen auf den Schil­dern in den Hän­den der Fah­rer abge­tas­tet, gehofft, dass viel­leicht einer der Blu­men­sträu­ße, die da auf Ankom­men­de war­te­ten, an uns adres­siert wäre – aber, ach, alle Blu­men­sträu­ße und ihre alten und neu­en Besit­zer fan­den sich und ver­schwan­den, und die Fah­rer, die blie­ben, starr­ten uns zwar inter­es­siert an, aber es waren eben nicht unse­re Namen da auf ihren Papp­schil­dern. Wir stan­den im künst­li­chen Licht, um uns Dun­kel­heit. Win­ters geht auch in Indi­en um sechs Uhr die Son­ne unter.

I or one of my direc­tors will be pre­sent the­re during your arri­val. Bes­i­des that, I would mail you the vehic­le num­ber as well as the details about the dri­ver well in advan­ce. I shall per­so­nal­ly moni­tor your arri­val. Your safe and delightful stay is our mot­to.

Das war als Ant­wort auf mei­ne mehr­ma­li­gen Nach­fra­gen per E‑Mail bezüg­lich essen­zi­el­ler Infor­ma­tio­nen im Vor­feld des Fes­ti­vals gekom­men. Die Nach­rich­ten, die dar­in ver­spro­chen wor­den waren, jedoch nie. Der Umstand, dass ich sie nie erhal­ten hat­te, wur­de mir dort, war­tend am Flug­ha­fen­aus­gang, schlag­ar­tig bewusst. Wir hat­ten kei­ne Adres­sen, wir hat­ten kei­ne Tele­fon­num­mern. Wir wuss­ten nicht wohin. Wir wuss­ten nicht mit wem. Wir wuss­ten im Grun­de gar nichts. Viel­leicht wür­de uns noch ein Fah­rer fin­den. Es war ein klei­ner Flug­ha­fen und wir waren immer­hin die ein­zi­gen bei­den Wei­ßen, die um die­se Uhr­zeit ange­kom­men waren. Die ein­zi­gen Frau­en, die noch hier her­um­stan­den. Wir fan­den, wir wären nicht so schwer zu über­se­hen. Viel­leicht wür­de aber auch kein Fah­rer mehr auf­tau­chen.

Natür­lich hat­te ich nicht „Nein“ gesagt, als mich die Kol­le­gen gefragt hat­ten, ob ich mit zu die­sem Fes­ti­val nach Indi­en kom­men wür­de, weil ich noch nie „Nein“ gesagt habe, wenn mich jemand ins Aus­land ein­la­den woll­te.

Wir war­te­ten mehr als eine hal­be Stun­de. Alle fünf Minu­ten ver­si­cher­te ich mei­ner Freun­din, dass so etwas noch nie, aber wirk­lich noch nie, vor­ge­kom­men war. Irgend­wie fühl­te ich mich schul­dig. Am Ende die­ser drei­ßig Minu­ten fin­gen wir an, dar­über zu scher­zen, dass wir uns ein­fach im nächs­ten schö­nen Hotel ein Zim­mer neh­men wür­den und das den Ver­an­stal­tern wei­ter­ver­rech­nen, wenn nicht bald jemand käme. In den Spaß misch­te sich lei­se Ver­zweif­lung. Da erin­ner­te ich mich plötz­lich, dass ich die öster­rei­chi­sche Tele­fon­num­mer einer ande­ren Teil­neh­me­rin hat­te, weil die­se im Vor­feld für die Über­set­zung mei­ner Gedich­te zustän­dig gewe­sen war. Ich schrieb ihr eine SMS.

Etwas zum Erzäh­len

Etwa zehn Minu­ten spä­ter saßen wir schließ­lich in einem Auto. Hur­ra. No hard fee­lings. Kann ja mal vor­kom­men. Haha. Eine Anek­do­te, etwas zum Erzäh­len. Ein jun­ger Mann indi­scher Her­kunft, der sich uns gegen­über als Fes­ti­val­teil­neh­mer geoutet hat­te, fuhr am Bei­fah­rer­sitz mit. Er mein­te zwar, er wüss­te nicht, wie er zu der zwei­fel­haf­ten Ehre käme jetzt orga­ni­sa­to­ri­sche Tätig­kei­ten zu über­neh­men, aber das ver­dop­pel­te unse­re spon­ta­nen Dank­bar­keits­ge­füh­le ihm gegen­über nur. Ich ließ mir sei­ne Tele­fon­num­mer geben. Nur zur Sicher­heit.

Wir kamen nach län­ge­rer Fahrt in einem Hotel an, wir gaben unse­re Doku­men­te ab, wir füll­ten For­mu­la­re aus, wir lie­ßen unser Gepäck weg­brin­gen. Dann frag­te ich, mit einem Blick auf die drei gar geschäf­ti­gen Her­ren hin­ter der Rezep­ti­on: Wis­sen die auch sicher, dass wir zu die­sem Lite­ra­tur­fes­ti­val gehö­ren? Davon hat­te vom Hotel­per­so­nal bis­her näm­lich noch nie­mand ein Wort ver­lo­ren. Ich bereue die­se Fra­ge. Die­se Fra­ge war es näm­lich, wel­che die fol­gen­den Ereig­nis­se aus­lös­te, und im Nach­hin­ein wün­sche ich mir, ich wür­de mir manch­mal nicht Sor­gen machen, sol­che, wie z.B. dass es am Ende Pro­ble­me mit der Kos­ten­über­nah­me geben könn­te, wenn wir falsch ein­ge­bucht wor­den wären. Die­se Fra­ge jeden­falls lös­te eine Dis­kus­si­on unter allen anwe­sen­den Män­nern aus, die in der Erkennt­nis ende­te, dass unser Name hier nicht auf einer gewis­sen Lis­te stand, oder die Lis­te nicht so lang war, wie sie sein soll­te, wir jeden­falls hier ganz und gar nicht ein­ge­plant waren. Indi­sche Tele­fon­ge­sprä­che spä­ter folg­te eine Erklä­rung: Es gäbe meh­re­re Hotels, in denen Fes­ti­val­gäs­te unter­ge­bracht waren, das hier wäre schlicht das fal­sche. Wir for­der­ten unser Gepäck zurück, pack­ten unse­re Doku­men­te weg, lie­ßen von den For­mu­la­ren ab und gin­gen rück­wärts wie­der aus dem Hotel. Rewind.

Spie­gel­ka­bi­nett der Para­noia

Manch­mal, da glaubt man, die eige­ne Müdig­keit hät­te alles über­zeich­net, ver­zerrt – Erin­ne­run­gen aus einem Spie­gel­ka­bi­nett der Para­noia.
Im Auto waren wir dank­bar für die erneu­te Beglei­tung des jun­gen Man­nes, der nach eige­ner Aus­sa­ge auch nicht so genau wuss­te, in wel­chem Hotel er nun woh­nen wür­de. Na, dar­über konn­te man ja bei­na­he lachen. Ein biss­chen Cha­os in Ost­in­di­en. Und wenn schon. Soll Schlim­me­res pas­sie­ren. Wir lie­ßen uns durch die Nacht chauf­fie­ren.

Und dann war da eine Ein­fahrt, ein ecki­ges, grau­es Gebäu­de und die Auf­schrift: Hos­tel. Mei­ne Freun­din und ich schluck­ten. Der jun­ge Mann ver­si­cher­te uns, die gut sicht­ba­re Regie­rungs­flag­ge beru­hi­ge ihn, was die Qua­li­tät die­ses Näch­ti­gungs­be­trie­bes angin­ge. Das Auto spuck­te uns aus. Unse­re Roll­kof­fer folg­ten uns wider­wil­lig in eine Lob­by, die aus­sah wie der War­te­be­reich eines Bus­bahn­hofs. Eines sehr klei­nen Bus­bahn­hofs. Die Rezep­ti­on samt ihres Ange­stell­ten hat­te den Charme eines Gefäng­nis-Emp­fangs. Wir ver­si­cher­ten uns, dass dies­mal nicht unser Name auf irgend­wel­chen Lis­ten fehl­te und began­nen das Pro­ze­de­re des Check-ins. Am Ende frag­te ich nach Früh­stück. Eine mit­tel­lan­ge Dis­kus­si­on spä­ter stand fest: Es war sehr unsi­cher, ob es hier Früh­stück gab. Mei­ne Ein­schät­zung war: Eher nicht. Mir wur­de erklärt, jemand wür­de für mich Früh­stück zum Ver­an­stal­tungs­ort mit­brin­gen. Was ist mit mei­ner Freun­din, frag­te ich, die hat doch für mor­gen einen Aus­flug gebucht, wie kommt die an Früh­stück? Neue Dis­kus­si­on, mit der Ver­si­che­rung: Früh­stück wür­de dann eben hier auf­tau­chen. Recht­zei­tig. Ich hat­te da so mei­ne Zwei­fel. Es war spät gewor­den.

Wir schlepp­ten unse­re Kof­fer hin­ter dem Ange­stell­ten selbst in den zwei­ten Stock hin­auf.

Das gesam­te Gebäu­de war hart. Beton. Flie­sen. Stein. Metall. Kein Holz, kein Stoff, kein Tep­pich. Unser Zim­mer bestand aus drei Räu­men: Win­zi­ges Vor­zim­mer mit schmut­zi­ger schwar­zer Leder-Sitz­gar­ni­tur, Schlaf­zim­mer mit Metall­bett­ge­stell, Bade­zim­mer. Gelb­li­che Wän­de. Am Bal­kon des Zim­mers gegen­über trock­ne­te Wäsche auf einer Lei­ne. Wir san­ken auf unse­re Kof­fer und sahen uns um. Auf der Matrat­ze war kein Lein­tuch. Im Dop­pel­bett lagen zwei Pols­ter­be­zü­ge, ein Decken­be­zug und zwei fle­cki­ge Pols­ter. Im Bad waren kei­ne Hand­tü­cher. Der Kühl­schrank war leer, am Tisch stan­den zwei wie­der­be­füll­ba­re Was­ser­fla­schen – Was­ser unbe­kann­ter indi­scher Her­kunft. Mei­ne Freun­din und ich sahen uns an.

Komm mit nach Indi­en, hat­te ich gesagt, bei sol­chen Fes­ti­vals wird man immer ganz nett unter­ge­bracht, hat­te ich gesagt …

Ich dach­te zurück an das Lyrik­fes­ti­val auf der tibe­ti­schen Hoch­ebe­ne und wie wir dort an jedem Ort mit einem neu­en Fest­essen emp­fan­gen wor­den waren. Ich erin­ner­te mich an das Tref­fen der Lite­ra­tur­über­set­zer aus dem Chi­ne­si­schen, bei dem wir die­sen wun­der­sam net­ten Lie­der­abend im loka­len Opern­haus ver­bracht hat­ten. Mei­ne Gedan­ken wan­der­ten zu dem net­ten Abend in der ser­bi­schen Pam­pa, wo es nichts Schö­ne­res gab, als unter einem Baum auf einer Holz­bank zu sit­zen und mit Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen aus fünf­zehn ver­schie­de­nen Län­dern auf ein und die­sel­be Kuh zu star­ren. Ich sah mich noch ein­mal um, über­leg­te, in wel­cher Ecke des dre­cki­gen, nicht bezo­ge­nen Bet­tes wir uns voll beklei­det und mit tro­cken auf­ge­sprun­ge­nen Lip­pen zusam­men­kau­ern wür­den, unge­duscht, und war­ten, dass die­se Nacht end­lich vor­über­gin­ge. Hier kön­nen wir nicht blei­ben, sag­te ich.

Schuld­ge­füh­le

Mei­ne Freun­din hat­te in der Zwi­schen­zeit den einen Decken­be­zug, der nun ver­le­gen Brand­fle­cken prä­sen­tier­te, auf ihre Sei­te der nack­ten Matrat­ze aus­ge­brei­tet, und einen der Pols­ter im dazu­ge­hö­ri­gen abge­nutz­ten Stoff­recht­eck ver­steckt, aber auch mit die­sen Ver­bes­se­run­gen sah sie nicht glück­lich aus. Das Gefühl der Schuld ver­fes­tig­te sich in mir.

Ich ver­such­te, jeman­den vom Orga­ni­sa­ti­ons­team anzu­ru­fen. Der Tele­fon­emp­fang im Zim­mer war so schlecht, ich muss­te dazu in die Lob­by gehen. Ich fand den Rezep­tio­nis­ten. Towels? frag­te ich, und Bed Sheet? und Water? – er ver­stand kein Wort. Clo­sed, sag­te er und mein­te die Lob­by. Nie­mand, den ich anrief, hob ab. Ich schrieb Text­nach­rich­ten an die Kol­le­gin aus Öster­reich und an den jun­gen Mann aus dem Auto. Die Nach­rich­ten gin­gen erst nach eini­gen Minu­ten durch. Die Kol­le­gin, die wahr­schein­lich bereits im Bett lag, lei­te­te unse­re Beden­ken bezüg­lich des Zim­mers an den Direk­tor der Ver­an­stal­tung wei­ter. Wir such­ten einst­wei­len im Inter­net nach Hotels mit 24-Stun­den-Rezep­ti­on. Nie­mand mel­de­te sich.

Nicht schlau genug

Wie­der ein­mal eine hal­be Stun­de spä­ter stan­den wir mit unse­ren Roll­kof­fern am Stra­ßen­rand und war­te­ten dar­auf, dass das von uns bestell­te Uber käme, um uns zu einem ande­ren, von uns gebuch­ten Hotel zu brin­gen. Die jun­ge Frau vom Orga­ni­sa­ti­ons­team rief mich an. Ob wir das Hos­tel ver­las­sen hät­ten? Ob ich am nächs­ten Tag dann mor­gens um 08:45 Uhr zum Hos­tel kom­men könn­te, um an die­sem Treff­punkt in den Shut­tle­bus zu stei­gen? Ich lächel­te mil­de, als ich sie wis­sen ließ, das wäre natür­lich über­haupt kein Pro­blem. Es wur­de Mit­ter­nacht. Wir sahen dem Uber auf der Kar­te zu, wie es sich in unse­re Rich­tung beweg­te und wie­der abdreh­te. Drei Mal.

Manch­mal, da hat man das Gefühl, die Din­ge, die man am Vor­tag erlebt hat, wären eigent­lich schon zum Lachen gewe­sen und weni­ger zum Heu­len.
Wir stan­den dort für etwa zwan­zig Minu­ten. Dann brems­ten sich vor uns zwei Autos ein, aus denen eine Hand­voll Män­ner spran­gen, unter ande­rem der Direk­tor des Fes­ti­vals. Es gab eine Dis­kus­si­on, war­um wir hier auf der Stra­ße stan­den, weil das doch, gera­de für jun­ge Frau­en, ziem­lich gefähr­lich wäre. Das mil­de Lächeln, das ich seit dem letz­ten Tele­fon­ge­spräch im Gesicht hat­te, war wie fest­ge­klebt. Nein, wir woll­ten nicht noch in ein ande­res Hotel gebracht wer­den, wir hat­ten bereits ein eige­nes gebucht und bezahlt, im Inter­net, mit Kre­dit­kar­te, ja. Dort abset­zen wür­den wir uns aber ger­ne las­sen, natür­lich. Als wir end­lich dort ange­kom­men waren, ließ ich mir, um eini­ges schlau­er gewor­den, ver­si­chern, dass mich jemand mor­gens genau von die­sem Hotel abho­len wür­de. Ich wuss­te nicht, dass das noch lan­ge nicht schlau genug war.

Manch­mal, da erscheint einem rück­bli­ckend die eige­ne Auf­re­gung sur­re­al und man muss sich bei der zwei­ten Per­son, die es auch erlebt hat, ver­si­chern, dass die durch­aus ihre Grün­de hat­te.

Nun ist es also 08:30 Uhr vor­bei und ich voll fri­scher Hoff­nung. Ohne eine Vor­ah­nung, was noch kommt. Dass ich die Eröff­nung des Fes­ti­vals ver­säu­men wer­de, und gera­de noch recht­zei­tig zu mei­ner Lesung auf der Büh­ne erschei­nen. Dass sich den gan­zen Tag lang immer wie­der die Infor­ma­tio­nen zu unse­rer Hotel­un­ter­brin­gung ändern wer­den, von Hotel A zu Hotel B und wie­der zu Hotel A bis hin zu immer noch Hotel A, aber lei­der wohnt jemand anders in eurem Zim­mer. Dass ich den hilf­rei­chen jun­gen Teil­neh­mer vom ers­ten Abend in den Fes­ti­val­ma­te­ria­li­en auf einem Foto mit der bei­gestell­ten Funk­ti­ons­be­zeich­nung „Direc­tor“ fin­den wer­de, wäh­rend er wei­ter dar­an fest­hält, eigent­lich für nichts zustän­dig zu sein. Dass das uns neu zuge­wie­se­ne Zim­mer zwar kein Tages­licht, jedoch immer­hin ein Lein­tuch haben, das Bett aber ein­deu­tig benutzt und nicht frisch über­zo­gen sein wird, wor­über wir uns dann schon nicht mehr beschwe­ren wer­den wol­len. Dass am nächs­ten Tag jemand um elf Uhr nachts an unse­re Tür klop­fen und die Beglei­chung unse­rer Restau­rant­rech­nung for­dern wird, obwohl ich noch extra nach­ge­fragt hat­te, ob der Ver­an­stal­ter die Ver­pfle­gung wäh­rend des Fes­ti­vals über­nimmt. Natür­lich. No worries. Und. Und. Und. Und dass wir am Ende auch noch her­aus­fin­den wer­den, dass es einen Tag nach dem Fes­ti­val, am Tag des von uns gebuch­ten Rück­flu­ges, einen orga­ni­sier­ten Aus­flug genau dahin gibt, wohin mei­ne Freun­din eben erst sehr kost­spie­lig mit pri­va­tem Gui­de gefah­ren ist, wovon mir im Vor­feld aber nie­mand etwas mit­ge­teilt hat­te, trotz mei­ner mehr­ma­li­gen Nach­fra­gen bezüg­lich des Ablaufs.

Komm mit nach Indi­en, hat­te ich gesagt, bei sol­chen Fes­ti­vals gibt es immer ein wirk­lich inter­es­san­tes kul­tu­rel­les Rah­men­pro­gramm, hat­te ich gesagt …

Irgend­wann wer­de ich auch ver­ste­hen, dass wir Öster­rei­che­rin­nen im Grun­de nur ein­ge­la­den wor­den waren, weil eines unse­rer Dele­ga­ti­ons­mit­glie­der von hier gebür­tig ist, und dass die Nie­der­län­der sich über­haupt über einen per­sön­li­chen Kon­takt in ande­rer lite­ra­ri­scher Sache qua­si selbst ein­ge­la­den haben. Wie es den einen Slo­we­nen dort­hin ver­schla­gen hat – ich wer­de ver­ges­sen, ihn zu fra­gen. Ich wer­de tat­säch­lich noch brav mei­ne Lesung und die Podi­ums­dis­kus­si­on absol­vie­ren, deren The­ma mir erst vor 48 Stun­den kom­mu­ni­ziert wor­den ist, ich wer­de Inter­views für drei ver­schie­de­ne Online­me­di­en geben, in denen ich die Wich­tig­keit des kul­tu­rel­len Aus­tauschs im All­ge­mei­nen, der Mög­lich­keit auf sol­chen Fes­ti­vals dazu im Spe­zi­el­len und das Poten­zi­al der Lyrik als uni­ver­sell ver­ständ­li­che Spra­che beson­ders beto­ne. Danach wer­de ich kün­di­gen, sofern man das kün­di­gen nen­nen kann, wenn man die auf­ge­tra­ge­ne Arbeit schon erle­digt, und es sowie­so nie einen Ver­trag gege­ben hat. Es wird mir bei­na­he egal sein, dass ich somit nicht nur die ers­te, son­dern auch noch die letz­te der vier Hotel­über­nach­tun­gen selbst beglei­chen muss. Beim Packen unse­rer Kof­fer wird mei­ne Freun­din zu mir mei­nen, dass sie bloß hof­fe, ich wür­de für die­se gan­ze Ange­le­gen­heit wenigs­tens ordent­lich bezahlt. Dar­auf­hin wer­de ich ihr sagen, dass man bei sol­chen Fes­ti­vals im All­ge­mei­nen kein Hono­rar erhält. Dass man die Bezah­lung in Form der Flü­ge, der Über­nach­tun­gen, der Essen­sein­la­dun­gen und des kul­tu­rel­len Rah­men­pro­gramms bekommt. Dass man der Erfah­run­gen wegen hin­fliegt. Und wegen der Kon­tak­te. Es könn­te sich ja eine Ein­la­dung erge­ben.

 

* * *

Cor­ne­lia Trav­nicek, gebo­ren 1987, lebt in Nie­der­ös­ter­reich. Sie stu­dier­te Sino­lo­gie und Infor­ma­tik und arbei­tet als Rese­ar­cher in einem Zen­trum für Vir­tu­al Rea­li­ty und Visua­li­sie­rung. Für ihre lite­ra­ri­schen Arbei­ten wur­de sie viel­fach aus­ge­zeich­net. Zuletzt erschie­nen der Roman Jun­ge Hun­de (DVA, 2015) und der Gedicht­band Para­b­lüh (Lim­bus Ver­lag, 2017).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2018

Online seit: 30. April 2019

Online seit: 30. April 2019

Zuletzt geän­dert: 29. Apr. 2019